Frau He-ekka.
Bon Matthias Claudius.
Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewesenl — Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet und gelesen.
Und kam's Geschrei — nun marsch, hinein: „Du kleines, liebes Mägdelein, Mein Reis'gefährt, willkommen!" Und hätte dich daun weich und warm Zum erstenmal auf meinen Arm Mit Leib und Seel' genommen.
Und hätte dich dann weich und warm Mit Leib und Seel' auf meinen Arm Zum erstenmal genommen ...
„Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht gesehn, Willkommen, bist willkommen!" —
Wie bist du, lieber Reis'gefährt', In deinen Windeln mir so wert! O werde nicht geringer!
Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll. So pfeif nur auf dem Finger."
Oer glückliche Bruder.
Von Per Schwenzen.
Ragnar Pedersen war vergnügt. Er trommelte den Takt des „Sternenbanners" auf die Reling. Er strich sich den kurzen weißen Backenbart, den er nach der Art alter Amerikaner trug, jener festen, wortkargen Kanadier, mit denen er Schulter an Schulter gestanden hatte im Kampf um das Oedland, um Jagd, um Felle, um die ersten hundert, die ersten tausend Dollar, um den ganzen gesegneten Reichtum, zuletzt der herr- Uchen Silberfuchsfarm, die ihn über alle Sorgen gehoben hatte, an den Goldhimmel, den die Flagge der USA. dem Einwanderer zu verheißen scheint. Aver Ragnar Pedersen war nicht in USA. geblieben. Nordwärts war er gegangen, nach Kanada, dem Lande, das dem Skandinavier verwandt dünkt, Heimat der gleichen Zone auf fremden Kontinent.
,...^as Schiff ging durch die Schären des Hardangerfjords. Höher und hoher türmten sich die Felsen, immer schneller wurde die Durchfahrt, die engen Felsentore lenkten den Blick in immer wilder« Formationen, und ^st'n sich die Schneehäupter über die dunkleren Ringwälle der
Ragnar Pedersen sog die Luft der Heimat ein. Allerdings sog er sie durch die kurze Shagpfeife, aber das machte sie nicht minder würdig! Er war ganz warm vor Freude trotz der Prise, die den Fjord kräuselte, er ging in den Rauchsalon und ließ sich einen Whisky bringen. Ach,' er konnte es kaum erwarten! Und was Olas sagen würde, wenn der Bruder Ragnar da unangemeldet ins Zimmer treten und die Kinder — ja Kinder sollte Olaf ja haben — beschenken und von seinem Millionen- vermogen in Kanada erzählen würde!
Ragnar versuchte sich Rechenschaft darüber abzulegen, warum er sich dreißig Jahre lang nicht um seine Angehörigen in Norwegen gekümmert habe. Ja, wie war denn das eigentlich? Hatte er nicht an sie gedacht? Doch mitunter. Als er auf dem Konsulat den schwarzgeränderten
UI}b b.en Tod der Mutter erfahren hatte, da hatte es ihn geschüttelt. Damals gmg er nach Alaska. Ein hartes Leben war das ge- Äh A°?d für Tränen. Die wären erfroren. Und dann kam viel eS f fr?m el1er Ehe. Nun hatte er die Seinen drüben in
Kanada- war dort festgewachsen mit allen Fasern seines Herzens, und erst letzt, angesichts der heimatlichen Berge, fühlte er, daß eine tiefe Ber- undenheit ihn an das Land angeschlossen hielt, wie ferne er auch weilte. Und auch Olaf hatte niemals geschrieben... Was sie doch alles für seltsame Dickschädel waren, ganz verrannt in das bißchen Gegenwart
gelber hatte sich ja geschämt, damals zu schreiben, als es ihm drüben so schlecht ging — da hatte er gewartet, immer wieder hatte er es hinausgeschoben, die Verbindung mit der Heimat aufzunehmen, nicht etwa wie ein Unangenehmes, nein, wie ein Lest, das noch reifen will. mnrLn xn Tr Angst gekommen, er könne vielleicht zu lange
warten, der traurige Brief auf dem Konsulat war ihm eingefallen und er hatte sich auf die Reise gemacht, um Olaf und seine Familie hinüber m t ^nn b£& ^laf noch in dem kleinen Fischerdorf im Bärenfjord
9nnf i n!n«f^mi le l'rlb seinen sechs Kindern, soviel hatte er durch das Konsulat erfahren, und auch das noch, daß Olaf mitunter fehr hart 3u kam;sien gehabt habe, um seine Familie zu erhalten. Ragnar rieb sich feme Augen spielten gütig-verschmitzte Falten, er war 9 “ff- und Berechchast, vom Wirbel bis zur Sohle ein Bruder ..
