" Aber Bernd sind Meßdorf und seine neuen Besitzer fürs erste gleich- aülttg Er kennt öw Schillings aus Berlin: Herr von Schillings baut Maickinen leine Fabriken bitt)en im Osten Berlins eine kleine Stobt für lim lein Vater hat die Werke aus einer Großschlosserei heraus entwickelt und er hat sie dann ins ganz Große weitergesuhrt. Der Kaiser hat ihn vor zwei Jahren anläßlich der Feier des fünfzigiahngen Bestehens der Schillings-Werk« geadelt — „nobilitiert sagt man hier im Sternberger Kreise noch. Damit sind die Schillings m den Jndustrieadel ausgerückt wie die Krupps, die Siemens und die Bochgs. Au gleicher Zei erwarb Andreas von Schillings die Herrschaft von Bl-ßorf °on Wücheim von Conzheim und machte ein Fideikommih aus ihr. Meßdorf war: alter Conzheimscher Besitz, zehntausend Morgen, davon über siebentausend Forst meistens Kiefern. Die Conzheirns hatten seit Generationen über ihre Verhältnisse gelebt und mehr Wald geschlagen, als wieder au - forsten tonnten; Wilhelm von Conzheim war froh, als er Meßdorf gut an den Mann bringen und sich neu und kleiner im Arnswalder Kreis wieder ankaufen konnte. . _ , . „__
Es sind zwei Kinder im Hause Schillings, ein Sohn mit Namen Paul, der etwa gleichaltrig mit Bernd ist, und ßore tue Tochter, ,etzt zweiundzwanzig; sie ist ein auffallend hübsches Mädchen und führt in Berlin den Spitznamen „Der Große Preis von der Oberspree weil die väterlichen Fabriken bis an das Spreeuser vorstoßen und viele Lastkahne auf den Berliner Gewässern zu sehen sind mit der Aufschrift „Schillings-
Meßdorf stößt, wo die Messe durch einen breiten Wiesenstreifen fließt, an Dapper. Bernd hat pflichtgemäß, als die Nachbarschaft der beiden Familien Tatsache wurde, in der Berliner Villa der Schillings, die in Der Motzstraß«, dicht am Nollendorfplatz, liegt, seine Karte abgegeben; er ist dann zweimal im vergangenen Winter 1908 zu 1909 eingeladen worden hat aber nur eine Einladung angenommen; es war ein ^großer Ball zu fast hundert Personen, ein buntes Durcheinander von Adel und Bürgertum, unter den Gästen niete Menschen, denen Bernd zmn ersten- "'"Herr von Schillings wandert« auf diesem Ball etwas fremd durch seine eigenen Räume, er schien kaum einen seiner Gäste zu kennen. Aber gerade mit chm, als einzigem der Familie Schillings, kam Bernd an jenem Abend in ein längeres Gespräch, und zwar merkwürdigerweise in ein rein militärisches. Herr von Schillings war nie Soldat gewesen und erwies sich trotzdem als äußerst beschlagen in der Kriegsgeschichte, hatte Moltkes und Schliessens Werke gelesen, aber natürlich von einem ganz andern Standpunkt aus als Bernd; ihn fesselte nicht die Taktik, sondern die Technik in der Kriegführung. Er zog Bernd in fein Arbeitszimmer, d°fsen Wände völlig mit hohen Bücherregalen bedeckt waren, nur eine breite Stelle war au--gespart, und hier hing ein Bildnis des alten Paul Schillings, des Gründers der Werke, von Lenbachs Hand: ein eckiger, fast bäurischer Schädel, ganz beherrscht von stahlblauen Augen, das Kinn umrahmt von einem grauen, etwas zerfaserten Vollbart in der Art einer Schisserfräse. Aus einem deckenlosen Eichentisch in der Mitte des Zimmers standen zwischen Haufen meist wissenschaftlicher Zeitschriften Zigarren, keine Importen sondern leichte Hamburger und Bremer Sorten. Herr von Schillings nötigte Bernd aus einen der Ledersessel, die den Tisch umrundeten. „Rauchen Sie?" fragte er und schob Bernd eine Kiste zu. „Nehmen Sie diese, sie kostet zwar nur fünfzehn Pfennige, aber sie ist gut." Dann griff er das begonnene Gespräch wieder auf. „Das da vorne, das Totschlägen und Siegen, das müßt ihr Militärs natürlich machen, aber für alles hinter der Front, für den Nachschub und so weiter, solltet ihr ruhig uns Techniker mehr heranziehen. Wie denkt ihr euch eigentlich die Versorgung eurer Millionenheere?" Das war seine Art zu sprechen: er stellte stets an das Ende einer Betrachtung eine sehr offene, fast brüske Frage. Bernd war überrascht von den Gedankengängen dieses Industriellen, der sein Maschinenwesen in die Kriegführung einordnete, v->m mechanischen Zug, vom Einsatz der Automobile und des Fernsprechers in das Wesen der rückwärtigen Verbindungen sprach, erforderliche Nachschubm.