Ausgabe 
5.9.1938
 
Einzelbild herunterladen

5-rden gelungen war, ein Tier zu reißen; aber er war äußerst vorsichtig und gleichzeitig doch von einem solchen Selbstbewußtsein und Krajtge- fühl durchdrungen, daß es nicht ratsam wäre, mit ihm anzusangen. Auch ihn belauerte der Riese von weitem, aber er wagte sich nicht an ihn heran.

Allen Reineren Tieren wie Zebras, Pallahs, Gazellen, Wasserdocken, Gnus und Kuhantilopen kam die Wachsamkeit der Paviane, die sich aus dem Felsen am Fluß angesiedelt hatten, zugute, und roenn diese Tiere jetzt weniger zum Trinken kamen, als sie gern gemocht hatten,fo sie doch in viel größerer Sicherheit und hatten viel weniger Verluste als früher.

Während die beiden andern Krokodile und das Weibchen des Riesen sich von größeren Fischen aus dem Fluß nährten, sich bet Gelegenheit auch mal ein Fluhpserdbaby holten, dessen Mutter nicht gut acht gegeben batte und sich durch den Aussall von größeren Braten nicht wesentlich geschädigt fühlten, hatte der Riese es nicht leicht. Appetit und Sinn standen ihm nach Fleisch, und zwar Fleisch in Menge. Immer wenn ein­mal wieder mehrere Tage ergebnislos verlaufen waren, geriet er in eine ganz rabiate Stimmung. Dann ließ er alle Vorsichtsmaßregelnaußer acht und kroch manchmal, unbeirrt durch das aufgeregte Gekreisch der Baviane ganz auf die Sandbank hinaus, ja, sogar bis an den Rand des Gebüsch-, wo er liegen blieb und nach Beute umherspahte. Aber waren auch seine Augen scharf und verläßlich auf der Wasserfläche, so waren sie doch nicht an diese- verwirrende Licht- und Schattenspiel aus dem trockenen Lande gewöhnt, und so wurde er es immer bald müde, die Büsche zu beobachten, ohne die Gewißheit, daß überhaupt Tiere darin sind. Er watschelte dann wieder ins Wasser zuruck schwamm ein paarmal rings ums Becken herum und gedachte der fürstlichen Mahl reiten vergangener Tage, entsann sich auch jener seltsamen neuausge­tauchten Gestalten bei der Brücke, nach denen es chn so gelüstete, und aus die er dann so unglücklich Jagd gemacht hatte.

Mehr als einmal überlegte er, ob er wieder auswandern und sich in einer andern Gegend des Flusses ansässig machen solle, wo das Jagen einträglicher war. Oder wie wäre es mit der Rückkehr zu seinem ehe­maligen Wohnsitz bei der Brücke? Aber bei diesem Gedanken glaubte er plötzlich wieder seine alte Wunde am Vorderbein zu spuren; auch diese merkwürdige Muskelsteifheit war wieder da, ine er seit damals nie mehr ganz verloren hatte. Und er muhte sich gestehen, daß ihm die ganze Hungerleiderei und die mühselige Jagd auf scheue- Wild dann immer noch lieber waren als die Unannehmlichkeiten, die ihm von selten jener jagdgewandten Zweibeiner drohten, die Gleiches mit Gleichem vergalten und einem nach dem Leben trachteten.

So blieb der Riese im Becken und wurde von Tag zu Tag toll­kühner und bösartiger, in dem Maße, wie seine Beköstigung zu wün­schen übrig ließ. Er machte sich jetzt oft ganz nah an die Büffel heran, überlegte, ob er es riskieren sollte, sich unter sie zu stürzen um den ersten besten zu packen und in- Wasser zu zerren, ehe die anderen noch Zeit fanden, auf ihn loszugehen und ihn aufzuspießen Aber dann zauderte er jedesmal zu lang: die Büfsel brachen plötzlich mit einem Ruck des Kopfes da- Geschäft des Trinkens ab und machten sich auf den Heimweg, noch ehe er zum Angriff vorgegangen war. Sogar an die Löwen traute er sich fetzt näher heran; im ersten Schein des Fruh- licht- war er ihnen manchmal so nahe, daß der Lowe, wenn er den Kopf zum Trinken niederbeugte, die ungefüge Schnauze sich gegen die silbrige Wasserfläche abheben sah und sich sogleich beunruhigt zuruckzog.

So schlugen denn nach und nach alle großartigen Pläne fehl. Laut­los trieb der Riese an der Wasseroberfläche dahin, und wieder gaukelte des Nashorns gigantische Gestalt als lockendes Bild vor fernem inneren Auge. Was würde das für ein Fressen geben! Aus viele, viele Tage hinaus!

