Der Bücherkikah.
Von Friedrich Bischof f*.
Aus dem Boden, zwischen Kram und Plunder, Wo ich eines Tags die Truhe fand, Deren Schloß, ein schmiedeeifern Wunder, Meiner Knabenhand nicht widerstand
Sah ich, als ich ängstlich näherrückte,
Schnell den Deckel hob, von Staub umraucht. Und mich in die Truhentiefe bückte — Bücher liegen, spinnwebüberhaucht!
Nun, ich lernte schon mit Fleiß der Oder Nebenflüsse mit gespitztem Mund,
Doch, was hier lag, grau in Mulm und Moder, War ein abenteuerlicher Fund.
Hohl begann mein Herz zu pochen, Wie im Truhenholz der Totenwurm.
Ach, es klopfte mir noch viele Wochen, Als ich las mich in den Bücherturm.
Band um Band, zerschlitzen manche Seite, Keiner drunter, den ich nicht bezwang: Aus der Lebensenge in die Weite
Schwang die Welt in Satz- und Strophenklang!
Alte wundersame Trostgeschichten
Fanden sich in dem „Kalendermann", Und bei Holteis schlesischen Gedichten Fing es selbst in mir zu dichten an. —
Lichtstrahl äugte in die Spinnwebecke, Mäuslein huschten, Zwerg um Zwerg. Wo ein Knabe traumtief nn Berstecke Saß in seinem Bücherberg.
Was er las — es ist vergessen.
Was es wirkte — es lebt fort. Wie die Sterne, ungemessen, Glänzt aus Träumen uns das Wort!
Silberpelz.
Ein Märchen von Hans Friedrich Blunck.
Da war einmal ein Maulwurfskönig, her hatte ein großes Reich md mutzte viel reifen. Er nahm meist nur wenige Knechte mit sich, o, oft fuhr er ganz allein, um unauffällig nach dem Rechten zu fehen.
Das war gewiß nicht ungefährlich. Er hatte aber auch Gutes davon md hörte und sah vielerlei, was andere nicht erfuhren. So ist es König Tiiberpelz zugestoßen — Silberpelz hieß der Knirps —, daß er sich eines Tages in einem Garten hochgrub, in dem, durch eine Schildwacht von iinf Unholden umstellt, eine gefangene Hollentochter wohnte. Die wilden Dlänner sahen den Kleinen nicht. Die Frau aber wurde seiner gewahr; >! sagte chm ihr Leid an und bat flehentlich, er möge ihr einen jungen Burschen schicken, der ihr hülfe. Aho, wie soll ein armer Maulwurf das wohl bewerkstelligen? Silberpelz versprach, sein Bestes zu tun; es war ein hübsches junges Ding, das da in feiner grausamen Einsamkeit lebte, Md er hatte Mitleid. Wann aber ist seinesgleichen mit einem von den Menschen vertraut?
Eines Tages ist unser Freund dennoch mit ihnen zusammengeraten; tobet hat er keine guten Erfahrungen gemacht, hat indes einiges gewonnen.
Einmal nämlich, als er es sehr eilig hatte und weit, weit von seiner Hauptstadt über Land reifte, hat ihn ein junger hungriger Bursch erwischt, der war auf Kleinfang aus! Blitzschnell hat er den armen Ueber- wschten auf den Rücken geworfen und wollte ihn schon erschlagen, da |al) er, daß dieser sonderbare Maulwurf einen silberweißen Pelz hatte; tr nahm ihn auf und wunderte sich. , .
.Halt mich nicht auf", sagte der König böse, „ich hab kerne 3eit!
Der Junge war sehr erstaunt, daß ein Maulwurf in feiner Sprache |u reden vermochte; er wußte ja nicht, wen er vor sich hatte. „Halt wich nicht auf", sagte Silberpelz noch einmal, „ich Helf dir auch weiter!
