Schlafengehen hinaus, er sollte noch draußen ein wenig spielen, bis sie ihn holte. Sie ging in die Küche und schloß die Tür hinter sich, Nick ging in den Garten hinaus. Er ging an der großen Kastanie vorüber und setzte sich aus die Küchenbank. Durchs offene Fenster fiel ein blasses Viereck aus den verdämmerten Rasen. In der Küche sah Anna und sang und klapperte mit Geschirr. Manchmal erschien ihr breiter großer Schatten auf dem Rasen: zwei schwarz« Arme fuchtelten und streckten sich endlos über die Rasenfläche, als hängten sie Kochtöpfe und Pfannen an Sträuchern und Bäumen aus. Dann verschwand der Schatten wieder. Nick saß an dem einen Ende der dunklen Bank, seine winzigen Sandalen ragten in die Luft. Irgendwo tief im Magen spürte Nick ein sonderbares ungemütliches Gefühl, als läge darin ein großer schwerer Stein. Es ist das Gänseherz, dachte Nick. Er wollte zurück ins Haus. Aber er wagt« nicht, sich zu rühren.
Geschirrgeklapper und Gesang verstummten. Eine Tür schlug. Dann war es still. Nick saß auf der Bank und blickte in den dunkelnden Garten. Der Garten sah viel größer aus, als am Tage und ganz anders. Di« Pfützen waren geheimnisvolle dunkle Seen, die Büsche wuchsen in der Dämmerung zu drohenden Gestalten zusammen, und die Bäume reckten ihre Aeste wie Hunderte von gierigen schwarzen Armen in den Himmel. In den Hecken raschelte und flüsterte es. Ein Windstoß riß die vorjährigen Blätter vom Erdboden unt> wirbelte sie mit einem trockenen Knistern durch die Luft. Und im Lichtschein, der aus der Küche fiel, sah Nick eine kleine schneeweiße Feder wie ein winziges flaumiges Wölkchen in die Luft steigen. Er sah ihr nach, wie sie immer höher und höher in den abendblauen Himmel stieg, höher als das Haus und höher als alle Bäume, und plötzlich verschwand. z
Di« Großmutter kam, um Nick zum Schlafengehen zu holen. „Warum sitzt du hier?" fragte sie erstaunt. „Du wolltest doch spielen?" —
„Ich habe schon gespielt", sagte Nick. —
Nachdem Nick sich gewaschen, die Zähne geputzt und sich gekämmt hatte, brachte ihn die Großmutter ins Bett und stellte sich daneben. „Und jetzt wollen wir beten, Nick." Nick kniete hin und faltete die Hände. Mitten im Gebet blieb er stecken, besann sich einen Augenblick und sagte es von neuem aus. .. v ,
„Amenl" rief Nick und streckte sich aus dem Rucken aus, und di« Großmutter deckte ihn zu. Sie beugte sich über das Bettgitter und küßt« ihn. Nick schlang beide Arme um ihren Hals. Er stieß seine winzige kalte Nase an ihre Wange und er spürte den vertrauten Geruch ihrer welken, weichen Haut Dann log er still da und sah zu, wie die Großmutter im Zimmer hin und her ging, die Waschschüssel ausgoß, sein« Kleider aus dem Stuhl zusammenlegte und die Vorhänge zuzog. Dann ging sie zur Tür und löschte das Licht.
„Großmama!" rief Nick leise. N
Die Großmutter blieb an der Tür stehen. „Schlaf jetzt, Nick. „Hast du ein Herz?" fragte Nick.
„Jeder Mensch hat ein Herz", sagte die Großmutter. „Aber du sollst jetzt nicht mehr sprechen."
„Und Vati?" fragte Nick. „Hat er auch «in Herz?
Die Großmutter trat ans Bett. „Bati auch. Alle Menschen haben ein
,^,Darf man ein Herz essen?" Nick hob den Kopf und hielt den a,emffias sprichst du für einen Unsinn", sagte die Großmutter. „Das ist eine Sünde, so etwas zu sagen. Mach jetzt die Augen zu und schlaf. Nick.
Tüe'l^oßmutter ging hinaus und schloß die Tür hinter sich. Nick lag mit offenen Augen da. Im Zimmer war es dunkel und still, und Nick hörte plötzlich in der Stille sein Herz schlagen. Er lag still da und horte zu, wie sein Herz schlug. Ihm schien, daß es mit ,edem Schlage wuchs, daß es größer und größer wurde und immer lauter und lauter schlug. Er preßte fest die Augenlider zusammen und versuchte, einzuschlasen. Aber sein Herz klopfte so laut und hart, daß er nicht schlafen konnte. Er öffnete wieder di« Augen. Nebenan hörte er die Großmutter umhergehen und leise mit jemandem sprechen. Nick drehte sich zur Wan-, schlang beide Arme fest ums Kopfkissen und steckte den Kopf tief hinein. So war es ein wenig besser. v
Nach einer Weil« hörte er sein Herz immer leiser und leiser schlagen, und dann hörte er es überhaupt nicht mehr. Sein« Hände entspannten sich er stieß einen kleinen zufriedenen Seufzer aus. Er lag jetzt auf dem Rücken, mit halbgeöffnetem Mund. Er schlief. —
Zwischen gestern und morgen.
