Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1YZ8 Montag, den 4. Juli * Nummer 51
Lady Hefter Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Marla Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
11. Fortsetzung.
„Madame! Sie werden als Königin in Jerusalem einreiten, wenn der Messias kommt!"
Hefter horchte ... Noch einmal die gleiche Prophetie?
„Es steht geschrieben, daß eine weihe Frau als Braut des Messias an seiner Seite nach einem neuen Jerusalem retten wird! Die Zeit ist da, wo aus stürzenden Thronen ein neuer errichtet werden soll ..
„Wer sind Sie?" fragte Hefter.
„Der Erbnachfolger Gottfrieds von Bouillon!"
„Und woher hast du deine Weisheit?"
„3n der Nacht steigen die Sterne nieder und sagen mir Geheimnisse, । ■ die gewöhnliche Menschen respektieren sollen!"
„Er heißt Loustaunau und ist ein Narr, Mylady", ergänzte Pierre, der Koch, der keinen zweiten Propheten neben sich brauchen konnte.
„Ich gehe nicht nach Jerusalem", meinte Hefter sanft.
„Gehen Sie, wohin Sie wollen, Madame, und ich werde in Ihren Diensten sein. Was ich Ihnen sagte, ist so wahr wie das — daß Napoleon zu eben der Stunde, in der wir reden, aus Elba entwichen ist!"
Er nahm den Hut langsam aus dem stolzen Gesicht, in dem der Wahnsinn einstige Schönheit verwüstet hatte, und schien in Betrachtung zu versinken.
„Napoleon?" fragte Hefter, „Meryon, schreiben Sie den Tag ayf ..."
Der Arzt nahm seine Brille und notierte, indes er spöttisch buchstabierte:
„Am 26. Februar 1815 ... Napoleon aus Elba entflohen?"
,Lch nehme Sie beim Wort!" lächelte Hefter. Meryon sah zu seinem Entsetzen, daß Mylady Gold in die Hand des Narren gleiten ließ und ihm winkte zu folgen. —
Regen, Regen, Regen. In der Nacht stülpt sich Hefters Zelt um, die Hälfte der Materialien wird weggeschwemmt. Aber Hefter kennt keine Hindernisse. Askalon ist Ziel. Und nach Askalon wird sie kommen.
Eines Nachts, da der Sturm jeden Schlaf unmöglich macht, verlangt ein Bote Zutritt ins Zeltlager: er hat Nachricht für Mylady aus Britannien.
Der Brief kommt von dem Vizeadmiral Sir Sidney Smith, einstigem Verteidiger Akkons gegen Napoleon — abgeschickt in Wien, wo der Kongreß der Mächte tagt.
Er beginnt mit „Liebe Cousine" — berichtet von seinen Reiseplänen nach Beendigung des Kongresses, von dem kleinen König von Rom, der mit einem hölzernen Schwert in Schönbrunn herumläuft; er ersucht ferner Lady Hefter, sich den neuen Gouverneur von Algier anzusehen — und schließt mit der Bitte, die eingeschlossenen Depeschen an Emir Beschir, den Drusensürsten, mit ihrer Fürsprache weiterzuleiten —.
Hefter läßt die Karawane drei Tage halten, denn was sie liest, so grollt sie zur Meryon, übersteigt ihre Vorstellungen von der Unfähigkeit der Nachfolger Pitts! m ,,
Sir Sidney Smith wirft dem Emir vor, datz er seinen Neffen die Augen habe ausstechcn lassen, hofft, daß nunmehr für ihre Gesundheit gesorgt sei ... Ferner — verlangt er fünfzehnhundert Mann, die der Emir für England stellen soll, um in Algier dep Piraten nachzujagen; denn die in Wien versaynnclten Mächte haben eine internationale Jagd beschlossen, weil die Schiffe der Europäer ständig in Gefahr sind! .— Doch, obwohl Sir Sidney Smith, wie er an Hefter berichtet, in Ball- ' Töten und Konferenzzimmern die Zusicherungen der gekrönten Häupter erlangt hat — will niemand dafür Geld geben ...
Diese Idee sei stupid, antwortet Hefter; der Emir, ständig selbst im Kampf, könne nicht fünfzehnhundert ~!Dlann einfach entbehren. Ferner ließen sich die Drusen nicht außerhalb ihrer Berge verwenden, und schließlich besitze der Emir in seinem Gebiet keinen Hafen — man müßte also zuerst die Einwilligung des Paschas von Akkon erhalten. ......
Was die mitgeschickten Geschenke betreffe, bewiesen sie nichts als tödliche Unkenntnis; an Abu Gosch eine persische Pistole — während er die Pilger nach europäischen durchsuche! Für Emir Beschir einen Kaftan aus schwarzer Seide — gleichbedeutend mit einer härenen Unterhose für einen englischen Lord; der — nicht vorhandenen — Bibliothek von Jerusalem eine Bibel; und der Kirche des Heiligen Grabes, um die sich die Sekten der Welt stritten — ein Papstbildl
Smith erhielt den Brief nicht eben in guter Laune, aber er gab den Plan auf, sich kostenlos drusische Soldaten zu sichern — und Emir Beschir notierte, daß es Lady Stanhope war, die ihn vor der Unannehmlichkeit bewahrte, einem europäischen Herren zu trotzen ...