Auf dem Leopardenhägel sah es immer noch unverändert aus. An der einen Seite des Gipfels, und zwar am meisten entfernt von der Höhle des Räubers und dem Felsvorsprung, von wo er die Ebene zu beobachten pflegte, war der kieselbedeckte Grund zu einem Wechsel ausgetreten. Dieser Pfad verschwand in einem Dicket das mit seinen Sträuchern und dornigen Zweigen einen richtigen Festungswall bildete das mar die Behausung des alten Nashorns. Da- Nashorn war, obgleich es außer dem Löwen und den paar Eingeborenen, die ihm hin und wieder über den Weg liefen, keinen Feind zu fürchten hatte, mißtrauisch und legte großen Wert auf Sicherheit. Da es stets den gleichen Weg zum Ein- und Au-gehen benutzte einen durch dichtes Gestrüpp gebahnten Tunnel war es ben Wällen möglich im Lauf von vielen Jahren derart dicht zuzuwachsen, daß kein Tier hier mehr hätte durchschlüpsen können.

Wie ich früher schon einmal sagte, war das Nashorn ein ausge­machtes Gewohnheitstier: cs hielt sich bei feinen täglichen Gepflogen­heiten genau an bestimmte Zeiten und steuerte stets den gleichen Platzen auf stets den gleichen Wegen zu. Jeden Nachmittag, den Gott werden lieh, machte es sich daher, wenn die große Hitze etwas nachgelassen hatte, aus und trottete bis zum Rande des Steilhangs, ging in dre Hocke und rutschte bann aus bem Hinterteil hinunter. Drunten gab es sich sogleich ans Fressen, rupfte Gras ab, riß Wurzeln aus, streifte die Blätter von den Zweigen der Akazien, die rings zu Fußen des Hügels wuchsen, und trat höchstens einmal ein oder zwei Meter neben die selbstgebahnte Fährte hinaus. So wanderte es auf der Nord­seite um ben ganzen Hügel herum, bis es die Gegenseite erreichte, bog dann auf ben ausgetretenen Pfad ein, dem es Tag und Tag und Jahr um Jahr gefolgt war, immer äsend und gleichzeitig langsam dem Fluh zustrebenb, wo bann ein Trunk das Mahl zu beschließen pflegte.

(Sortierung folgt)

Mißverständnis.

Von vr. Owlglah.

Geh hin zur Ameise, fauler Knecht!" gebot der Weise ... ©in grüner Specht, mit rotem Schopf und leerem Magen, ließ sich das Ding nicht zweimal sagen und kam zum nächsten Aemsenhausen höchst lernb'eflissen angelaufen.

Fürwahr, hier geht es fleißig her!" durchschaute und vermerkte er.

, Da woll'n wir denn nicht müßig bleiben und gleichfalls uns die Zeit vertreiben! Stieß feinen Schnabel, lang und groß, in ben Betrieb unb fraß drauflos.

He! Halt!" rief bah entfetzt der Weife, ,chu störst ja diese Lebenskreise!

Sie soll'n doch bloß ein Beispiel geben!

Kannst du bas nicht verstehn?"Nu eben: ein Beispiel ist bazu bestimmt", .

versetzt der Specht,daß man sich - nimmt! ... Und ist in einem Zickzackbogen ironisch wiehernd fortgeflogen.

Das Herz.

Erzählung von Andrä Baron Foelckersam.

Nick fdilenberte über ben Hof. Nachts hatte es geregnet, der Hof ftanb voll Pfützen. Die Frühlingssonne schien heiß, und es roch wurmunb gut nach feuditer Erde Unter der großen Kastanie lag noch ein wenig Schnee, ein* kleisie schmutziggraue Insel, aber an ben Rotdornbuschen ftanben schon winzige blanke Knospen. Nick lief zur Kastanie und begann im brüchigen Schnee umherzustampfen. Dann ^tzte er sich auf die Fußspitzem nahm etwa- Schnee in die Hand, blickte rasch um sich, unb fühNe die Hand zum Munde. Der Schnee schmeckte körnig und leicht bitterhd). } Mis machst du da, Nick?" ries die Großmutter aus dem Fenster. Sitz nicht auf der kalten Erde!"Ich spiele!" rief N.ck ohne auszusehen. Er noch ein wenig vom Schnee. Dann begann er durch die Pfütze zu springen. E- war ein großartiges Spiel: von oben waren die Pfützen blau wie der Himmel, blickte man aber von der Seite hin, schienen sie von der Sonne versilbert, viele kleine und große Spiegelscherben. Und beugte sich Nick tief vor, konnte er sich selbst in ihrer blanken Flache

