November.
Non Joses W e i n h e b e r*.
Im Kirchhos brennt das stille Licht.
Die Toten ruhen, weine nicht.
Geborgen In der Erd, vergeht der Sc-im, um daß er aufersteht. Martini Reis, Andrea Schnee, die Magd tragt aus ihr süßes Weh. Nom Hochwald dröhnt der Biichsenhall, es stampft das Vieh im warmen Stall, der Nebel hüllt das stille Land, die Kerze ist herabgebrannt.
Lah frosten, las; vergehn, laß schnein!
Der Mensch muss wach und einsam sein.
Deutsche Musiker der Gegenwatt.
Von Dr. Erwin Kroll.
'ft e'” cro'9 flutender Begriff, zumal, wenn er aus die Kunst bezogen wird. Das Heute ist hier ohne das Gestern und Vorgestern nicht denkbar. Auch im Reiche der Musik leben und wirken Großväter, Väter und Söhne nebeneinander, und was immer geschossen wird, es ist irgendwie generationsmäspg bedingt, jo jehr den Schassen- den Persönlichkeit und Können über Umwelt und Mode hinaushcben, so sehr die Grenzen der Generationen sich ineinandcrschicben Und überlagern mögen. Im Folgenden werden führende deutsche Gegenwartsmusiker geschildert. Die Auswahl beschränkle sich aus besonders charakle- ristische Vertreter der drei Generationen. Den Anfang machen die „Gros,- väter", die noch lebenden Spütromantiker, die, mit dem ungeheuren Erbe Wagners belastet und im Kulturboden des Zweiten Reiches wurzelnd, zu eigenen Prägungen gelangten, die auch heute noch Geltung haben. Ihnen folgen die „Väter", d. h. Schaffende der mittleren Gene- ration, die von der „Krisis" der Spätromanlik aus über Atonalität und Chaos hinweg Brücken zu Neuem schlugen. Den Beschluß bilden die „Söhne", die mit diesem Neuen ausgewachsen sind und er gemäß den Forderungen des Tages weiterzuführen haben.
Richard Strauß.
Unter den deutschen Komponisten ist Richard Strauß nicht nur einer der ältesten — voller Schassenspläne schreitet er rüstig ins 75. Jahr —, sondern auch der am weitesten hin berühmte. Der große Orchesterzauiierer, der Vollender der sinfonischen Dichtung, der Mehrer deutschen Opern- gutes nimmt eine unvestrittene Führerstelluna iln europäischen Musikleben ein. Er hat Jahrzehnte hindurch als Dirigent und Vorkämpfer für die Standesinteressen (einer Berufsgenossen das Seine getan, und was fein kompositorisches Schaffen angeht, jo haben wir die Genugtuung, daß sich die deutsche Spätromantik nicht allein in Psißners jenseitiger, ganz verinnerlichter Kunst erfüllt, sondern daß sie auch die Bllltenträume eines froh i!eben9bejaf)en'bcn hat leuchtende Wirklichkeit werden lassen.
Wie es Maler gibt, denen die Farbe wichtiger ist als die Zeichnung, so leuchtet das Straußsche Orchester tausendfältig bunt auf. Es ist nicht möglich, sich der Magie seines Klanges zu entziehen. Dazu eignet dem Melodiker Strauß die bezwingende große Geste des Ausdrucks Seine Tonsprache weist eine bis dahin noch nicht erreichte Ausdrucksfähigkeit auf, die vom Blöken einer Hammelherde bis zum brünstigen Liebes- gefang eine» Schürzenjägers, vom Klirren zerbrochener Zöpfe bis zu kulinarischen Schlemmereien, vom Skatklopfen bis zur Raserei hysterischer Weiber reicht. Es gibt im Bereiche des Lebenden wie Leblosen nichts, was Strauß nicht überzeugend in Töne sehen könnte. Zu solchem Ausdrucksreichtum kommt ein echt bajuwarischer Witz, der getragen wird von jenem Willen zum Spielerijchen, das stets den Ausgleich des Sehn- suchtsftrebens der Romantik bildete. So sührten „D o n I u a n" und „Till E u l e n s p i e g e l" in die Welt der Abenteuer, und hinter ihnen steht ein Komponist, der sein Ich auch sonst — man denke an die „S i n f o n i a d o m e s t i c a" und die Oper „Intermezzo" — in seiner Musik widerspiegelt. Es ist das Ich des Lebenskünftlers, der feinen Weg von Anfang an zielbewußt ging und jeden Umweg mied. Man versteht es, daß dieser Künstler, mag ihm auch nichts Menschliches sremd sein, doch lieber den farbigen Abglanz alles Irdischen sucht, als in die Tiefen der Welträtfel taucht.