Erzählung von Edith Zübert.
Als Barbara die Tür des Hutsalons hinter sich schloß, fiel ihr Leder- pompadour krachend zu Boden, und all die blühende Unordnung, die sich in Handtaschen breitzumachen pflegt, ergoß sich durch die geöffnete Verschlußklappe auf die Straße. Blitzschnell und beschämt hob Barbara die bunten Döschen und Büchsen vom feuchten Pflaster auf Hoffentlich hatte fie alles erwischt. Sie wollte weitergehen. Da meldete sich hinter ihr jemand: „Halt! Hier liegt noch etwas — Augenblick mal!"
Ein junger Mann, der bisher unverzagt und hoffnungsvoll versucht hatte, eine rührende Scheußlichkeit von uraltem 2Iuto roieber flottzumachen hob eine flache Puderdose empor, die bis zur Bordschwelle gerollt war. „Bitte!" Er putzte das beschmutzte Silber kurz entschlossen am hellen Mantel blank und hielt Barbara die hübsche Buchse auf der flachen franb entgegen.
Aber sie machte keinerlei Anstalten, ihr Eigentum an sich zu nehmen. Völlig verstört, anzusehen wie ein Mensch, dem ein Gespenst begegnet, stand sie und starrte aus weit aufgerissenen Augen vor sich hin. Das ist doch Alarich!" sagte sie, ganz außer Atem Das muß Alarich sein!
Der junge Mann machte eine gekränkte Miene. -Alarich? Gott behüte! Mit dem Namen hätte ich die Schule vermutllch als Krupps verlassen — wegen der Beleidigungsprugeleien, wissen Sie. Nicht Alarich | jjt foer Petter Ihrer Puderdose, sondern Hans — ganj einfach und
Es hotte ein wenig geregnet. Dann hörte der Regen plötzlich auf, unb I die Sonne schien, heiß und strahlend. Die Großmutter schickte Nick hinaus. Nick lief an der Küche vorüber. Auf der Bank unter dem Küchenfenster sah Anna; rechts und links von ihr standen zwei große Pappkartons. Anna warf mal in den einen, mal in den anderen eine Handvoll weißer Federn.
Nick trat neugierig hinzu. Auf der blauweißkarierten Schürze lag die Gans. Nick erkannte fie im ersten Augenblick nicht. Sie sah jetzt, ohne Federn, ganz anders aus. Ihr Hals war mit Papier umwickelt. Nick fuhr vorsichtig mit dem Finger über die Gans. Sie war rauh und kalt. Anna rupfte wortlos weiter. Ihre mächtigen Arme waren voll zarter weißer Federn. Wenn sie eine Handvoll in einen Karton warf, flogen viele klein« Federn in die Luft und schwebten langsam, langsam zu Boden. Nick hob das Kinn, schob die Lippen vor, und blies auf die Federn. Die Federn flogen nach allen Seiten. „Geh spielen!" sagte Anna ärgerlich, ohne den Kops zu heben. „Was machst du mit den Federn?" fragte Nick. „Kissen", sagte Anna und rupfte weiter. Nick fuhr mit der Fingerspitze über die traurig herunterhängenden apfelfinenfarbenen Krallen. „Und mit den Füßen?" „Du sollst spielen gehn, hast du nicht gehört?" Anna warf eine Handvoll Federn in den Karton.
Nick ging in den Garten. Winzige Halme stachen hier und dort wie kleine grüne Lanzen durch di« schwarze Erd«. Cs roch nach vorjährigem Laub, nach Wasser und Sonne. Nick hatte deine Lust, zu spielen. Er muhte an die Gans denken. Ob es ihr gar nicht weh tat, wenn man ihr die Federn ausrih? Aber er wagte nicht, Anna zu fragen. —
Am Nachmittag sah Nick, wie di« Großmutter sich zum Ausgehen ankleidete. „Nimmst du mich mit?" fragte Nick. „Nein. Heute geht das nicht, Nick." Die Großmutter lächelte, aber Nick sah, daß sie dabei weinte. Sie weinte stumm, und ohne das Gesicht zu verziehen. „Warum weinst du Großma?" fragt« Nick. Die Großmutter wandt« sich ab und trocknete die Augen. „Ich weine nicht, Kind." Nick sah, daß sie meinte, aber er fragte nicht mehr. „Soll ich dir den Hut aufsetzen?" Er lief zur Kommode, holte den kleinen Hut mit dem Veilchenstrauß, schleppte einen Stuhl vor den Spiegel, stieg hinauf, und setzte der Großmutter den Hut auf. Dann legte er ihr beide Arme um den Hals und versuchte, die Schleifenenden zu binden. „Latz es mich diesmal selbst machen", sagte die Großmutter. „Ich habe heute kein« Zeit, Nick." ,
Di« Großmutter küßte Nick und ging hinaus. Er horte, wie sie im Vorhaus leise mit Anna sprach. „Er hat kein Herz", sagte die Großmutter, und Nick hörte sie meinen. Nick kletterte aufs Fensterbrett. Er fah die Großmutter in ihrem langen schwarzen Mantel und dem Hut mit dem Neilchenstrauß mit kleinen eiligen Schritten durch den Garten gehen, wie sie aus der Pforte trat, die Straße hinaufging und immer kleiner und kleiner wurde. Einmal blieb fie stehen und holte ihr Taschentuch hervor, dann ging sie weiter. Plötzlich mar sie verschwunden .
