nehmen zu finanzieren, ebensowenig wie Lady Stanhopes Ausgrabungen bezahlt wurden, Hefter konnte nicht umhin, eines Tages jeftzusteUen, daß es höchste Zeit war, eine Anleihe von dem britischen Konsul in Aleppo zu erwirken. Die groben Pläne mußten ausgeschoben werden. Europa wurde alt, und England war schlecht regiert. Um ein paar armselige Psunde versäumte man die Ausgaben der westlichen Kultur!

Nachrichten, die aus Europa kamen, besagten, daß der Korse vor Roche­fort ein britisches Schiss betreten habe als Gefangener. Pitts großer Gegner schmählich besiegt, verraten, verbannt! Nicht einem Großen, in ehrlichem Kampf, hatte der Große sich gebeugt; die Uebermacht von Völ­kern hatte ihn erdrückt, von denen jedes er einst besiegt; wie ein wildes Tier wurde der Dämon des Krieges gefangen und zermalmt.

Hefter Stanhope, die Königin der Wüste, fühlte mit dem gestürzten Korsen, der nach St. Helena fuhr, obgleich er Pitts Widersacher ge­wesen; chr eigener Tyrannengeist stand aus für den Tyrannen, und sie verzieh Europa die Rache an Napoleon so wenig wie den Spott über ihre eigenen Pläne im Osten.

Der gerächte Bruder.

Seit vier Jahren ist ein Franzose, Oberst Boutin, in geheimer Mission im Orient, Hefter hatte chn bei einem Diner in Kairo ge­troffen und ihm lachend ins Gesicht gesagt:

Sie sind ein Spion Napoleons, nicht wahr?"

Mylady irren, ich bin Gelehrter und studiere im Auftrag der Fran­zösischen Akademie Völker und Rassen ..."

Aber der Blick, mit dem er den ihren hielt, war voll Bewunderung.

Oberst Boutin ist im Jahre 1814 bei Mylady in Mar Elias zu Gast gewesen, ehe er auf eine neueEntdeckungsreise" ging. Seither hat man nicht wieder von ihm gehört. Bon Tripolis war er aufgebrochen und nie nach Antiochia gekommen.

Zwischen Tripolis und Antiochia, in schwarzen Schluchten, versteckten Sümpfen, auf nackten Felfenspitzen mit verlassenen Kreuzritterburgen liegt die Heimat der Haschaschinen. Sie halten sich allein für die wahren Mohammedaner, von denen sie gehaßt werden so gut wie von den Christen; ein geheimsnisvoller Stamm grausamer, todesverachtender Rebellen.

In den engen Tälern, wo die Sonne bald untergeht, in uraltem Ge­mäuer Hausen sie und sind von den Soldaten des Sultans gesürchtet. Kein Fremder wagt sich aus die Ziegenpfade, und von den Schlössern in die Schluchten herab gibt es einen sichern Tod. Sie kennen den Kamps in jeder Form, mit Massen, vergifteten Blumen, verseuchten Quellen. Seit siebenhundert Jahren haben die Haschaschin nicht ihre Waffen niedergelegt. Ueberall sitzen ihre geheimen Verbündeten, sie wissen alles, rächen alles. Und wenn sie etwas geringschätzen, so ist es ihr Leben.

Ein wehrloser Europäer ist ermordet ein Europäer, der bei ihr, Lady Stanhope, zu Gast gewesen ... Wenn der Mord an Oberst Boutin ungesühnt bleibt, wird kein Fremder mehr gesahrlos durch die Berge reiten.

Hefter wartet, daß Frankreich Schritte unternimmt, die Konsuln Untersuchung verlangen. Monate vergehen; ein Jahr. Niemand rührt sich. Sie schickt drei ihrer Vertrauensleute aus, Pierre ist darunter, und erfährt, daß der Oberst beim Dors Eblatta verschwunden und zerstückelt worden ist, auf dem Gebiet der Haschaschin.

Lady Stanhope schreibt an den Pascha von Akkon: ob er den Fall nicht rächen werde? Er antwortet höflich, im Winter könnten seine Truppen die Berge nicht vertragen, im Frühling werde er das Un­mögliche für sie tun. Aber der Frühling kommt und Soliman rührt sich nicht. Daraufhin hat Lady Stanhope beschlossen zu handeln. Ist sie nicht Vertreterin des weißen Westens im ottomanischen Reich?

Mit großem Gefolge bewaffneter Diener bricht sie nach Akkon auf, läßt sich mit einer ihrer Zaubergesten den Palast des Paschas öffnen und bringt bis in die Gemächer, wo er Rai hält mit den höchsten Offi­zieren. Mylady, die Sitt, braucht nicht erst um Schweigen zu ersuchen, sie sieht aus wie die rächende Göttin selbst, vor der Sterbliche ver­stummen.

