Zusammenbruch. Dann setzte das österreichische Bürgertum diese stolze lleoerlieierung fort, und Schuberts Schassen darf als sein schönster Ausdruck verstanden werden, obwohl sein Liedergeist die Grenzen des Wienerischen und Oesterreichischen ebenso gewaltig ins Gemeindeutsche überwuchs wie Beethovens weltumspannende Symphonik und Sonatendichtung. Dies Gesamtdeutsche im Oesterreicher aber verkörperte später unvergleichlich herb und stark der Liedmeister Hugo Wolf.
Zahlreiche treffliche Kleinmeister der Jahrhundertwende wie des Bindermeier wären zu nennen, die in jeder andern Landschaft ausgefallen wären — hier bleiben sie bloße Hintergrundgestalten vermöge des kaum übersehbaren Reichtums der „Wiener Klassik". Aber wieder ist es das Volksmusikantentum, das bis ganz nach oben durchschlägt: Lanner, der alte Strauß, dann die Genies Johann, Joseph und Edi Strauß, die vor allem den Wiener Walzer auf dem Untergrund des Ländlers und Deutschen zum Welterfolg entwickelten. Und Johann, den man den „musikalischsten Schädel des 19. Jahrhunderts" genannt hat, schafft die Wiener Operette zu einem Machtfaktor des Unterhaltunas- fpielplans, dem Franz Lehar den zweiten Gipfel geschenkt hat. „An der schönen blauen Donau", „Geschichten aus dem Wiener Wald", „Wiener Blut", „Rosen aus dem Süden" — sie sind zwar nicht in dem Maße wie Schuberts „Deutsche Tänze" Ausdruck des Oesterreichertums schlechthin, sondern höchstens Spiegelungen des Zeitalters Franz Josephs geworden, als solche aber höchste Beispiele schwungvoller Inspiration. Wie haben ein Brahms und Richard Wagner diese Kunst geschätzt und' bewundert ...
Einer jedoch hat das Oesterreichertum nicht nur von der Barockzeit bis zur letzten Romantik, sondern geradezu die ewige Slldost- mark seit „heidnischen" Dörperzeiten aus unsterbliche Weise zusammengeballt und uns bezaubernd, ja erschütternd vor die Herzen und Sinne gestellt: der Schulmeister von Windhag in Oberösterreich, der Stiftsorganist von Sankt Florian: Anton Bruckner. In seinen neun Symphonien und drei Messen, dem Streichquintett und den Männerchören mit Hörnern und Jodlerstimmen lebt die Urstimme der herrlicken Landschaft vom Schneeberg und Kahlenberg, vom Mühlviertel und den prunkvollen Donaustiften herabgesehen, jauchzen und necken die fröhlichen weingesegneten Gesellen aus der Wachau und aus dem Bandlkramer- landl, hier sprechen Alpenstürme, der düstere Hallstadtersee schaut auf, und der deutsche Michel träumt ins Land hinaus.
In den Tagen der Schlacht auf dem Marchfeld, da der Unverzagte sein Spottliedchen auf den Geiz Rudolfs von Habsburg fang, bestaunte freundlich der gelehrte Benediktiner-Abt Engelbert von Admont (im nordsteirischen Ennstalj das Gottesgeschenk der österreichischen Spielleute, die ohne kirchliche Musiktheorie „ganz richtig kadenzieren"; es ist im Grunde noch dasselbe, wenn der treffliche Wiener Hofkapellmeister über den freiwilligen Prüfling Bruckner staunend sagte: „Er hätte uns prüfen sollen!" Und so steht das schwerer zum Sprechen zu bringende Deutschland dem unerschöpflich quellenden Musiziergeist Oesterreichs, den heute etwa W. Kienzl, Reznicek, Bittner, Jos. Marx, Jos. Reitter, Frischenschlager, Jos. Meßner, Franz Schmidt, Franz Moser, Richard Stöhr verkörpern, in freudiger Anerkennungsbereitschaft gegenüber, stolz darauf, daß auch hier das gemütvolle Anzengruber-Wort Wirklichkeit werden soll: „Heimgefunden".
Der römische Brunnen.
Bon Conrad Ferdinand Meyer.
