Ausgabe 
4.3.1938
 
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m haben. Denn alle Lebendigkeit des Ausdruckes, die aus der Musik der 1 italienischen Oper sprach, war mit Händels völligem Ausgeben des allein Bühnenwirksamen aus der Handlung seiner Opern verbannt.

Was HändelsCäsar" heute nicht mehr zu erreichen vermag, gelingt den Helden der Gluckschen Oper auch jetzt noch voll und ganz. Gluck gestaltete seine Opern trotz ihrer antik-heroischen Themen und ihrer mit Arie und Rezitativ am italienischen Bühnenstil festhaltenden Technik mehr, als Musikdramen im Sinne deutscher Musikauffassung. Höhepunkte dieser musikalischen Dramatik bieten die beiden Werke um das Schicksal der Agamcmnontochter Iphigenie Glucks Bestrebungen Im Sinne einer Ein­bürgerung der fremden Opernform im Reiche der deutschen Musik wurde von einem der Größten ausgenommen und weitergeführt: von Wolfgang Amadeus Mozart. Aus dem Gebiet des Opernschaffens mag Mozarts Werk ungefähr als das unmittelbare Gegenteil zu dem Wagnerschen Musik­drama gelten. Wo jener sich bewußt einen neuen Weg zur dramatisch- musiknliichen Gestaltung germanischen Geisteserbes suchte und errang, über­nahm Mozart die gesamte Tradition romanischer Musikformen und wan­delte sie durch das Genie seiner Schöpferpersönlichkeit zu einem ebenso neuen wie deutschen Opernstil um. Damit steht er gleich einmalig und unwiederholbar in unserer Musikgeschichte da wie sein großer Gegenpol Wagner. Mozarts Ouvertüren und Orchesterstücke atmen ebenso wie seine prachtvoll lebensechten Gestalten eines Figaro, Don Juan oder Papageno die Naturnähe ihres durch und durch deutschen Schöpfers. Kein Hörer wird je auf den Gedanken kommen, daß diese deutsche Kunst sich eigentlich erst an der Formensprache romanischer Musikgesetzlichkeit geschult und gebildet hatte.

Als Brücke zwischen Mozarts weltanschaulich im Rokoko wurzelnden Kunst und der romantischen Oper Webers und Lortzings steht ein Werk, das auf dem Gebiet der Bühnenmusik die einzige klassische Schöpfung darstellt: BeethovensFidelio". In ihm besitzen wir eine Art von musikalischem Ideendrama, dessen mühsam gebändigtes Gleichmaß jedoch immer wieder von den großartigen Ausbrüchen einer elementaren Ge­mütskraft durchbrochen wird. Auch imFidelio" findet sich noch der Ein­fluß des romanischen Opernstils. Doch siegt schon im ersten Akt die Seelen­tiefe deutscher Musikinnigkeit über das spielerische Getändel der kleinen und großen Arien nach dem Geschmack der Opera buffa.

In den Bllhnenwerken Webers und L o r tz i n g s feierte die deutsche Romantik wiederum einen entscheidenden Sieg über die Regelkunst der Romanen. Der in tragischem Ernst und lächelndem Humor urdeutsche Charakter desFreischütz" mit seinen volkstümlichen Szenen und Begeben­heiten bietet ein ebenso getreues Spiegelbild unserer Volksseele wie der darstellerische und musikalische Gehalt vonZar und Zimmermann".

Bon diesen beiden Opern führt auch eine innere Verbindungslinie zu den .Meistersingern". Sehen wir einmal von der Wagnerschen Typen- schöpsung des Leitmottvdramas ab, dann können wir sogar eine entfernte Beziehung zwischen GlucksOrpheus" und der Ringtrilogie nicht ganz ableugnen. In ihr zeigt sich eben jene Verwandtschaft von Persönlichkeiten aus ursprünglich gleichem Blut, durch welche auch eine Mozarische Oper trotz aller äußerlichen Äehnlichkeit mit zeitgenössischen romanischen Erzeugnissen doch himmelweit von jenen getrennt ist. Mit Wagners Musikdrama ist der germanisch-romanilche Dualismus in der deutschen Bühnenmusik zugunsten des germanischen Geistes endgültig überwunden. Doch die unnachahmliche Eigenheit von Wagners musikalischem Stil bedeutete eine andere Gefahr für das deutsche Opernschaffen: Jene Tondichter, welche sich nach Wagner das Gebiet der Oper zum künstlerüchen Betätigungsfeld wählten, verfielen fast sämtlich, wissentlich oder unwissentlich, der Nachahmung. Nur wenige unter ihnen, wie Marschner, Pfitzner und Richard Strauß, vermochten ihr persönliches musikalisches Wollen durchzusetzen. Auch die jungen deutschen Opernkomponisten, wie der anfangs schon einmal er­wähnte Werner E g k, suchen auf den Spuren der alten Meister musi­kalisches Neuland. Heute, da der Geisterspuk einer jüdisch-amerikanischen Jazzwelt, der auch das deutsche Opernschaffen in seinen besten Impulsen scbwer gehemmt hatte, längst vergessen ist, zeigen sich schon hier und da, wie bei Egk und dem Siebenbürger Wagner-Regenn, Ansätze, die die geistige Erneuerung der Nation auch auf musikalischem Gebiet einleiten und sartführen werden.

