Ausgabe 
5.12.1938
 
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eingekleidet hat, was nächsten Sonntag ge-

sich Zigaretten kaufen

zureißen.

Er erzählt weiter: Den anderen habe

ich aber zugerichtet, diese Schmeißfliege, diesen Das Gesicht habe ich ihm zerkratzt, in den

Cr verbringt also seine Freizeit im Bett.

Aber wenn ihn die Vorsehung wieder neu mit Hilfe der Madonna und aller Heiligen bis schehen wirds kann er aus den Pimio.

Dort ist das Kasperletheater, dort kann man

Tot wirklich tot?

Ja, wie es denn das bloß möglich?

Nach zwei Stunden wissen wir auch nicht mehr, als daß er tot i|t uvd schon fovtgebracht . .

Nach drei Stunden ist er wieder da, mit verbundenem Kopse, glühend vor Heldentum

Schreiend, gestikulierend erzählt er:

Fragt die Nachbarn, Signora, wie ich mich für Euch geschlagen habe, wollt Ihr das Loch in meinem Kopfe sehen?"

Mit aller Gewalt muß er gehindert werden, sich den Verband av-

und die Gerechtigkeit!

Wer hat dich denn verbunden?" fragen wir teilnahmsvoll.

Nun wird Antonios Bericht sachlich:

Mit dem Auto hätten sie ihn zur Unfallstelle geschafft! Schön eim gesaut hätte er das Auto mit Nasenbluten, was er sich ebenfalls noch zugelegt habe.

Der Bericht ist nun zu Ende, und Antonio geht Teller waschen

Nach der Abheilung seiner Wunden ist unser Held eines Tages verschwunden verschwunden mitsamt 5 Lire, die er sich aus dem Küchenschrank gemaust hat.

Heute früh ist er wieder da und soll wegen dieses Diebstahls davon- gesagt werden.

Gut jagt mich weg wie'n Hund." Mehr sagt Antonio, nicht.

Gnädige Frau", bettele ich bei der Hausfrau,versuchen Sie es doch noch mal mit ihm! Und denken Sie an den Kopssalat!"

Daß Antonio bleiben durfte, verdankt er dem Kopfsalat!

und Barrikadenkämpfer . .

Es war kein Kampf um die Fahne, es ging um Kopfsalat!

Aber wenn man sich schon so einen festen Kopf Salat bei der Ge­müsehändlerin gesichert hat man bezahlt ihn doch mit seinem guten (Selbe, nicht wahr? und da soll ein dreimal verflixter Bengel das Recht haben dürfen, einem diesen Kopssalat wieder fortzunehmen wo bleibt da die göttliche Gerechtigkeit?

Dann haben zwei kleine Mädchen an unserer Tür geläutet:Ihr

oder eine Tüte Eis.

Und die Mädchen beobachten, die vorüberslitzen.

Antonio tut dies mit Kennermiene.

Denk dir", flüstert er mir zu,neulich treff ich eine in Trastevere (Bottsviertel) erst 14 Jahre alt und ganz allein auf der Welt!'

Nana" mache ich,ganz allein auf der Welt?"

Kannst es mir glauben! Und Beine hatte das Mädel!"

Er schnalzt genießerisch mit der Zunge.

Also ich hab erst mal Zigaretten für uns gekauft und dann haben wir uns verlobt. Ich habe ihr gesagt, daß es wohl noch 'ne Weile dauern wird, bis wir heiraten können, aber wenn sie mir 'nen kleinen Zuschuß gäbe, könnten wir uns gleich die Ringe kaufen.

Und dann hält mir Antonio feine schmutzige Pfote unter die Augen, an der ein dicker Ring aus Messing mit einem Edelstein aus grünem Glase prangt.

Mit Inbrunst küßt er diesen Ring.

Na, wo blieb denn deine Braut nachher?" frage ich.