So hat Strauß uns jein Bedeutendstes nicht in intimer Lied- und Kammermusik, sondern auf den großen Feldern der slnfonifchen Dichtung und der Oper geschenkt. Er trat davei das Erbe Liszts an. Nicht nur, öah er die Sprache des Orchesters bereicherte, er baute die Form der sinfonischen Dichtung auch fester in die absolute Musik ein, als es seinem Vorgänger möglich gewesen war. Ist bei Liszt die Uebereinftimmung Zwischen Programm und musikalischer Anssormung oft noch äußerlich, (o gelingt dem Nachfolger die Gestaltung des Inhalts aus dem Geiste der Musik bedeutend besser. Im „Don Juan" und in den folgenden sinfonischen Werken sind musikalische Elementarsormen wie Sonate, Rondo und Variationen vrogrammatisch geradezu genial angedeutet. „Till Eufenspiegel" bietet das Beispiel eines im Wollen und Können, in Form und Gehalt wertbeständigen Meisterwerkes. Hier ist das Spielerische auch inhaltlich die ideale Lösung.
Der Musiker, nicht der Musikdramatiker Strauß hat denn auch der nach Wagner stark versandenden deutschen Oper vom Sinfonischen her
• Au» dem „erbaulichen Kalenderbuch für Stadt- und Landleut", *'em
bei Albert Langen/Georg Müller in München erfchienenen Gedichtband ,,O Mensch, gib acht" von Joses Weinheber.
durch seine uncrfchäpsliche Musizierfreude neue Antriebe gegeben Von i*nilÄrQl en o»cm fivjvnischen Dichtung gespeist, erreichte das Opern- chafsen des Meisters über „G untra n?, „Feuernot" und „Sa- ' ° m .in. ° ktr a" einen Gipset, der hinsichtlich des ganz und gnr sinfonisch bedingten, unendlich verfeinerten unb üppigen Orchesterklan- fles sowie hinsichtlich der Borherrschast musikalischer Schilderung nicht -U Oberhohe" war. „Elektra" und „Salome" mit ihre,,, musika- lischen Blutrausch konnten zudem nur in der unheilschwangeren Zeit des letzten Borknegsjahrzehnts entstehen. Es musste eine Umkehr zur .Einfachheit, eine Besinnung auf die Eigenart der -Opernform erfolgen. Sic ist schon in den. 1910 vollendeten „R o s e n k a v a l i e r" zu spüren.
.OisOet sich uns kein Musikdrama mehr, fondern nur noch eine „Komödie für Musik". In diesem blühendsten unb absichtslosesten Bühnenwerke, das Strauß geschasseu hat, triumphiert ivieder die Oper, und ein Triumph des Musikers ist auch die musikalisch noch feinere „ZIriaöne auf Naxos". Ihr folgt noch nahezu ein Dutzend meister- lief) geformter Bühnenwerke — es fei hier nur an die „F rau ohne S ch a l t e n und „A r a b e t I a" erinnert — die den Hörer durch ihre vollendete Formung immer wieder zu fesseln wissen.
Ihr Schöpfer, der einst als Kapellmeister in Weimar, Berlin München und Wien die Welt hinriß, hat in feiner Garmischer Villa nie Korn- ponift bis heute nicht gefeiert. Er sah musikalische Moden kommen und gehen, aber er ist sich selbst treu geblieben: ein Grandseigneur seiner werten bc| C** Spuren in 6er deutschen Musikgeschichte nicht vergehen
<£. Jl. v. Rejnicek.
ffimil Nikolaus v. Reznicek ist nicht ohne Schwierigkeiten zum Musikerberufe gekommen. Der Sohn eines österreichischen Feldmarschall- Leutnants und einer rumänischen Fürstin sollte eigentlich die Musik nur (orocit pflegen, als sie seine Karriere nicht störte. So zwang er sich in Graz zur ersten juristischen Staatsprüfung, dann aber mußten die Eltern dem jungen Brausekopf nachgeben. Ein vorzüglicher Lehrer, Meyer- R e in y , der damals auch B u f o n 1 und Weingartner unterrichtete, nahm sich seiner an. Der einundzwanzigjährige Student bezog das Leipziger Konfervatoriiiin, um hier zusammen mit Freunden wie 21 n [ o r g e und Georg S ch n in a n n das musikalische Handwerk des Dirigenten und Somponifteii zu erlernen.
