Desterreichs. Im Norden grüßen diese Stadt der Gärten die BergkuUfsen, nach Süden und Osten aber weitet sich der Blick in das Flachland, in die Ebene. Diese Stadt ist ganz Natur. In ihrer Mitte erhebt sich die Waldkuppe des Schloßberges mit seinen alten Festungsmauern, dem romantischen Glockenturm (von den EinheimischenLiesel" genannt), und den Weingehegen an seinem Südabhang. Im Stadtpark turnen zahme Eichkätzchen auf den Schultern der Spaziergänger herum und knabbern Nüsse und Pignoli. Dem Kunstfreund bedeutet die Stadt ein kostbares Juwel: durch ihre alten Häuser und Höfe, durch den Renaissancebau der alten landesfürstlichen Burg mit ihrer gotischen Wendeltreppe, dem düste­ren Barockbau des mittelalterlichen Zeughauses mit seinen 30 000 Ritter­rüstungen, dem im Zopfstil gehaltenen Mausoleum des Kaisers Ferdi­nand HL, dem Glockenspiel und den zahllosen anderen Schönheiten, die wieder in Rudolf Hans Bartsch einen begeisterten Lobredner ge­funden haben.

Natur und Kunst in Oesterreich: sie sind unzertrennlich verbunden. Und wer sich die Mühe nimmt, sie aufzusuchen und zu verstehen, wird gern wiederkehren.

Tag im April.

Von Hermann Hesse.

Wind im Gesträuch und Vogelpfiff Und hoch im höchsten süßen Blau Ein stilles stolzes Wolkenschiff ... Ich träume von einer blonden Frau', Ich träume von meiner Jugendzeit, Der hohe Himmel blau und weit Ist meiner Sehnsucht Wiege, Darin ich still gesinnt Und selig warm Mit leisem Summen liege. So wie in seiner Mutter Arm Ein Kind.

Lopetzchen

Eine Wiener Kindergeschichte von Bruno Brehm.

Warum der Jüngste Lopetzchen heißt, weiß vielleicht nur die Mutter, wenn sie es nicht auch schon vergessen hat. Kaum konnte er lallens wußte er schon, wo alle Dinge zu finden waren: ein Kamm, eine Uhr, ^eine Füll­feder, ein Hut, ein Stock, ein Spiegel, eine Rasierseife. Wenn jemand etwas suchte, nahm ihn Lopetzchen bei der Hand, seine ruhelosen Fin- gerchen kribbelten, seine großen Augen funkelten, seine Füße, die immer viel zu große Schuhe trugen, tappten sicher ihren Weg. Mit seinem breiten Mund und den großen Augen sah er einen dann an wie ein kleiner Vogel, der auf das Futter des Lobes wartet. Erhielt er es, dann nickte er kurz, versagte man es ihm, dann lobte er sich selbst.

Einmal kriecht Lopetzchen im Garten auf einem jungen Apfelbaum herum; der Vater sieht es, er tadelt Lopetzchen, das dürfe er doch nicht tun, das tue dem Bäumchen doch weh, wenn man die biegsamen jungen Acste mit den großen schweren Schuhen trete.Gar nicht weh", wider­spricht Lopetzchen,tut dem Baum gar nichts".Sehr weh", sagte der Vater,horch mal zu: ,Du, Baum, tut es dir weh, wenn Lopetzchen immer so auf dir herumsteigt?' (und mit verstellter Fistelstimme, als Baum, gibt der Vater die Antwort:) ,Sehr weh tut mir das, Lopetzchen, sehr weh!' Lopetzchen runzelt die Brauen, prüft streng den Vater, prüft ernst den Baum mit je einem knappen Blick und sagt dann, daß er selbst den Baum fragen wolle:Du, Baum, tut es dir weh, wenn Lopetzchen aus dir herumsteigt?" (Und ebenso in der Fistel, wie vorhin der Vater, ant­wortet nun Lopetzchen als Baum:)Bleib nur schön oben bei mir, Lopetzchen, es tut mir gar nicht weh."

Der Vater kratzt sich hinter dem Ohr, er schaut, ob Lopetzchen auf- trumpse, aber das Männlein tut gar nicht dergleichen, es schlürft in seinen zu großen Schuhen, zu denen es, damit sie passen, immer drei Paar Socken anziehen muß, zu feinem Roller hinüber und fährt, das linke Sein weit von sich streckend, schnell über ein Hügelchen hinab.

Wieder ein paar Wochen später hat Lopetzchen von der Mutter einen Schilling bekommen, nicht zum Vernaschen, zum Aufheben, für die Spar­büchse. Eines Tages kommt er von der Straße herein und sagt traurig: Hab ihn verloren, den Schilling." Sogleich schlägt der biedere ältere Bruder vor, mit Lopetzchen hinaus auf die> Wiese zu gehen und den Schilling zu suchen.Wirst ihn nicht finden", wehrt Lopetzchen ab,hab schon gesucht, ist nicht mehr da."

