Ausgabe 
4.11.1938
 
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November.

Non Joses W e i n h e b e r*.

Im Kirchhos brennt das stille Licht.

Die Toten ruhen, weine nicht.

Geborgen In der Erd, vergeht der Sc-im, um daß er aufersteht. Martini Reis, Andrea Schnee, die Magd tragt aus ihr süßes Weh. Nom Hochwald dröhnt der Biichsenhall, es stampft das Vieh im warmen Stall, der Nebel hüllt das stille Land, die Kerze ist herabgebrannt.

Lah frosten, las; vergehn, laß schnein!

Der Mensch muss wach und einsam sein.

Deutsche Musiker der Gegenwatt.

Von Dr. Erwin Kroll.

'ft e' cro'9 flutender Begriff, zumal, wenn er aus die Kunst bezogen wird. Das Heute ist hier ohne das Gestern und Vorgestern nicht denkbar. Auch im Reiche der Musik leben und wirken Großväter, Väter und Söhne nebeneinander, und was immer geschossen wird, es ist irgendwie generationsmäspg bedingt, jo jehr den Schassen- den Persönlichkeit und Können über Umwelt und Mode hinaushcben, so sehr die Grenzen der Generationen sich ineinandcrschicben Und über­lagern mögen. Im Folgenden werden führende deutsche Gegenwarts­musiker geschildert. Die Auswahl beschränkle sich aus besonders charakle- ristische Vertreter der drei Generationen. Den Anfang machen dieGros,- väter", die noch lebenden Spütromantiker, die, mit dem ungeheuren Erbe Wagners belastet und im Kulturboden des Zweiten Reiches wurzelnd, zu eigenen Prägungen gelangten, die auch heute noch Geltung haben. Ihnen folgen dieVäter", d. h. Schaffende der mittleren Gene- ration, die von derKrisis" der Spätromanlik aus über Atonalität und Chaos hinweg Brücken zu Neuem schlugen. Den Beschluß bilden die Söhne", die mit diesem Neuen ausgewachsen sind und er gemäß den Forderungen des Tages weiterzuführen haben.

Richard Strauß.

Unter den deutschen Komponisten ist Richard Strauß nicht nur einer der ältesten voller Schassenspläne schreitet er rüstig ins 75. Jahr, sondern auch der am weitesten hin berühmte. Der große Orchesterzauiierer, der Vollender der sinfonischen Dichtung, der Mehrer deutschen Opern- gutes nimmt eine unvestrittene Führerstelluna iln europäischen Musik­leben ein. Er hat Jahrzehnte hindurch als Dirigent und Vorkämpfer für die Standesinteressen (einer Berufsgenossen das Seine getan, und was fein kompositorisches Schaffen angeht, jo haben wir die Genug­tuung, daß sich die deutsche Spätromantik nicht allein in Psißners jenseitiger, ganz verinnerlichter Kunst erfüllt, sondern daß sie auch die Bllltenträume eines froh i!eben9bejaf)en'bcn hat leuchtende Wirklichkeit werden lassen.

Wie es Maler gibt, denen die Farbe wichtiger ist als die Zeichnung, so leuchtet das Straußsche Orchester tausendfältig bunt auf. Es ist nicht möglich, sich der Magie seines Klanges zu entziehen. Dazu eignet dem Melodiker Strauß die bezwingende große Geste des Ausdrucks Seine Tonsprache weist eine bis dahin noch nicht erreichte Ausdrucksfähigkeit auf, die vom Blöken einer Hammelherde bis zum brünstigen Liebes- gefang eine» Schürzenjägers, vom Klirren zerbrochener Zöpfe bis zu kulinarischen Schlemmereien, vom Skatklopfen bis zur Raserei hyste­rischer Weiber reicht. Es gibt im Bereiche des Lebenden wie Leblosen nichts, was Strauß nicht überzeugend in Töne sehen könnte. Zu solchem Ausdrucksreichtum kommt ein echt bajuwarischer Witz, der getragen wird von jenem Willen zum Spielerijchen, das stets den Ausgleich des Sehn- suchtsftrebens der Romantik bildete. So sührtenD o n I u a n" und Till E u l e n s p i e g e l" in die Welt der Abenteuer, und hinter ihnen steht ein Komponist, der sein Ich auch sonst man denke an die S i n f o n i a d o m e s t i c a" und die OperIntermezzo" in seiner Musik widerspiegelt. Es ist das Ich des Lebenskünftlers, der feinen Weg von Anfang an zielbewußt ging und jeden Umweg mied. Man versteht es, daß dieser Künstler, mag ihm auch nichts Menschliches sremd sein, doch lieber den farbigen Abglanz alles Irdischen sucht, als in die Tiefen der Welträtfel taucht.