Ausfteigt der Strahl, und fallend gießt er voll der Marmorschale Rund, die, sich verschleiernd, überfließt in einer zweiten Schale Grund;
die zweite gibt, sie wird zu reich, der dritten wallend ihre Flut, und jede nrtnmt und gibt zugleich und strömt und ruht.
Ser Tod der Annette von Droste-Hülshoff*).
• Von Hans Franck.
... Co kommt das Jahr 1848 heran. Die Welt ist in Aufruhr. Unterstes wird noch oben, Oberstes nach unten gekehrt. Fürstenthrone stürzen. Ueberall wird die Republik erklärt. Vor dem Rathaus in Meersburg ruft ein Konstanzer Revoluzzer die neue Staatsform aus. Ein aufgewiegelter Volkshaufe stürmt zur Burg. Man fordert Herausgabe aller Waffen. Die Frauen fliehen in die hintersten Gemächer. Lahberg tritt den Frei- fchürlern entgegen und weigert ihnen fein Eigentum. Vor dem aufrechten Mannestum des fast Achtundsiebzigjährigen ducken sich die Aufrührer und ziehen wieder ab. Als der Burgherr zu den Frauen kommt, liegen sie auf den Knieen und beten für die Erhaltung feines Leibes; wenn aber »ie wüsten Menschen ihn doch erschlagen sollten, bann für eine gnädige Heimfahrt feiner Seele. Lachend hebt Joseph, Freiherr von Laßberg die verwirrten Droste-Schwestern vom Boden auf.
ort Al) öiefem 2Ibenb packt Annette ihre Koffer und richtet alles zur Abreise her. -sie will bereit sein zu jeder Stunde. Wenn noch einmal bewaffnete Manner über die Schloßbrücke stürmen, bann wirb sie auf einem nur wenig bekannten Wege bie Burg verlassen und abfahren.
* Wir entnehmen diesen Abschnitt dem Werke „Annette", Droste- Roman von Hans Franck, 50. Tausend, Adolf Sponholtz Verlag, Hannover, mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Nicht nach Deutschland. Dort ist keine Ruhe, kein Frieden. Sondern nach der Schweiz. Nach drüben. Ans andere Ufer.
Der 10. April kommt, Laßbergs achtundsiebzigster Geburtstag. Der Husten quält Annette so, daß sie dem Schwager ihre Glückwünsche nicht persönlich überbringen kann. Sie schickt ein Gedicht nach oben. „Liebe", heißt das Wort, in das es ausklingt.
Immer heiterer, immer ruhiger, immer friedlicher wird Annette. Am 16. Mai schreibt Lahberg der Mama nach dem Rüschhaus, dah es Nette gutgehe, so gut wie seit Jahr und Tag nicht mehr. Gesund sehe sie jetzt aus. Geschafft! Das kann man auch füglich verlangen von dem Kiekindiewelt. 51 Jahre! Wenig mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, den es hinter sich zu bringen gilt! Er habe vor kurzem Obstbäume gepflanzt und rechne mit Sicherheit darauf, dah sie beide im Schatten dieser Bäume sitzen und sich ihre Früchte wohl schmecken lassen werden.
Am 19. Mai machte Annette einen Spaziergang im Burggarten. Sechstausend Schritt zählt sie. Mehr als seit langem. Und sie ist trotzdem nicht müde. Auf ihren Wunsch singt Jenny mit ihr, wie in alter Zeit, ein Duett. Sie begleitet es an ihrem Spinett.
Drei Nächte darauf wird Annette von Bluthusten überfallen. Nicht schlimm! Wird vorübergehen. Dennoch weckt sie die Jungfer, welche ständig im Nebenzimmer schlafen muh, und bittet, den Arzt zu rufen. Dr. Kraus ist schnell zur Stelle. Denn er weilt noch als Gast bei Lahbergs auf der 'Burg. Der Kranken zeigt er ein hofsungsvolles Gesicht. Den Verwandten verhehlt er nicht, dah es ernst steht. Auch in den nächsten Tagen Bluthusten. Aber der Auswurf nimmt ab.
