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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1938 Montag, den 5. September Nummer 69
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Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton.
Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
9. Fortsetzung.
Drum los auf den Feind, der schon kampfbereit aufgerichtet dasteht! Im nächsten Augenblick schon sind die beiden in einem wilden Knäuel verstrickt: jeder sucht zuzupacken und ZU beißen, wo es geht. Mit wütender Leidenschaft tobt der Kampf unter Schnappen und Zuschlägen, Gebell und Gekreisch. Nach jedem Biß lassen sie sofort wieder los, um wieder an andrer Stelle zuzubeißen. Von der Felsnase aus, wo der Alte gehockt hat, geht es jetzt nach rückwärts quer über den Gipfel des Hügels, dann wieder herunter zur Zacke, und — bauz! über deren Rand hinaus nochmals abwärts bis auf einen tiefer gelegenen Felsvorsprung. Sie achten nicht der Stürze, achten nicht des Bluts, das aus ihren Wunden strömt.
Aber so ansehnlich die Körperkraft des Angreifers auch ist, der Alte verfügt doch immer noch über die außergewöhnliche Stärke und Behendigkeit, die ihm einst vor Jahren die FUhrerstellung unter den Seinen eingetragen haben. Mag sein Blick sich auch getrübt haben, mag ihn das Klettern schwerer ankommen, mag er gelegentlich nicht so tatkräftig austreten, wie die Sachlage es erheischt — einmal in Wut versetzt, ist er noch einer beispiellosen Wildheit fähig. Und allmählich gewinnt er dank seiner Stärke und seinem größeren Gewicht die Oberhand. Er drängt den Gegner zu einem Felsrand, hält ihn dort einen kurzen Augenblick fest und versucht, ihm einen mörderischen Biß in den Hals beizubringen.
Der Pavian wehrt sich verzweifelt, aber er kann es nicht hindern, daß diese langen Zähne da ihm immer näher aus den Pelz rücken, daß sie ihn jetzt gleich an seiner verletzbarsten Stelle packen werden! Da — mit einer plötzlichen Drehung kneift er seitwärts aus und — — läuft davon.
Das ist die Niederlage! Seine Herausforderung hat ein klägliches Ende gefunden: er hat den Kampf abgebrochen, um fein Leben zu retten! Die Aussicht, jemals der Anführer dieser Schar zu werden, ist auf ewig verwirkt, selbst dann, wenn der Alte sterben sollte. Als Schwächling, der im Kampf unterlegen ist, ist er von nun an der allgemeinen Perachtung preisgegeben!
Ohne auch nur einen einzigen Blick mehr nach rückwärts zu tun, klettert er den Felsen weiter hinab. Die Paviane, an denen er vorbeikommt, machen ihm Platz, weichen ihm geradezu aus: kleine Paviankinder laufen weg vor ihm und klammern sich an ihrer Mutter Brust. Jetzt gesellt sich ein Weibchen zu ihm und folgt ihm: sie schleppt ein ganz Kleines mit sich und ein größeres läuft neben ihr her.
So gehen sie in die Verbannung, sang- und klanglos, ausgeschieden aus der Gemeinschaft. Aber der Alte, bös zugerichtet zwar und immer noch blutend, nimmt mit Siegermiene seinen alten Platz auf der Felsnase Mieder ein, ohne daß ihm seine Vormachtstellung jetzt noch streitig gemacht worden wäre. Kein Pavian wagt jetzt mehr zu mucksen und auf dem Hügel wird es ruhig.
Die Vertriebenen schlugen den Weg zum Fluß ein. Daselbst angekommen blieb das Männchen stehen und schickte erst spähende Blicke über das Wasser: dann trank es und wusch seine Wunden. Später entdeckten sie einen Felsen nahe beim Ufer und erkletterten ihn bis zur Spitze.
Dieser Felsen wurde ihre neue Heimat. In der einzigen engen Höhle, die er aufwies, lebten sie von nun an, wenn sie nicht im Freien droben 3uf dem Gipfel hockten, von wo sie in den Fluß hinabschauten, oder in den Busch mit seinem Pfadgewirr, aus dem alle Tiere der Tränke zustrebten. Jeden Tag suchte der kleine vierköpfige Trupp sich seine Nahrung auf den zahlreichen Lichtungen, und begegneten sie dabei einmal ihrer alten Schar, kletterten sie geschwind in die Bäume oder -asten Hals über Kops davon.
Des Nachts waren sie sehr wachsam: denn sie mußten damit rechnen, daß ihre Anwesenheit auf dem kleinen Felsen, der so viel leichter zu nehmen war als der große weiter draußen, den verschiedenen Feinden ^icht lange verborgen blieb. Sie spähten nach jenem berüchtigten gelb- chwarz gefleckten Fellstreifen aus, der das Nahen des Leoparden ver
riet. Beim leisesten Verdacht schrien sie los, und die Kleinen klammerten sich voller Angst krampfhaft an ihre Eltern.
