Jahrgang 1958
Sreitag, den 5. August
Nummer 60
SieheiierZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
w
Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis.
Von Cherry Kearton.
Copyright by 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
Vorwort.
Einigen meiner Leser, die Afrika und seine Tierwelt nicht kennen, mögen manche besonders seltsame Berichte dieses Buches unglaubwürdig erscheinen. An sie ist dieses Borwort gerichtet.
Es ist heutzutage üblich, daß der Verfasser seiner Geschichte die Versicherung vorausschickt, alle darin vorkommenden Personen sowie die ganze Handlung seien lediglich seiner Phantasie entsprungen. Nicht so hier! Ich habe zum Beispiel das beste aller Beweismittel dafür in Händen, daß das Riesenkrokodil nicht nur in meiner Einbildung existiert: denn als ich vor neunzehn Jahren Afrika von Ost nach West durchquerte, habe ich es photographiert, was ich übrigens mit allen anderen in diesem Buche auftretenden Tierarten ebenso gemacht habe. Und was die Begebenheiten anbelangt, so entsprechen sie vollkommen der wirklichen Natur, wie ich selbst sie im Zeitraum von zweiunddreißig Jahren in der afrikanischen Wildnis von Grund auf beobachtet und erlebt habe.
Der Zweck dieses Berichtes ist: in Form einer Erzählung das natürliche Leben der Tiere Afrikas zu schildern, ehe es durch das Austreten des weißen Menschen in seiner Ursprünglichkeit beeinträchtigt wurde.
Es wäre eine Genugtuung, wenn dieses Buch als eine Art Damm wirkte gegen die Flut der ständig neu erscheinenden Tiergeschichten, die häufig entweder aus gänzlicher naturwissenschaftlicher Ahnungslosigkeit heraus entstanden, wo nicht gar absichtliche Zerrbilder sind. Das gleiche gilt auch vom Film, der oft durch doppelte Aufnahmen und allerhand andre Kniffe die Tiere in völlig unnatürlichen Situationen zeigt und auf die Weise ganz falsche Vorstellungen über ihr eigenliches Wesen erweckt. Die Leute, die sich bemühen, uns in Büchern und Filmen „Sensationen" zu bieten, sind offenbar manchmal des Glaubens, daß der in dieser Hinsicht etwas mangelhaften Natur durch „Kunst" nachgeholfen werden müsse und daß das Leben der wilden Tiere gehörig der „Aufpulverung" bedürfe.
Vielleicht gelingt es chiesem Buch zu zeigen, daß die Wirklichkeit unter den Tieren Afrikas nicht nur eigenartiger ist, als die landläufige Vorstellungswelt sie sich malt, sondern daß sie auch an Momenten atemraubender Spannung nichts zu wünschen übrig läßt.
Ein Tal in Afrika.
Tierparadies — aber dennoch kein Friede.
Das Jagdrevier des Löwen.
Der Mensch, der nach und nach von allen noch im Urzustand befindlichen Teilen der Erde Besitz ergreift, der Dschungel in Weideland verwandelt, der an der Stätte, wo einst Urwälder sich ausdehnten, Häuser und Straßen erstehen läßt, hatte damals jenem Tal noch nicht seinen Stempel aufgedrückt. Zwischen der durchbrochenen Hügelkette, die das Tal nach Süden begrenzt, und den Bergen auf der Nordseite gab es weder Wege noch Brücken geschweige denn Häuser. Viereinhalb Kilometer westlich über den letzten Hügel hinaus lag auf offener Ebene ein Eingeborenendorf. Ein anderes konnte man auf den Vorbergen des nördlichen Gebirgszuges liegen sehen. Ein jedes hatte Wasser und Nahrung in nächster Nähe, und wenn auch gelegentlich einmal eine Schar Eingeborener zum Fluß herabkam, der sich durch die Mitte des Tals wand, so blieben doch die welligen Abhänge zu beiden Seiten des Wassers der ungestörte Tummelplatz der wilden Tiere.
Zwischen den beiden Bergzllgen neigte sich das Gelände zuerst allmählich, dann immer steiler zu den Flußufern herab. Der Boden war Zum großen Teil mit bräunlichgrünem Gras bewachsen: manchmal stand es so hoch, daß es einem Menschen bis zur Hüfte reichte. Hier und dort wuchsen vereinzelte Akazien. Stellenweise war das Land dicht bewaldet. Felsige Hügel vulkanischen Ursprungs erhoben sich jäh und unvermittelt aus dem Boden: durch die Mitte des Tals zog sich als langer schmaler gewundener Streifen ein dichtes Gewirr von Busch- und Baumwerk, durch das der Fluß strömte, hier gemächlich zwischen hohen Userrändern — dort munter in Stromschnellen sprudelnd.
Auf den höheren Felshügeln lebten Nashorn und Leopard: auf tiefer gelegenen Vorsprüngen schliefen, schnatterten oder spielten die Paviane.
In der Ebene hausten Löwen, Giraffen, Büffel, Zebras und viele Arten von Antilopen: Flußpferde, Krokodile und Schildkröten bevölkerten den Fluß, und überall wimmelte es von Vögeln und buntschillernden Insekten.
