Ausgabe 
5.12.1938
 
Einzelbild herunterladen

Dann aber hatte er, unbekümmert, ob das sein Hauskreuz etwa durchs Schlüsselloch sehe, das weiche, braune Haar der Demoiselle ge­streichelt und tröstend gesagt:Schau, Liserl, mußt halt vernünftig sein. Sonst kränkt sich der Vatter." Mehr durst« er ja nicht sagen, denn so genau wußte er es ja auch wieder nicht, ob der Brand schon nut ihr geredet hatte. Seit bald zwei Wochen, seit dem Abend damals mit dem Kirndorfer imSilbernen Schneck", hatte er den Kerzelmacher nicht wiedergesehen. Sogar das klein«, allwöchentliche Hauskonzert, bei dem Brand die Flöte, der Regenschori das Cembalo spielte, war schon zwei­mal ausgefallen. Zum erstenmal seit fast zwanzig Jahren. Brand schämte sich wohl, weil er so vorschnell ja gesagt hatte, wegen der funszigtausend Gulden. Tat auch gut daran, dachte Matthias Wimmer.

Aber auch die Lisl iah den kleinen Regenschori aus tranenver­schleierten Augen unschlüssig an und wußte nicht recht, was er damit meinte, sie solle vernünftig sein und den Vater nicht kränken. Ahnte er was? Hatte ihm di- Frau Dant schon etwas gesagt? Daß die alte Vogelscheuche ihr seit zwei Wochen nachspiomerte, merkte fte langst. £>b es nickst das Gescheiteste wäre, dem guten Wimmer das Herz aus- zuschütten? Aber was sollte sie ihm eigentlich sagen? Daß sie in einen Leutnant der Kaiserin verliebt sei, mit dem sie noch kein Wort gesprochen, den sie nur einmal in der Nähe gesehen und von dem sie nicht einmal den Vornamen wußte? Auslachen tat sie der Wimmer. Ein Leutnant vom nobelsten stiegiment der Kaiserin und eine Lebzelterstochterl Eher siel der Stephansturm um, als daß daraus etwas wurde. Das wußte sie selbst. Darum heulte sie ja. .

So halt« die Lisl Brand geschwiegen und nur wieder einmal einen liefen Seufzer getan.

Mit diesem Seufzer vermocht« der Regenschori nichts anzufangen. Er wußte ja nicht, ob die Lifl weint«, weil sie den Franzt vom Nuß­dorfer Weinprotzen heiraten sollte was er ihr nicht hätte verdenken können oder nur überhaupt, weil di« große Liebe nicht kommen wollte, für die es ja langsam Zeit war, wie er selber gesagt.

Das war gestern, am Freitag gewesen. Und jetzt sah die alte Ratschen, die Vielgratterin, vor ihm, lauernd wie eine Katze vor dem Mausloch, und er war noch immer nicht gescheiter. Unschlüssig fuhr er mit der flachen Hand über die mächttge, rosigschimmernde Glatze über dem röt­lichen, silbrig blinkenden Haarwulst. Was wußte die Alte?

Ungeduldig fragte die Vielgratterin:Ja, also was sagens xetzt zu der Lisl? Heult und flennt den ganzen Tag und nit einmal den backenen Karpfen hats ang'rührt gestern zu Mittag."

Der Regenschori bekam zornig« Augen. War das vielleicht nicht zum Futterversagen, wenn ein Io gescheites, bildsauberes Frauenzimmer wie di« Lisl den Sohn vom Kirndorser heiraten sollte? Den Franzl, von dem der eigene Vater sagte, daß er ein bißl langsam im Kops ei. Nur weil er sünfzigtausend Gulden mit in die Ebe bekam. War chon richtig, mit fünfzigtausend Gulden konnte sich einer halb Wien aasen. Sauber muß der Kirndorser di« Leut über die Ohren gehauen haben! Aber ein Mädel wie die Lisi pfeift doch aufs Geld, wenn sie einen nicht mag. Daß der Brand auch gleich ja hatte sagen müssenI Eine richtige Wut hatte er jetzt aus den Brand. Und nicht einmal das wußte er, ob der Kerzelmacher schon was gesagt hatte zm Lisi. Er wurde rot vor Aerger.

Die Vielgratterin hielt diese Röt« für ein Zeichen schlechten Gewissens. Also wußte der Regenschori doch den Grund für die Laune der List! Sie beugte sich lauernd vm und keifte:So redens doch schon!"

Matthias Wimmer meint« diplomatisch:Wird halt Zeit, daß hei­ratet, unsere List" Jetzt würde die Alte ja wohl sagen:Das solls ja, aber mögen tut3 nit."

Doch die Vielgratterin nickte nur bekümmert:Freilich i« ja ver­liebt bis über beide Ohren"

Verliebt?!" Dem kleinen Regenschori blieb der Mund offen vor Verwunderung.