Was weiß ich", antwortet Antonio,Hauptsache, daß wir verlobt ^'^Eine von Antonio schönsten Eigenschaften ist sein Musikverständnis. Manchmal stürzt er atemlos zu mir herein:

Fräulein, schnell, schnell, in der Oper machen sie dieBoheme oder dieTraviata!" ,

Das nachbarliche Radio überträgt natürlich weder dieBoheme noch die.Traviata", sondern das Vorspiel zurGötterdämmerung"

Antonio muß nach einigem befremdeten Hinhorchen zugeben, daß diesemusica pesante", schwere deutsche Musik sei. ...

Auch gut, dann pfeift er sich eben selbst was aus derTraviata vor und deckt dazu den Abendbrottisch.

Löffel und Gabeln werden kunterbunt über den Tisch gestreut ein Stoß Teller und die Wasserflasche kommt in die Mitte, schmierige Glaser werden im Kranz gestellt, so, fertig!

Nie wird er es anders machen oder besser lernen!

Wozu auch? , ....

Bedeutung bei der ganzen Esserei hat doch nur der Augenblick, wo er sieht, wie groß sein Anteil beschaffen ist!

Ist Antonio guter Laune, so unterhält er uns durch Abstngung schauervoller Lieder.

Dann zieht er einen grünen Papierfetzen aus der Tasche, streicht ihn auf dem Knie glatt und beginnt in langgezogenen Lauten zu fingen!

Gleich die erste Strophe versetzt.uns an den Schauplatz des Ver­brechens, nach Amerika! *

Adelina sul ponte de Neworke.

Adelina auf der Brücke von Neuyork ist schon im zweiten Verse außer sich vor Wut, wozu sie vollauf berechtigt ist, denn ihr Lrau- tigam hat sie treulos verlassen, obendrein fühlt sie sich Mutter.

Im dritten Verse erfolgt der dramatische Höhepunkt der Situation, indem sie dem Räuber ihrer Ehre eine Kugel in das rabenschwarze Herz schießt. j

Im vierten Verse äußert sich Adelina so befriedigt über ihre Rache- tat, daß sie die Absicht ankündigt, die Nacht zu durchtanzen und damit zu beweisen, daß ihr die ganze Angelegenheitwurscht" ist.

An diesem Vorhaben wird Adelina leider verhindert durch einige Tommies, die sie im Schlußvers auf die Polizei befördern.

Antonio hat auch noch ein zweites Lied auf Lager des Inhalts, daß er feiner Herzensdame energisch jede kosmetische Verschönerung verbietet und sie auch ohneausrasierte Augenbrauen" und Gesichtsmalereien für die Schönste im Lande erklärt.

Bei welcher Behauptung er die Augen wie ein sterbender Mops verdreht und sein brajtes Jüngenmaul zu einem Kusse spitzt.

Unser Heldensänger war neulich aber ein wirklicher Held, ein Heio

Dann haben zwei kleine Mädchen an unserer Tür geläutet: Junge ist tot", haben sie berichtet,und hier ist der Kopfsalat."

Uns wird schwarz vor den Augen.

aus dem Boden sind Soldaten aufgestanden, haben denBurschen ge­grüßt und ihren Herrn genannt. Diener meldeten sich, alle Wege sind lebendig geworden, und auf einem ist 'hm auch mit lustigem Gefolge ein hübsches Mädchen entgegengekommen und hat ihm als seinen Ve- ^Der Ärsche hatte nicht gleich Zeit für diese Dinge, die solch junge Dirn für wichtig hält; er wollte sich erst noch um seine Gesellen küm­mern Aber von Räubern und Riesen war schon nichts mehr $u er« Een, rein gar nichts. Da ist der Junae im Zaubergarten gebl.eben und bat es auf sich genommen, ihn mit dem Fraulein zu hüten.

Am besten hat die ganze Geschichte dem listigen Maulwurfkonch ge frommt. Zwar hatte er erst viel Angst, weil er alles von einer Eaf$e aus ansehen mußte, ohne seine Beine zu gebrauchen; danach aber er­wies fein? Freund ihm an Gutem, was er nur erdenken konnte. Einen großen Wald und viele Felder hat er ihm geschenkt. Wenn ich mitunter eine Wiese sehe, die schwarz ist von Maulwurfshügeln, dann überlege ich ob sie vielleicht einmal zum Reich der verwunschenen Hollentochter gehörte und dem wackeren Silberpelz zugesprochen ist für den Dienst, den er dem jüngsten Gesellen geleistet hat.

