Jahrgang <958
Montag, den April
Nummer 27
Generalkommando, daß ih angreifen können, wißt ich
aus-
Die Nacht ist fast still. Freund und Feind haben das Schießen
aus dem Boden
rrt und
kann Man
ganz alles
Tropfen brauchte nach der
es gesagt. „Es hilft nichts", war die Antwort, „wir muffen die Russen hier festhalten und über die Weichsel zurückwerfen, sonst ziehen sie vor uns Kräfte ab und werfen sie weiter östlich gegen die Oesterreicher."
Du hast nicht geweint, kleine Lexe, du hast gesagt: „Ich bin glücklich, Bernd."
Ein Kopf hob sich mühsam um wenige Zentimeter: kein Blut war im Gesicht das verzerrt war von Schmerz. Bernd Sekunden, ehe er die Züge erkannte. Er kniete nieder, faßte Hand, die schlaff und kalt neben dem Körper lag.
„Engstedt", jagte er erschüttert, „Gras Engstedt ..."
„Ich habe einen Briefen der Brusttasche, Wallnitz. Der muß sicher befördert werden. Ziehen Sie ihn "raus." Stoßweise kamen die Worte, geflüstert warep sie, kaum verständlich.
Mit zitternden Händen tastete Bernd nach der Tasche. Der Rock war geöffnet, er fand den Brief.
Engstedt atmete schwer. „Nee, Wallnitz. Ich weiß Bescheid. Mir man nichts vormachen. Bauchschuß. Aus. Erledigt. Das ist vorbei. Muß an was anderes denken jetzt. Damals im Schloß, wissen Sie noch?"
„Nicht soviel reden, es strengt Sie an."
„Schadet nichts mehr. Sie hatten schon recht damals. Ich war rnanch- fial ein Schweinehund."
Bernd trägt Lexes letzten Brief neben ihrem Bild und jetzt auch neben dem und der adressiert ist: „An Frau Grä
vor Geschütze gespannt, Kolonnenfahrzeuge wurden aus Schuppen gezogen, wo sie lange Friedensjahre still bereitgestanden hatten, nun wurden sie voll Munition gepackt, die aus den Depots anrollte. Alles, wie es der allmächtige Mobilmachungskalender vorsah.
Am achten Mobilmachungstage aber stand ein Zug da und führte mich davon.
Auch fein Regiment steckt da vorn im Sumpf. Der Major von Ar- Husen hat ihn angeschrien: „Seid ihr denn wahnsinnig geworden beim Generalkommando, daß ihr uns hier in den Mist reinjagt? Daß wir angreifen können, wißt ihr ja wohl, aber dann müssen wir auch was zum Angreifen haben. Hier zieht uns der Modder die Stiebeln aus, und wenn wir vor wollen, bleiben wir im Morast stecken, daß uns der Russe abknallen kann, als ob wir Schießscheiben wären. Sagen Sie das den hohen Herren da oben."
„Danke", sagte die Stimme. „Erst wenn die Feldpost wieder sicher ist ... ja ..."
„Gewiß, Engstedt." Bernd versuchte zu trösten: „Es wird noch gut werden ..."
waisyaus >>anirow pcu oas weneraikommando am Morgen seinen Gesechtsstand bezogen: es ist das einzige Steinhaus der ganzen Gegend. Zwei Stunden später ist der Generalarzt gekommen und hat gebeten, ihm ein Zimmer zu Lazarettzwecken abzutreten, wieder eine Stunde später hat er drei Räume gefordert und kurz nach zwölf Uhr mittags das ganze Gebäude. Der Stab ist in eine Scheune gezogen.
Ehe Wallnitz abritt, hat ihn der Generalarzt beiseite gezogen. „Es will Sie jemand drüben bei uns sprechen. Haben Sie fünf Minuten Zeit?
Da lagen sie nebeneinander auf Stroh, Berwundete: Mannschaften und Offiziere, wie sie gebracht worden waren: sie waren alle schon verbunden, sie schrien nicht mehr, sie waren meist stumm, nur einzelne, die den Schmerz nicht ganz unterdrücken konnten, wimmerten leise.
Es roch nach Karbol und Medikamenten im Raume. In einer Ecke brannte eine Petroleumlampe.
Ein Arzt führte Bernd durch die Reihen, er zeigte auf einen der Verwundeten: „Da!",
Dann wandern die Gedanken andere Wege. Fünf Tage hat er Lexe nicht schreiben können, sonst hat er jeden Tag wenigstens ein paar Zeilen geschrieben, aber jetzt war keine Zeit: Gefecht auf Gefecht, Kampf um Kampf. Seit vierzehn Tagen hat er keinen Brief von Lexe erhalten: die Feldpost steckt irgendwo hinten im Dreck, die wenigen brauchbaren Wege müssen für wichtigere Fahrzeuge freigehalten werden: Munitions- kolonnen, Verpflegungskolonnen, Sanitätskolonnen.
Ein verfluchtes Land, dies Polen.
Und ein zäher Gegner, der Russe: er beißt sich in dem Boden fest und ergibt sich erst, wenn man ihm das Bajonett auf die Brust setzt.
Im Gutshaus Janikow hat das Generalkommando am Morgen seinen
Herz lm ÄW
Roman von Hans-Eafpae von Zabeltitz
Soptzrtght by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
13. Fortsetzung.
Kleine, liebe Lexe. Vier Tage waren wir verheiratet, eigentlich nur vier Abende und vier Nächte, kleine Lexe, denn tagsüber war Dienst, Mobilmachungsdienst: ein ganzes Armeekorps wurde 1 '
gestampft, ein Reservekorps: Männer strömten zusam:
Er kann nicht traben, der Boden ist zu tief und schlammig, das Pferd zieht an ledern Schritt. Er hat keine Eile. Er hat gesagt: Ich furchte, ich werde den Befehl nicht rechtzeitiß übergeben können. "Ich kenne den Weg ich bin ihn zweimal heute geritten. In der Nacht ist kl ^m Wetter in drei Stunden kaum zu schassen." - „Es muß ne*
werden , hat der Ches des Stabes erwidert.