-ngen sofort im Kopf in Tonnenzahlen umsetzte und den Bedarf an Pferden für die Beförderung errechnete. Bernd saß vor ihm wie ein Schuljunge im Examen, er fühlte gar nicht, wie die Zeit verrann. Ab und zu kam ein Diener und brachte für beide Herren Gläser hellen Biers. Endlich sagte Herr von Schillings: „Nun wollen Sie aber wohl wieder tanzen, junger Herr", und stand auf. Als auch Bernd sich erhob, fragte er: „Sie sind doch der Sohn aus Dapper, nicht wahr? Da sind wir ja jetzt Nachbarn. Mir macht die Sache da draußen viel Freude. Mein Urgroßvater war einst Bauer in der Böhrde. Da ist wohl noch ein Erinnern im Blut. Schließlich stammen wir letzten Endes alle vom Lande. Ueberdies hat mir die Lore auch schon von Ihnen erzählt, sie hat Sie ja aus ein paar Gesellschaften gesehen." Er reichte ihm die Hand. „Hat mich sehr gefreut, Herr von Wallnitz. Vielleicht unterhalten wir uns in Meßdorf mal wieder über diese Fragen. Man lernt nie aus." Als Bernd zu den Tanzenden zurückkam, waren die ersten Gäste schon im Aufbrechen, er sah nach der Uhr: er hatte fast zwei Stunden mit dem Industriellen zuiammengesessen
Der Ball und das Gespräch mit Herrn von Schillings liegen nun gut dreiviertel Jahr zurück. An das Gespräch hat Bernd noch des öfteren gedacht, wenn er über feinen Arbeiten saß; an den Ball kaum. Jetzt sind ihm beide fern; er genießt nur die Heimat. Er hat seinen alten Lodenanzug aus dem Schrank genommen und ihn, obgleich er an Knien und Ellbogen fast durchgewetzt ist, liebevoll gestreichelt, ehe er ihn anzog: jede Falte schien chm nach märkischer Erde zu düsten. Er läuft vor- und nachmittags Über die Felder und durch den Wald, er kennt jeden Schlag, jeden Wiesenrain, jeden Vulch und jeden Baum. Vater scheint recht einsilbig in die'em Jahr, obgleich er mit der Körnerernte $ufrieben ist, und Bernd selbst sieht, daß auch die Kartoffeln .— die Leute sind gerade am Ausmachen — gut geraten sind. Bernd spricht mit dem Inspektor, mit den Mägden und Knechten, er geht auch zum Bauer Marzanke und zum Schulzen Wunderlich heran, trinkt mit ihnen eine Tasse Kaffee, raucht eine ihrer Knasterzigarren, redet über das Wetter und von dem, was im nächsten Jahr auf di« Felder fall. Wunderlich wendet das Gespräch gern
mr Politik und denkt, der Herr Junker müßt« das Allerneueste aus Der- ff mitbringen; er fleht überall Gefpenfter, meint, daß England, Frank
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^abr nach Berlin gefahren; woher das Gew für die Steifen tarne, könne man sich denken, selbst bezahle er sie sicher nicht. Bernd lacht über England Rußland und Frankreich und auch über die Sozmldemokra11e.
Missen Sie Wunderlich, ich bin Soldat, da verstehe ich nichts von Wissen S'^Wuno^ch.^ch Leutnant aber ich meine
man muß doch drüber nachdenken. Immer so in den Tag hinein, das
M7r!L?wä7de7?LL "di° Schwester, mit Bernd über bie Felder. Bernd hat das ganz gern. Lotte hat sich im letzten Jahr markig her u gemacht. Das Kükenfett ging vom Körper herunter, sie ist richtig schlank qeroortien; hübsch ist sie eigentlich nicht, aber gut ßeht sie aus. Sie wird einmal eine Prachtfrau, denkt Bernd, nicht ganz solch schwerer Schlag wie Lene und Liese oben in Pommern, die beide vier Kinder haben, Lene vier Jungen und Liese, sehr zu ihrem Kummer, vier Madels. Lotte, der Spätling, wird zarter bleiben. „Na, Lotte, Winter übers Jahr kommst du nach Berlin und tanzt bei Hose." Sie lehnt das sehr bestimmt ab Was soll ich da, Bernd, mit meinen ewigen Sommersprossen? Berlin kostet den Eltern nur Geld; Vater geht bannjeben Tag zu Habel und Mutter schilt hinterher mit .ihm, und wenn dann abends ein Ball ist, sthe ich verheult aus. Ich brauch' euer Berlin Nicht. Ich krieg meinen
"sßerrtb artet,~bafj der Vater ihn aufforderl, mit ihm auf Hühner zu gehen Daß er von sich aus bitten würde, allem gehen zu dürfen, wäre oeczen jede Art. Am fünften Urlaubstag - es hat nachts geregnet und das Kartoffelkraut ist naß, da sitzen tue Hühner fest — madjtJBater den Hund los und fragt: „Kommst du mit, Bernd? — „Darf ich die Winchester nehmen, Baier?" — „Nee, nimm man bae alte Sauersche Hahnenflinte, die schießt sauber und spart Patronen Mit der leidigen Selbftrepetiererei knallst du mir nur sinnlos in die Volker rem.