Run gehörte der Bursch, der Silberpelz gegriffen hatte, einer Bande flimmer Gesellen an, die den Wald unsicher machten; er war aber wider Willen unter ihnen und suchte seit langem nach einer Gelegenheit, ihnen zu entkommen. Wie ein Maulwurf ihm dabei helfen sollte, •ermodjte er sich nicht vorzustellen; er knotete ihn deshalb in em Tuch Md steckte ihn in die tiefste Tasche, um zu überlegen, was er beginnen
Am Abend, als die Spießgesellen in ihrer Schenke saßen merkte nun le- Räuberhauptmann, daß sich in des jüngsten Gesellen Tasche etwas iemegte; er hielt ihn darauf an und ließ sich den Fang zeigen. Als er lab ei hörte, daß dieser Maulwurf wie ein Mensch zu reden verstand, Mhm er ihn dem jungen Burschen weg, rief feine Leute um den Tisch, tonst der Gefangene nicht entkommen könnte, fetzte den armen Silber- ftiz in die Mitte und sprach ihn an:
„Wer bist du", schrie er mit tiefer Stimme. „Ein Hexenknirps wahr- jheinlich, den man am Spieße rösten sollte."
Der Gefangene schwieg, er war zu stolz, auf solche Worte zu ant- ärrten, und sah um sich, ob er wohl irgendwo über den Tischrand ent- j * Wir entnehmen dieses Gedicht dem „Spiegel", der Hauszeitschrift des Rutschen Verlages und des Propyläen-Verlages, Berlin.
wischen könnte. Aber was er auch versuchte, die bösen Kerle hielten ihn fest und machten sich noch eineu topajj aus seiner Rot. Rur dem Jüngsten, der chn gefangen hatte, tat er leid. Und das alte Weib, das die Räuber bediente, warnte die Herren, dieser Gefangene fei ihnen über, sie sollten sich vorsehen!
„Wir werden ihn auf den Jahrmarkt bringen und teuer verkaufen", schrie der Hauptmann, „aber vorher wollen mir selbst unseren Jux an ihm haben."
„Fragt ihn doch, wer er ist", mahnte der junge Bursch, „vielleicht kann er euch im guten besser dienen, als wenn ihr ihn verkauft."
„Ach ja", spottete der Alte, „wir sind unser ja auch nur sechs und brauchen einen siebenten Spießgesellen. Vielleicht wird uns der Kleine gegen die Soldaten helfen, wenn sie uns fangen, oder er wird den Henker in die Zehe beißen, wenn wir unterm Galgen stehen?"
„Frag ihn, ob er sich nicht auslösen kann", bat der junge Bursch; er hatte jetzt ein rechtes Grauen vor den andern und wäre am liebsten mit seinem Fang auf und von bannen gegangen.
Als er merkte, daß die Räuber uneins waren, dachte der Maul- wurfskönig an die fünf wilden Kerle, die vorm Garten der armen Hollentochter Schildwacht hielten. Er nahm sich vor, den Schelmen die rechte Antwort zu geben.
,Hör", sagte er zu dem Jungen, „ich weiß nicht, wer der Grobsack ist, der da auf mich einredet. Er könnte ja erst einmal seinen Namen nennen; ich bin nämlich der Maulwurfskönig."
Als sie ihn so reden hörten, fielen die einen in ein gräßliches Gelächter, die anderen aber verlangten, man solle solch feinen Herrn ordentlich bhandeln.
„Wenn ihr mich freigebt", fuhr Silberpelz fort, „so will ich euch eine Burg verraten, in der sah ich so viele Schätze, daß keines Menschen Auge die Pracht aushalt. Ihr müßtet nur mit den Wächtern fertig werden, dabei kann ich euch nicht helfen."
Die Räuber wurden neugierig. Wieviele es denn wären, fragten sie.
„Oh, fünf baumlange Unholde."
Ob sie auch Pistolen hätten.
Nein, Pistolen hätten sie nicht, aber riesige Arme und dicke Knäste zum Schlagen. Und in fünf alten Eichen wohnten sie, nur die Kräftigsten könnten Urnen überkommen.
Das wollten sie wohl einmal versuchen, sagten die Räuber und ließen sich weiter von den Schätzen erzählen, die Silberpelz im Garten der Hollentochter gesehen hatte, von goldenen Blättern und Reisern, kupfernen Dächern mit Edelsteinen besetzt, — was gab es da alles! Je mehr sie aber davon hörten, um so gieriger wurden die Ungesellen, knirschten schon mit den Zähnen, schlugen ihre Messer in den Tisch und verlangten am Ende, daß der Maulwurf sich gleich und sofort auf den Weg mache und sie führe.
das war
ihm doch sprechen! Aber Er hieß
nicht, laßt euch lieber jeden Tag hundert aus feinem Volk ver- Da hobt ihr was davon!"
der Räuberhauptmann hatte sich schon seinen Plan gemacht.