Der Mutter fällt aber auf, daß der kleine Mann die Faust so fest ballt, sie fragt, was er denn darin halte. Lopetzchen öffnet arglos die Faust, da liegen auf dem kleinen Handteller neun warme Zehngroschenstücke. Wo das Geld her sei, will die Mutter wissen.Hab ich auf der Wiese ge­funden, wie ich den Schilling gesucht hab." Der ältere Bruder reißt den Mund auf über so viel Unverfrorenheit, aber Lopetzchen ahnt die Falle noch nicht, in die er nun tappt, wie die Mutter fragt, ob er beim Eis- tnann gewesen sei.Dort steht er," sagt Lopetzchen,soll ich dir ein Eis holen?" Und ob er sich für zehn Groschen ein Eis gekauft habe?Vanilli und Erddeer", sagt Lopetzchen.Ja, und dieses Geld", die Mutter deutet aus die neunzig Groschen,das hast du nicht gesunden, und deinen Schil­ling hast du nicht verloren und deine Mutter hast du angelegen!" Da wird Lopetzchen über und über rot, schlingt der sich sträubenden Mutter seine langen mageren Arme um den Hals und flüstert:Sag mir, woher du das alles so genau weißt!"

Nebenan ist gleich der Kindergarten, in den Lopetzchen geht. Dort fetzt er sich neben Gretel, die junge Kindergärtnerin, erzählt ihr Geschichten und bringt ihr Blumen, die er sich selbst im Garten pflückt. Ein paar Beete

aber muß er der Muster verschonen. Einmal aber kommt er zur Mutter gelaufen:Weißt du, der Argo, der döse Hund, ist in deinen Alpenganen gerannt, ich hab'? ihm gesagt, aber mir folgt er ja nicht, das Scheusal." Lopetzchen führt sie hin, die Steinnelken sind ein wenig gerupft. Zwilchen den Steinen, im weichen Boden, sieht man aber nicht Argos Pfotenspur, sondern den Abdruck von Lopetzchens Schuhen.Aber Lopetzchen!" sagt die Mutter, nimmt den kleinen Fuß im großen Schuh und stellt ihn in die Spur,bas ist doch ein Abdruck von dir und nicht von einer Hundepfote." Lopetzchen fährt sich mit feinen zehn Fingern durch den Haarschopf:Hab halt vergessen zu sagen, daß der Argo meine Schuh davongetragen hat, weil ich barfuß gewesen bin, grab noch im Maul hat er sie gehabt, wie ich ihn gesehen hab."

Weißt bu, mein kleiner Freunb", sagt bie Mutter,wir werben bem Argo verbieten, baß er Blumen abreißt und sie ber Gretel bringt." Da wird das Lopetzchen über und über rot und schleicht sich verlegen davon.

Nun aber soll Lopetzchen mit dem Kindergarten und der lieben Gretel in ein Ferienlager gehen, er freut sich schon sehr darauf, daß er zum erstenmal von daheim fort darf, er wird langsam ein kleiner Mann. Und wie der Tag nun näherrückt, an dem er in bie weite Welt hinaus soll, flüstert er ber Mutter ins Ohr:Ich kann ja boch nicht nach bem Auhof fahren." Da nimmt bie Mutter ihn um ben Hals unb zieht ihn an sich: Du kannst also boch nicht von mir fortgehen, mein kleiner, wilber Freunb!" Nun rollen auch schon über bie haselnußbraunen Wangen Lopetzchens bie großen runben Tränen, und da es stumme Tränen find, machen sie ber Mutter bas Herz ganz weich.Hab' mich so auf ben Auhof gefreut", klagt Lopetzchen,aber es geht halt nicht." Die Mutter tröstet ihn, nun werde er eben mit ihr aufs Land fahren. Aber sie will doch wissen, warum es auf einmal nicht gehe.Es geht nicht", flüstert Lopetzchen,weil lch mich noch nicht allein aufknöpfeln kann."Was denn aufknöpfeln?" Da birgt Lopetzchen fein errötendes Gesicht an ber Brust ber Mutter unb haucht:Du weißt es ja eh'." Unb nun versteht bie Mutter unb muß ein Lächeln verbergen.Ach so, wenn bu ba hinaus mußt?" Lopetzchen nickt sehr ernst:Wenn ich hinaus muh. Ich kann's halt nicht." Die Mutter versucht zu trösten:Da wirb dir halt bie Gretel helfen, es finb ja boch lauter so kleine Kerle bort wie bu." Aber diesen Vorschlag lehrch Lopetzchen ab; er blickt ber Mutter ernst, fast streng in bie Augen:Ja schon, aber bas geht boch nicht, weil ich ber Gretel jeben Tag Blumen gebracht hab'." Die Mutter lacht:O, bu kleiner, stolzer Kavalier, vielleicht lernst bu es noch bis zur Abreise. Dann wirst bu ein flottes Bursch sein, ber sich schnell wie ber Winb auf- unb zuknöpfeln kann."

