Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1938 Montag, -en 5. Dezember Nummer 95
die Pake an die Scheibe. , „
, " nd doch keine zwei draußen! Der Hali vor dem Nachbarhaus.
' , so, den Schneemann drüben! Nein, den kenn i nit
'.Aber er ist doch von seinem Regiment?"
„Kann schon sein. Aber t kenn ihn halt nit. Haben S,e eine Ahnung, Frau Lebzelterin, wie groß so ein Regiment ts. Vielleicht ift er neu dazukommen. Mein Gott, wann , alle Ossiziere kennen sollt. Was glaubens, was jetzt im Winter Offiziere m Wien gibt, Frmi Viel- gratterin." Langsam ging er wieder zum Ladentisch zuruck. Zur Beruhigung schob er eine Fuhre Tabak in die Nase.
Die lange Rede schien der Vleigratterm verdächtig. War wohl wirklich der Bursche von diesem Leutnant dort draußem Dann hatte sie wieder einmal recht. Dann war es also für dieses Komte iel daß der Draaoner alle Tage diese Wagenladung voll Lebzelten kaufte!
Eben begann sft mißmutig und entrüstet die Rechnung zu schreiben, da dröhnte es im Laden wie eine Batteriefalve droben auf den boh mischen Schlachtfeldern. Erschrocken sah sie auf. Doch nur der Soldat hatte geniest, unbekümmert um die Zuckerguhherzen, P'^sernusseun Honigkuchen, die offen auf dem Ladentisch lagen oder "" langen Schnuren von der Decke hingen. „Schwein" dachte sie und wußte selber nicht genau, ob sie damit das Komtessel oder den Burschen mem e^ Aber taut sagte sie es nicht. War ein zu guter Kunde, der Kerl Sie Rüttelte nur erbost über den Weltlauf den Kopf und schrieb weiter, indes ihr der Bursche beim Zählen der Schachteln und Tüten half.
Weil es ja doch gleich war und er es ja nicht selber bezahlen mußte, leote er uiletck noch ein Paket Kerzen in den Einkaufskorb. Da durchfuhr es sie wie ein erhellender Blitz. Ein Korb voll Lebzelta,, un Zuckerwerk, das ließ sich zur Not noch begreifen. War al|o nicht nur
Der kerzelmacher von Äankl Stephan
Sin heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka
Sopgeight bg 3. <S. «otta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
5. Fortsetzung.
Mit der Mittagsruhe war also nichts. Und doch hatte der Bursche, der gleichsam als Aufklärer vor der geplanten Attacke seines Leutnants herritt, den Auftrag, zu ergründen, wann die Demoiselle allein im Laden sei. Er sollte ihr dann den Brief übergeben, den er nun schon seit zehn Tagen in der Tasche trug. Den Bries auf der Straße zu überreichen, etwa wenn die List zu ihren Violastunden zu Matthias Wimmer ging — Dienstag und Freitag — war ihm verboten. Für eine Liebschaft wäre das der richtige Anfang gewesen, aber nicht, wenn man im Dienstreglement schon das Kapitel „Heiratskonsens für die kaiserlichen Offiziere" las.
Weil aber die Alte nach dem Mittagessen nicht schlief, knisterte der Brief des Leutnants immer noch in der Hosentasche des Burschen und wurde verknitterter und schmieriger von Tag zu Tag. In immer tiefere Schwermut versinkend wartete Elisabeth Brand vergebens auf dieses erste Zeichen der Liebe, und in der Wiener Stadtwohnung der Rabenau türmten sich im Schranke des Leutnants die Lebkuchen und Kerzen zu immer höheren Haufen. So daß die alte Rabin, wie man sie nannte, sich wunderte, warum es im Zimmer ihres Sohnes noch immer so weihnachtlich dufte. Diese Verschwendung seines Soldes hielt der Leutnant für nötig, um durch diese Einkäufe den täglichen Erkundungsritt seines Burschen in den Wachszieherladen zu verschleiern und den die Jungfrau behütenden Drachen bei Laune zu halten.
Nach zehn Tagen waren der Bursche und die Vielgratterin immer noch so geschert wie zuvor. Er wußte nicht, wie er fein Brieflein los werden sollte, und die Alte zerbrach sich immer noch den Kopf, für wen eigentlich der Soldat diese Körbe voll Lebzeltenwaren aus dem Laden
entführe.
Heute aber schien sie, von ihrem Beobachtungsposten am Fenster kommend, eine Fährte gefunden zu haben. Der Leutnant auf dem Stephansplatz, die aus nächtlicher Schwärze nieüerschwebende Rose und der Dragoner im Laden gaben ihr zu denken. Um so mehr als ihr in plötzlicher Erleuchtung ein fiel, daß Leutnant und Soldat vom gleichen Regimente waren. t t ■...
- 'Während sie, auf einem Bein stehend, hinter dem Ladentisch ihre beleidigte Zehe 'rieb, musterte sie aufmerksam den Dragoner, der eben wieder Schachteln und Tüten in seinen Einkaufskorb packte. Es stimmte schon: vom Regiment de Ligne war der Kerl! Hinkend kam sie hinter der Pudel hervor, ging an die Ladentüre, wischte mit ihrer Schurze über das Fenster, winkte den Soldaten herbei, deutete auf den Platz hinaus und nagte lauernd: „Kennt Er den Offizier dort draußen?"
„Welchen?" fragte der Dragoner bauernschlau zurück und druckte die Nase an die Scheibe. , „
schamlos, das Weibsbild, sondern auch noch gefräßig! Aber täglich ein Dutzend Kerzen? Macht hundertundzwanzig in zehn Tagen! „Also beleuchten tut er's auch noch, das Miftoiech!"