(, 'a, e Kinc Ankunst erst von der nächsten Station aus mitqeteilt. 0^r fieberte wie ein Kind, als die Häuser des kleinen ^seimaiortes in Silhouette des Bergkegels, die weiße, gewundene Linie des Wasserfalls waren dieselben geblieben. Der Ort war gewachsen Ein peuer roter Schuppen stand am Kai, und die Landungsbrücke war be- ,Mutend vergrößert worden Ragnar drehte nervös am Feldstecher. Wer unter diesen sonntäglichen Nocken war sein Bruder? Aattp er hip seine sechs Kinder mit? Nein? Er h'atte jetzt die riW BrennsKrfe
festgestellt, die Gläser geputzt. Drei Männer kamen In die engere Wahl, i einer davon mußte Olaf sein. Das Schiff legte umständlich an, die Trossen : klangen, das Spill ratterte, bis der schwarze Bauch des Bootes an die Psähle drückte, daß der Schuppen zitterte und die Leute aus dem Steg zu wackeln schienen.
Ragnar ging die Landungsbrücke hinab und sah sich um; Menschen grüßten und umarmten sich, wohlbekannte Augen tauchten ineinander. Der rote Postkasten wurde am Bordsteg aufgestellt. Allmählich wurde es leerer. Erst ging der eine, dann der zweite der drei Männer, die er in die „engere Wahl" gezogen hatte, mit einem Ankömmling fort, der dritte j wurde, hoch von der Kommandobrücke, vom Kapitän angeprait: „Hallo Jversen, Sie haben Kabine 17!" — Jversen ging an Bord. Wo war Olaf? Da —? Ja, da kam ein Mann, grau, ein wenig gebeugt, mit einem Strauß Blumen in der' Hand. Er suchte gleich ihm, seine Augen schweiften in die Runde. Ragnar ging auf ihn zu: „Bist du es, Olas?" „Ragnar?" Und bann erkannten sie einander, an diesen Augen die sie von der Mutter hatten, zuerst. Ja, im Gedränge sieht man keine Augen, wenigstens nicht die eines Bruders.....Was hast du denn um Himmels-
willen da in der Faust, Olaf?" „Ach Gott, Ragnar, die Blumen. Anna — das ist meine Frau — wollte es absolut. Sie hat sie für dich ae- pflückt." Dann gingen sie heim.
Und Olaf sagte unterwegs: „Höre, Ragnar, «s ist gut, daß du zu mir kamst. Es ist nicht gut, in die Fern« schweifen, da bringt man es zu nichts. Du bist doch kein Junge mehr..." „Nein, du aber auch nicht ", verteidigte sich der Aeltere. Aber Olaf spann seinen Faden weiter, unermüdlich wie eine Spinne: „Dreißig Jahre bist du stumm geblieben, die ersten zehn Jahre, als du noch in Neuyork in der Fabrik arbeitetest, hast du noch geschrieben. Warum? Weil es dir gut ging, weil du feste Stellung hattest. Und dann begann natürlich ein Wanderleben Sage mir gar nichts, das mag fein Gutes haben, aber das Ende ist nun, daß du reumut’ig in die Heimat zurückkehrft. Erzähle, erzähle mir alles, was es auch fei Haft du nichts als dein Köfferchen da? Ah, du sollst es gut haben. Ich habe es zu etwas gebracht, ich habe drei Kühe und vier . Ziegen. Der Obstgarten im Windschutz des Möoensteins ist ein gesegnetes Stuck Erde Du kannst hier wohnen, solange du willst. Meine Frau freut sich io darauf, dich kennenzulernen, und meine Kinder, hahaha, sie glau- den, du hattest für jeden ein Schaukelpferd mit! Sieh, das ist mein Haus!!
