Aackt in den Alpen.
Bon Hans Leifhelm.
Silberwolken schwingen zart Ihren Reigen durch den Abend, Schattenpferde, lautlos trabend, Heben an die nächtige Fahrt, Gleiten weithin an den Hängen, Wehen durch die Fichtenkronen — Ferne rauscht es von Gesängen, Wo die Wassergeister wohnen.
Im Gebirge sind erwacht Dunkle Stimmen aus den Steinen, Die sich fern und nah vereinen. Singend durch die Sommernacht. Und die Wälder stehen lauschend. Wenn die Tiefen sich verkünden, Wenn die wilden Wasser rauschend Strömen aus den Felsengründen.
Namenloser Nachtgesang, Endlos durch die Täler schallend, Bon den Wänden widerhallend, Erdgebundener Stimmen Klang. Brandend schwillt es zu den Firnen — Heute wie am ersten Tage Braust empor zu den Gestirnen Des Gebirges dunkle Sage.
Oesterreichische Alpenländer.
Von Professor Dr. Karl Heinz Dworczak, Graz.
Tirol und Kärnten.
Wer die österreichischen Alpenländer bereist, wird überall diesen einen Eindruck bestätigt finden: alles, was Menschengeist erdacht und Menschenhand geschaffen hat, steht im engsten Zusammenhang mit der Natur und kann nur aus der Landschaft und dem Klima heraus erklärt werden. Diese enge Verbundenheit tritt dem Beschauer in gleicher Weise entgegen bei einer Stadt ober einem winzigen Dorf, einem vornehmen Palais ober einer armseligen Berghütte, einer großangelegten Fabrik ober einer verfallenen Hammerschmiebe, einer stattlichen Klosterkirche ober einer bescheidenen Kapelle in zweitausend Meter Höhe, einer modernen asphaltierten Autostraße ober einem steinig-holprigen Gebirgspsab. Aus ber Lanb- schaft heraus würbe Graz die verträumte Gartenstadt ber Pensionisten, Salzburg bie Stadt ber vielen schönen Kirchen und Festspiele, Innsbruck die romantische Alpenstadt der internationalen Touristik, Klagenfurt die Tochter des vielbesungenen Wörthersees. Aus der Landschaft heraus wurden Anmut, Weichheit und Duldsamkeit das Wesen der Bewohner der Ebene, Zähigkeit und Verschlossenheit aber das des Aelplers. Aus der Landschaft heraus erklärt sich auch bie ausgesprochen künstlerische Begabung bes Österreichers, sein Geschmack, seine Vorliebe für bas Unauffällige, sein feines Gefühl für Takt, fein Sinn für gleichmäßige, soviel als möglich geräuschlose Arbeit, seine treue, ja rährenbe Anhänglichkeit an alte Sitten unb Gewohnheiten.
Ueberall finden wir Urwüchsigkeit. In ber Mundart, in alten Trachten und Gebräuchen, alten Liedern und Tänzen, überzeugtes Festhalten an ehrwürdigen Formen. Wie selbstverständlich sind die Provinzialhauptstädte hineingebaut — fast möchte man sagen „hineingezaubert" — in die herrlichsten Bergkulissen. Und selbst das österreichische Gasthaus, in dem mit einer gewissen Liebe und Andacht gekocht wird, ist aus seiner Umgebung herausgewachsen. Die Worte „Behaglichkeit und Ehrlichkeit" sind über seiner Eingangstür geschrieben. In Oesterreichs Kunst haben wir eine Kreuzung, eine Mischung verschiedener geographischer unb geschichtlicher Einflüsse zu erblicken. Wir sinben Denkmäler im romanischen Stil unb solche ber Spätgotik wie bie zauberhafte Franziskanerkirche in Salzburg. Die Barock-Kultur Oesterreichs aber, bie so ganz Musik ist unb so viel von theatralischem Schwung ausstrahlt, die sich an unsere Seele, an unser Herz wendet, sie ist ebenso innig wie leidenschaftlich unb verrät eine fast kinbliche Freude am Schmuck. Man sehe sich auf das hin nur einmal die prachtvollen Bibliotheksäle unserer Klöster (so im steirischen Stift Admont) an. Freude am Schmuck spricht auch aus wohlklingenden Namen der Siedlungen und Flüsse, der Berge und Täler.
Grün, weiches Grün herrscht vor in ber österreichischen Lanbschaft, wenn es gegen bie Ebene geht. In Oesterreich gibt es ja über brei Millionen Hcklar Wald, was 38 v. H. seiner Gesamtfläche ausmacht. Dunkel und trotzig dagegen wirken die Berge des Urgesteins auf den Beschauer. Auf-alten Salz- und Eisenstraßen, mit interessantem geologischen Stufenbau, auf Straßen, die zum Teil von den Römern angelegt wurden geht es, an modernen Papierfabriken und elektrischen Turbinenanlagen vorbei jn die einzelnen Täler hinein, von denen jedes seine ureigensten charakteristischen Eigenschaften hat. Schon auf dieser Fahrt begegnen uns als Folge der bedeutenden Höhenunterschiede Hunderte von Wasserfallen, die einem einzigen großen Naturwunder gleichen. Und wenn wir hören, daß von den vorhandenen 3,7 Millionen Pferdekräften 1,7 Millionen zur Ausnützung geeignet sind, können wir uns einen Begriff von der wirtschaftlichen Bedeutung der österreichischen Wasserkräfte machen. Die Straßen in den österreichischen Alpenländern verlausen meist längs ber wasserreichen Flüsse, bie es zufolge bes starken Gefälles immer eilig haben unb in beren halb btaugrünem, balb weißlich-grauem Wasser sich Forellen unb Aeschen, Huchen unb Hechte tummeln: bie österreichischen Alpen- länber sinb das gelobte Land für Sportsischerl
Die zahlreichen Berg- und Talseen aber erzählen uns, wie jung diese Landschaft geologisch eigentlich ist. Vom Bodensee, dem 538 Quadratmeter großen „Schwäbischen Meer" mit den interessanten Resten von Pfahlbauten, bis zu ihren letzten Ausläufern bei Wien durchziehen die Ostalpen Oesterreich, die eine mächtige Wind- und Wetterscheide Europas
bilden. Einheitlich und In sich geschlossen ist bie zentrale Urgkblrgszone, an bie sich die nörblichen unb süblichen Kaltalpen anschließen. Die höchsten Erhebungen weisen Tirol unb Kärnten mit ihren schneebebeckten Ets- gipfeln auf: Die Oetz- unb Zillertaler Alpen, bie Hohen Tauern mit bem Grohvenebiger (3660 Meter) unb bem Großglockner, ber mit feinem 3798 Meter hohen schlanken Horn ben höchsten Gipfel Oesterreichs darstellt. An seinen 31,5 Kilometer großen Pafterzengletscher und den seltsamen hochgelegenen Ufermoränen führt jetzt eine kühn angelegte, aber bequem fahrbare Autostraße heran, von der aus man ohne Anstrengung die Wunderwelt bes Hochgebirges genießen kann. Die öfter* reichischen Alpen enthalten wahre Prunkstücke von glazialen Formen, zerhackten Eistreppen, unheimlichen Eisfalten unb Gletscherspalten, Mittelmoränen und Kartreppen mit prachtvollen kleinen Seen. Der Reichtum an gegensätzlichen Eindrücken ist ungeheuer: steil abfallende Felsmauern unb schroffe Grate, eiserfüllte Mulden, gähnende Schluchten und Abgründe, weißglänzende Firne. In den Oetztaler Alpen allein gibt es; zwanzig Talgletscher.
Auf weiten Almen weidet das Vieh, wir vernehmen bis in die höchsten Hohen hinauf die anheimelnde Melodie der Kuhglocken und die von „Jodlern" gekrönten Lieder der Hirten und Sennhüterinnen. Vis in 1900 Meter Höhe find unsere Alpen besiedelt und die mit Steinen beschwerten Holzdächer der schmucken Bauernhäuser, die farbensatten Bergblumen, die süß duftenden Heuschober und einfachen Stege über den tosenden Gebirgsbäche geben der Landschaft ein in sich geschlossenes einheitliches Gepräge. Wie schwer haben die Alpenbewohner mit dem Boden zu ringen! Unb doch reicht die obere Grenze des Getreidebaues bis 1300 unb 1400 Meter, im Oetztal sogar bis 1900 Meter. Dann aber werben die kargen kleinen Felder von ber Zirbelkiefer abgelöst, von zwerghaftem Krummholz, wie den Bergföhren unb Latschen, bie im Winter bie wuchtige Schneelast tragen müssen. In den einsamen Hütten der Hirten und Sennen herrscht fast neun Monate Winter. Noch etwas höher hinauf, unb wir sind im Gebiet ber nackten Felsen, bie noch stellenweise mit Moos unb Flechten bedeckt sind. Nach ihnen aber beginnen bie weiten, weißschimmernden Schneefelder, beginnt die Region des ewigen Eises. Auch diese können heute schon mit Seilbahnen leicht erreicht werden. Diese Zyklopenbauten ber Bergriesen halten Wache über bas Land; die achtundneunzig Gletscher der Ortlergruppe, schon in der Eiszeit geformt, sind ewige Denkmäler der österreichischen Alpenwelt.
Steiermark.
