schlicht Hans. Der Zuname ist fo ungemein selten, daß Sie sofort von selbst daraus kommen werden ..."
Barbara schien überhaupt nicht zuzuhören. Sie streckte zögernd die Hand aus und fuhr dem strahlend rot lackierten Monstrum zärtlich über die viel zu große Kühlerhaube. ,Lch wußte ja, daß ich den Alarich noch einmal treffen würde!" Zweifellos kämpfte dieses befremdende Mädchen mit den Tränen. Hans mit dem noch ungenannten seltenen Namen bemerkte es und verlor nach Männerart sofort die Fassung.
„Sie meinen den ,Poldi', wie?" erkundigte er sich verlegen. Nicht ohne Anstrengung öffnete er den Schlag. „Hat der mal Ihnen gehört?"
„Mir nicht!" Nun schienen die Tränen doch zu strömen! Scheu spähte der junge Mann umher, ob etwa jemand diese peinliche Szene beobachtete. „Wollen Sie nicht einsteigen?" schlug er vor. „Sie dürfen Ihren .Alarich' gern ein bißchen steuern, wenn es Ihnen Spaß macht. Mir will das Untier heute fowiefo nicht parieren."
Sie fuchtelte verstohlen mit dem Taschentuch herum und kletterte ohne weiteres in den Wagen. „Es liegt am Wetter!" meinte sie. „Ob Sie das glauben oder nicht: .Alarich' ist empfindsam. Regen macht ihn trübsinnig."
Hans verkniff ein Lächeln. „Kalte Füße wird er haben. So ein alter Herr nimmt das übel!" stellte er fest. In diesem Augenblick sprang .Alarich' mit entrüstetem Aufheulen an. Sein Besitzer konnte gerade noch feinen Platz einnehmen, da wetzte das beleidigte Auto mit dem Temperament eines feurigen Renners die breite Straße hinauf, von Barbara sicher durch das Gewühl des nachmittäglichen Verkehrs gelenkt.
Eigentlich hatte sie es abschlagen wollen, aber dann faß sie am Nächsten Abend doch wieder hinter dem vertrauten Steuer und ließ .Alarich', den frisch geputzten, munter die Heerstraße heraufrumpeln. „An der Gatower Landstraße gibt es ein braunes Holzhaus, dicht am Wald —" überlegte sie und sah sehnsüchtig aus. „So ein richtiges Traumhaus, wissen Sie! Alkohol können Sie da allerdings nicht bekommen. Bloß Tee, Kaffee, Kakao oder Milch. Aber das tut einem ja auch mal gut! Und es gibt riesige Brote mit Katenwurft und Schinken —und wunderbare felbftgebackene Torte. Wollen wir dahin?"
Von ziemlich gemischten Gefühlen geplagt, beobachtete Hans im Kontrollspiegel, wie angeregt sie nun war. „3n dieser trauten Jylle wollen Sie vermutlich ohne Rücksicht auf mich in seligen Erinerungen wühlen?" fragte er gereizt.
Sie nickte bloß. „Ich sollte es vielleicht nicht tun —" Aus bekümmerten Augen sah sie ihn an. Plötzlich hatte er sie schrecklich gern, und deswegen konnte er nicht anders: er mußte grob werden. „Wie hieß denn der Kerl?" überrumpelte er sie.
„Peter!" (Diese Zärtlichkeit für einen Namen mußte einen erbittern!) „Alle Wellensittiche heißen so", bemerkte er gehässig.
„Und alle Pferde Hans!" entgegnete sie prompt.
Jetzt hypnotisierten beide, etwas gekränkt, die Landstraße. Bis Hans sacht über Barbaras Arm streichelte und reuevoll zugab: „Männer sind in sogenannten Gefühlsangelegenheiten Elefanten. Aber wozu baut ihr Frauen euch immer solchen Porzellanladen auf? Lauter Nippeszeug, verstaubt, veraltet und ganz lächerlich. Entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal darauf komme: Peter ist doch vermutlich nicht mehr da? Längere Zeit schon nicht mehr, oder?' Und was mich betrifft—" Er griff nach einem Der wehenden, braunen Löckchen, die fo nett unter ihrem Turmbau von Hut hervorquollen. „Ich hoffe, rund heraus gesagt, daß .er niemals Mehr zurückkommt. Denn wenn einer es fertig bringt, Ihnen fo viel Kummer zu bereiten — Sie ganz einfach fitzen zu lassen — pfifi, nicht wahr? Das muß jeden richtigen Mann erbosen."
