Ausgabe 
4.11.1938
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <938

Zreitag, den November

Nummer 86

ßljnftme von

Roman von Rolf Brandt

Lopprlght 6p August Scherl Nachfolger, Berlkn

13. Fortsetzung.

Sie ging mit ihren langen, ausholenden Schritten die Lützowstraße hinunter zu Graeser & Co. Ein paar Herren sahen thr nach. Sie merkte es gar nicht. Ein junger, eleganter Mensch starrte sie an und blieb stehen. Sie lächelte ironisch über ihn fort. Er war gar nicht da. Es war niemand da. Widerlich diese Herren! Aber ganz so schlimm war es auch nicht, daß man sie ansehenswert fand, denn daß es so war, das hatte sie gewollt. Wenn man will, kann man auch gut aussehen!

Der alte Graeser rieb sich die Hände, als Christine eintrat.Frau von Rucktasch, Sie sehen aus!. Wie eine junge Göttin sehen Sie aus!"

Milotti, lieber Graeser, Milotti, Milotti!"

»Ich kann nicht anders als ,Frau von Rucktasch' sagen! Sie sind dem Herrn Großvater doch wie aus dem Gesicht geschnitten, und Sie malen immer besser. Ihr letztes Porträt haben Sie aber nicht bei mir ausgestellt Waren Sie nicht zufrieden?"

Ich war zufrieden, lieber Graeser, deshalb komme ich ja auch zu Ihnen, um Ihnen ein großes Geschäft anzubieten. Wir haben noch drei größere Bilder von meinem Großvater, das eine, die schlafende grau, will ich verkaufen. Ich hatte schon ein Angebot von tausend Pfund ..

»Das hätten Sie annehmen sollen, das ist heute ein Riesenvermögen."

Ich weiß, es zerschlug sich."

Ich könnte nicht ein Viertel davon bieten. Außerdem", der alte Mann sah sie wohlwollend an,müssen Sie verkaufen? Was machen Sie mit dem Selbe?" Ich kann Ihnen keine Valuta geben, so gern ich mochte."

Ich will sofort ein Haus dafür kaufen. Es ist möglich, daß das Atelier ungeeignet für meine Familie wird."

Graeser fuhr scheu mit seiner auffallend kleinen Hand über ihren Arm: »Hch verstehe, ich verstehe! Was soll das für ein Haus fein, man hört so allerlei."

Draußen in einem Vorort. In der Nähe müßte Wald fein, es müßte natürlich ein großes Atelierfenster haben. Es dürfte nicht teurer fein als der Erlös von dem Bild. Gibt es so etwas überhaupt?"

Fahren Sie nach Neubabelsberg. Von dort gehen Sie die Straße rechts herunter nach Kohlhasenbrück. Wissen Sie, dort hat der berühmte Pferdehändler gehaust und seine Rache bereite!! Ja, dort hat ein Bild­hauer oor dem Kriege ein sehr schönes Eckhaus bauen taffen. Es liegt ein bißchen hoch, es hat vier Zimmer und einen sehr großen Atelier- raum. Garten ist dabei, man geht durch eine alte Unterführung, es Ist die älteste, die es in Preußen gibt, wissen Sie, die Potsdamer Eisen­bahn, Frau von Rucktasch, und dann ist man Im Walde. Der Bildhauer ist, glaube ich, verrückt geworden, ich weiß es aber nicht. Dann hat ein Schriftsteller das Ganze übernommen. Der war bei mir, er will das Haus nicht mehr halten. Er hat mir ein paar Sachen zum Verkauf gegeben, er hatte ganz schöne Bilder, und er hat mich gefragt. Ich glaube, Frau von Rucktasch, das ließe sich machen! Für Ihr Bild finden wir natürlich sehr leicht einen Käufer! Wollen Sie mir beides an die Hand geben, das Bild und die Geschichte mit der Villa? Fahren Sie hin und sehen Sie sich das Haus an. Sagen Sie, Sie kämen von mir."

Er strich ihr wieder über den Aermel des dunkelblauen, schweren Paletots:Ich glaube, Sie würden sich dort wohlfühlen! Fahren Sie gleich morgen hin."

Man mußte sich nur zusammennehmen, dann ging schon alles! Chri­stine ging mit Milotti den schönen Weg vorn Bahnhof nach Kohlhasen­brück. Die Kastanien waren schon ganz entlaubt, nur ein paar gelbe Blätter standen noch gegen den ganz hellen Vormittagshlrnrnel. Zur rechten Seite neben dem Bahngleis begann hoher Kiefernwald. Eine blasse Sonne lag auf den schwingenden Kronen. Zur Linken lag ein großes zweistöckiges Wirtshaus, dann waren da ein paar Villen.

Jetzt mußte das Haus gleich kommen. Es stand da auf einer kleinen Höhe, das breite Atelierfenster funkelte, man mußte von dort über die Sträucher und den Rasen hinweg bis zum Wasser des Kanals sehen können.

Wie ist es, Hans, wollen wir es nehmen?"

Aber Kind, wir müssen doch erst sehen, wie die Räume sind. Wir müssen doch erst über den Preis reden!"

Hans, ob man ein Haus nimmt, das weiß man in dem Augenblick,

Jroujjen zu kümmern. Sie haben ja vielleicht rsehen.Die Trommeln des Cisco", Sie wissen, Es schwankt ein bißchen bei uns, die wir für

da man es lieht. Das ift bei mir bestimmt so. Alles andere ... Hans, du mußt nicht lachen: Alles andere kommt dann von selbst."

Der Besitzer des Hauses war sehr höflich und sehr elegant.

Ich habe nämlich" sagte er,gar nicht genug Zelt, mich um das "eine Anwesen hier draußen zu kümmern. Sie haben ja vielleicht meinen letzten Film gesehen.Die Trommeln des Cisco", Sie wissen, es ist em Welterfolg. Es schwankt ein bißchen bei uns, die wir für den Film arbeiten, jedenfalls hat Amerika den Film in echten Dollars auch gekauft, und ich spiele mit dem Gedanken, hinüberzufahren Mich halt hier nichts. Es erzählt Ihnen ja doch jeder, also warum soll ich es Ihnen nicht erzählen, gnädige Frau, ich habe Unglück gehabt, meine Frau verliebte sich m einen anderen ... Schwelgen wirk Sie können bas Haus haben, der alte Graeser hat schon mit mir telephoniert. Die Anzahlung würde genügen. Schwierigkeiten mit dem Wohnungsamt gibt es auch nicht, wenigstens vorläufig nicht. Das wäre die Sachlage, bitte schon!

Er führte das junge Paar durch die Räume. Da war ein sehr ele­gantes Arbeckszlmm-r mit einem riesigen Schreibtisch, in dessen Mitte eme djone alte Porzellangruppe stand. An den Wänden waren ein paar helle Vierecke auf der Tapete.

»Da hoben ein paar Bilder gehangen. Ich habe sie schon zu Graeser gegeben, mich Interessiert das nicht mehr. Cs war vor dem Abschluß des Vertrages, aber ich will sowieso hier alles auslö en. Haben Sie Interesse für die Möbel?" 7

Nein", sagte Christine,wir haben kein Interesse, Herr Doktor, wir haben selbst genug Möbel auf dem Speicher stehen."

Wohl noch von dem alten Herrn? Alle Hochachtung, meine gnädige grau! Der hat wenigstens etwas vom Leben verstanden!"

Vom Malen auch', sagte Christine.

Richtig, richtig, nur keinen Streit, vom Malen auch! Das wäre das Schlafzimmer."

Fast in der Mitte des Zimmers stand ein riesiges französisches Bett, an den Wanden hingen ein paar Kopien von Watteau und ein paar Silber modernerer Franzosen, die ziemlich gewagte Schlafzimmerszenen darsiellten.

Christine ging an eines der Bilder heran. Eine junge grau mit langen blonden Haaren lag auf einem Ruhesofa, in ihrer rechten Hand hielt sie einen Romanband, der Arm war herabgesunken, und die junge grau träumte.

Christine lächelte:Doktor, dies ist ein schlechtes Bild. Sehen Sie, draußen scheint Winter zu fein, es kommt ein ganz kaltes Licht durch das genfter. Ich weiß nicht, ich würde mich zur Lektüre eines Romans anders anziehen. Es Ist außerdem schlecht gemalt, Doktor."

Darum hängen die Bilder ja auch nicht hier", sagte der Filmschrlst- steller.Man braucht so ein bißchen Anregung, wissen Sie."

,X> bitte", sagte Christine,jeder muß haben, was er braucht! Mich zum Beispiel würden schlecht gemalte Bilder nie anregen."

Milotti sagte leise zu Christine, während sie in die Küche gingen: Warum ärgerst du den Doktor fo? Ich denke, du willst das Haus taufen?"

»Hans, den ärgerst du nicht so leicht. Außerdem will er bestimmt verkaufen. Ick) werde Graeser sagen, daß er mit dem Preis herabgehen soll. Der hat ja schon die Passage für Amerika gebucht, das merkt man doch."

Als sie sich verabschiedeten, sagte Milotti:Also, meine grau und ich sind entschlossen, das Haus zu übernehmen. Ich glaube, bis Mitte Novem­ber könnte die Angelegenheit in Ordnung kommen."

»Nein, Herr Baron, frische Fische sind gute Fische! Das Haus steht da. Sie haben es gesehen, Herr Graeser hat mir gesagt, das Geld wäre da schlechtes Geld, aber Immerhin in Aktien! Was In ein paar Tagen ist, weiß ich nicht, ich will hier absckilleßen."

Hans, ich glaube, bann entscheiden wir uns", sagte Christine.

Also treffen wir uns morgen im Beisein von unserem Freunde Graeser bei Justizrat Klein."

Es geht in Ordnung", sagte Christine.

Christine und Milotti schritten durch den Bogen der alten Unterfüh­rung und gingen den breiten Waldweg entlang, der zu dem kleinen Jagdschloß führte.

Die Kiefernstämme standen wie goldrote Säulen in weiten Abständen neben dem Weg. Von der Schonung zur Linken wehte ein kühler Wind.

Milotti nahm ihren Arm:Frierst du?"

Mir ist es ganz gut, Hans. Der Mann ist doof. Das Haus ift reizend Wenn es irgend geht, müssen wir neu tapezieren lassen. Der Garten ist ganz verwahrlost. Ach, weißt du, in der Nachbarvilla da hatten sie einen alten Gärtner! Es gab da eine ganz kleine Allee von Rosenstöcken, gelben und roten und hellroten. Sie hatten alle so schöne Namen nach Prinzen und Marschällen und Königen, und sie rochen alle anders. Sie hatten da auch Marschall-Nlel-Rosen, weißt du, diese gelben Rosen mit den gleblich-