So gefährdete der Leutnant von Rabenau nicht nur den Nachtdienst der Kaiserin, sondern auch den Ruf der Wiener Komtessen.
Diesem einen Liebeshandel vermeinte die Vielgratterin auf die Spur gekommen zu fein. War immerhin schon eiwas für die hungrigen Ohren der Nachbarinnen. Nun beschloß sie auch, den zweiten zu klären.
Dafür schien ihr der Regenschori Matthias Wimmer der geeignete Mann zu fein. Sie mochte ihn zwar nicht. Seine kleinen, wasserblauen Aeuglein konnten so unverschämt zwinkern und blinzeln, wenn sie ihn mit ihrem Klatsch beehrte und Wahrheit mit Dichtung vermengte. Aber die List war ja in ihn schon als Kind vernarrt gewesen. Immer wenn sie etwas angestellt hotte, mußte es das „Wimmerl" beim Aloifius Brand wieder einrenken. Und alle Streiche hatte die Lifl dem.Regenschori und nicht dem Vater gebeichtet. Vielleicht war es auch diesmal nicht anders.
Gleich am Morgen konnte die Vielgratterin nicht gehen. Der Brand paßte jetzt allzusehr auf, daß die Tafel „komme gleich" nicht grundlos an der Tür baumelte. Aber nach dem Mittagessen war es soweit. Da schnarchte er in seiner Stube.
Das farbendurchglühte Dämmern des Domes durchqrierend lief sie zum Hause des Matthias Wimmer. Er wohnte droben yn vierten Stock. Das war für feinen Atem beschwerlich. Aber er liebte die Aussicht über die Dächer, über die Stadtmauern und Basteien auf die Gärten der Vorstadt und die in der Ferne blauenden Kuppen der Berge.
Auch Katharina Vielgratteyin spürte das Steigen. Aber was tat sie nicht alles, um die eigene Neugierde und die der Nachbarschaft zu stillen. Sie schellte, daß der Glockendraht quietschte. Der kantige, weißhaarige Schädel der handfesten Ehehälfte des Matthias Wimmer schob sich durch den Tllrspalt. Ob der Herr Regenschori zu Hause sei, fragte die Vielgratterin. Das Hauskreuz des Musikus nickte freundlich. Zu den Flederwischen mit den hübschen Larven gehörte sie ja nicht, die Vielgratterin.
Der Regenschori stand klein, rosig und rund in kaffeebraunem Schoßrock und schwarzseidenen Kniehosen vor seinem Stehpult und korrigierte Noten. Dabei wiegte er ärgerlich den Kopf und schnalzte mit der Zunge erbost ein Stakkato. Der Hansei, der Singerbub, hatte wohl, als er die Notenköpfe malte, wieder an das heimliche Einfahren in den Halleiner Salzberg, an die heimatlichen Leimruten oder die Schleudern gedacht, mit denen, die Buben von den Waldhängen und Felsenhöhen die Steine niederprasseln ließen auf die Dächer der Vaterstadt und leider manchmal auch aus die Köpfe der Bürger. Hatte ihn erst im vergangenen Herbst bekommen, den Halleiner Lauser. Spielte und sang wie ein Engerl. Nur Notenschreiben paßte ihm nicht. Obwohl er doch nicht nur sang, sondern auch trefflich zeichnete und malte. Was er wohl einmal werden würde, der Hansei — Maler oder Musikus?
Gutmütig knurrte er „herein", als es klopfte, sah auf, nickte brummend, strich dann noch die Seite mit einem dicken Federstrich durch imb fragte boshaft: „Brennt's beim Kerzelmacher, weils gar so schnaufen, Vielgratterin?" Er schob ihr einen Stuhl hin, setzte sich selbst ans Claoicembalo und spielte leise eine Melodie. Dabei lauschte er genießerisch mit schiefgehaltenem Kopf. War schon ein Teufelskerl, der
der
der die
Gluck!
Ohne lange Vorrede fragte die Alte: „Was sagen Sie zetzt zu List, Herr Regenschori?" c „ , , _ ,
Was sollte er sagen? Die Frage schien ihm verdächtig Daß Brand die Brautwerbung des Weinhändlers Kirndorfer schon an List weitergegeben, war nach der Sachlage und der Laune des Mädels wohl klar. Aber wußte auch schon die Karfreitagsratschen, die Viel-
oratterin, davon? Oder wollte sie ihn nur ausholen? Matthias Wimmer war ein lebenskluger Mann. Er verschanzte sich vorsichtig hinter einer Gegenfrage. Er nahm die Hand von den Tasten, wandte sich mit einer plötzlichen Vierteldrehung seines Stuhls der Alten zu, blinzelte sie über seine goldgeränderte Brille an und meinte: „Was ich zur List sag? Wie meinens das, Vielgratterin?" . ,
Die Alte wurde giftig, „Wie ich das wem? Sie tun ,a grab, als 00 die Lill gestern und am Dienstag nit bei Ihnen g'wesen wär, zum Geigenkratzen, Is Ihnen dabei vielleicht nix aufg'fallen an der List?
Ausgefallen mar dem Regenschori manches an der Elisabeth Brand. Weiß Gott! Erstens hatte sie wirklich auf der Viola gekratzt, daß der vom Regenschori seinen Schülern gegenüber so oft zitierte Ele.ant draußen in Schönbrunn dagegen eine Arie des Ritters Gluck zu trompeten schien. Zweckens hatte sie gerade gestern wieder be, der germgften Ausstellung, die er ihr machte, geheult. Bis er schließlich tagte: „List, tu wenigstens die Viola weg! Sonst werden d,e «aiten durch beme Heulerei noch so weich, daß d' sie am Sonntag als Nudeln emkochen kannst in der Suppen."