.Läßt du meine Brüder ermorden?" fragt sie laut.

Soliman bietet Kaffee, Sorbet, Geschenke und schmeichelt über jede Vorstellung hinaus.

Mylady setzt sich nicht. In Purpur und Gold gekleidet spielt sie mit großer Haltung einen großen Zorn, die Augen werden schwarz und keiner wagt zu widersprechen. Sie droht mit der Strafe des Sultans, verläßt den Palast; im Haufe des österreichischen Konsuls nimmt sie Wohnung.

Am Morgen des nächsten Tages sendet der Pascha Boten: er bittet unterwürfig, ihn zu empfangen. Sie verweigert und zieht heimwärts.

Auf dem Wege sprengt ein Bote ihr nach mit dem schriftlichen Ver­sprechen, der tapfere Gouverneur von Tripolis, der Todfeind der Ha- jchaschin, erwartet mit feinen Truppen Myladys Befehle!

Zwei Pistolen modernster Art und ein Schreiben gehen daraufhin nach Tripolis:Mustapha! Ich wafsne Dich! Ich habe mich über die Haschaschin zu beklagen, die einen meiner Brüder gemordet haben. Ich hoffe, daß diese Pistolen nie jemand verfehlen werden, daß sie Deine Tage behüten und die Sache Deiner Freundin verteidigen! Hefter Stanhope."

Die Haschaschin versteckten sich hinter jedem Felsen, jede Schlucht be­deutete Tod für die Türken; jedes Halls mußte einzeln niederfallen, jeder Baum, jeder Strauch. Greife und Kinder wurden gemetzelt, Frauen ver­kauft. Es gab keine Gefangenen. Mustapha drang vor, er erklärte den Krieg zur heiligen Sache der Mohammedaner; griff das Felfenschloß an, das durch drei Wasserfälle geschützt war, nahm es ein und schleifte die Mauern ... Schleifte auch die heiligen Gräber der Haschaschin und warf ihre Asche ins Wasser. Die Köpfe der Erschlagenen wanderten haufen­weise nach Konstantinopel.

Bis endlich der Befehl vom Sultan kam: Genug!

Zwelundfünfzsg Dörfer lagen zerstört, Hunderte von Haschaschin er» chlagen. Keiner mehr würde wagen, das Haupthaar eines Reisenden zu berühren.

Lady Stanhopes Name ging in überraschten, befremdeten, scheu de- wundernden Artikeln durch die Presse Europas.Es war ein Unter« nehmen, das den Aegyptern Hochachtung vor dem englischen Charakter einflößle, ihr beseuemdes und würdiges Verhalten beeindruckte die Syrier tief, und während Mylady fo für die eigene Sicherheit sorgten, leisteten Sie zu gleicher Zeit Ihrem Lande einen besonderen Dienst, schrieb Burckhardt, der bisher nie zu ihren Freunden gezählt. Die fran- zösi che Deputiertenkammer sandte eine Dankadresse im Namen des Staates, der Courier irangais ösfentliches Lob:Ihre Durchlaucht hat durch ihren ganz persönlichen Einfluß und ihre Energie die Köpfe der Mörder gefordert und erhalten _..."

Es waren Hunderte von Köpfen!

Und Hefter selbst?

Im Juli schiffte sie sich ein, ließ Meryon und die Zofe zurück, ritt mit eingeborenen Dienern nach Antiochia, wo der englische, der sran- zösische Konsul und der griechische Bischof sie in seltener Eintracht emp­fingen. Sie feien hocherfreut, daß Mylady in Antiochia Wohnung neh- men wolle.

Nicht in Antiochia, lieber Bischof, ich will ins Gebiet der Hafchafchm reiten, mich interessiert dort allerhand."

Mylady scherzen", lächelte Konsul Barker.

Ich spreche im Ernst, aber machen Sie sich keine Sorgen.

Dem britischen Konsul wurde die Stirn feucht ... Sie, eine Frau, diese Frau, deren Rache die Haschaschin dezimiert, mitten in ihren Ber­gen ausgeüefert der Glut ihres religiösen Hasses und er oerant- wortli* für das Leben dieses britischen Untertans! Wenn er sich zum Mahl mit ihr niedersetzte, ließ er sorgfältig jede Speise prüfen die Hafchaschin waren berühmt in der Kunst subtilster Gifte.

Es gab für ihn kaum einen Zweifel mehr: Lady Stanhopes geistige Gesundheit war zerrüttet. Wahrscheinlich hatte schon ihre Rache für Oberft Boutin den ersten Austakt zu dem Wahnsinn bedeutet. Aber ge­rade diese Tat machte sie weltberühmt! Niemand würde ihm glauben, wenn er sie jetzt in die Haft eines Arztes zwänge ...