Obgleich die Paviane täglich auf Futtersuche auszogen, hockten sie doch oft und lange aus ihrem Ausguck, von wo aus sie Die dunklen Gestalten der Krokodile im Fluß sehen konnten, lange bevor die Tiere am Ufer auf eilig über den Wasserspiegel huschende Ringe aufmerksam wurden. Dann erhoben die Paviane jedesmal ihr Geschrei, und die Nachricht, daß Gefahr im Anzug sei, erreichte nicht nur ihre eigenen Jungen, sondern auch die andern Tiere bnyiten am Ufer. Immer und immer wieder ertönten die Warnungsschreie, wenn der Riese sich dem Ufer nahte, und Zebras, Gazetten und Wasserböcke schauten aus und stürmten davon.
Unter diesem neuen Schutz konnten die Tiere jetzt in größerer Sicherheit trinken. Mit der Zeit gewöhnten sich die Herden daran, sich auf die Warnrufe der Paviane vom Felsen ebenso zu verlassen wie auf ihre eigenen Sinne. Der seichte Kanal auf der einen Seite der Sandbank konnte vom Felsgipfel aus gut übersehen werden, und sobald an der Oberfläche eine naßgraue Schnauze auftauchte, die unter Wasser in einen undeutlich wahrzunehmenden Rumpf mit Schwanz überging, brachen die Affen in ihr aufgeregtes Geschrei aus und die Tiere brachten sich schnell in Sicherheit. Keinem kam es in den Sinn, die Berechtigung der Warnungsrufe anzuzweifeln oder etwas zu verweilen, um zu sehen, ob nicht noch genügend Zeit zum Trinken fei; beim ersten Laut machte alles kehrt und rettete sich in den Schutz der Büsche, um frühestens nach einer halben Stunde sich wieder hervorzutrauen, aber auch das nur zögernd, mit gespitzten Ohren, damit ihnen nur ja ein neuer Warnruf nicht entgehe.
Im Anfang kam es den Krokodilen noch gar nicht zum Bewußtsein, daß hier eine tiefgreifende Widrigkeit ihr angenehmes Dasein bedrohte. Wohl hörten sie das Geschrei, wenn sie in den Kanal hineinschwammen, und wußten auch, daß die Aussicht auf Beule damit für den Augenblick verflogen war. Aber dann begaben sie sich an die allerfchmalste Stelle des Kanals, wo sie so liegen konnten, daß sie sich mit den Vorder- fühen am Uferrand gerade unter Wasser festkrallen konnten, während der Schwanz ins Wasser hineinhing. Und so lagen sie wartend auf der Lauer. Dann sahen ihre kleinen Augen wohl plötzlich das erste Tier wieder zaghaft aus den Büschen heraustreten; aber kaum schickten sie sich an, aus dem Wasser herauszukommen, da ging das verwünschte Paviangeschrei wieder los!
Dieses Spiel des Wartens und des Warngeschreis setzte sich viele Tage hindurch fort. Hatten die Paviane ihre Kleinen nahe bei sich und lag die Sandbank verlassen da, so verhielten sie sich meistens ruhig, auch wenn die Krokodile in der Nähe waren und obgleich sie selber nie aus dem Zustand erregbarer Wachsamkeit herauskamen. Wenn aber eines der Krokodile sich nur regte oder der Schatten eines Blattes im Windhauch den Eindruck hervorrief, daß sich das Wasser da unten bewege — gleich wurde wieder Lärm geschlagen.
Wirklichen Frieden kannten die Paviane nur bann, wenn die Kro- kobile nicht im Kanal lagen unb wenn auch im Fluß braußen nichts von ihren lautlosen grauen Gestalten zu sehen war. Und erst bann konnten auch bie kleineren Tiere zur Tränke gehen.
kvskobil und Nashorn, ein Duell zwischen Riesen.
Nagender Hunger. — Der verführerische Braten. Tageslauf eines Nashorns. — Gang zur Tränke. Ungehörte Warnung. — Sie furchtbare Klammer. Duell der Riefen. — Langsam aber unwiderstehlich. Besiegeltes Schicksal.
Die Elefanten ließen sich's immer noch wohl fein mit Baden, Duschen, Panschen und Trinken. Was kümmerte es sie, ob Krokodile in der Nähe waren! Mochten sich die Affen drüber aufregen, soviel sie wollten! Bald darauf erschien eine Püfselherde, bei deren Anblick der Riese sich doch lieber in die Mitte des Flußbeckens zurückzog, denn so viel Büffel auf einmal schüchterten ihn doch ein bißchen ein; vergeblich hoffte er, es möchte später ein einzelnes Tier abgesondert von den übrigen noch am Ufer zurückbleiben. Jetzt kam auch das alte Nashorn, das als Nachbar des Leoparden weit dort drüben auf dem einen Hügel hauste, auf feinem eigenen stark ausgetretenen Wechsel zum Wasser herab. Es wollte sich nach des Tages Müh unb Arbeit, bie ganz feiner Nahrungssuche gewibmet waren, noch einen erfrifdjenben Trunk genehmigen. Der Riese belauerte es Tag für Tag; sah er boch, wie bie kleineren Tiere immer schwerer zu erwischen waren — würde ba dieses große Geschöpf nicht einen herrlichen Braten abgeben? Zwar kam ja auch der Löwe immer wieder ans Wasser, wenn es chm trotz der Scheu und Wachsamkeit der