So hat Strauß uns jein Bedeutendstes nicht in intimer Lied- und Kammermusik, sondern auf den großen Feldern der slnfonifchen Dichtung und der Oper geschenkt. Er trat davei das Erbe Liszts an. Nicht nur, öah er die Sprache des Orchesters bereicherte, er baute die Form der sinfonischen Dichtung auch fester in die absolute Musik ein, als es seinem Vorgänger möglich gewesen war. Ist bei Liszt die Uebereinftimmung Zwischen Programm und musikalischer Anssormung oft noch äußerlich, (o gelingt dem Nachfolger die Gestaltung des Inhalts aus dem Geiste der Musik bedeutend besser. ImDon Juan" und in den folgenden sinfonischen Werken sind musikalische Elementarsormen wie Sonate, Rondo und Variationen vrogrammatisch geradezu genial angedeutet. Till Eufenspiegel" bietet das Beispiel eines im Wollen und Können, in Form und Gehalt wertbeständigen Meisterwerkes. Hier ist das Spie­lerische auch inhaltlich die ideale Lösung.

Der Musiker, nicht der Musikdramatiker Strauß hat denn auch der nach Wagner stark versandenden deutschen Oper vom Sinfonischen her

Au» demerbaulichen Kalenderbuch für Stadt- und Landleut", *'em

bei Albert Langen/Georg Müller in München erfchienenen Gedichtband ,,O Mensch, gib acht" von Joses Weinheber.

durch seine uncrfchäpsliche Musizierfreude neue Antriebe gegeben Von i*nilÄrQl en o»cm fivjvnischen Dichtung gespeist, erreichte das Opern- chafsen des Meisters überG untra n?,Feuernot" undSa- ' ° m .in. ° ktr a" einen Gipset, der hinsichtlich des ganz und gnr sinfonisch bedingten, unendlich verfeinerten unb üppigen Orchesterklan- fles sowie hinsichtlich der Borherrschast musikalischer Schilderung nicht -U Oberhohe" war.Elektra" undSalome" mit ihre,,, musika- lischen Blutrausch konnten zudem nur in der unheilschwangeren Zeit des letzten Borknegsjahrzehnts entstehen. Es musste eine Umkehr zur .Einfachheit, eine Besinnung auf die Eigenart der -Opernform erfolgen. Sic ist schon in den. 1910 vollendetenR o s e n k a v a l i e r" zu spüren.

.OisOet sich uns kein Musikdrama mehr, fondern nur noch eine Komödie für Musik". In diesem blühendsten unb absichtslosesten Büh­nenwerke, das Strauß geschasseu hat, triumphiert ivieder die Oper, und ein Triumph des Musikers ist auch die musikalisch noch feinere ZIriaöne auf Naxos". Ihr folgt noch nahezu ein Dutzend meister- lief) geformter Bühnenwerke es fei hier nur an dieF rau ohne S ch a l t e n undA r a b e t I a" erinnert die den Hörer durch ihre vollendete Formung immer wieder zu fesseln wissen.

Ihr Schöpfer, der einst als Kapellmeister in Weimar, Berlin Mün­chen und Wien die Welt hinriß, hat in feiner Garmischer Villa nie Korn- ponift bis heute nicht gefeiert. Er sah musikalische Moden kommen und gehen, aber er ist sich selbst treu geblieben: ein Grandseigneur seiner werten bc| C** Spuren in 6er deutschen Musikgeschichte nicht vergehen

<£. Jl. v. Rejnicek.

ffimil Nikolaus v. Reznicek ist nicht ohne Schwierigkeiten zum Musikerberufe gekommen. Der Sohn eines österreichischen Feldmarschall- Leutnants und einer rumänischen Fürstin sollte eigentlich die Musik nur (orocit pflegen, als sie seine Karriere nicht störte. So zwang er sich in Graz zur ersten juristischen Staatsprüfung, dann aber mußten die Eltern dem jungen Brausekopf nachgeben. Ein vorzüglicher Lehrer, Meyer- R e in y , der damals auch B u f o n 1 und Weingartner unterrichtete, nahm sich seiner an. Der einundzwanzigjährige Student bezog das Leipziger Konfervatoriiiin, um hier zusammen mit Freunden wie 21 n [ o r g e und Georg S ch n in a n n das musikalische Handwerk des Dirigenten und Somponifteii zu erlernen.