Na, was denn sonst? Js do ganz narrisch, di« List. Oder habens das no nit gmerft?" Sie schüttelte den Kopf vor lauter Entrüstung. Wie dumm doch im Grunde diese Mannsbilder waren!Freilich is verliebt!"

Ja in wen denn, Vielgratterin?"

Das is ja grad das, was i von Ihnen Hütt wissen wollen, Herr Wimmer", seufzte die Alte enttäuscht.Seit zwei Wochen lamentierls und gafsts den Mond an, wann's grab ein gibt frei dem Sauwetter. Natürlich is verliebt. Das sieht man doch. Aber glaubens i könnt heraus­kriegen, in wen?"

Der Regenschori hatte die Seelenzerrüttung der Lisl bis jetzt zwar anders gedeutet. Er hatte auch den Grund zu wissen geglaubt. Der Brand hatte mit ihr geredet und jetzt weint« sie eben, weil sie den jungen Kirndorfer nicht mochte. Aber die Alte konnte schon reckst haben: verliebt war di« Lisl. Das hätte er eigentlich auch schon früher merken können. Also mochte sie den Franzl doch. Aber warum heulte sie dann? Auskennen soll sich einer mit den Weibern!

Enttäuscht, weil dieser alte Esel auch nichts wußte, und «nttüstet, daß die Lisi selbst dem Matthias Wdmmer ihr Geheimnis verbarg, war die Alte gegangen.

Eine halbe Stunde später rannte der Regenschori immer noch auf­geregt in feiner Stube auf und nieder. Die Lisl in den Franzl verliebt! Man sollt es nicht glauben. Die Lisi, für die er sich immer etwas ganz besonderes als Ehestand ausgedacht hatte!

Zornig schmiß er das versaut« Notenheft des Halleiner Singerbuben aus den Boden. Ein Glück für den Hansel, daß er gerade heute wieder die Gesangsstunde schwänzte! Sonst hätten die Ohren oder das Hinter­teil des Haniei den seelischen Auttuhr des Regenschori zu büßen gehabt.

Als die Wimmerin mit der Nachmittaasschokolade kam, stieß er vor Erregung so heftig mit der Zunge an, daß fte bissig sagte:Du kannst gar nimmer g'scheit reden. Wirst alt, Wimmer!"

Beißzangen, grausliche!" fauchte er und bornierte die Tür hinter Seinem Hauskreuz zu. Die Schokolade trank er nicht, so lieblich das braune,

von Schlagobers gekrönte Gettänk auch vor feiner Nase duftet« und dampft«.

Zur Beruhigung setzte er sich wieder ans Cembalo und versuchte zu spielen. Dabei, er durch das Fenster, in dessen Rahmen schon die smaragdne Kuppel der Karlskirche und di« grünen, noch schneegesprenkel- ten Flügelhauben des Belvedere in der sinkenden Sonne gleichsam von innen erglühten. Matthias Wimmer wußte schon, warum er im letzten Stockwerke hauste. ., t ,, . _ ,

Auch als das geliebte Bild erlosch, dessen flammenden Zauber er noch einmal in Tön« zu bannen hoffte, sah er immer noch still und sah vor sich hin. In der schon dämmerigen Stube schimmerte fein kahler Schädel wie ein bescheidenes Abbild des Mondes.

Di« Lisl in den Franz! verliebt! Und da hatte er dem Brand auch noch die Hölle heiß gemacht, daß man seine Kinder nickst in den Ehestand zwingen solle! Wütend hieb er in die Tasten, daß seine Alte den Kops zur Türe hereinschob und liebevoll fragte:Bist jetzt gang närrisch worden?" ,

Matthias Wimmer gab kein« Antwort. Er sprang auf, schob sie zur Seite und stürmte auf den Gang hinaus, nahm Pelz. Dreispitz und Stock und rannte durch das Schneetreiben, durch das schattenhaft ine Sänften huschten und unwirklich, märchengleich die Schlitten klingelten, hinüber zur Wachszieherei.

Als die Ladentüre ging, sah di« Vielgratterin unwillig auf. Weil auch der Regenschori nichts wußte, hatte sie wieder einmal die Karten befragt. Wieder tagen Herzbub und Coeurdame beisammen. Wer war nur i>er Bub? _

Ungnädig fragte sie:Was wollen denn Sie jetzt da? Daß von seinem beschneiten Pelz schmutzige Bäche auf die schon sonntäglich g«° scheuerten Dielen rannen, ärgerte sie auch.I war doch grab frei ^n,*Sei«ns nit so eingebildet, Vielgratterin! Wer sagt denn, daß ich von Ihnen was will?" antwortete der Regenschon und begann, um- ständlitch und ein wenig verlegen feine von der plötzlichen Wärme blind gewordene Brille zu putzen.Hab den Brand schon, lang nicht gl ehe n. Hab mir halt gedacht, daß er heut Zeit hat, weil Samstag ist Ist er noch in der Werkstatt?"