Das Tal war noch ganz so, wie die Natur es geschaffen hatte; da grünte und wucherte es und die dort lebenden Geschöpfe hatten noch nichts von jenem unnatürlichen überscheuen Wesen, das ausnahmslos die Tiere dort befällt, wo der Mensch einmal Jagd gemacht hat. Aber dennoch herrschte hier kein Frieden. Das alte Nashorn, das auf dem Kamm einer Felsrippe nicht weit vom Fluh hauste, stand dann wohl dösend in der Hitze des Tages unter einer Akazie und war sicher vor Gefahr, solange es die Schmarotzervögel aus seinem Rücken spürte: aber wenn sie davonflogen, war es auf der Hut, — dann schnüffelte es unsicher umher, noch ganz im unklaren, welcher Art die Gefahr war und aus welcher Richtung sie drohte. Am Fuß des Hllgelrllckens weideten in der Ebene Kuhantilopen, Zebras und Pallahs: aber e i n Tier von jeder Herde stand immer abseits — das war die Schildwache. Weiter weg vom Fluß — der Boden war hier wie übersät mit Akazien — knabberten Giraffen an Blättern oder streckten mit weit gespreizten Beinen ihre langen Hälse bodenwärts, um aus Wassertümpeln zu trinken; aber immer waren sie wachsam, ob nicht das Gras in ihrer Nähe von einem anschleichenden Feind bewegt wurde.
Denn hier war das Jagdrevier des Löwen, und von einer Felszacke herab spähte der Leopard nach Beute aus; immer lauerten Hyäne und Schakal auf die Ueberbleibsel des Fraßes, und hoch in der Luft kreisten die Geier in ewiger Erwartung des Augenblicks, wo sie herniederstoßen konnten, ihr Amt als Strahenreiniger zu versehen. Der Gepard brüllte durch Wald und Ebene; die Pythonschlange lauerte im Geäst; der Waran buddelte Krokodileier aus, um sie zu verschlingen, Hyäne und Löwe schleppten die Straußenjungen davon. Kein Geschöpf konnte ohne Furcht Hunger und Durst stillen: die Tiere/ die zum Trinken an den Fluß oder an die Tümpel kamen, zögerten immer zuerst, standen eine Weile regungslos still, gingen oft sogar wieder, ohne ihren Durst gelöscht zu haben. Schrecken fährt unter Gazellen oder Paviane, wenn nächtlicherweile durch das Tal das Knurren des jagenden Löwen ober das Keuchen des Leoparden tönt; Schrecken packt sie, wenn eine Bewegung im Wasser das Krokodil ankündigt, das lautlos herannaht, um nach feiner Beute zu schnappen.
Schallen Im Fluh.
Marsch zur Tränke. — Die verräterischen Grashalme.
Ein unheimlicher Fluß. — Das Riesenkrokodil.
Aus dem Dorf, das mit feinen aus Lehm und Stäben gebauten Hütten auf einem niedrigeren Berghang liegt, kommt eine Schar Eingeborener herab. Die Sonne, die gerade über ihren Häuptern steht, läßt die Spitzen ihrer Lanzen und die kurzstieligen Aexte, die einige von ihnen tragen, auffunkeln und spiegelt sich auf der glänzenden Haut ihrer Schultern.
Sie gehen im Gänsemarsch und treten das Gras zu einer schmalen unregelmäßigen Furche nieder, in der sich vielleicht bald hinter ihnen die leichter geknickten Halme wieder aufrichten werden, — und dann verrät nur noch eine schwach aufgerauhte Linie, daß hier Menschen gegangen sind. Sonst zeigt das Grasland überall eine ununterbrochene Oberfläche matten Grüns, das sich sanft im Winde bewegt.
Die Männer bringen behutsam weiter vor; dabei halten sie Ausschau nach einer plötzlichen Bewegung im Gras, die vielleicht eine nahenbe Gefahr anzeigen könnte; benn bas Gras steht hier einen Meter hoch und bildet eine großartige Deckung für jedes jagende Tier. Einmal bleibt der Führer stehen, zeigt nach links, wo die- Grashalme sich heftiger zu bewegen scheinen als die in der Nähe; aber nichts zeigt sich über der Oberfläche, und jetzt läuft das kleine Wesen, welches das Gras in Bewegung gebracht hat, davon. Eine leicht wogende Zick-Zacklinie, die schließlich in der Ferne verschwindet, verrät seinen Weg.
Jetzt setzen sich die Männer wieder in Bewegung und gelangen endlich durch einen Wall von Gestrüpp und Bäumen an eine Stelle, wo der Fluß auf eine Reihe kleiner Inseln stößt und sich in vier schmälere Arme teilt, die sich ihren Weg durch das höhere Gelände bahnen, um sich schließlich weiter unten wieder zu vereinigen. Hier läßt sich gut eine Brücke bauen! lieber jeden der vier Wasserarme braucht nur ein abgehauener Baumstamm gelegt zu werden. Und so wählen sie denn am Ufer stehend einen Baum, der mit seinen Aesten bis zur ersten der kleinen Inseln reichen wird, und machen sich mit ihren Aexten an die Arbeit.
An dieser Stelle fließt der Strom von dichten Baumreihen eingefaßt zwischen steilen Ufern dahin, die an die zweieinhalb Meter hoch und ganz von üppiger Vegetation überwuchert sind. Lange schlanke Palm- zweige drängen sich durch die blaßrückigen Blatter der wilden Banane


