Ausgabe 
5.8.1938
 
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Abendlied.

Von Matthias Claudius.

Der Mond ist ausgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und fchön!

So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Lustgespinste Und suchen viele Künste Uni) kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns steun!

Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod!

Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen, Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen!

Und unfern kranken Nachbar auch!

Oesterreich in der deutschen Musikgeschichte.

Von Hans Joachim Moser.

Nicht nur dank der Begünstigung durch Klima und Natur, sondern it allem auch durch glücklichste Mischung der Stämme und Rassen- tyitn ist die Ostmark an der Donau seit fast tausend Jahren zu einer bedeutendsten Musiklandschaften des deutschen Kulturreichs, ja der Bit geworden: der Hauptmasse der im Stromtal abwärtsdrängenden Bibern gesellten sich von Sudetendeutschland und Schlesien her Ober­in* mittelfränkische Kolonisten, und wenn das bajuvarifche Jodelstnger-

über den Brenner südwärts wanderte, so kamen ihm ebenso mustk- nndige Alamannen vom Engadin, aus Allgäu und Vorarlbergs in die sinke Dinarisches, Ostisches und Nordisches gaben fick tonendes ^lldichein vom Bregenzer bis zum Wiener Wald, bis ins Burgenland -r* nach Gottfchee hinüber. Und immer wieder, wenn Türkeneinsalle Üi^derösterreich und Steiermark verheerten, rückten liedgewohnte Sieö- sskcharen aus Pfalz und Schwaben, aus Franken und Hessen ms itnaubetfen nach die Zuzügler Gluck (aus dem Bayrischen -Bolo), 8 ethoven (aus dem Kurkölnischen), Schubert laus Oesterreichisch- ^lesien), Brahms (von der niederdeutschen Waterkant) können wie ichträgliche Symbolträger jener Anziehungskraft gedeutet werden, die 1 Oesterreichertum der deutschen Musik hat entstehen lassen Dabei Ken sich (unter geringer Einstrahlung der vorgefundenen slawischen magyarischen Anrainer) deutlich unterscheidbare Stammesmerkmale M) im Volksgcsanq entwickelt, die steirischen, falzburgischen, kartne- sishen, Tiroler, ober- und niederösterreichischen Sonderarien des Vieber- tzes, seiner Ausführungsformen, seines Grundklanges drangen sich hellhörigen sofort entgegen, obwohl die gleichen Dominanten überall K«usschauen, die dasbairisch-Aelplerische" und dasosterreichisch- »ewelgerische" vielleicht am ehesten heißen dürfen.

,/Südostmärkischer Gesang meldet sich seit spatkarolmgischer Zeck da !>Öer aus den Tod Herzog Erichs von Friaul erklingen, und der Bischof ?>»>ther von Bamberg sich auf seinen kärtnerlschen Gutnn w " ks elleuten über Dietrich von Bern und die Rabenschlacht vorsingen

Mit dem Kürenberger, der seine Burg bei Linz hatte, er- '>t sich der deutsche Minmsang, über dessen Anfänge der Qeftrenge limricf; von Melk grämelte, und in »Kurenberges Werse ward die 1* Gestalt des Nibelungenliedes für Bischof P'lgram von Passau ver- A, nachdem schon jahrhundertelang die Blinden aus der osterreich) sch

elungenstrahe von Kriemhild und Rüdiger von Pöchlarn gesungen Viten. Am Wiener Hose Leopolds von Babenberg sangen »die fuße WigaU von Hagenau" und der junge Walter von der Bogel 'ube, ebenfalls dann der derbe Neichart von Neuental und der

Stuttgart und

bis hinauf

86jähriger Hofkapellmeister Ferdinands I. die müden Augen, und fein Schüler Arnold von Bruck (Dechant zu Laibach") folgt ihm im Amt nach, in ganz Deutschland wegen seiner Liedsätze und Motetten bewundert. Bald danach empfängt das Reich aus Wien bk lustigste, aller Ouodlibet- fammlungen, die dort ein rheinpfälzischer Schulmann, Wolfgang Schmeltzl, mit Hilfe österreichischer Kleinmeister herausgegeben hat, und man singt schmunzelnd dieBauren von Sankt Pölten". In Prag aber beginnt der Krainer Jakob Handl (Gallus) seine mehrchörig- glanMvllen Kirchenwerke zu schreiben, die ihn zumdeutschen Gabrieli" stempeln, während in Salzburg und Innsbruck der Freisinger Joh. Stadtmayr sich zu einemdeutschen Palestrina" entwickelt und der Tiroler Franziskaner Blasius Amon den Wienern treffliche Motetten schreibt. Am Anfang des Barockjahrhunderts liefern Isaac Posch in Laibach und Paul P e u r l in Steyr reizende Beiträge zur deutschen Tanzsuite für Orchester, und ein Andreas Hofer liefert Salzburger Messen hier blüht die Kirchenmusik durch E b e r l i n, Leopold Mo­zart, Adlgasser, Michel Haydn.