Der Hund stöbert vor ihnen, fegt in langen Sätzen di« KartoM- furchen auf und nieder, bleibt plötzlich mit einem Ruck stehen und macht sich ganz lang; mit tiefem Kopf windet er. Die beiden Schutzen gehen vorsichtig an ihn heran, nehmen die Flinten schußbereit in die Hande, der Hund dreht den behaarten Schädel, sicht sie an, windet von neuem und wartet gehorsam, bis Vater Wallnitz sagt: „Faß!" Dann erst springt er zu, und brrr ... geht ein Volk Hühner auf. Fast im gleichen Augenblick fallen zwei Schüsse, manchmal gleich darauf wieder einer oder sogar zwei Oben in der Luft stieben ein paar Federn, die Hühner taumeln und stürzen zu Boden; der Rest des Volkes fliegt weiter und fällt nach ein- ober zweihundert Metern in einen andern Kartoffelschlag oder eine Brache ein. „Apport!" ruft Vater Wallnitz, und der Hund sucht mit langen Sprüngen und tiefer Olafe; er greift die getroffenen Hühner, nimmt sie behutsam mit der Schnauze auf und bringt sie seinem Herrn. „Setz dich!" Er hockt sich nieder, hebt den Kopf feinem Herrn zu, feine Äugen glänzen treu und freudig, er ist stolz auf die Beute. „Aus!" Er öffnet die Lefzen und gibt ohne Zögern das Huhn her. Wieder heißt es „Apport!" Und die Suche nach dem zweiten getroffenen Stück beginnt und so fort, bis alles, was niederkam, am Gürtel der Jäger hängt. Der Hund wird ungeduldig und ist erstaunt, wenn er weniger Hühner zu suchen bekommt, als Schüsse gefallen find; es ist Bernd, als ob ihn das Tier wie vorwurfsvoll ansähe, wenn er einmal fehlt. Bernd ist ein guter Schätze, aber Vater Wallnitz schießt noch besser, er kennt eigentlich keinen Frhlsch'tß. Als Bernd einmal aus einem Volk überhaupt kein Huhn herausholt, obgleich er aus beiden Läufen Feuer gibt, mahnt er: „Ruhig bleiben. Junge. Kaltes Mut. Kein Jagdfieber!" Da nimmt Bernd sich zusammen. Drei Stunden geht es feldaus, felbab. Es ist anstrengend, denn die Sohlen kleben am nassen Boden, die Feuchtigkeit bringt selbst
durch die geölten Stiefel. Bernd wird heiß.
Als sie beim Streifen an die Blesse kommen, darf der Hund saufen und baden. Er springt erst ins Wasser, als der Vater ihm die Erlaubnis erteilt: „Geh!" Di« beiden sehen ihm zu, es ist eine Freude, wie er paddelt und schwimmt, man spürt, wie er die Kühle genießt. Dann ist er wieder am User, schüttelt sich und wälzt sich im Gras.
Vater Wallnitz zeigt nach Meßdorf hinüber. „Du mußt in den nächsten Tagen zu den Schillings gehen. Mutter und Tochter sind da. Sie haben uns auch ihren Besuch gemacht."
Auf dem Heimweg — der Hund trollt „bei Fuß" neben seinem Herrn, und sie haben jeder fünfzehn Hühner am Ring, eine gute Ausbeute, aber auch ein ganz anständiges Gewicht nach den drei Stunden Furchen- fteigen — fragt der Alte ganz überraschend für Bernd: „Was ist eigentlich aus der Gräfin Czeh geworden, bei der du früher fo viel verkehrt hast?"
Bernd stutzt einen Augenblick und denkt: Irene. Das ist etwas sehr Schönes und Großes für ihn. Da sind viele Stunden, die ganz fern allem Soldatentum waren, erfüllt von Gesprächen über Bücher und Musik, über Kunst und fremde Länder. Da ist viel Wärme, viel Leisesein und auch viel Schweigen. Seine Antwort kommt ein wenig gedehnt: „Gräfin Czeh — sie ist lange nicht mehr in Berlin gewesen. Sie lebt, seit die alte Gräfin starb, ganz in Waldhausen." Und dann nach einer Weile: „Das ist jetzt zwei Jahre her."
Sie gehen stumm nebeneinander weiter. Es wird dämmrig, und als das Dapperlche Haus mit seinem fritzilchen Doppeldach vor ihnen aus- taucht, blinkt das Fenster von Mutters Zimmer rosarot; Mutters Hängelampe mit dem bunten Schirm brennt also schon.
Da 'agt Vater Wallnitz in den fallenden Abend hinein: „Es ist vielleicht für dich ganz gut so."
Und Bernd weiß zuerst gar nicht, was er meint.
(Fortsetzung folgt.)