Vor allem lockte ihn das Theater, Graz, Zürich, Stettin, Bochum, dos Wallnerthealer in Berlin, Mainz — das waren einige Stationen seines Wanderlebens Er hatte haniols mehrere Opern fertig, für die sich M n ck in Prag begeistert einfetzte. Aber erst feine „Donna Diana" (1894) hob ihn „aus der Finsternis seiner 'Boheme".
Der erfolgreiche Komponist fand nun auch als Dirigent Beachtung. Um die Jahrhundertwende zog sich der vom „Betrieb" fast Aufgeriebene nach 'Wiesbaden zurück, und hier entstand eine neue Oper, „Till Eulenspiege 1", die Mottl in Karlsruhe aus der Taufe hob. In den Jahren 1909 bis 1911 war er Kapellmeister der sich sur alles Neue einsetzenden Komischen Oper in Berlin. Hier leitete er noch große italienische Maiscstspiele, um dann den Taktstock endgültig nieder- zulegen.
Den EinundsUnfzigjährigen ries bas eigene Schassen. Mit gewaltigen sinfonischen Werken wie „Sch le mihi", „Der Sieger", „Frieden" stellte er sich neben feinen Freund Richard Strauß, schrieb aber auch Siusonik „in altem Stil" unb tiefernste Chorwerke. Die Berliner Hochschule berief ihn als Lehrer für Instrumentation: 1919 wurde er von der Preußischen Akademie der Künste zum Mitglied unb später zum Senator gewählt.
Im 'Weltkriege entstand sein „6 c i u a 1 a", „Spiel und Ern st", „Der Gondoliere des Dogen" und (19.3.3) eine Umarbeitung der Jugendoper „Donna Dian a". „B enzi n" (1929) und „O p s e r!‘ (19.32) harren noch der Ausführung. Daneben schuf der Unermüdliche neue Instrumental- unb Chormusik, z. B. die köstlichen Orchestervaria- tionen „Tragt sch e Geschichte", eine Tanzsinfonie, den „Steinernen Psalm" unb meisterliche 'Bearbeitungen von alten deutschen Volksliedern. Bis in die jüngste Zeit hinein hat Reznicek sich sein Interesse für die Musik der anderen zu wahren gejucht. Sein weißhaariger Aristokratenkopf taucht in den Berliner Konzertfäten immer wieder auf, wenn es etwas Neues zu hören gibt, unb als deutscher Delegierter des „Ständigen Nates für die internationale Zufammen- arbeit der Komponisten" versteht der Künstler das Ansehen seines Vaterlandes zu wahren.
Es geht nicht an, diesen Komponisten mit der Bezeichnung „begabter Straußnachahmer" abzulun. Auch wer in ihm nur einen geistreichen „Verwandlungskünstler" sieht, wird seiner befonberen musikalischen Art nicht gerecht. Bekennt er doch selbst: ,Hch habe mir niemals gesagt: jetzt will ich ein Quartett, eine Sinfonie ober Lieder schreiben — es wäre an der Zeit, wieder einmal eine Oper zu komponieren. Ich habe immer nur nach Inspiration, aus innerer Notwendigkeit ge- schassen." Reznicek ist ein viel nervöserer und dabei viel weniger naiver Künstler als Richard Strauß. Scherz, Ernst unb Satire haben bei ihm viel öfter „tiefere 'Bedeutung", unb dem Spielerischen feines Wesens paart sich eine dunkle Ausdrucksdämonie. So schrieb er nach den ausdrucksgeladenen Opern „Holofernes" und „6 a f u a l er den entzückend parodierenden, kammermustkalifch feinen Einakter „Spiel und Ern ft". Der 3nffrumenta(tomponift anberfells schuf bie elnfätzige stn- onischo Dichtung „Schlemihl", die Lebensbeichte eines an der 'Welt zerbrochenen Künstlers. Tritt der Künstler hier als Pechvogel auf, so erscheint er in der Tondichtung „Der Sieger" als (Eroberer, der aber gleichfalls dem Tode feinen Tribut zahlen muß. Muten jene sin» onischen Dichtungen mit ihrer zerwühlten und überhitzten Musik wie Vorzeichen emes nahenden Westbebens an, fo erscheint das Völkermorden in der sinfonischen Vision „Frieden" prophetisch vorgeahnt. Der satanische Hohn des Hexensabbats im Scherzo des „Schlemihl", der urchtbare Tanz um das goldene Kalb im „Sieger", die Schilderung des über das blutige Schlachtseld reitenden Todes im „Frieden" — sie


