GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zrhrzang M8 Zreitag, den q.März Nummer 18

Herz Im HW

^oman von -Hans-Äaspar von Zobeltib

Sopyrlght by deutsche Berlags-Anstalt, Ofiiftnnrt

4. Fortsetzung.

II.

Hilde Stürmer bringt Bernd Wallnitz zur Bahn. Er hat vierzehn Tage Urlaub und will sie natürlich bei den Eltern in Dapper verleoeu. Die Herbstmanöver sino vorüber, die Alten Leute wurden entlassen? da ist Ruhe beim Regiment, bis die Rekruten eintresfen. Wallnitz ist seit einem Jahr Adjutant des ersten Bataillons, trägt im Dienst mit Stolz die breite Adjutantenschärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte quer über Brust und Rücken und läßt, wenn er die Hacken zusammen­schlägt, die Sporen klingen. So etwas macht Freude, wenn man sechs­undzwanzig zählt. Er haust nicht mehr in der engen Kasernenbude, sondern hat mit seinem Freunde Heidenberg zusammen eine Bierzimmer- wohnung in der Wöhtertstraße gemietet. Auch Heidenberg kann mit den Sporen klingeln, er ist zu der neu aufgestellten Maschinengewehr-Kom­panie versetzt worden und daher beritten.

Hilde Störmer ist ein zweiundzwanzigjähriges Mädel und von Beruf Schneiderin. Sie ist sehr geschickt, hat viel Geschmack und weih in jeder Beziehung genau, was sie will. Sie hat sich schon mit zwanzig selbständig gemacht, besitzt in der Goltzstraße am Rande des Berliner Westens ein kleines eigenes Heim, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, das gleich­zeitig ihre Werkstatt ist, und Küche und Bad. Alle Räume blitzen vor Sauberkeit wie das ganze blonde, frische Mädel. Hildes Kundin'.en setzen sich aus den Frauen kleiner Beamter und kleiner Kaufleute der Gegend zusammen, Frauen, die sich gern geschmackvoll und billig anziehen wollen, aber entweder kein Geschick oder keine Zeit haben, selbst zu schneidern. Der Kundinnenkreis wächst ständig durch Empfehlung von Mund zu Mund.

Hilde und Bernd haben sich am Morgen des letzten Pfingstsonntags im Zoologischen Garten kennengelernt. Das Frühkonzert beginnt dort !chon um sechs Uhr und ist ein Volksfest. Bernd fragte, da all» Tische bei dem herrlichen Wetter besetzt waren, ob er neben Hilde Platz nehmen bürfe. Sie sah ihn einen Augenblick prüfend an, dann nickte sie. So sind sie den Pfingstsonntag zusammengeblieben, sind nach Potsdam gefahren, haben in der Meierei am Havelufer zu Mittag gegessen, haben sich von einem Dampfer über den Wannsee setzen lassen und zum Abendbrot ein Glas Erdbeerbowle im Kaiserpavillon getrunken. Dann hat Bernd Hilde bis in die Goltzstraße gebracht und ist mit in ihren kleinen Schmuckkasten hinaufgegangen. Sie hat sich nicht geziert: es war etwas ganz Selbst- oerständliches und Einfaches: Bernd hatte ihr gefallen. Seit diesem Pfingsttag gehören sie zueinander: sie treffen sich in der Woche ein- oder zweimal, um schlicht in irgendeinem Bräu zu essen, oder sie fahren nach Halensee oder Südende, um zu tanzen; manchmal bummeln sie auch einen »anzen Sonntag zusammen, sie segeln auf der Oberspree oder wandern in der Märkischen Schweiz. Wenn Bernd Potsdam verschlägt, winkt Hilde geschickt ab, sie weiß, daß er dort Bekannte treffen könnte, und das will sie seinetwegen vermelden.

