Ausgabe 
3.10.1938
 
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bcnn? Was ist gefchehn? Bitte sag es mir doch!" Renate versucht, ihr Gesicht ,tu verbergen.Es ist nichts, Hubert. Wirklich nichts. Es ist zu dumm, ich weiß selbst nicht, weshalb ..." Hubert nimmt ihr Gesicht in beide Hände.Liebes, Dummes, es war eben zu viel für dich, Komm. Er holt (ein Taschentuch hervor und trocknet ihr Gesicht, ganz so wie Fräulein es mit Ali tut. Und dann sagt er, genau wie Fraulein, wenn sie mit Ali spricht:Aber jetzt wollen wir ganz vernünftig sein, nicht wahr? Du legst dich hin und ich fetz mich zu dir, und du bleibst artig bis zum Kaffee liegen. Versprichst du mir das?"Ja", sagt Renate und sie lehnt ihre Stirn an seine Schulter.Ich bin ja so furchtbar, furchtbar glücklich, Hubert!"

Prinz Eugen, der edle bitter.

Von Ferdinand Freiligrath.

Zelte, Posten, Werda-Ruser! ßuft'ge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis umher Angebunden "Cm den Pflöcken! An den engen Sattelböcken Hangen Karabiner schwer.

Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen seiner Pferde Liegt das österreichische Pikett. Auf dem Mantel liegt ein jeder, Von den Tschakos weht die Feder, Leutnant würfelt und Kornett.

Neben seinem müden Schecken Ruht auf einer wollnen Decken Der Trompeter ganz allein: Laßt die Knöchel, laßt die Karten! Kaiserliche Feldstandarten Wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Affäre Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, In gehörigen Reim gebracht: Selber auch gesetzt die Noten: Drum, ihr Weißen und ihr Roten! Merket auf und gebet acht!"

Und er singt die neue Weise Einmal, zweimal, dreimal leise Denen Reitersleuten vor;

Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Mals Los der volle, kräft'ge Chor!

Prinz Eugen, der edle Ritter!" Hei, das klang wie Ungewitter Weit ins Türkenlager hin.

Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen Und sich auf die Seite schleichen Zu der Marketenderin.

Der Leutnant.

Von Alfred Gehner.

Bei Tage glühte die Sonne, und hinter dem mannigfaltigen Tode her, der wie ein unerschöpfliche^ Gewitter durch den letzten Kriegs­sommer ging, hinter ihm her zogen die Milliardenschwärme der Insekten über Frankreichs Felder dahin und plagten die Lebendigen wie die Toten. Wir hatten nur. noch einen einzigen Offizier in unserer Batterie, er hieß Horn und war fünfundzwanzig Jahre alt. Er war von Beruf Architekt, doch hatte er in seinem kurzen Leben vor dem Kriege wohl kaum mehr erreicht als das berufliche Zeugnis. Er verfügte über eine helle Kommandostimme, mit der er auf dem Umweg über uns und unsere Kanonen gegen die stürmenden Menschen und Maschinen feuerte.

Obwohl er uns mit ebensoviel Glück wie Geschick durch den Aufruhr des Kriegsschauplatzes führte, wurden unsere Geschütze, unsere Pferde und auch unsere Mannschaft von Tag zu Tag weniger, bis eines Spät­nachmittags auch er selbst uns verlassen mußte. Er hatte uns unmittelbar hinter einer Landstraße aufsahren lassen, so daß ein jeder Schuß, der die staubige Straßendecke tief überstrich, eine Helle, puffende Wolke auf- bties und so unsere Stellung eindeutig verriet. Die Folge war, daß als­bald an die zwanzig oder dreißig sehr schwere Granaten aus den Rohren der französischen Artillerie bei uns ankamen; sie brausten und krachten auf uns nieder, bis es mit einemmal wieder still wurde und anschließend kaum mehr als ein gleichmäßig stöhnender Atem zu hören war: der Leutnant!