„Ihr seid schön dumm", riet die RäUberalte. „Merkt ihr denn nicht, daß er alles nur erfunden hat, um euch ausreihen zu können? Glaubt
Gesicht zu rauben.
Silberpelz war deshalb besorgt um den jungen Räuber, der ihn in der Tasche trug und dem er Dank schuldete. „Hör, Freund", flüsterte er chm zu. „Rund um den Hollergarten ist noch ein großer Graden. Du muht nun achtgeben. Sobald deine Gesellen schießen, mußt du mit aller Kraft voranrennen und die Zugbrücke gewinnen. Wenn sie sich erst geschlossen hat, gelangt ihr niemals in den Garten."
„Das ist ein guter Rat", antwortete der Hauptmann, der mißtrauisch war und immer abhorchte, was der Kleine sagte.
Gerade da sahen sie eine Lichtung vor sich, hinter der lagen wirklich ein Graben und ein Gartentor mit einer hohen Brücke Silberne Bäume, bis in die Wolken gewachsen, schimmerten darüber. Die Räuber waren erst noch sehr vorsichtig; als sich aber nicht das geringste zeigte, und nur die fünf hohlen Eichen r" ""‘"2'...... " a“
hoben auf einen Befehl ihre Pistolen und rannten, jeder auf einen der Feinde zu, den der Hauptmann . „ .
hatte. Der Jüngste ober nahm allen Mut zusammen und lief quer über die freie Bahn zum Schlotztor.
Nun den Räubern ist's nicht gelungen. Die Pistolen, die sie ab» brannten taten den Unholden in den Eichen nichts an. Dafür wurde jeder von ihnen, als er kaum in Reichweite der Bäume war, von einem Riesenwächter umschlungen und wie eine Fliege im Spinnennetz ge= freien. Die Köpse aber sind übriggeblieben, die haben die schlimmen Gesellen sich selbst aufgetan.
Der jüngste der Räuber ist nach dem Rat von Silberpelz mit oem Kleinen in der Tasche bis über die große Zugbrücke gelangt Kaum war er im Schloßgarten, da hat es, als e, mur eben den Fuß hinein- gesetzt hatte, einen fürchterlichen Lärm gegeben; die Erde ist geborsten.
die Gesellen sich bis an die Zähne bewaffnen, befahl alle zu laden und lieh den jüngsten und schwächsten —
vor der Zugbrücke aufragten, verteilten sie sich, ihre Pistolen und rannten, mit großem Geschrei ihnen bezeichnet
Pistolen der Bursch, der den Maulwurs gefangen hatte — in der Mitte gehen und den Herrn König in feiner Tasche h-alten. Die Tasche nähte er zur Vorsicht soweit zu, daß nur das rote Schnäuzchen von Silberpelz herausschaute. Sa mußte der Kleine den Räubern den Weg weisen.
Als sie die ganze Nacht marschiert waren — das Reich eines Maulwurfkönigs ist ja viel größer, als unsereins denkt — und schon sieben Wälder durchwandert hatten, tarnen sie wirklich über drei Zauber tufen zu einem unbekannten Hagen, den hatten sie alle noch nie ge ehen. Silberpelz aber, der den Weg genau kannte, zeigte ohne viel Umstände einen Pfad, der, wie ein Irrgarten Kreuz und quer durch Felsen und Dornen lief. Kein Mensch hätte sich darin zurechtgefunden. Und er hörte mit seinen seinen Ohren, daß der ganze Wald sich über die fremden Eindringlinge erstaunte, daß sogar die Hollin in ihrem Garten auswachte, und daß sich die riesigen Schildwächter vorm Tor zum Kampf rüsteten. @s waren aber Unholde, die selbst gern unter die Menschen gegangen wären und dazu nichts brauchten, als einem Menschen das