Spaziergang durch Upsala.

Von Andre Foelckerfam.

Heute ist großer Pferdemarkt in Upsala, Schwedens ältester Universi­tätsstadt. Es ist acht Uhr morgens. Der Autobus, der über die von Nabeln bedeckte Uplandebene Upsala zurattert, ist erfüllt von Sachen und Schwatzen: er ist bis auf den letzten Platz besetzt. Meist sind es Bauem- fnmilien. die zum Markt fahren, sonntäglich herausgeputzt, mit Kind und Kegel. Denn es ist nicht nur Pferdemarkt, sondern auch Jahrmarkt, mit Buden, Karussell, Lustschaukeln und allen erdenklichen Herrlichkeiten.

Mir gegenüber sitzt, wie aus einem Märchenbuch herausgeschnitten, ein Rotkäppchen mit seiner Großmutter. Das Rotkäppchen ist ein echt schwedisches Rotkäppchen, sehr blond und sehr blauäugig. Es hält ein rotes Samttäschchen in den Händen, das es andauernd öffnet und schließt, um ein kleines Spitzentaschentuch hervorzuholen und es wieder im Täschchen verschwinden zu lassen, und dazwischen nur, um rasch einen Blick hineinzuwersen, ob alle Schatze, die es birgt, noch da sind. Dabei baumelt es mit den Beinen und flüstert aufgeregt alle Augenblicke der Großmutter etwas zu. Die Großmutter trägt auch wie im Märchen eine große blaue Brille, und dazu einen Kapotthut mit einem ganzen Sliefmütterchenbeet.Nu skal vi be|e ftora världen!" sagt die Groß­mutter und putzt umständlich ihre Brille. (Jetzt werden wir uns Ne große Welt ansehen!") Sie ist mindestens ebenso aufgeregt wie das Rot­käppchen.

Durch die beschlagene Fensterscheibe bringt schwaches, gelbliches Licht:

eine blasse Sonne steht hinter der Nebelwand Hier und da taucht, insel- Ö, aus dem eintönigen Grau ein Granitblock auf, streckt ein ent­

er Baum seine Aeste In den Himmel und versinkt wieder im Nebel. Es ist noch eine Meile bis Upsala. Der Bus rollt an einem kleinen un- scheinbaren Steinkasten vorüber. Hier liegen dieMora-Steine" auf. bewahrt, ein steinernes Zeugnis über die Wahl der schwedischen Könige im Mittelalter. Auf einem der Steine steht in verwitterter Schrift, daß 1396 Erich von Pommern zum König erwählt wurde, auf dem nächsten Karl Knutsson und die Jahreszahl 1448, auf einem anderen sind statt eines Namens die drei Kronen, das schwedische Reichswappen, einge- meißelt, auf einem vierten ein Wappenschild mit einem Kreuz. Hier, nicht weit von der Landstraße, liegtMora äng", die Mora-Wiese, auf der von Urzeiten bis ans Ende des Mittelalters, Köniaswahl und Königs- Huldigung stattgefunden haben. Auf diesen Feldern, Aeckern und Wiesen der meilenweiten Uplandebene, die jetzt verschneit und einsam daliegen, hat sich ein großer Teil der schwedischen Geschichte abgespielt.

Die Sonne hat den Nebel durchbrochen. Nördlich, dort, wo das alte Upsala liegt, erheben sich am Horizont drei große Hügel. Es sind die Gräber dreier Svear-Könige um 500 n. Ehr.: des Königs Aun, seines Sohnes E"il, und dessen Großsohns Adils. In der Nähe der Königs- gröber (ag~ber Richter- oder Thingberg. Auf dem Thingberg wurde alla svears ting,Aller Svear Thing", abgehalten. Hier hat, um die Jahr- tausendwende, als Olof Skötkonung gegen den Willen der Bauern die Fehde mit Norwegen forksetzen wollte,Torgny, der Gesetzkundige" dem König kurz und bündig erklärt:Wenn du nicht tust, was wir sagen, werden wir gegen dich gehn und dich totschlagen. Denn wir werden deinetwegen nicht Unfrieden noch Gesetzverdrehung dulden. So hätten auch unsere Väter gehandelt."

In der Nähe des Thingberg liegen ein paar Bauernhöfe: sie heißen seit Alters herDie Königshöfe". Hinter ihnen siegt eine erhöhte Fläche. Nachforschungen haben ergeben, daß diese Erhöhung künstlich angelegt ist. Hier muß einst ein Königshof gelegen haben, eineKönigshalle". Heute ist von Alt-Upsala nicht viel mehr übrig geblieben, als der Name. In einem Wirtshaus kann man sich vom Spaziergang zu den Königsgrübern erholen und seinen Durst mit süßem, blonden Met löschen, blr nach echtem Wikingerbrauch in Ochsenhörnern serviert wird.

