auf einer Schütte Stroh liegt, wenn er durch dies Land Polen rritet, | wenn er den Donner der Geschütze oder das Singen der Kugeln hort. Er mutz sich manchmal sehr stark machen, wenn er ins Strichfeuer der russischen Maschinengewehre kommt oder über Höhen reitet, aus denen Granaten zerstieben. Er hat keine Furcht gekannt, als sie vor Namur zwischen den Forts durchbrachen, als sie in Ostpreußen über die Alle stürmten, als ihn bei Opatow im Rücken des Feindes eine Kosaken- patrouille hetzte. Jetzt denkt er plötzlich: Mein Kind, und muh die Zahne zusammenbeitzen. Der große Friedrich wußte wohl, warum er es nicht wünschte, daß seine Ofsiziere heirateten.
Nein, Lexe soll nicht mehr pflegen; er hat es ihr geschrieben. Sie soll nicht mehr dies Schreckliche sehen: die Wunden, das Blut und das Sterben sie soll fort von Berlin, soll nach Waldhausen oder noch besser: nach Dapper. Vater wird gut zu ihr sein, und Mutter wird sie pflegen.
Der Boden unter seinen Füßen wird ein wenig fester.
„Wir wollen wieder aufsitzen, Finke."
Jetzt geht es, sie traben. Und der Regen, der Regen fallt.
Kurz nach zwei Uhr erreicht Bernd den Brigadestab. Er liegt an einer Waldecke unter ein paar zwischen den Bäumen gespannten Zeltbahnen.
Der General liest den Befehl >m Schein einer Taschenlampe. ,Zst das Ihr Ernst?" fragt er. — „Es ist Befehl des Generalkommandos." — „Dann melden Sie Ihrem Kommandierenden General, daß es mir unmöglich ist, den Befehl in der gegebenen Zeit so nach vorn weiterzuleiten, daß seine ordnungsgemäße Durchführung gewährleistet ist. Ich habe keine Fernsprechverbindung mit den Regimentern, die Strippen sind zerschossen. Und wenn ich welche hätte ..." Wallnitz unterbricht ihn: „Das ist auch meine Ansicht, Herr General." — „So sagen Sie das Exzellenz von Lassow." — „Das werde ich tun, Herr General."
Bernd reitet ab. Wieder hinein in die Nacht, wieder hinein ta den Regen.
Ihm ist leichter ums Herz. Biele werden leben bleiben.
Plötzlich dröhnt vom linken Flügel der Front knatterndes Gewehr- seuer und gleich daraus beginnen die Geschütze zu bellen. Bernd hält den Gaul an. Drei Uhr, denkt er. Jetzt greifen sie dort an, wo andere den Befehl hinbrachten. Er lauscht, er weiß: das Feuer kann nicht lange währen, denn der Angriff muß sterben, fast ehe er begonnen hat zu leben.
Hab' ich recht getan, daß ich so langsam ritt, daß ich es nicht zwang, nicht versuchte zu zwingen? Hätte der Angriff drüben gelingen können, wenn er auch hier losgebrochen wäre? Er horcht in die Finsternis der Nacht hinein. Sein Herz schlägt unruhig, angstvoll.
Schon wird der Lärm des Feuers schwächer.
Mißlungen! Bernd weih es.
Mißlungen dort, wie es hier mißlungen wäre.
„Weiter, Finke", ruft er.
Und dann nach einer Weile — er muß es sagen, dem einzigen Menschen, der in seiner Nähe ist, denn es preßt ihm fast den Hals zu —: „Wir haben heute eine Schlacht verloren."
Sie müssen von der Weichsel zurück. /
Bernd hat am Morgen des 13. Oktober seine Meldung gemacht. „Ich bin zu spät gekommen, ich hätte schneller ..." General von Lassow ließ ihn nicht ausreden. „Es ist gut. Ich will nicht mehr hören. Es hat auch so genug Opfer gefordert. Aber wir haben zwei russische Korps festgehalten. Sie sind nicht umsonst gefallen."
Berklow ist geblieben uhb Renkhausen auch, die beiden Freunde. Und mancher andere, der damals mit am Karnin im Kasino saß, als die Worte vorn armen Adel fielen, der nicht zu gebrauchen fei.