Er hatte während bes~ Feuers neben mir auf den Knien gelegen, und jetzt lag er auf der Seite. Mich erfaßte eine Regung des Jäh­zorns gegen das Geschehene, ich sprang auf und stampfte mit dem Stiefel auf den Erdboden und riß mir die beiden Verbandpäckchen aus dem Rockfutter, und als ich dem Leutnant damit helfen wollte, als ich seine Verletzung suchte und ihn dabei am Arm erfaßte, fah ich eine Wunde, in der wohl zehn Verbandpäckchen Platz gehabt hätten: unter­halb der Achselhöhle war fein Brustkasten fast bis zur Mitte durch­schnitten, aber er lebte noch, Schweiß stand ihm auf der bleichen Stirn und mit seinem Stöhnen tarn immer wieder Blut aus seinem Mund.

Das Feuer begann aufs neue, der Sanitäter konnte den Leutnant bei dieser Unruhe unmöglich verbinden, deshalb legten wir ihn auf meinen Mantel und trugen ihn im Laufschritt über das freie Feld hinter eine Friedhofsmauer, wo wir trotz viel pfeifender Sprengstucke unbeschadet anlangten und unsere Last niederlegten. Während nun der Sanitäter zu arbeiten begann, morste ich mit meinem roten Taschentuch zu unseren Protzen hinüber, daß eine Tragbahre gebracht werden solle, doch als sie tarn, konnten wir nur einen toten Leutnant barauflegen.

Ich werde niemals vergessen, wie ich mich dann aufmachte, um nach Wasser zu suchen, nicht zuletzt, um mir fein Blut von den Händen zu waschen. In einer lieblich bewaldeten Mulde fand ich ein winziges Dorf, ein Brunnen war dort, und eine lange Reihe von Soldaten stand Mann hinter Mann, deren erster immer den angeketteten Eimer in die Brun­nentiefe hinab und wieder heraus kurbelte. Das ging nur langsam von- tatten, und jedem zweiten ober dritten passierte es dabei, daß sich das löherne Schöpfgesaß auf dem Wasserspiegel nicht umgelegt und über­haupt nicht gefüllt hatte, fo bah es wohl triefend, aber leer wieder zum Vorschein kam. Doch obwohl von dieser sich immer wiederholenden Ver­zögerung und Enttäuschung alle Wartenden betroffen wurden, obwohl es sicherlich einem jeden eilte, für sich selbst oder seine Kameraden ein Kochgeschirr voll Wasser aufzubringen, um den Brand der Kehlen ober der Wunden zu löschen niemand murrte, wenn der Eimer leer ge­blieben mar, wenn der schwarze Wasserspiegel in der Tiefe uns alle genarrt hatte, dermaßen geschlagen waren alle am Abend dieses Tages.

Die Nacht wurde kalt. Eingehüllt in unsere Mäntel saßen wir auf dem Rest unserer Geschütze und Munitionswagen, aus deren einem wir die Leiche des Leutnants festgebunden hatten. Wir waren abgelost, hinter uns donnerte und flackerte die Front, mühsam knarrten unsere Fahrzeuge im Schlepp der wenigen Pferde über nachtschwarze Aecker und durch die Mufgeweichten, zerfahrenen Gassen der Laubwälder, in die zuweilen, sich ablösend aus dem Nachtgesang einsamer Flugzeuge, verirrte Bomben krachten. Dann schraken wir allemal auf aus unserm Halbschlaf, die.Pferde sprangen im Geschirr, aber sobald sie wieder ruhig gingen, nickten wir wieder ein. Des Morgens wärmten wir uns an einem gewaltigen Feuer, an dem Niederbrand und der Weißglut eines haushohen Stapels aus Eisenbahnschwellen, den unsere Pioniere ange­zündet hatten, um ihn nicht zur Beute des vorgehenden Feindes werden zu lassen.