Sie traten unter das niedrige Dach des schweren Blockhauses. Ragnar umarmte Anna, das war nicht leicht, denn Anna war klein und rundlich und Ragnar lang und dürr. Dan nahm er alle sechs Kinder bei der Hand, lernte ihre Namen und strich ihnen über das Flachshaar
Man ging zu Tisch. Olaf war ganz glücklich. Er regierte alles, Frau, Kinder, den brüderlichen Saft, Suppe, Braten und Speise, alles mußte neu placiert, serviert und die Blumen beiseite gestellt werden, damit er oesser sehen könne, wie es Ragnar schmecke. „Hau ein, mein Lieber!" jagte er und goß Ragnars Glas so voll, daß es einen Rotweinfleck auf Mutters weißer Decke gab...
Nach dem Esten mußte Ragnar die Tiere besehen und befühlen, den Garten bewundern, und vor allem das Bootshaus, das Olaf selbst ge- ?kn^rLf,atte' *lnb ouf der Fischereibank hatte er noch ein Konto von 10 000 Kronen, die auf Annas Namen bei der Sparkasse lagen. Oho! Es wurde die Leute noch staunen machen! Und das Schönste an dem ganjen Segen war, daß jeder Oere verdient war. Nicht wie bei Lore stn, dem Backer, der in der Staatslotterie 50 000 Kronen gewonnen vaste — das wäre nichts für einen Mann wie Olas Pedersen —, kein Gluck wolle er vom Himmel, nur daß Gnade ruhe auf redlichem Der- tnenft! Und wenn es goldene Eier regnen würde, er würde sie Stück für ©tuet wieder in die Wolken zurückwerfen und den verschwenderischen Himmel mahnen: Sperr deine Glückshenne ^n, aber lass' es bitte sehr auf meinen selbstgepflanzten Rhabarber regnen! —
. Beim Abendessen, wie Olaf (aut und fröhlich anordnete, welcher Käse letzt dran käme, und wieviele Waffeln ein jeder vertragen könne, begriff Jiagnar, daß er eine große Gefahr für dieses vollkommene Glück bedeute. Und schweren Herzens unterdrückte er den heißen Wunsch, mit der qlück- Uchen Wahrheit, den anderthalb Millionen Dollar und den prächtigen Silberfuchsfarmen herauszurücken. Er war auch nicht böse, daß Olaf in leinem Eifer, fein Gluck und seine Habe zu zeigen und ihm alles Gute dieser Erde anzutun, vollkommen vergessen hatte, einiges Interesse für miL beS ®rub«»aLu Zeigen. Er hatte sich nicht nach Ragnars Fa- milie, Vermögen, nach seinen Planen und dem Grund der Reise erfun- .gutmütigen Eitelkeit hatte er sich sofort als Helfer in Der Slot gefühlt, sein kleines Leben und Wirken dargestellt, gelobt und ge- p/'esen, Ragnar suhlte, daß Glück und Güte oft kleinen Umkreis haben, ür fürchtete, einen Schatten auf diesen kleinen Sonnenslecken zu werfen, wenn er die Segel seines Glückes aufspannen würde. Zweifel an der eigenen Kraft, em versteckter Neid, zumindest das Unvermögen, hilfreich und überlegen zu sein würden das kindliche Herz des einfacheren Bru- mThS ? s ?nnn.a ’1)n endlich nach seinem fernen Heim, nach ^x3 0 frQ0tc' kratzte, er sich verlegen am Kopf „Na , sagte er, „Das Billett war teuer, aber Da es eine reine S* w°r, euern glücklichen Wohlstand zu sehen, so werde ichs im Ä Lb,a^r Mit Freude zu eriparen wissen, und Mary, meine & ? ?lm „unb Tom werden mir gerne Helsen, wenn ich so gute
Macyncyt bringe.
r,?^8 s'ch bIr 8!^kiche Olaf auf den Schenkel und verkündete: fSn r^U58l' r?‘r b>e. Rückfahrt." Und obgleich Anna einen KArnnP^<k-bva(m'r6°Lte "Mer Hundert-Kronen-Scheine aus Dem Schrank und händigte sie dem Bruder aus. Der nahm sie dankend.
Nug>E.. zurück. Er hatte sich eine große Freude versagt um em bescheidenes Gluck nicht zu stören. Und sein Gewissen DiÄ« für axUe Fälle ein Testament machte, in dem auch
Die feche Kinder Olafs standen, jedes mit einer Zahl, groß genug, um einem glücklichen Bruder Den Schlaf zu rauben. 8 08 8
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühlfche Univerfitätsdruckeret A.Lange, Gießen.