Nick saß noch lange da und blickte hinaus. Hinter der großen Kastanie war der Himmel ganz rosa, als blicke man durch eine rote Gelatinescheibe. Vor dem Fenster sangen die Vögel. Sie kamen aufs Fenstersims geflogen, hüpften ein paarmal wie kleine bunte Bälle auf und ab, und flitzten davon. Dann wurde der Himmel hellgrün, die Straßenlaternen flammten auf; zwei lange Ketten winziger goldener Kugeln, die in der Ferne ineinanderschmolzen, und die Kastapie streckte wie ein Scherenschnitt ihre schwarzen Aeste in den bleichen Himmel. Nebenan sprach eine laute Stimme. Der Vater war nach Hause gekommen Nick horte ihn . im Nebenzimmer umhergehen; eine Zeitung knisterte. Sann öffnete sich di« Tür, und der Bater trat ins Zimmer. Nick glitt von der Fensterbank. Der Vater stand in der Tür und lachte. „Bist du auch artig gewesen. Nick?" Nick sah zum Vater hinaus. Er hatte kein Herz, hatte die Großmutter zum Vater gesagt. Und nun stand er vor Nick und lachte. „Na, was antwortest du nicht?" sagte der Vater. „Oder bist du nicht artig gewesen?" „Ja, ... nein, ich war artig, Vati!" sagte Nick und wurde rot. Der Vater hob ihn auf und küßte ihn. Nick stieß feine Nase an eine glattrasierte rauhe Wange. Er spürte einen fremden und strengen Geruch.
Beim Mittagessen sah Nick dem Vater gegenüber. Der Vater aß schweigsam und las dabei die Zeitung. Anna saß neben Nick wo sonst die Großmutter faß, und schnitt ihm das Fleisch auf. „So un- ietzt 'h , fagte Anna. „Was ist das?" fragte Nick. „Gänsebraten! lachte Anna. „Ist das die Gans, die mit den Flügeln schlug? ragte Nick Anna nickte. Nick sah plötzlich wieder die Gans vor sich, und wie sie laut nut den Flügeln schlug und ihr Kops auf dem langen Hal e so sonderbar hm und her schwankte. Und Anna hielt etwas Langes und Blitzendes m der Hand... Nick legte die Gabel wieder aus den Teller zurück „Iß letzt! sagte Anna streng und hielt ihm die Gabel hm. Der Vater sah von der Zeitung auf. Nick öffnete den Mund. Er kaute und kaute, aber er konnte das Fleisch nicht hinunterwürgen. Endlich schluckte er est'punter.»f^as schon hielt ihm Anna die Gabel hin. Am Ende der Gabel war etwas Kleines, Dunkles.-
„Was ist das?" fragte Nick.
„Das? Das ist das Herz!" sagte Anna und lachte.
Nick preßte die Lippen fest zusammen und wandte den Kopf fort. „Mach den Mund auf!" sagte Anna.
Nick preßte die Lippen noch fester zusammen und schüttelte den Kopf. Der Vater sah Nick an. „Was ist. Nick?" .-Ich kann nicht, Vati .sagte Nick. „Es ist dos Herz und ..." „Du wirst sofort essen , !aSte ^r $ater. Nick sah den Vater flehend an. „Aber Vati, ich ....
gönn zu zittern. „Ich will fein Wort mehr h°ren! Mach den Mund auf und iß'" Nick öffnete den Mund und schloß rasch die Augen. Er würgte den Bissen hinunter. In seine Augen traten Tranen.
„Steh auf", sagte der Vater, „unb geh in dein Zimmer. Du sollte,t ^Nick^litt vom Stuhl und ging in s-in Zimmer. Er börte mie ber Vater nebenan umherging. Aber er tarn nicht zu Nick ^f.^mmer Dann schlug die Haustür. Der Vater war fortgegangen. W faß Fensterbrett und sah hinaus. Hoch am taghellen Himmel ftanb em «einer blasser Mond. Nick hörte Anna in der Küche fingen
Als die Großmutter nach Hause kam, schickt« sie ihn noch vor dem