Daß Wien allnächtlich von dem Lautengeklimper der Ständchen­musikanten widerhallte, berichten Fremde ebenso aus dem 15. wie 17. Jahrhundert, und der Pater Abraham a Santa Clara hat ihr Aus­rücken vor der Polizei in ergötzlichen Versen geschildert. Eine unver­gleichliche Musikstadt von der Heurigenkapelle (Vratlgeiger) der Volks- musikanten man denke an den armen Augustin! bis hinauf zum Kaiserhaus: von Leopold I. bis zu Karl VI. sind die Majestäten gelernte Tonsetzer gewesen, die kleine Maria Theresia fang in öffentlicher Messe die Soli, und die Erzherzöge sahen am Generalbaß. Größten Glanz entfaltete die Hofopfer, die alle venezianischen Meister auffuhrte und in Heinrich Schweitzer einen trefflichen Ballettkornponisten be­saß dieser und Ignaz Franz v. Biber eröffnen auch die öster­reichische Violinvirtuosenschule, die über Dittersdorfs, May- f eb er, Element (ben Empfänger von Beethovens Violinkonzert), Jakob D o n t und Joseph Böhm bis zu den Hellmesbergers reichen sollte. Die Wiener Klavier- und Orgelmeister dagegen waren meist Zugereiste: Froderger, ein Stuttgarter, Poglietti^ den 1683 die Türken erschlugen, ein Italiener, K e r l l, Bayer, Pachel­bel, Franke Muffat, Elsässer, aber der alte treffliche Wagen­seil, den sich das Kind Mozart zum Umblättern erbat, echter Wiener.

Zu Beginn des Rokokojahrhunderts beherrschte die österreichische Musik der noch heute verehrte Kontrapunktlehrer Joh. Jos. Fux, ein Steirer der ebenso in Messen von altem und neuem Stil wie mit Orchestertänzen und Opern geglänzt hat. Heber die beiden Reutter, die an Sankt Stephan die Kantorei regierten, geht es dann zu Antonio Caldara und Joh. Adolf Hasse, die den italienischen Opernprunk gleichermaßen beherrschten. Ihre Herrschaft brach erst Gluck, dessen O r f e o" (1763) die große Opernreform zum Musikdrama hin eröffnete, während er für den kaiserlichen Familiengebrauch in Schönbrunn die Fülle seinerreschen" sranzösischen Spielopern schrieb. Welch herrlichen Aufschwung erlebte die österreichische Symphonik und Kammermusik mit Joseph Haydn aus Rohrau im Burgenland, der zu Eisenstabt wirkte und in Wien starb! Und welche Segenskräfte erwuchsen ber Welt aus der Vereinigung augsburgischen und salzdurgischen Geblüts >n Wolfgang Amadeus Mozart! Das deutscheNationalsingspiel" des Patrioten Kaiser Joseph II., mit denBergknappen" von Umlauf 1778 eröffnet (un gleichen Jahr beginnt auch mit Anton Steffan bas Wiener Lied), er­lebte in MozartsEntführung" den künstlerischen Höhepunkt; als bald danach bei Hofe die Italiener siegten, mit deren Kräften immer­hin Figaro"Don Giovanni" undCosi fan tutte" in die Welt traten, mußte die ,Äauberflöte" sich mit dem volksnahen Vorstadttheaterchen Sckikaneders begnügen kein Papageno ohne den Wiener Volks- qeist! Dittersdorf, Schenk, W. Müller führten das Bolks- finqfpiel weiter. Die gleiche Hochkultur des österreichischen Adels aber, bie den Streichquartetten Haydns, den Sonaten und Klavierkonzerten Mozarts Heimat und Voraussetzung geboten, schirmte auch die steile Aufwärtsentwicklung des jungen Beethoven bis zum napoleonischen

närrisch verliebte Ulrich von Liechtenstein ihre dörperlichenreie", denen aus Tirol der von Sunnburg und (nach soviel Typisierendem) als der erste große Realist der deutschen Lyrik der wüste und doch geniale Oswald von Wolkenstein antworteten, mit dem die deutsche Mehrstimmigkeit ihren ersten Meister gewinnt. Kurz vor ihm, Ende des 14. Jahrhunderts, hatte Hermann derMünch von Salzburg" am Minnehof des Salzburger Erzbischofs die alten Falkenmotive der Küren- bergzeit aus Spielmannsbrauch erneuert und Tageliedszenen, plastisch dramatisiert bei ihm begegnet als jennerischer Singtanz ber erste taktwechselndeZwiefaltige" von merkbarer Alphornmelodik. In den Klöstern zu Mondsee und Lambach sang man luftige TOartin-jtanons. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts aber taucht ein erster Eigenwuchs geistlicher Polyphonie in Wien auf von dem Stephanskantor Her­mann Edlerauer sind erst jüngst Motetten und Mesfensätze entdeckt worden. Dann entsteht zu Graz und Wiener-Neustadt die Hoskavelle Kaiser Friedrichs III., und ihr reiches Repertoir wandert zum beutschen Domkapitel nach Trient, wo es ber Bischof Hinderbach in unschätzbaren Folianten auffdjreiben läßt bie Messe über das beutschmährische Lied Nun laube, ßinblein, taube" ist eines der schönsten Beispiele unter fast zweitausend Stücken jenes-Schatzes. Um 1490 ist Innsbruck Mittelpunkt des österreichischen Musiklebens: in der Kapelle des durch den Schwazer Silberbergbau reichgewordenen Erzherzogs Sigismund prangt ber aus Radstatt in ben Touren gebürtige Orgelmeister Paul Hofhaimer, beffenengelhafte" Hofweifensätze heute wieder in ber Jugendmusik leben, und der Flame Heinrich Isaac singt hier (vielleicht in des jungen Kaiser Maximilians Namen) das unsterblicheInnsbruck, ich muß dich lassen". Wenige Jahre spater, und der junge Schustergesell Hans Sachs aus Nürnberg dichtet und melodiert zu Braunau am Inn

seine edleSilberweise" (1516).

Auch in Oesterreich blüht die altdeutsche Liebbearbeitung au,= höchste Heinrich Finck, der Meister gewaltiger, spätgotischer Messen für ~ ' Salzburg, schließt 1527 im Wiener Schottenkloster als

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