Am 24. Mai, nach durchschlafener Nacht, ist Annette wohler als seit vielen Wochen. Der Atem geht leichter. Der Husten quält sie nicht. Das Blut bleibt fort. Die Schwester ist während des ganzen Vormittags bei ihr und matt.an einem Bilde. Annette bewundert es sehr. Um bie Mittagszeit geht Jenny nach oben zum Essen. Hildegund und Hildegard bleiben bei der Kranken. Dann geht auch Gundel. Nur Hillala, ihr Liebling, ihr Kind, ist bei Annette. Das Mädchen bringt etwas zu essen. Annette kostet, als es wieder gegangen ist, die Speise. Bekommt einen HustenaAfall. Wirft Blut aus. Nicht viel. Aber sie schickt Hildegard nach oben. Der Arzt, der mit den Eltern zu Tisch sitzt, soll kommen. Keinesfalls sogleich. Sondern erst wenn die gemeinsame Mahlzeit vorüber ist. Dr. Klaus aber eilt unverzüglich nach unten. Jenny folgt ihm auf dem Fuße. Lahberg humpelt hinterdrein. Als der Arzt das Zimmer betritt, atmet Annette nicht mehr. Allein — von keinem Menschen betreut, beweint, bebetet — hat das große leidenschaftliche Herz Annette von Drofte- Hülshosfs feinen letzten Schlag getan.
Des selben Tages schreibt Joseph, Freiherr von Laßberg an seinen Freund Ludwig Uhland: „Die Droste ist entschlafen. So ruhic und schnell starb di übe Nette, daz si, eh sie es selber dachte, schon an der tuer des Himmels stand".
Der Wunsch Thereses von Droste-Hülshoff, daß Nette vor ihr zu Grabe getragen werden möge, hatte sich erfüllt. Als sie im Rüfchhaus die Kunde von dem Tode ihrer jüngsten Tochter erhielt, sagte sie: „Ihr ist wohl". Dann richtete die Sechsundsiebzigjährige sich aus und ging an ihr Tagewerk.
Jenny aber, Hildegund und Hildegard weinten viel.
In dem weihen Brautkleid der Schwester, dem Tode anoerlobt, lag Annette auf ihrem Lager. Weiße Rosen hatte man in ihre Hand gegeben; unberührte Rosen, die am Morgen vor ihrem Fenster erblüht waren, so daß man nicht auf die Suche nach ihnen zu gehen brauchte, sondern nur nötig hatte, den Blumen, die sich drängten, bei Annette zu sein, die Fenster aufzumachen, daß sie im Sterbezimmer waren.
Am 26. Mai, einem sornrnerhellen Tage, wurde die Droste zur letzten Ruhe gebracht. Man trug den Sarg über die Burgbrücke, durch verwinkelte Stadtgaffen, an Weingärten, blütenüberfäten Hängen, am Fürstenhäusle vorbei durch Felder zum Friedhof aus der Höhe. Joseph, Freiherr von Laßberg und sein'nunmehr einziger Sohn aus erster Ehe folgten ihm. Aus der Umgegend waren adlige Bekannte gekommen, um der Schwägerin des Burgherrn das letzte Geleit zu geben. Einwohner Meersburgs schloffen sich an; erst einige, dann mehr, immer mehr, zumeist Leute aus dem Volk. Denn allen war das kurzsichtige gebückte Fräulein, von dem es hieß, daß sie ein wenig wunderlich sei, lieb gewesen.
Aus dem Begräbnisplatz der Familie Laßberg wurde als erst« Annette von Droste-Hülshoff beigefetzt. Nicht etwa mitteninne, fo daß alle Späteren den Kreis um sie schloffen. Sondern seitab. Wie im Leben — so im Tode.
Der Grabstein Annettes zeigt das Wappen der Droste, den geflügelten himmelanspringenden gekrönten Fisch. Unter Namen und Daten steht zu lesen: „Ehre dem Herrn!"
In ihrem dichterischen Lebenswerk hat Annette sich mit den „Letzten Worten" einen anderen Todesspruch gesetzt. Diesen:
„(Beliebte, wenn mein Geist geschieden. So weint mir keine Träne nach;
Denn, wo ich weile, dort ist Frieden, Dort leuchtet mir ein em’ger Tag!
Wo aller Erdengram verschwunden, Soll euer Bild mir nicht vergehn. Und Linderung für eure Wunden, Für euern Schmerz will ich erstehn.
Weht nächtlich feine Seraphsflügel Der Friede übers Weltenreich, So denkt nicht mehr an meinen Hügel, Denn von den Sternen grüß' ich euch!"
Friede--Friede---Gott schenke ihn uns allen! Amen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei A.Lange, Gießen.