Sie hat Bernd aufrichtig liebgewonnen, aber sie macht sich keine 'ätschen Hoffnungen, daß alles in ein oder zwei Jahren, wenn er eines Tages ans Heiraten denken wird, aus fein wird: sie weiß auch, daß er sie nicht so liebt wie sie ihn und daß seine Gedanken oft ganz andere Wege gehen. Sie läßt sich gern von ihm von den großen Bällen und Gesellschaften erzählen, die er mitmachte oder die er im kommenden Winter mitmachen wird, er muß ihr dann auch von den Kleidern der tarnen berichten, und sie zieht ihre Vorteile für ihren Kundenkreis dar- «us. Von ihrem Beruf spricht sie selten zu ihm, aber sie bringt sich eine Näharbeit mit, wenn sie zu ihm kommt; dann kann sie stundenlang still neben seinem Schreibtisch sitzen und sticheln, während er arbeitet und büffelt, den er bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung zur Kriegsakademie vor. Sie fragt ihn auch Geschichtszahlen und französische Vokabeln ab vnd sieht ihm sogar über die Schultern, wenn er mit roter und blauer vbwaschbarer Tusche taktische Ausgaben aus der Karte löst.

Es ist eine saubere, klare Angelegenheit zwischen diesen beiden Men- shen, bei der keiner zu kurz kommt und unter der keiner leidet. Er nennt sieHille", und sie hört das gern

Hilde hat Bernd heute morgen geholfen, den Rest seiner Urlaubs- sschen in den kleinen Koffer zu legen; das heißt: sie hat alles noch ein­mal ausgepackt und von neuem fraulich und sorgfältig eingeordnet. Als sir auf dem Bahnsteig stehen, sagt sie:Bleib mir treu, Bernd, verlieb

dich nicht in eine andere, und Weidmanns Heil!" Sie weiß, er will in Dapper Rebhühner schießen. Der Zug rollt, vom Bahnhof Zoo kommend, ein; sie hebt sich auf die Zehenspitzen, legt ihre Arme um Bernds Hals und gibt ihm einen Abschiedskuß. Sie ist bisher tapfer gewesen, nun ist doch eine Träne da, denn es fällt ihr schwer, daß sie ihrenJungen", wie sie gern sagt, vierzehn Tage nicht sehen soll.

In dem Augenblick dröhnt eine Stimme aus einem Abteil zweiter Klasse:Wallnitz Wallnitz!" Es ist der dicke Schmersow aus Mergen- thin, Nachbar vom väterlichen Dapper. Bernd tut, als ob er den Anruf überhöre, und zieht Hilde mit sich nach dem hinteren Ende des Zuges, aber schon ist Schmersow aus dem Wagen geklettert und neben ihm. Er legt ihm die Rechte auf die Schulder.Nee, nee, Wallnitz, drücken gibt'? nicht. Wir fahren zusammen."Ich fahre Dritter, Herr von Schmer- sow!"Das lassen Sie man meine Sorge sein. Den Taler zahl' ich dem Schaffner nach, das Recht, den Filius mal mitzunehmen, müssen Sie einem alten Freund vorn Dapperscheu schon zubilligen. Ich bin ,roh, wenn ich Reisegesellschaft habe." Er wendet sich Hilde zu.n Tag, Fräuleinchen. Na, geben Sie mir ruhig 'ne Patschhand, Sie brauchen sich nicht zu genieren, der olle Schmersow beißt nicht." Er hält ihr seine mächtige Pranke hin, in der ihre kleine Hand ganz verschwindet. Sie wird über und über rot.

Der Zugführer ruft:Einsteigen!" Sie müssen sich beeilen, um an Schmersows Abteil zu kommen. Hilde läuft hinter den beiden Männern her.Gebt euch noch schnell 'nen Kuß, Kinder", sagt der Mergenthiner, ich wuchte den Soffer schon rein." Die beiden Jungen stehen einen Augenblick unschlüssig, dann liegen sie sich doch in den Armen.

Bernd steigt hastig ein, und der Beamte schlägt die Tür zu.Fenster runter und winken!" befiehlt Schmersow und lacht. Bernd gehorcht, er sieht noch Hildes Taschentuch flattern, dann rollt der Zug um die Ecke.