„ wird werden wenn er den Befehl rechtzeitig abliefert, so daß er noch bis in die vorderste Linie vordringen kann? Die braven Kerls werden, wenn die Zeit da ist, aus ihren Löchern im Sumpf aufstehen unb lobzusturmen versuchen: es wird aber kein Stürmen werden sondern ein Vorqualen durch den Schlamm. Drüben werden die Maschinengewehre in die Finsternis hineinrattern. Zehn Schritt Boden werden ae- wTnmT,!en' j£er un\ ba vielleicht fünfzig, vielleicht sogar hundert. Aber aus diesem Weg werden viele liegen bleiben; und weichen wird der *nu||e nicht.
5ßaUniö Öat gelernt: Befehl ist Befehl. Man hat nicht zu fragen: "Ist er richtig, ist er falsch?" Man hat zu gehorchen. Daran erinnert "sich- Er versucht es noch einmal. Er nimmt die Zügel auf, legt die n-ant.bl5 Sporen, und der brave Gaul gehorcht: zwei Schrrtte Trab, drei Schritte Trab — es geht nicht ’ 4
Moor ist unter Wallnitz.
s sitzt ab mit der Taschenlampe leuchtet er nach rechts und links: oa stehen die Stamme des Hochwaldes, einer wie der andere. Er leuchtet auf den Boden: eine nasse schwarze Fläche, wasserbedeckt, Pfütze au
Der Kürassier, der ihn begleitet, ist gleichfalls abgesessen.
„Sliid wir überhaupt noch auf dem Weg, Finke?"
'M Staub’ schon, Herr Hauptmann." Er zeigt auf ein langgestreckte» Wasserloch. „Das ist wohl 'ne alte Wagenspur "
„Wir müssen es schaffen, Finke!"
„Jawohl, Herr Hauptmann, aber es ist man kein Vorwärtskommen in dem Mist."
„Aber Engstedt."
„Schadet nichts", sagte er wieder. „Bin nur ehrlich. Muß man fein »t. Wissen Sie, noch einmal Musik, noch einmal Tanz, Frauen. War ganz schön ... ist lange her, sehr lange." Er machte eine Pause. 05 stand etwas wie ein Lächeln um die verkniffenen blutleeren Lippen. '■Mber heute, war auch schön. Wie ich vorritt und als erster die Russen hnter der Höhe sah. Dann schoß ein Luder. Aber meine Meldung hab' ch noch geschrieben. Trotz der Kugel im Bauch." Der Atem quälte sich deisend aus der Brust. „Nun gehen Sie man, Wallnitz, Sie haben j>! tun."
Bernd drückte die schlaffe Hand. „Mut, Engstedt. Nur den Mut nicht otrlieren."
„Der Brief. Nicht vergessen. Sicher befördern."
Vorsichtig trat Bernd zurück. Er sah noch einmal auf den Sterbenden. Ler lag mit gefchlossenen Augen, ganz friedevoll.
Langsam reitet Bernd.
gestampft, em Reservekorps: Männer strömten zusammen, kleideten sich in Feldgrau, nahmen Gewehre in die Hand, bildeten Kompanien, Regimenter: Pferde wurden von Pflügen und Geschäftswagen gefchii vor Geschütze gespannt, Kolonnenfahrzeuge wurden aus Schups sie lange Friedensjahre still bereitgestand I Munition gepackt, die aus den Depots
in der Brusttasche bei sich. Er steckt t Brief, den ihm Engstedt gab, und der adressiert ist: „An Frau Gräfin Engstedt aus Larisch, Oberschlesien." Das ist seine Mutter. Sie wird nun bald schwarze Kleider tragen müssen wie viele, viele Frauen daheim.
Lexe schreibt — der Brief ist vom 20. September —: „Ich pflege noch im Lazarett: aber- Mutter meint, ich sollte es nicht mehr tun, denn — Bernd, ich wage es kaum niederzuschreiben — ich bekomme vielleicht ein Kind, ein Kind von dir, du lieber, ferner, großer Mann. Es ist noch nicht ganz sicher, sagt der Arzt, aber ich fühle es, mein Herz sagt es mir. Ich habe es jetzt schon lieb, weil es doch dein Kind ist."
Bernd kennt die Sätze auswendig. Er sagt sie sich vor. wenn er nachts
, --Wir wollen eine Weile laufen, Finke, damit die Pferde sich ruhen können. Vielleicht geht's dann."
„Gut, Herr Hauptmann."
Bernd sieht auf die Armbanduhr. Die Leuchtzeiger stehen auf eins. In zwei Stunden soll der Angriff sein.
JJie vcacyt i|t säst still. Freund und Feind haben das Schießen eingestellt. Nur ganz selten flackert weit links Maschinengewehr- ober Jn- fanteriefeuer in kurzen, nervösen Stößen-auf.
Quatschenb im Modder quält sich Bernd vor. Bis über die Knöchel sinkt er bei jedem Schritt ein.
Selbst wenn ich wollte, denkt er, es ginge nicht.
Unb bann: Gott sei gebankt, daß es nicht geht. Viele werden leben bleiben.
GiehenerLamilienbMer
________Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger


