Ausgabe 
3.10.1938
 
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Das Kind am Brunnen.

Bon Friedrich Hebbel.

Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht!

Doch die liegt ruhig im Schlafe.

Die Böglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe.

Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf. Es wagt sich weiter und weiter!

Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter.

Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen!

Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief. Die Blumen locken's von hinnen.

Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter;

Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da fchaut's in die Tiefe hinunter.

Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen so hell und so süße.

Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, Viel stumme freundliche Grüße!

Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder.

Herauf! Herauf! so meint's das Kind, Der Schatten: Hernieder! Hernieder!

Schon beugt es sich über den Brunnenrgnd. Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand Und trüben den lockenden Schimmer.

Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle. Das Kind durchschauert s fremd und kalt. Und schnell enteilt es der Stelle.

Heimkehr.

Erzählung von AndrS Baron Foelckersam.

Renate liegt im hohen, weißlackierten Krankenhausbett. Das Zimmer ist voll von Stille. Es ist erst sieben Uhr früh und noch dunkel draußen. Renate liegt ganz still und sieht zu, wie das Morgenlicht langsam und tastend ins Zimmer dringt. Heute ist ihr letzter Tag im Krankenhaus, heute vormittag soll sie entlassen werden. Es ist ihr schwer, sich vor- zuftellen, daß sie in wenigen Stunden wieder zu Hause ist, bei Hubert und Ali. Als sie ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte sie geglaubt, daß sie sterben würde. Es ist hart zu sterben, wenn man jung ist und keine Zeit gehabt hat, sich mit dem Tode anzufreunden. Sie hatte Hubert nichts davon gesagt, als sie auf der schmalen Bahre den Fiur entlang ins Operationszimmer gefahren worden war. Sie hatte ihn nur zum Abschied zugewinkt und gelächelt. Dieses Lächeln sollte tapfer sein, aber ihre Lippen hatten gezuckt.

Die ersten Tage nach der Operation war alles wie in einem Nebel getaucht. Renate schlief und erwachte für Augenblicke. Wenn sie die Augen öffnete, sah sie Huberts geliebtes, besorgtes Gesicht. Er saß an ihrem Bett und strich über ihre Hand. Renate fragte nach Ali.Du sollst nicht sprechen. Liebes!" bat Hubert. Er hielt ihre Hand, und Renate lag mit geschlossenen Augen da und erwiderte den Druck seiner Haüd. Das Leben war so schön und neu und beglückend, ein großes, un- saßbares Wunder .

Huberts Mutter holt Renate ab, Hubert ist int Büro. Renate geht, auf den Arm der Schwiegermutter gestützt, durch die langen Kranken­hausgänge zum Ausgang.

Zu Hause wirst du dich gleich nach dem Essen hinlegen, mein Gutes", sagt Huberts Mutter, als sie in der Autodroschke sitzen. Renate nickt. Aber sie will sich nicht wieder hinlegen sie will nicht länger als Kranke behandelt werden und wie durch eine unsichtbare Mauer von jenem Leben ausgeschlossen sein, in das sie jetzt, nach so vielen Wochen, zurückkehrt. Sie lehnt sich in den Sitz zurück und schließt die Augen.

jeder Sekunde, mit jeder Drehung der Räder, trägt das Taxi sie in ihr altes Leben zurück.

Als sie endlich vor der Wohnungstür stehen, hört Renate Alis helle Stimme Sie bekommt Herzklopfen.

Aii ist vom Spaziergang heimgekehrt. Er sitz in seinem weißen Pelz- mäntelchen im Vorzimmer auf dem Stuhl. Fräulein ist gerade dabei, iihm die hohen weißen Gummistiefel abzustreifen. Als Ali Renate sieht, geginnt er zu lachen und mit den winzigen rosa Händen zu winken. Renate kniet vor ihm und küßt die rosigen Finger, die sich ihr entgegen« strecken, und das runde, von der frischen Luft rosigblühende Gesicht. Ali Sreift nach ihrem Haar, jauchzt und spricht eilig und unverständlich in seiner Eigenen geheimnisvollen Sprache ein helles, unaufhörliches Gezwit­scher. Aber Renate versteht ihn. Sie streift ihm das Mäntelchen ab, streicht über das silbrigblonde, flaumige Haar. Sie möchte am liebsten ganz allein mit ihm sein, ihn ganz allein für sich haben, ihren Sohn Alexander!

Fräulein erklärt, daß Ali sein Mittagessen haben muß und nimmt -hn bei der Hand. Ali verschwindet mit Fräulein im Kinderzimmer. Komm, mein Liebes", Huberts Mutter führt Renate ins Wohnzimmer, ^nn geht sie in die Küche, sie muß mit Anna etwas besprechen, und nenote bleibt allein. Wie hübsch hier alles aussieht, wie sauber, blitz­blank, voller Blumen. Sie tritt vor Huberts Schreibtisch, neben dem

ed>rei6jeufl stehen ihre und Alis Photos. Hubert! denkt Renate. Sie lehnt sich danach, feine Stimme zu hören, hier, neben ihm zu sitzen Das Leben ist wunderbar, oh, es ist wunderbar zu leben.