„Das verstehen Sie nicht!" sagte sie sofort und hatte ein rührend eifriges Gesicht. „Schuld an allem bin einzig und allein ich. Sie kennen Mich ja nicht. Ich bin ein ganz schreckliches Ding. Launisch, zänkisch, furchtbar eiferfuchtig. Und immer mußte ich recht haben. Wenn etwas zu reden war, redete ich. Er hatte überhaupt nichts zu sagen. Aber das allerschlimmste: ich habe ihn dauernd in seiner Berussehre gekränkt! Wie soll ich Ihnen das erklären: Er war Bankangestellter — verdiente nicht viel. Und ich hatte so ehrgeizige Pläne. Immer habe ich gestichelt und ihn madig gemacht. So in dem Tonsall: „3a, andere Männer ..." das hat ihm eines Tages den Rest gegeben. Ich habe lange genug Zeit gehabt, über alles nachzudenken." Sie seufzte schwer und hatte verräterisch feuchte Augen. „Aber was hilft das nun? Ich habe ihn eben viel zu lieb gehabt. Das hat er bloß nicht verstanden. War ja auch schwer, hinter all diesen schrecklichen Szenen, die ich ihm um jede Kleinigkeit machte, eine so große Liebe zu vermuten, nicht? Sagen Sie selber: bei so einem Zusammenleben hätten Sie auch alle Zuneigung vergessen?"
„Ich? Nein!" Er hatte energische Augen. „Ihr guter Peter hat Sie falsch behandelt! lieber das Knie hätte er Sie legen müssen und ordentlich durchhauen. Dann wären Sie vermutlich längst verheiratet — zu meinem Pech!"
„Ich verbitte mir das!" sagte sie böse. „Das sollte sich mal einer erlauben — mich durchhauen!" Sie ballte die Hände und funkelte ihn kriegerisch an. Es rührte ihn keineswegs.
„Fürchte, ich werde es sein!" bemerkte er gelassen. „Sie gefallen mir nämlich soweit ganz gut. Es würde sich schon lohnen, eine stachlige Seele zu retten." Er runzelte die Stirn und beobachtete kränkend lange Barbaras hochragende, allem Anschein nach streng moderne Kopfbedeckung. „Warum tragen Sie eigentlich so scheußliche Hüte?" lenkte er ab. „Sieht aus wie eine Teepuppe ohne Kopf!"
Diesmal hatte er sie restlos aus der Fassung gebracht In bezug auf ihre Hüte sind schließlich die allerwenigsten Frauen ganz sicher! „Trinken Sie nur Ihren Kakao ans", meinte er begütigend. „Er hat ja schon Haut. Und erzählen Sie mir dabei ganz ehrlich, ob Sie diesen Wellensittich noch immer lieben."
' Sie überhörte die neuerliche Kränkung. „Man liebt wohl nur einmal!" sagte sie. Es klang pathetisch.
„Richtig!" Und wenn es vorbei ist, soll man die Leiche nicht ein»
balsamieren und immer wieder anstarren, sondern den Deckel fest zumachen und abschließen mit dem, was war und nicht mehr sein kann. Nichts zu ändern. Also vernünftig! Das Leben geht auf jeden Fall weiter, mein Mädchen!"
„Sie sind ein Rohling!" sagte sie empört. „Ich glaube, Sie wissen gar nicht, was es bedeutet: richtig lieben!"
„Zum Glück nicht!" Er sah verschmitzt aus. „Immerhin — man kann nie wissen. Seit wann ist übrigens Ihr lieber Peter nicht mehr da?"
„Seit zwei Jahren!" Ihre Stimme war kleinlaut. „Und denken Sie, die bei der Bank geben mir seine Anschrift? Ich weiß nur, daß man ihn ins Ausland geschickt hat. Und ich weiß, daß er nicht wiederkommen wird. Mehr nicht."
Hans griff nach ihren unruheoollen Händen und umschloß sie fest. „Wie lange wollen Sie nun noch treue Solveig spielen?" fragte er. „Eines Tages haben Sie nichts als Runzeln, niemand schaut Sie mehr an, alles ist vorbei."
„Es schaut mich ja schon die ganze Zeit über keiner mehr an", gestand sie unglücklich. „Das soll sicher meine Strafe fein für meine ganze Scheußlichkeit, denke ich mir. Keiner will etwas von mir wissen." Trotzig setzte sie hinzu: „Dann bleibe ich eben mein ganzes Leben lang allein.
„Wenn niemand etwas von Ihnen wissen will, dann sind Sie selber schuld daran!" bemerkte er weise. „Was meinen Sie, wie das einen Mann, der sich für Sie interessiert, eiskalt über das Herz braust, wenn Sie da dauernd von Ihrer unvergänglichen Liebe zu dem Wellensittich reden. Das will man nun wirklich nicht hören. Es macht so wenig Hoffnung! Wir Männer von heute sind schließlich keine Troubadoure, nicht wahr? Die Zeit hat das so mit sich gebracht. Wir wollen wissen, ob eine Frau für uns da fein will oder nicht. Mit feinen (Erinnerungen muß jeder ganz für sich fertig werden. Aber das wollen Sie wohl gar nicht? Und wenn ich merke, daß es fo ist, bann dürfen Sie mit unserem .Alarich' keinen Tag länger spazieren fahren. .Alarich' und ich haben Grundsätze."
Sie wollte aufbegefjren, aber es wurde nicht so recht etwas daraus. Dieser junge Mann, dessen Zuname man inzwischen herausbekommen hatte — Müller war er —, hatte eine unbegreiflich sichere und nachdrückliche Art, das letzte Wort zu behalten. Dagegen gab es fein An- rennen. Verstohlen musterte Barbara ihren neuen Freund. Und nun bemerkte sie erst, wie nett er aussah. Besser als Peter — viel männlicher!
Barbara hatte das Gefühl, mit diesem Zugeständnis bereits einen Verrat begangen zu haben Hastig stand sie auf. „Es ist so heiß hier, finden Sie nicht?" Das klang nicht sehr ehrlich. „Wollen wir nicht gehen?"
„Und die Erinnerungen?" fragte er spottend, aber sie hörte es nicht mehr. Sie stand schon draußen, auf diesem stillen, weiten Platz. Ganz allein war sie hier mit dem guten alten Autochen, das friedlich im Mondlicht döste. Beide Hände legte sie auf die lächerlich große Kühlerhaube und versuchte, die Vergangenheit lebendig zu machen. Da war der Weg, über den sie mit Peter gegangen war. Dunkel war es gewesen wie jetzt. Und so still, daß man leise sprechen muffte.
Barbara versuchte, sich Peters braunej», weiches Gesicht zurückzu- rufen. Seltsam! Die vertrauten Züge waren verwischt — waren überhaupt ganz anders. Viel härter, viel männlicher. Es war gar nicht mehr Peter, an den sie dachte. Und alle (Erinnerungen, die sie sonst so gequält hatten, taten plötzlich überhaupt nicht mehr weh!
Betulich rumpelte .Alarich' durch die Gegend. Silbern schwebte der Mond in einem unendlich fernen Himmel. Diesmal saß Hans am Steuer. Ganz langsam fuhr er, denn er hatte den Arm um Barbara gelegt und hielt sie zärtlich fest. „Zu einem Mädchen, das einen fo komischen Hut trägt, kann man nur du sagen!" meinte er hoffnungsvoll. „Barbara, was bi ft du nett — und dumm. Dein Wellensittich ist sicher längst verheiratet oder fo. Vielleicht hat er bereits Kinder und denkt überhaupt nicht mehr an dich. Kann doch feinl Und du lebst töricht in der Vergangenheit. Sieh dir .Alarich' an! Ist das nicht ein Symbol? Gestern ist er dir in den Weg gerollt. Mit mir! Das Schicksal meint schon etwas damit!"
„Das Schicksal hat ganz sicher nicht soviel Zeitz ‘mit jeder Kleinigkeit etwas zu meinen!" widersprach sie eigensinnig.
„Schade, daß ich jetzt nicht abkömmlich bin!" Er musterte sie streng. „Es wäre bereits an der Zeit, pädagogische Maßnahmen zu ergreifen."
Und hier gab es wohl eine, letzte, verzweifelte Auflehnung, unbeabsichtigt hart — ein ganz schlimmer Rückfall in alte, böse Fehler. „Sie sind sehr unverschämt!" schrie Barbara. „Fahren Sie mich auf der Stelle nach Hause. Ich bin doch nicht Ihr Popanz, merken Sie sich das!"
Er gab sofort Gas, und das klapprige Autochen flitzte brummend davon. Da faßen sie nun beide mit verstockten Mienen. Nur im Sontrollfpiegel wagte Barbara, ihren schweigsamen Nachbarn flüchtig zu beobachten. Da war gar keine Zärtlichkeit mehr in dem netten, offenen Gesicht. Da war alles, alles ausgelöfcht, was so wunderbar zart an Barbaras verirrtes, absonderliches Herz gerührt chatte. Weinen konnte man nun, weil man in feiner schrecklichen Unbeherrschtheit so etwas angerichtet hatte. Aber um keinen Preis wollte sie den Mund austun und bitten.
Viel zu schnell war Barabaras Haus erreicht. „Also: Leben Sie wohl!" Wie fremd und kühl feine Stimme klang. Ob er ein Telephon hatte? Lieber Himmel! Haus Müller — die gab es sicher in wilden Mengen. Und es ging doch nicht, es ging auf gar keinen Fall, daß er nun fortfuhr. Wenn man nur nicht fo bockig wäre — wenn man doch — „Barbara!" Sie hob die Augen. „Schkkmst du dich?" Und da floffen die Tränen jammervoll über das Gesicht. — „Sehr!" sagte sie so leise, daß er es kaum verstand. „Es war zuviel — zwischen gestern und —"
Sie hielt seinen Mantel sehr fest und ließ sich küssen. Die Tränen flössen immer noch, aber sie war glücklich wie nie. Irgend etwas Schweres löste sich endgültig von ihrem Herzen. Dieses Gestern — nun war es ein für allemal überwunden!
Verantwortlich: Dr. HanS Thhrivt. — Druck und Verlag: Brüh Ische Untversitätsdruckeret R. Lange, Gießen.