Vor allem lockte ihn das Theater, Graz, Zürich, Stettin, Bochum, dos Wallnerthealer in Berlin, Mainz das waren einige Stationen seines Wanderlebens Er hatte haniols mehrere Opern fertig, für die sich M n ck in Prag begeistert einfetzte. Aber erst feineDonna Diana" (1894) hob ihnaus der Finsternis seiner 'Boheme".

Der erfolgreiche Komponist fand nun auch als Dirigent Beachtung. Um die Jahrhundertwende zog sich der vomBetrieb" fast Aufge­riebene nach 'Wiesbaden zurück, und hier entstand eine neue Oper, Till Eulenspiege 1", die Mottl in Karlsruhe aus der Taufe hob. In den Jahren 1909 bis 1911 war er Kapellmeister der sich sur alles Neue einsetzenden Komischen Oper in Berlin. Hier leitete er noch große italienische Maiscstspiele, um dann den Taktstock endgültig nieder- zulegen.

Den EinundsUnfzigjährigen ries bas eigene Schassen. Mit gewal­tigen sinfonischen Werken wieSch le mihi",Der Sieger", Frieden" stellte er sich neben feinen Freund Richard Strauß, schrieb aber auch Siusonikin altem Stil" unb tiefernste Chorwerke. Die Ber­liner Hochschule berief ihn als Lehrer für Instrumentation: 1919 wurde er von der Preußischen Akademie der Künste zum Mitglied unb später zum Senator gewählt.

Im 'Weltkriege entstand sein6 c i u a 1 a",Spiel und Ern st", Der Gondoliere des Dogen" und (19.3.3) eine Umarbeitung der JugendoperDonna Dian a".B enzi n" (1929) undO p s e r! (19.32) harren noch der Ausführung. Daneben schuf der Unermüdliche neue Instrumental- unb Chormusik, z. B. die köstlichen Orchestervaria- tionenTragt sch e Geschichte", eine Tanzsinfonie, denStei­nernen Psalm" unb meisterliche 'Bearbeitungen von alten deutschen Volksliedern. Bis in die jüngste Zeit hinein hat Reznicek sich sein Interesse für die Musik der anderen zu wahren gejucht. Sein weiß­haariger Aristokratenkopf taucht in den Berliner Konzertfäten immer wieder auf, wenn es etwas Neues zu hören gibt, unb als deutscher Delegierter desStändigen Nates für die internationale Zufammen- arbeit der Komponisten" versteht der Künstler das Ansehen seines Vater­landes zu wahren.

Es geht nicht an, diesen Komponisten mit der Bezeichnungbe­gabter Straußnachahmer" abzulun. Auch wer in ihm nur einen geist­reichenVerwandlungskünstler" sieht, wird seiner befonberen musika­lischen Art nicht gerecht. Bekennt er doch selbst: ,Hch habe mir niemals gesagt: jetzt will ich ein Quartett, eine Sinfonie ober Lieder schreiben es wäre an der Zeit, wieder einmal eine Oper zu komponieren. Ich habe immer nur nach Inspiration, aus innerer Notwendigkeit ge- schassen." Reznicek ist ein viel nervöserer und dabei viel weniger naiver Künstler als Richard Strauß. Scherz, Ernst unb Satire haben bei ihm viel öftertiefere 'Bedeutung", unb dem Spielerischen feines Wesens paart sich eine dunkle Ausdrucksdämonie. So schrieb er nach den aus­drucksgeladenen OpernHolofernes" und6 a f u a l er den ent­zückend parodierenden, kammermustkalifch feinen EinakterSpiel und Ern ft". Der 3nffrumenta(tomponift anberfells schuf bie elnfätzige stn- onischo DichtungSchlemihl", die Lebensbeichte eines an der 'Welt zerbrochenen Künstlers. Tritt der Künstler hier als Pechvogel auf, so erscheint er in der TondichtungDer Sieger" als (Eroberer, der aber gleichfalls dem Tode feinen Tribut zahlen muß. Muten jene sin» onischen Dichtungen mit ihrer zerwühlten und überhitzten Musik wie Vorzeichen emes nahenden Westbebens an, fo erscheint das Völker­morden in der sinfonischen VisionFrieden" prophetisch vorgeahnt. Der satanische Hohn des Hexensabbats im Scherzo desSchlemihl", der urchtbare Tanz um das goldene Kalb imSieger", die Schilderung des über das blutige Schlachtseld reitenden Todes imFrieden" sie