Die Regennacht von Janikow frißt in Bernd weiter; sie würgt wie eine Schuld in ihm. Er geht zu feinem unmittelbaren Vorgefetzten, dem Chef des Stabes. „Ich bitte um meine Verwendung in der Front, Herr Oberst." — „Reden Sie keinen Unsinn, Wallnitz." — „Es fehlt an aktiven Offizieren in meinem Regiment, Herr Oberst, fast alle sind gefallen oder verwundet." — „Ich weiß, was Sie drückt, Wallnitz, Ihr Ritt in der Nacht an der Weichsel. Wir tragen alle unsere eigene Verantwortung in uns. Was Sie mit dieser voll decken können, braucht Sie nicht zu belasten. Und dann: glauben Sie, daß wir uns die ausgebildeten Generalstäbler aus dem Nichts holen können? Wenn Tausende zu Helden werden, ist es schwer, auf Mut, auf Taten verzichten zu müssen, aber wir müssen es lernen. Ich würde auch lieber ein Regiment vorne sichren, als hier hinten Befehle schmieden. Aber hier bin ich hingestellt, weil ich für diese Arbeiten ausgebildet wurde. Wir sind nicht so schnell zu ersetzen. Wir haben unsere Arbeit zu leisten und dürfen die Nerven nicht verlieren. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden."
Im November, als der Rückzug beendet ist und sie wieder dicht an der schlesischen Grenze stehen, kommt Ersatz aus der Heimat, um die zu- sammengeschostenen Reihen der Regimenter aufzufllllen. Die Züge führen ihn bis Czenftochan vor, wo der Stab des Generalkommandos liegt.
Die Tür von Bernds Arbeitszimmer öffnet sich.
Bernd, der Truppenbewegungen in eine Karte zeichnet, blickt auf. Ein Offizier in der Uniform feines Regiments steht vor ihm. „Conradi" ruft er.
Die Brüder liegen sich in den Armen.
„Wo kommst du her, Conrad?"
Der andere lacht. „Von Berlin, mein Junge. Ich habe mich reaktivieren lassen. Das machen sie dort jetzt schnell. Sie fragen auch nicht weiter, ob man Schulden hätte ober ob Wechselchen umliefen."
„Wie bist du denn 'rübergekommen?"
„Mit falschen Papieren über Stockholm. Als Kohlenschipper. Es war keine Heldentat. Die Engländer haben mir meinen Berus geglaubt, als sie meine Hände sahen. Ich habe drüben auch nichts anderes getan. Brauchst gar nicht fo erstaunte Augen zu machen."
„Cs ist dir nicht gut gegangen?"
„Nee, mein Junge. Ihr wißt gar nicht, wie gut ihr's hier im alten Europa habt. Das Geld liegt drüben auch nicht auf der Straße, das bilde dir nur nicht ein. Ein Mistland ist das, [age ich dir. Einer hetzt den
anderen. Schuften, schuften und wieder schuften heißt es. Und Gauner ribt's da, alle Achtung! Ich paßte eigentlich ganz gut hin, aber ich war doch nicht gerissen genug für die Kerle. Deshalb bin ich wohl unten geblieben. Aber ich wäre auch zurückgekommen, wenn ich nach oben getrudelt wäre. Den ersten Siegeskoller habt ihr ja nun hinter euch — was? Jetzt müssen auch so 'ne Kerle 'ran, wie ich einer bin."
„3mmer noch bitter, Conrad?"
„Glaubst du, ich wäre heiter geworden drüben? Irrtum, my boy. Ader Schaden habe ich nicht genommen, keine Angst. Ich habe keinen totgetolagen, und ich sause nicht mehr als früher. Stehlen kann ich auch immer noch nicht. Aber wie man einen Zug Infanterie übern Rinnstein führt, hoffe ich nicht verlernt zu Haden. Also zum Frontschwein wie ge-
} Bernd sieht den Bruder an. Er ist breit und kräftig, fein Gesicht ift gebräunt, aber zerfallet und hart. Die Stimme ist rauh geworden, sie quetscht die Worte mit englischem Unterton. Bernd weih nicht, was er noch sagen soll, er denkt zurück: wie klein scheint jetzt, was damals un- Überwindlich schien: Spielschulden, Abschied.
„Warst du in Dapper?"
„Nein, mein Bester. Der Weg war mir noch ein bißchen zu weit, ver- stehst du. Aber eine Karte habe ich geschrieben, als sie mich wieder zum Leutnant gemacht hatten und ich beim Ersatzbataillon in der Chaussee- straße gütigst einrücken durste. Da tarnen sie gleich angefahren, Vater und Mutter. Das gab eine herrliche Versöhnungsszene. Wir haben sogar eine Pulle Schampus bei Habel getrunken. Sie hat mir ausgezeichnet geschmeckt. Es war die erste seit Straßburg, Anno dazumal. Drüben gab's nur Fusel. Die Alten lassen überdies grüßen. Es geht ihnen gut. Vater lieft die Kriegsberichte und weiß alles besser. Er hätte an der Marne die Schlacht gewonnen, und euer Rückmarsch von der Weichsel war auch Blödsinn. Zur Zeit ist er nicht gut zu sprechen aus die OHL.
,^aft du auch Lexe ..." ,
„Natürlich, mein Junge. Läßt dich grüßen, sehr sogar. Vernünftiges Mädel, flennt nicht, wenn man von dir spricht, wie Muttern, redet keinen Ouatfch wie der alte Herr. Hat mir gefallen. Gratuliere. Und Geld hat sie auch, habe ich gehört."