Droben in der Wohnung!" Sie mischt« wieder die Karten. Dann fügt« sie ein wenig milder hinzu:Wanns zehn Minuten früher kommen wären, hättens den Kirndorser troffen. Grad wie ich z' Haus kommen bin, is er vorg'fahren mit fein Schlitten. Dann sinds glei miteinand in d' Wohnung naufgangen, er und der Brand. Möckst wissen, was die zwei wieder miteinanb haben!"

Das hätte der Regenschori ja nun gewußt. Aber es war nickst feine Sache, es der Allen zu sagen. Er nickte nur:So, der Kirndorfer war ba" und wunderte sich, daß die Vielgratterin noch immer nichts merkte. War doch sonst nicht dumm.

Langsam, Überlegend stteg er die Treppe zur Wohnung hinauf. Also war die List wirklich in den Franzl verliebt! Denn wenn fte nein gesagt hätte, wäre der protzige Kirndorfer doch nickst wieder gekommen. Matthias Wimmer zuckte mit den Schultern. Schad um die Lisl! Aber was war dagegen zu sagen, wenn sie ihn mochte, den Franzl? Daß er dumm war? Die Gescheiten waren ja den Frauenzimmern auch nicht immer reckst. Und schon gar nicht, wenn sie Talent besaßen. Der Regenschori dachte an sich und fein Hauskreuz. .

Oben auf dem Treppenabsatz nahm er sich nicht erst die Zeit, seinen nassen Pelz ausguziehen. Er trat in das kleine und schmale, nur von einem zweiarmigen Leuchter erhellte Zimmer des Wachsziehermeisters, der gerade über seinem Kontorbuch saß, stteckte ihm die Hand entgegen und rief:Also mags ihn doch, den Franzl!"

Aloisius Brand sah verwundert auf und spritzte die Kielfeder aus: Wie meinst denn das? Ich hab doch der Lisl noch gar nichts gsagt."

Nichts gfagt hast?" Wieder blieb dem Regenschori der Mund offen.

Brand empfand dies« Frage als Vorwurf. Er antwortete zögernd: Ja weißt na ja, mir is halt durch den Kopf gangen, was du mir unlängst gfagt hast vor der Burg: matt soll seine Kinder nicht in den Ehestand zwingen."

Matthias Wimmer begriff die Welt nicht mehr. Die List war doch verliebt. Die Vielgratterin schwor darauf, und eigentlich konnte das wirklich ein Blinder sehen. Und dabei hatte der Brand noch gar nicht geredet? Der Regenschori knöpfte seinen Pelz auf, setzte sich an die andere Seite des 'Tisches, Brand gegenüber, nahm die Gänsefeder und ließ deren Fahne nachdenklich aus die aufgeschlagene Seit« des Rech­nungsbuches wippen:Also gar nichts g'sagt hast, Brand?"

Der Wachszieher klappte das Buch zu:Was hast denn? Was schaust mich denn so an? Wenn ich dir schon sag, daß ich mit der List noch nicht g'rebt hab Ich bring's einfach nicht fertig, Wimmer. Sie ist schon wunderlich genug in der letzten Zeit"

Wimmer nickt«, strich sich mit der Hand über die Glatze und blmzette in die zuckenden Flämm chen der Kerzen. Langsam ging ihm ein Kirchen- lickst auf. Verliebt war sie. Das war nicht zu leugnen. Aber es gab ja schließlich auch noch ander« Mannsbilder als den Franzl, bie sich ein Mädel wi« bie List wünschen mochten. Wenn man nur wüßte, welcher es war! Dem Brand brauchte er ja von dieser Erleuchtung nichts zu sagen. Das hatte auch später noch Zeit. Unb vielleicht kam er bis dahin auch von selber dahinter. Doch mit der Lisl wollte er reden, in der nächsten Violastunde. Die hatte ihm doch sonst alle Stteiche gebeichtet. Oder war es nun Beichten schon zu arg? Er fragte vorsichtig:Unb was sagt der Kirndorfer dazu, daß du noch nicht grebt hast .Brand? Er mar doch grab da."

Ja, sogar zweimal war er schon da in dieser Wochen

Is er recht ekelhaft groefen, was?"

.Nein. Er hat nur g'sagt: wann du nicht reden willst, Brand, dann soll halt der Franzl selber mit der List reden. Unb dann hat er uns eingstaden für morgen, zum Mittagessen."

Was d nit sagst! Und du hast mit der List noch gar nicht grebt? (Fortsetzung folgt.)