Schmersow sitzt, als Bernd sich umwendet, schon in seinem Eckplatz, neben sich auf dem Polster die Kreuzzeitung, das neueste Heft der Kon­servativen Monatsschrift und den Simplizisfimus.Das ist ja ein süßes Mädel", sagt er,gratuliere! Ja, wer so jung ist." Damit ist die Sache abgetan, und er fängt an, aus der Gegend zu berichten: in Morgenitz bei Brandts find Zwillinge angekommen, ein rechter Unsinn, wo schon sechs Kinder da sind und es hinten und vorn nicht langt; beim Krödner Müfsling ist Bullenauktion gewesen, es sind kolossale Preise bezahlt wor­den; der Amtmann Fischer in Neuenhagen hat einen Versuch mit Rüben gemacht, der völlig mißlungen ist, mindestens sechstausend Mark kostete ihn der Scherz, aber er kann's ja aushalten; der alte Berihold in Rogsen hat trotz seiner Siebzig den kapitalsten Bock im ganzen Kreis geschossen. So geht es eine ganze Weile weiter, über den Schlesischen Bahnhof hinaus bis fast nach Fürstenwalde hin. Bernd braucht überhaupt nicht zu sprechen, aber es macht ihm Freude, den Klatsch der Neumark so aus erster Hand zu hören. In Fürstenwalde winkt sich Schmersow den Bahn­steigkellner heran und läßt sich zwei Gläser Bier reichen, er stößt mit Bernd an:Auf euer olles Dapper, euer Boden taugt zwar nifcht, aber Ihr Vater ist ein famoser Kerl." Dann fragt er nach Gene und Liese, Bernds Schwestern, die beide Gutsbesitzer in Pommern geheiratet haben, nach Lotte, der jüngsten, sechzehnjährigen, die noch bei den Eltern auf Dapper lebt, und schließlich auch nach Conrad, Bernds älterem Bruder, der anfangs auch bei den Garde-Füsilieren stand, aber sehr bald nach dem Elsaß versetzt wurde, weil er leichtsinnig gewesen war; eine törichte Spielaffäre, die mit einer Wechfelfchuld endete, hatte es damals gegeben. Conrad ist das Schmerzenskind der Eltern. Bernd weiß wenig von ihm, denn die Brüder schreiben sich nie.Na, aber Ihr Loblied singt man, Wallnitz. Ich traf gestern bei Siechen in der .Badewanne' den Laffow er ist ja Kommandeur der Garde-Kavallerie-Division geworden der erzählte mir von einer Winterarbeit, die Sie über ein ganz verrücktes Thema geschmiedet hätten und die bis zum Generalkommando zur Be­urteilung gewandert sei. Alle Achtung. Meine Winterarbeiten sind immer schon vom Regimentskommandeur verrissen worden."

Frankfurt an der Oder kommt. Da muß Bernd mit Schmersow heiße Würstchen auf dem Bahnsteig essen, das ist Gesetz für alle, die in die südliche Neumark weiterfahren. Selbstverständlich wird wieder ein Glas Bier getrunken. In Frankfurt bat man immer reichlichen Aufenthalt.

Sie werden sich wundern, Bernd, wenn Sie nach Bleßdorf kommen. Die Schillings ich will sagen: die von Schillings sind mit ihrem Bau fertig. Was aus dem alten Kasten vom verflossenen Conzheim ge­worden ist, einfach fabelhaft. Ein Schloß, sage ich Ihnen, mit allen Schi­kanen der Neuzeit, Zentraiheizung und Warmwasserversorgung wie Im Bristol" in Berlin. Und ein paar Ställe hat der Herr von Schillings sich hinstellen lassen, die Kühe fressen aus Marmortrögen. Aber als der neue Inspektor sie hat elektrisch melken wollen, da haben die armen Viecher gestreikt."

Du wirst dich wundern, wenn du nach Bleßdorf kommst", sagt auch Mutter Wallnitz zu Bernd, als sie zu viert an diesem Abend um den Familientisch sitzen.