Aber nicht nur Tirol, das trotz seiner Pässe von außen so schwer zugänglich ist und dessen fteiheitliche Bauern deshalb ihre altftänbige Denkungsart, ihre Sitten, Trachten und alten Sonderrechte in Verfassung unb Verwaltung so zäh erhalten haben; nicht nur Tirol ist ein klassisches Land der Berge. Die Obersteiermark steht ihm an Schönheiten wild- zerrissener Felsengebirge unb poesieumslossenen Almlebens in nichts nach. Das 2996 Meter hohe, gewaltige D a ch st e i n m a s s i v bilbet bie vielbesungene Grenzwarte. Der übrige Teil (über bie Hälfte) der „Grünen" Steiermark, bie so oft ein Bollwerk gegen die Türken unb die anderen kriegerischen Einfälle des Ostens bildete, unb von ber aus in ben letzten Wochen ber erste Stoß gegen bas verräterische System Schuschniggs erfolgte, ber übrige Teil ist Wald, träumerisch stiller Wald, sind garbenschwere Felder unb Fluren, sind sanft wogendes Hügelland unb erntereiche Obstbäume. Auf ben saftigen Matten unb Halden weidet das berühmte steierische Vieh, bie Bergschnecken, bas Murbodner und Mürztaler Rind sowie bas weit unb breit wegen seiner Zugkraft geschätzte norische Pferd. Da gibt es prachtvolle Jagdgebiete mit Gemsen, Hirschen, Rehen und Auerhähnen sowie Flüsse, bie bem Sportangler ein wahres Parabies bebeuten. Im „Rauchstubenhaus" fingen bie Holzknechte unb -Jäger ihre uralten Lieder („Gstanzeln"), in den stillen Tälern hat sich noch ein altväterliches Leben erhalten.
Sanftes Mittelgebirge zaubert dann Anmut unb Behaglichkeit über; das Heimatland Peter Roseggers, einsame Wege führen hügelauf, hügelab in Milde, in Heiterkeit und Sonne. Die schlanken Kirchtürme, die einen Dornröschenschlaf träumenden Schlösser, das Blumengold der Felder und Wiesen, der schone Frühling und der von Rudolf Hans Bartsch so oft besungene zauberhafte Herbst erklären die Wesensart des. Steirers, der sich im Waldfrieden seine Seele gesund erhalten hat, unberührt von aller Uederzivilisation. Der südliche Teil ber Steiermark aber ist bas Land der sonnigen Weinberge. Hügel reiht sich an Hügel, Wellenberg wechselt mit Wellental. Verträumte Häuschen ducken sich art besonnte Lehnen, Holzhäuschen, von einem morschen Bretterzaun umgeben, mit Blumen in ben kleinen Fenstern. Manchmal stehen ihrer zwei ober brei beisammen, gleichen kleinen Nestern, in denen man sich wohlig und geborgen fühlt. Die stoische Ruhe ber Brunnen, bie schmalen, von Gehöft zu Gehöft führenben Gehsteige unb bie sanft sich hinausfchlängeln- ben Höhenwege geben ein ganz eigenartiges Bilb, bas Behaglichkeit und ein gelassenes Sichbesinnen ausstrahlt und zum Verweilen einlabet Weich, ausgeglichen gleiten bie Reihen der vielen Kuppen an unseren Bücken vorüber; Blicke in die Fernen, in leuchtendes Land, in bie „süb- steirische Unenblichkeit" bie „bas segnenbe Ausbreiten ber Arme des Vaters" preist. Das Schweigen der einsamen Gipfel, der wohltuende Ernst der Koralpe unb bie Verträumtheit ber Bergbauernhöfe senden uns stille Grüße. In den Seitentälern, in denen es versteckte Winkel gibt, an welchen bie Gegenwart spurlos vorüberging, finden wir Einsiedeleien und bedachtsame Menschen, bie Beharrlichkeit unb Unberührtsein verkünden. Wenn wir dann bie verschwiegenen Wege verlassen, die durch Tiefeinsamkeit und beglückende Waldesdammerung führen, bringt an unser Ohr bas gleichförmige Dengeln ber Sensen unb bie melancho« lich-traute L'ylophonmelodie ber Winbränber (Klapotez), beren Klingklang der steirische Komponist Joseph Marx in seinen Liebern unb Symphonien eingefangen hat. An den Südhängen aber sonnen sich kostbare Weingärten, bie Reben ringeln sich an ben Stöcken unb goldgelbe (Barben« selber erzählen von Arbeit unb roirtenber Kraft. Wir sind in der Heimat des Schilcherweines. *
Am Alpenrand aber, wie Salzburg, liegt Graz, die 150 000 Einwohner zählende Hauptstadt der Steiermark, zugleich bie zweitgrößte Stabt