Oer Naqgazzino.

Von Sabine Philippi, Rom.

Was ist eigentlich einRaggazzino"?

«u finden ist er jedenfalls in vielen römischen Familien, die sich kein Dienstmädchen leisten können. Er ist meistens 14 oder 15 Jahre alt und Dienstmagd, Laufjunge, Kindermädchen und Kammerdiener alles m einer Person.

Unserer hieß Antonio.

Antonio ist ein schöner Name keineswegs so schön ist der Be- iike'r dieses Namens, abstehende Ohren strubbelige Haare über einer niedrigen Stirn - eine Himmelfahrtsnase und pfiffige, grun- schillernde Aeuglein so ist Antonio. .

Er stammt aus einem abgelegenen Abbruzzendörfchen, und dieses soll zu seiner Entschuldigung dienen.

Was ihm unter die Füße kommt, tritt er zuschanden, was er in die Hände nimmt, läßt er fallen, seine Stimme ist ein Oegurgel, benn r spricht grundsätzlich nur die Hälfte der Silben aus, die em Wort hat.

Er ist ganz brauchbar als Dienstmädchen, er kann Beiten machen, eine Waschschüssel säubern und eine Stube ausfegen.

Fegen tut er mit Begeisterung.

Zwei Besen im Monat muß man Antonios wegen kaufen.

lieber die Papierschnitzel in meinem Zimmer oder die Stofsetzen, welche die Schneiderin hinterlassest hat, ist er sichtlich hocherfreut.

Mach man ordentlich Dreck bei dir, bas gefällt mir an dir", flüstert CI Mst^ gefällt allerdings weniger an ihm, wenn er fein schmutziges Taschentuch auf meinem Frühstückstablett liegen läßt.

Aber das sind, wie gesagt, Kleinigkeiten, an denen sich große Geister nicht zu stören brauchen.

Sonntags erhält Antonio sein Taschengeld, eine ober zwei Lire!

Ob er wirklich ausgehen kann auf den Pincio den Sammel­platz aller sonntäglichen Spaziergänger, oder ins Kino, das hangt frei­lich von der Beschafsenheit seiner Hosen, seiner Schuhe und seines Woll- ^SeYn Körper ist nämlich ein wandelndes Altwarengeschäft, er trägt Schuhe aller Gattungen, alte Lackschuhe und zerrissene Tennisschuhe, ausgediente Reitstiefel und Filzlatschen.

Niemals passen ihm diese Schuhe, gibt es überhaupt Schuhe, die ihm paffen? . , , _, , ., .

Er trägt eben geduldig alles, was er kriegt, Schuhe, die^vorne das Maul aufsperren wie weiland der Fisch des Ionas, und »schuhe, die hinten ausklappen, fo daß er sie mit einer Kreuzverfchnürung von Bind­faden an den Füßen oefestigen muß

Dazu trägt er ockergelbe Hosen, die er mit einem Riemen über den Hüsten befestigt, und einen ockergelben Sweater.

Ockergelb ist überhaupt seine Leibfarbe!

Sobald Antonio einen Sweater 14 Tage im Gebrauch bat, ist dieser n'.dit mehr in einem Zustande, den man mitsauber" bezeichnen könnte, sondern eine Speisekarte von Oel- und Tomatenflecken, dazu nach Fisch und Stiefelwichse duftend und mit Schießscharten an den Ellbogen.

Damit kann er natürlich nicht ausgehen, zumal am Sonntag.

Sohn einer Hündin! v, «-------

Daumen habe ich ihn gebissen, der ganze Gemüsestand ist dabei durch­einander geflogen! Ist das etwa meine Schuld? Es war der Kopfsalat

Derantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag; Brühlfche UniverfttätSdruckerei «.Lange, Gieße«.