Währenb Lopetzchen also im Lager ist, fahren bie Eltern fort, unb wie sie Heimkommen, ist Lopetzchen schon ein paar Tage vom Auhof zurück. Unter ber Gartentür erwartet er bie Eltern, ertunbigt sich, ob sie ihm auch etwas mitgebracht haben, unb verrät bann, baß auch er ihnen seinerseits eine befonbere Ueberraschung, bie ihnen sicher sehr große Freube bereiten werbe, zugebacht habe. Er nimmt mit ber einen Hand bie Mutter unb mit ber anberen ben Vater, unb nun führt er bie beiben in bas Schlaf­zimmer ber Mutter.Hier, bitte!" sagt er sto^z unb beutet auf einige Blätter Papier, die an der frisch getünchten Wand kleben:Das hab ich für dich geschrieben!" Die Mutter besieht den Brief an der Wand, sie versucht ihn herunterzunehmen, aber Lopetzchen lächelt stolz, er versichert, daß dies nicht so leicht gehen werde, bas sei fest angeklebt:mit Kleb- gummi, oben auf dem Schreibtisch ist er gelegen!" Unb nun kommt bas Mäbchen, sieht bie Bescherung unb sagt, bas müsse Lopetzchen gerabe vor einer Stunbe getan haben, als sie in ber Küche unten zu tun hatte. Ja, Lopetzchen ist nicht wenig stolz, baß ber Bries nicht heruntergeht, er hebt eine Ecke bes Papieres ein wenig hoch unb erklärt, wie er bas gemacht habe:Das ist nicht nur so ein Papier, barunter habe ich noch ein wenig vom Schlauch bes Radreifens geklebt, damit es. besser hält." Er reißt an, er zeigt, daß der Brief festhält, er schreibt bas hauptsächlich bem Stück Schlauch zu. Denn er liebt bas Einfache durchaus nicht. Er hat sich eine Fliferve (Reserve) angelegt, einen Schub, in bem er Schrauben, Nägel, Gummistücke, ausgebrannte unb auch nicht ausgebrannte Glüh­lampen, Binbfaben, Wollknäuel, Knöpfe unb Glaskugeln aufbewahrt. Wer etwas sucht, wird es leicht, wenn auch nicht immer ganz, in der Fliserve finden.

Aber damit der Vater nicht am Ende gekränkt ist, weil Lopetzchen ihm keinen Brief geschrieben hat, so führt er ihn jetzt, während die Mutter zwischen Aerger und Lachen ben Schaben besieht, hinaus in bas Arbeits­zimmer. Dort kleben, allerbings ohne Schlauchzutaten, einige Briefe an ben Wänben, rote, blaue und gelbe, alle mit einer wirren Krickelkrackel- schrift bedeckt, unb in gehörigen Abständen voneinander.B-i dir hab' ich nur Gummi genommen, Radelschlauch war keiner mehr ba. unb ben Schlüssel zur Kammer, wo bie Nabeln eingesperrt finb, bat mir bie Jtzi nicht gegeben." Nun, ber Vater begnügt sich mit ben einkachen an ber Wanb tlebenben Blättern, zumal ja Lopetzchen beteuert, daß sie auch lehr festhalten und nicht so schnell herunterfallen wie bie Blätter vom Ka- (ertber. Lopetzchens Hand mochte bei der Freude, eine Ueberraschung bereiten zu können, ein wenig gezittert haben, er scheint mit der KlebstaG- tube nicht immer richtig gezielt zu haben, denn rings um bie Briefe sind noch andere Spuren, bie auch nicht so leicht zu beseitigen sein werben.

Einen Bries hat ber Vater an ber Wanb gelassen, ben grünen, benn in ihm, ober besser auf ihm, stehen, wie Lopetzchen versichert, bie al(cr= schönsten Geschichten, bie man sich nur ausbenten kann. Vielleicht wirb d-r Vater später noch oft biesen Brief betrachten müssen, wenn er die ®ehlb mit Lopetzchen verlieren könnte. Denn baß man viel Gebuld mit dem kleinen Mann wird haben müssen, das weiß ber Vater schon heute. Mit bem Vater, ber ähnliche Dummheiten in Hülle und Fülle sein Leben lang gemacht hat, hat man sie nicht gehabt. Und vielleicht wird auch der liebe Gott diesen Bries dann und wann lesen und wissen, daß er diesen kleinen Mann beschützen muß aus seinem weiteren und vielleicht gar nicht so mühelosen Weg durchs Geben.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhrloi. Druck unb DerlagtVrühlscheUniversitätSbruckereiR. Lange, Gieße».