Stur und benommen wandelten wir in unserm Biwak umher, und was zu tun war, geschah mit blRerner Langsamkeit und Schwere. End­los mühte sich unser Zimmermann mit den paar Brettern ab^ aus denen der Sarg werden sollte; zu jedem Sägenschnitt und jedem Nagel brauchte er eine lange Pause der Ueberlegung. Ebenso gehörten sich die beiden Kanoniere, die einen Kranz und eine Girlande flochten, und auch mir, der ich das Grab zu machen hatte, ging es so; den ganzen Tag stand ich dort in Falvy an der Somme an der nur noch mannshohen, vollends zusammengeschossenen Kirche, um das dürftige Loch in den Kalk­boden zu hacken, und ich war eigentlich noch gar nicht ganz fertig damit, als sie schon tarnen. Ich hörte Trommeln, wahrhaftig, sie tarnen mit Musik, mit der Regimentskapelle, die dem kleinen Zuge vorausmar­schierte und dann draußen am Zaun des Friedhofs Aufstellung nahm, immer noch trommelnd, während unsere Mannschaft der Größe nach vor dem Grabe in Linie antrat und nun die Kommandos kamen:Still- gestanden! Augen rechts!"

Wenn ich mich recht erinnere, begann in diesem Augenblick die Ka­pelle ihr Spiel. Wir hatten sehr lange keine Musik mehr gehört, viele Monate schon nicht mehr. Die letzt vernommene war basMuß i benn zum Stabile hinaus" in ber Heimatgarnison auf dem Wege von der Kaserne zum Bahnhof gewesen. Seit all der Zeit hatten wir nur mit rauhen Tönen des Krieges zu tun gehabt, und fo kam jetzt mit einem- mal wieder bare Musik, tarnen die gemessen sich fortsetzenden Takte und Akkorde des Trauermarsches von Chopin in unser entwöhntes Gehör. Diese Musik traf uns, unverhofft in eine Blöße des Gemütes, um die wir nicht wußten, die unverkrustet und nackt geblieben war. Die ganze Macht des schmerzlichen Wohllautes drang in uns ein, so unerbittlich und zwingend, daß alles in uns sich zusammenziehen wollte, und doch nicht durfte, ja daß wir uns hätten die Ohren verstopfen mögen, dieweil wir aber doch dazuftehen hatten und auch tadellos dastanden, ausge­richtet in der Reihe, Augen rechts und nicht gewackelt, während uns das Wasser aus den Augen über die Kindergesichter und auf den Wasfenrock rann, als tropfe der Regen von unfern Helmen.

Indessen zwängten sich unsere Fahrer mit dem Sorge durch die schiefe Friedhofspforte. Sie schritten mit ber leichten Holzkiste so feier­lich heran wie mit dem Sarge tines Kaisers. Dahinterher ging ein niegesehener Mann mit einem famtnen Barett aus bem Kopf unb einem Buch in der Hand.Ich habe einen guten Kampf gekämpft", las er bann daraus vor,ich habe den Lauf vollendet, ich habe Treue gt£ halten." Wir konnten nicht alles verstehen, was er sagte, denn er sprach verhältnismäßig leise, unb außerdem war unser Gehör schon seit lagen so betäubt von bem vielen Schießen, daß keiner mehr von uns zum Telephonieren zu gebrauchen war.

Nachdem der Musikzug unb alle anderen abmarschiert waren, blieben wir Kanoniere noch da unb warfen bas Grab zu unb versahen es reich­lich mit Grün unb frischen Blumen. Davon gab es nämlich genug an dieser Stätte. Ueberallhin, nicht nur in das einstmalige Kirchengebäude, sondern ebenso in die Beete und in fast alle umliegenden Gräber hatten die Granaten getroffen, vor Zeiten schon, wohl schon während unseres letzten Vormarsches im Frühjahr, und die Natur hatte alsdann während des Sommers mit ihrer ganzen Macht diese Heimsuchung überboten und auf allen Wurfhügeln, in allen Sprengtrichtern und Steinfugen eine Ueberfülle von Pflanzen unb eine hundertfältige Pracht von Blumen aufgestellt.

Derantwvrtlich: vr. Hans Thyrivt. Druck und Derlag: Brüh Ische Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.