Die Grabhügel am Horizont sind verschwunden, lieber - Upsala, das jetzt in blauer Ferne austaucht, erhebt sich die Vasaburg mit ihren beiden mächtigen, runden Türmen. Der Bus rattert durch unbebautes Gelände der Stadt zu. Wir kommen am Pferdemarkt vorbei: er ist schwarz von Menschen. Dahinter, auf einer Wiese, leuchten die Jahrmarktzelte, drehen sich Karussells, schwingen Lustschaukeln in den Himmel. Rotkäppchen und Großmutter steigen aus.

Ein steiler Weg führt auf den felsigen Schloßberg hinauf. Vor mir erhebt sich der gewaltige Backsteinbau mit seinen langen Fensterreihen und den dicken Türmen zu beiden Seiten; ohne jedes schmückende Bei­werk, ohne jede Verzierung, wirkt er in seiner strengen Geschlossenheit zeitlos. Die hohen Fenster haben zum Teil noch die alten Butzenscheiben: hier und da leuchten sie jetzt in der Sonne auf wie eingesetzte Smaragde in hellem Rot des Gemäuers.

Das Schloß, dessen Bau 1547 von Gustav Wasa begonnen wurde, und zu dem die Ueberreste der in den Befreiungskriegen zerstörten Bischossburg als Baumaterial gedient haben, an dem Erik XIV., Jo­hann III., Karl XI. und Gustav Adolf weiterbauten, ist erst unter Chri­stina außen wie innen fertiggeworden, die hier, im Reichssaal des Schlaffes, abdankte. Der Brand, der 1702 ganz Upsala in Asche legte, zerstörte das Schloß dermaßen, daß man sich überlegte, es ganz nieder­zureißen: was nach dem Brande nachblieb, waren nur einstllrzende Mauern und Türme. Adolf Friedrich rettete es, indem er es mit viel Aufwand wiederaufbauen ließ. Unter mir breitet sich die Stadt aus, dahinter dehnt sich bis an den Himmelsrand die Uplandebene mit ihren allen, i?u3 Feldsteinen gebauten Landkirchen; wellengleich steigen aus dem Flach'and die drei Königsgräber empor. In alten Zeiten wurden auf dem Schloßberg die Doktorpromotionen mit donnernden Salutschüssen gefeiert. Heute versammeln sich hier am 30. April, am Valborgsmäßafton, dem Walpurgisabend, die Studenten, um den Frühling mit Gesang und dem Aufsetzen ihrer weißen Studentenmützen zu begrüßen.

An der Rückseite des Schlosses liegt dasSturevalvet", dasSture- gewölbe", einstiges Gefängnisverließ, heute niederbröckelndes Gemäuer, mit einem Eisengitter abgegrenzt. Aus struppigem Gebüsch wächst in der Mitte ein Baum. Hier sind dieSture Brüder", Reichshalter aus dem mächtigen Geschlecht der Sture, von Gustav Wasas ältestem Sohn, dem blassen, rothaarigen Erik XIV. ermordet worden, der später von seinem Bruder, Johann III., im erdbeerroten Schloß Gripsholm, das sich im Mälarsee spiegelt, gefangengehalten wurde. Dieser Erik XIV., der sich bei verschiedenen Fürstcnhöfen nach einer passenden Braut um- sah, indem er, wie es damals üblich war, mit den in Frave kommenden hohen Damen Bildnisse wechselte (Antwort möglichst mit Bild erbeten!) erhielt auch von Elisabeth von England ein prunkvolles Bild überreicht (es hängt jetzt in der einzigartigen Porträtsommlung Gripsholms); Elisa­beth war keine schlechte Partie, als aber Erik XlV. eines Tages Karin Nansdottcr, die Tochter eines Soldaten, auf dem Stockholmer Martt Nüsse verfaulen sah, entschied er sich augenblicklich für Karin. Er heiratete sie sozusagen direkt vom Nußstand, und ließ die stolze Elisabeth sitzen.

Heute befinden sich im Schloß Vrorinzialregierung, Landtag und Landesarchiv. In jenem Teil, wo sich früher ein Magazin befand, ist siirzlich ein neuer Neichssaal entstanden. Dieser riesige, fast giiadrattsche Raum, der zu Festlichkeiten benutzt wird, wirkt mit seinen weißoetünch- ten Wänden, den schweren Barockkronleuchiern und den Bogennischen m ben meterdicken Mauern, monumental und festlich in seiner Einfachheit.

Hinter dem Schloß steht auf einem Felsvoriprung ein kleiner, alters- dunkler, hölzerner Glock-nturm. Die Glocke, die aus dem Mittelaller, und zwar von der Königin Gunilla stammt, wird ieden Morgen um 6 Uhr und abends um 9 Uhr zu ihrer Erinnerung geläutet.

Deranlwortkich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsbruckerei A.Lange, Gießen.