Bald wurde es Nick langweilig, durch die Psutzen zu f^mgen Er blieb unentschlossen stehen und überlegte, er jetzt tun sollte. Er sah wie Anna, die Köchin, zum Geflugelhof ging, breit und mächtig m ihrer blauweißkarierten Schürze. Nick beschloß, zu ben ©* 311 ge^en. Gr liebte es, zuzuschauen, wenn Anna b>e Ganse futterte. Eilig und laut schnatternd kamen sie herangewackelt, steckten d'° Kopse in der Schussel dicht zusammen, und schon erklang das e'fnge Tack-tack-taäk ihrer orange farbenen Schnäbel. Nick stand noch eine Weile da und blinzelte in die Sonne. Dann lief er um den Holzschuppen zum Geslugelhof. Als er um die Ecke bog, blieb er überrascht stehen.

Vor dem Schuppen saß Anna auf einem Holzklotz und h'«" °me Gans auf dem Schoß. Sie hielt die Gans mit einer Hand an den Flügeln m der anderen hatte sie einen kurzen Knüppel Sie ließ jetzt ten Knüppel fallen und hemmte die Gans fest zwischen ihre Knie. Die Gans streckte den Kopf weit vor und bewegte ihn auf ihrem langen Halse sonderbar hin und her. Nick fand, daß °r sehr komisch aussah w.e 'ie den Kops hin- und herbewegte, als wäre ihr schwindlig. Er sah, bah Anna etaa Langes unb Blitzendes in der Hand hielt, aber er konnte nicht genau sehen, was sie damit machte. Plötzlich begann d,e Gans laut mit den Flügeln zu schlagen. Nick wurde ganz heiß.Worum schlagt sie so mit ben Fliiaeln?" rief er Aber er wagte nicht, näher heranzutreten. Anna ant «oL nicht. 'Warum macht sie so?" rief Nick, seine Stimme war ganz hoch vor Erregung. Er preßte die Beine fest aneinander und blickte neu gierig auf die ©ans. Die Gans hörte plötzlich auf, mit ben Slugeln ju . schlagen. Anna ftanb auf, nahm die ©ans bei den Flügeln, und ging über ben Hof. Die Gans war jetzt ganz still, ihr Kopf baumelte auf bem langen Halse hin unb her. Nick trabte neben Anna. "Worum schlagt sie nicht mehr mit den Flügeln? Ist sie ganz tot? Ist sie tot? Wird sie n e mehr mi ben Flügeln schlagen?" Anna lachte nur.Frag nicht so viel! Morgen gibts Gänsebraten." Sie schob Nick beiseite und trat ins Haus.

Nach bem Mittag spielte Nick im Wohnzimmer, Er saß unter bem Schreibtisch bes Vaters. Es war em gewaltiger Schreibtisch, rechts un links reichten die Schubfächer bis zum Fußboden, dazwischen wor ein leerer Raum wie ein winziges dunkles Z.mmen Nick hatte M ganz klein gemacht. Er laß reglos, mit angezogenen Beinen auf dem dicken Teppich und hatte den Papierkorb vor die Oeffnung geschoben. Der pa pierkorb war die Tür. Am Papierkorb vorbei konnte N'ck die Großmutter setzen sie saß auf dem Sofa unb sprach leise mit dem Vater. Der Vater ging im Zimmer auf unb ab. Zuweilen blieb der Vater vor dem Schreib- ttsch stehen und Nick sah nur (eine Beine. Dann gingen bie 'Be>ne wwber im Zimmer auf unb ab.Sie hat trotz allem ein Recht, ihn zu seh«« , sagte bie Großmutter.Du solltest ihr erlauben, herzukommen. Der Vater antwortete nicht. Er ging im Zimmer auf unb ab und Nick sah bu Beine vorüberkommen, stehenbleiben, und wieder weitergehen. C# 1 9 sonderbar aus, wie sie so hin- und hergingen.Du hast kein Herz, Franr, sagte bie Großmutter. Die Beine bes Vaters gingen vorbei, zur xur. Die Tür schlug zu. Die Großmutter saß unbeweglich auf bem Sofa« war plötzlich sehr still im Zimmer, und Nick horte bas laute und e l'ge Ticken der großen WanduhrDu hast kein Herz", hatte d>- Großmutter zum Vater gesagt. Nick zog die Knie noch fester an sich und blickte zu Großmutter hinüber. Nach einer Weile ftanb (ie auf, ihr Äleib rasche Nick hörte sie hinausgehen.