Zwischen Antiochia und den Bergen der Haschaschin erkor Hefter eine einsame, verfallene Hütte zu ihrer Wohnung. Täglich sandte Konsul Barker bewaffnete Boten: er flehe sie an zurückzukommen! Ihr Leden fei in Gefahr! Aber 'meist kehrten die Reiter des königlichen Konsuln um, ohne Mylady zu Hause getroffen zu haben. Sie reite in den Bergen umher, sagten die Diener, erkläre den Haschaschin: sie feidie Sitt", die ihre Brüder erschlagen ließ, ihre Dörfer verbrennen, die Gräber ihrer Heiligen verwüsten denn feige fei der Mord an einem Wehrlosen!

Es war ein düsterer Sommer für den Konsul von Antiochia. Woche um Woche verging; Lady Stanhope kehrte nicht zurück, und alles, was er erfahren konnte, war, daß sie noch am Leben fei.

Damals, in den Bergen der Haschaschin, in der unendlichen Stille der heißen Nächte am Rand der Wüste, hat Hefter noch anderes gesucht. In der Höhle eines Derwisch schlief sie auf Laub und erwartete saftend Erleuchtung über Schicksal und Sein; das düstere Heiligtum der Deziden erzwang sie sich noch einmal in der brennenden Sehnsucht ihres zwie­spältigen Herzens und schaute einen blutigen Kult, dessen Kunde allein schon jedem Ungeweihten Tod bedeutet. Niemandem hat sie davon er­zählt. Spät erst vertraute sie ihr Geheimnis einem Menschen an, der nicht darüber lachte es war ein Deutscher. ?

Beinahe zwei Monate waren vergangen, ein Fegefeuer für Konsul Suiter. Dann, eines heißen Abends, erschien Mylady, ein wenig un­gepflegter als sonst, aber heiter und seelenruhig, in Antiochia

Sekundenlang glaubte der^Konsul, ihn narre sein Elend. Dann stam­melte er gerührt ein Willkomm. Das Wunder war geschehen, die Hascha­schin hatten ihr kein Haar gekrümmt. Vielleicht achteten diese Wilden eine Frau, die furchtlos war wie sie selbst; vielleicht verstanden sie, denen Blutrache heilig war, ihr erbarmungsloses Strafgericht für den euro­päischen Bruder. In Antiochia warf sich das Volk auf die Knie vor diesem übernatürlichen Wesen, das die wilden Haschaschin bezwungen. Konsul Barker fragte nicht mehr, ob Lady Stanhope eine Heldin fei ober eine Wahnsinnige. Erlöst gab er sich dem Zauber dieser Frau hin, die mit der Frische eines Mädchens und der Kenntnis eines Diplomaten nach England, dem Kontinent und asiatischen Vorposten fragte.

Als Hefter nach Mar Elias zurückkam, war es Herbst, und Meryon empfing sie mit einem Abschiedsgesuch. Sieben Jahre lang hatte er Mylady gedient als Arzt, dem Namen nach; in Wirklichkeit war er nicht viel mehr als Sekretär, Bote oder gelegentlicher Unterhändler indes die Herrin einheimische Pfuscher zu Rate zog! Sein Gehalt, an englischen Verhältnissen gemessen, war lächerlich klein, sein Leben un­sicher, gefährdet. Meryon war entschlossen, nach England zurückzukehren.

Gehen Sie ruhig", meinte Mylady gnädig,ich glaube kaum, daß Sie bei mir berühmt werden." ,

Dr. Meryon rückte an feiner Brille:

Mylady mißverstehen mich"

3m Gegenteil, ich verstehe sehr gut, daß Sie eine Praxis gründen und Ihren Bart einer Frau verkaufen wollen. Ja oder nein?"

Mylady wissen, daß ich in den Harems von Konstantinopel mit Erfolg kuriert habe ... Ich komme ins Alter, wo der Mann nach einer sicheren Basis und eigener Häuslichkeit strebt."

Das sagte ich ja", nickte Mylady.

Meryon saßt sich und beginnt neu:

Was mich bedrückt, Mylady, ist, daß Sie dann ganz allein sind."

Wenn es nur das ist", lacht Hefter,kann ich Sie beruhigen. Ich sehe schon die Zeit vor mir wo Hunderte von Flüchtlingen zu mir kommen werden ..."

Und sie gibt Tag, Stunde und Schiff für die Abreise an, sowie alle Gesche"« und Botschaften, die er mitzunehmen hat.

(Fortsetzung folgt.)