Zur selben Zeit brachte ein reitender Beduine in goldenem Umschlag ein Schreiben Mahannahs für Lady Stanhope.
„An unsere liebe Schwester, die Herrin Hefter, die der Allmächtige beschützen möge! Deren Tage er verlängere für uns, auf die sie geatmet hat! Dieser Brief kommt mit unserer tiefsten Ehrfurcht grüßend: Amen, o Gott des Universums!
Zunächst solltest du, unsere Schwester, nach uns fragen: Dein Bruder Nassr und wir sind, Gott sei Preis, wohlauf, aber immer in Sorge um Deine vollkommene Sicherheit, welche die Summe unserer Wünsche und Gebete ist.
Seit der Zeit, da Du mit uns warst, geschahen blutige Dinge mit dem Pascha. Er hat unfern Sohn Farez und viele unserer Leute erschlagen. Das war Gottes Wille; aber wir schlugen den Angriff ab, und Gott, der Größte, zerstreute die Feinde, so daß wir jetzt für den Augenblick Ruhe haben.
... Doch wir sind ohne Nachricht, ob Du zu uns kämmst. Wenn Du eine Stute wünschst, laß es uns wissen; denn wir erwarten die Befehle Eurer Herrlichkeit. Mahannah-el-Fadel."
Beigelegt war ein Brief von Nassr selbst; er bat um Vermittlung In dem Streit seines Stammes mit dem Pascha.
Lady Stanhope schrieb nach Konstantinopel für den Veduinenfreund und hatte Erfolg. Der Arm welcher Frau reichte von Palmyra bis London? —
Askalon. Am 1. April begannen die Ausgrabungen im Süden der Moschee. Man suchte die Plätze ab, die im Manuskript eines Klosters von Saida verzeichnet waren; nach wenigen Tagen schon kam eine riesige Kriegerstatue ans Licht, spätgriechische Arbeit.
„Wahrscheinlich ein vergöttlichter König aus der Zeit des Herodes", sagte Meryon bewundernd.
Danach, in einem unterirdischen Gewölbe, schwarze Granitsäulen, zwei riesige Steinplatten und verkittete Kugeln — ah! die Schätze!
Fieberhaft gruben die Leute, noch in der Nacht schlugen sie die Kugeln auf — sie waren leer!
„Das schadet nichts, die Statue ist allein schon die ganze Ausgrabung wert", tröstete Meryon. „Reisende werden aus allen Ländern kommen, um zu sehen, was eine Frau der Vergessenheit entrissen hat."
„Mylady gräbt also doch nach Statuen für ihr Land — wie die andern Fremden auch!" murrten die Türken.
„Ich werde sie in taufend Stücke zerschlagen lassen, um dem Sultan zu zeigen, daß ich nicht daran interessiert bin, mich zu bereichern", tobte Mylady.
Es geschah; marmorne Splitter deckten die Fliesen des Tempels der Astarte. Aber nichtsdestoweniger verbreitete sich das Gerücht, die Statue sei voll Gold gewesen, der Pascha und Lady Stanhope hätten sich heimlich in die Beute geteilt. Und von dem Augenblick an erlosch der Eifer der Grabenden.
,T>a ich weiß, wie sehr die gefundene Statue von englischen Reisenden bewundert worden wäre, habe ich Befehl gegeben, sie zu zerbrechen, daß nicht böse Zungen erfinden, ich suche Statuen für meine Landsleute, anstatt Schätze für den Sultan", schrieb Hefter an den Staatssekretär Lord Bathurst; „nach mehrtägigem Graben kamen wir zu dem unterirdischen Gewölbe— aber ach! Es war schon geplündert worden. Es hat wahrscheinlich drei Millionen Goldstücke enthalten, die Summe, die im Manuskript angegeben war ..."
Nach wie vor ist sie überzeugt, daß England die Kosten tragen wird.
Stolz kehrt sie nach Mar Elias zurück; auch die vergebliche Expedition steigert nur ihren Ruhm durch ganz Syrien. Die Mohammedaner sind Fatalisten und immerhin — Mylady hatte Vollmacht vom Sultan selbst!
Meryon muß noch andere Orte, die in dem Mönchsmanuskript verzeichnet sind, bereifen; aber auch er kehrt bald wieder zurück, ohne Ergebnis und skeptischer, als er gegangen.
„Gestohlen! Alles gestohlen!" entscheidet Mylady.
In jener Zeit, als europäische Zeitungen berichteten, die Nichte des großen Pitt sei auch in bezug auf die Schätzung klassischer Kunstwerke eine Türkin geworden, schrieb sie bereits an eine Unzahl von Gelehrten, Medizinern, Geographen. Eine große Liga sei zu bilden, um rings im ottomanifchen Reich alles Wissenswerte zu erforschen, zu entdecken. Größer sollte diese Akademie des Ostens werden, als Napoleons Aegyptisches Institut jemals geplant gewesen. _ ,
Aber die britische Regierung zeigte keinerlei Neigung, dieses Unter-