„Das spielte keine Rolle, Conrad."
„Na, geschadet hat's sicher nicht. Tu man nicht fo. Kinder, Kinder, «Md) wünsche ich allen fünf Jahre Amerika. So feste: Hafenarbeiter in Hoboken oder Treppenfcheuern in der Subway. Wenn alle Diplomaten in die Schule gegangen wären, den ganzen Krieg hätten sie nicht an- gedreht."
Conrads Abteilung soll erst am nächsten Morgen zum Regiment weiterrücken. So können die Brüder den Tag über jufammenbleiben. Am Abend nimmt Bernd Conrad mit zum Essen beim Stabe des Generalkommandos. Er muh neben dem Kommandierenden General Platz nehmen, wie stets die Gäste. Die militärische Anrede in der dritten Person geht ihm nur schwer über die Lippen. „Ich muh mich an den äußerlichen Kram erst wieder gewöhnen, Exzellenz, entschuldigt er sich. Lassow winkt ab. „Den Kram brauchen Sie vorne nicht, vorn entscheiden andere Dinge." — „Will ich hassen, Exzellenz."
Sie wollen viel von ihm wissen: von der Stimmung in Amerika, von seiner Flucht, von dem, was er in der Welt sah. Aber er ist wortkarg.
Später, als der General und die Stabsoffiziere gegangen sind und nur noch die Jüngeren zusammenhvcken, wird er einmal sogar grob. „Kümmert euch doch um euren eigenen Kohl und laßt mich mit eurer Fragerei in Ruh. Was gestern war, ist Wurst, was morgen fein wird, darauf kommt's an. Habt ihr das noch nicht gelernt in eurem Krieg hier? Merkwürdig, drüben hatten wir das verflucht fchnell fpitz."
Er trinkt heftig, er trinkt viel Bernd mahnt ihn, aber er lacht ihn aus. „Laß mich doch saufen, Junge, wer weiß, wie oft ich's noch kann."
Schließlich find sie beide allein. „Nun noch ’ne letzte Pulle, Bernd, noch eine Schampus. Habt ihr Schampus?"
Der Wein wird gebracht.
Conrad hebt fein Glas.- „Prost Bernd." Er lehnt sich weit zurück. „Ist doch gut fo — wieder zu Haus, wieder Deutschland. Prost, Bernd." Seine Zunge ift nicht mehr ganz sicher. „Manchmal, weißt du, kriegte man das Heulen da drüben. War aber Ouatfch. Großer Quatsch. Sehnsucht. Kam immer nur, wenn fick) zwei Deutsche trafen." Er trinkt aus. „Schenk ein, Junge, schenk ein, ganz voll. Krieg ist gut. Kann euch gar nichts schaden. Ist mal aus mit dem Vornehmtum und dem Katzbuckeln und dem Angsthaben vor den lieben Vorgesetzten. Haben jetzt auch Angst, die hohen Herren. Kunststück, roenn’s schießt. Werdet viel lernen dabei, ihr seinen Hunde. Im Dreck lernt man fchnell. Ich kann ein Lied davon singen. — Prost, Bernd, sauf doch mit. Bist noch ein bißchen weich, Brüderchen. Rote Streifen an den Buxen. Oeneralftab. Große Sache. Aber nutzt nischi fürs Geben. Geh ruhig mal nach vorn, in die Schweinerei da. Wird fein wie in Hoboken, denk' ich mir." Er singt. „Da tritt kein anderer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein ... Groh^ artiger Kerl, der Schiller. Der wußte immer, worum sich's dreht . • • Wieder singt er: ;,Wer dem Tod ins Angesicht schauen kann, der Soldat allein ..." Seine Stimme kippt über.
„Willst du nicht schlafen gehen, Conrad?"
„Was ich fage: zu weich, mein Junge. Kannst nicht durchhalten. Schämst dich wohl. Scham ist schlimm. Fast fo schlimm wie Angst. Hab beides verlernt. Mußt du auch. Wovor'denn Angst? Vorm Tod? Nee — nifcht zu machen. Vorm Leben vielleicht — ja." Er legte beide Arme aus den Tisch und hebt sein Glas. „Nee — auch nicht", spinnt er den Gedanken weiter. ,,Geben ist schon. Geben ist der Sinn vom ganzen. Tod ist Unsinn." Er zeigt aus den Wein, in dem die Perlen höchsteigen. „Siehst du, fo: kuller — kuller — kuller nach oben. Dann pitsch -* aus. Prost, mein Junge."
Die Flasche ist leer.
„War schön", sagt Conrad. „Und jetzt — Krieg."
Er steht aus und steht plötzlich wieder sest und grabe. Er reckt sich- „Das muß man können, my boy. Wenn du das kannst, immer kannst, bann schaffst bu's." (Fortsetzung folgt )