Renate ißt mit Huberts Mutter zu Mittag. Hubert hat versprochen, sich heute früher frei zu machen, er kommt schon um drei aus dem Büro. Die Schwiegermutter erzählt, daß Fräulein sie gefragt hätte ob sie beute nachmittag aus zwei Stunden ausgehen könne. Ihre Freundin hatte Geburtstag.Natürlich soll Fräulein ausgehen." Renate möchte, daß alle heute ebenso froh und glücklich sind, wie sie es selbst ist.

Nach dem Mittagessen muß sie sich hinlegen. Sie hat gar keine Lust dazu, aber sie weiß, daß ihr kein Sträuben helfen wird. Huberts Mutter deckt sie ZU, läßt die Vorhänge nieder, und geht hinaus. Sie muß noch ein paar Besorgungen machen. Draußen fällt die Wohnungstür zu. Renate steht leise auf und öffnet die Tür zum Kinderzimmer. Die Vor­hänge an den Fenstern sind zugezogen, aber das starke Nachmittagslicht dringt durch sie hindurch und erfüllt das Zimmer mit einem warmen, gelben Schein. Renate tritt ans Gitterbettchen. Ali liegt in seinem win- zigen blauen, weißeingekanteten Schlafanzug aus dem Rücken und hält sein geliebtes einäugiges Eichhorn mit beiden Händen an sich gedrückt. Renate beugt sich vor und stopft die Decke vorsichtig zurecht.

Nebenan läutet das Telephon. Renate läuft hinüber. Vielleicht ist es Hubert. Sicher ist es Hubert! Sie nimmt den Hörer ab. Ihr Herz klopft n ^ujch^u- freudigen Schlägen. Eine empörte Frauenstimme fragt, ob es die Großwäscherei Neumann fei? Sie müsse sich beklagen, ein Hemd (ei mit der letzten Wäsche ... Renate legt den Hörer enttäuscht auf. Sie setzt sich ans Telephonbuch, sie möchte Anne Dorothee anrufen. Sie ist so erfüllt von Glück, daß sie mit jemandem sprechen muß. Ob unter den Tausenden von Menschen, mit deren Namen diese Seiten bedeckt sind, es einen gibt, der in diesem Augenblick so glücklich ist wie sie? Nein, es gibt heule niemanden, der so glücklich ist.

Etwas fällt aus dem Telephonbuch und flattert auf den Fußboden, ein kleiner, blauer Zettel. Renate will ihn wieder bir»inlegen, ihr Blick fällt dabei auf ein paar eilige Schriftzüge, ein paar Worte in einer fremden Handschrift. Sie lieft diese Worte einmal, zweimal. Sie lieft sie immer wieder:Siebes! Ich erwarte dich bestimmt Freitag nachmittag. Versuch doch, dich frei zu machen. Du kannst ja sagen ... Renate sitzt reglos, den Zettel in der Hand. In ihren Ohren ist ein helles, singendes Brausen. Nein, cs ist nicht wahr, sagt sie sich, es kann nicht wahr fein. Aber sie hält den Zettel in der Hand. Es ist wahr, Hubert! denkt Renate. Kann das wirklich wahr fein, bin ich dazu heimgekehrt, um bas zu erfahren. Sie hört die Wohnungstür gehen, Huberts Stimme. Sie steckt den Zettel rasch ins Telephonbuch zurück, steht auf. Nur fort, fort, sie möchte fliehen, sich verkriechen, als könne das ihre Entdeckung ungeschehen machen.

Renate!"

Sie sieht Hubert auf sich zukommen, sieht fein geliebtes, frohes Ge­sicht. Nein, dieses Gesicht kann sich nicht verstellen, es kann sie nicht belügen. Hubert legt ihr einen Strauß weißer Narzissen in die Hände. Gleich wird er sie küssen. Sie hört seine Stimme. Diese geliebte Stimme fragt besorgt:Weshalb bist du aufgestanden? Geht es dir gut, mein Siebes?" Renate nickt. In ihrem Innern ist alles tot und leer. Sie lächelt zurifck, mechanisch.

Hubert ist ganz wie sonst. Er führt Renate zum großen Sessel und setzt sich zu ihr auf die Seitenlehne. ,Zch bin zu froh, Renate!"Ja, Hubert." Sechs Wochen bin ich fortgegangen, denkt Renate, und sechs Wochen haben genügt, um alles zu zerstören. Sechs armselige Wochen. Nein, ich kann nicht großzügig sein, ich kann nicht verzeihen.Ich will rasch die Post durchsetzen", sagt Hubert.Dann hab ich's hinter mir." Er küßt Renate auf die Stirn und geht zum Schreibtisch hinüber. Renate möchte fort, aber sie bleibt sitzen. Wohin soll sie auch? Dieser Zettel, diese paar Worte, sie sind überall, sind mit nichts auszumerzen ...ich erwarte dich am Freitag ...du kannst ja sagen ...

Hubert öffnet einen Brief, überfliegt ihn, legt ihn beiseite, nimmt einen anderen. Sieber Gott, denkt Renate, mach, daß es nicht wahr ist. Mach ein Wunder! Sie bittet den lieben Gott, wie sie ihn als Kind gebeten hat, wenn die Schulaufgaben nicht gemacht waren, damit sie in der Schule nicht aufgerufen wird. Aber sie weiß heute kann kein Wunder geschehen. Ein blauer Zettel liegt da, nur ein paar Schritte von ihr, sie braucht nur das Telephonbuch aufzufchlagen. Die Sonne ist plötzlich fort, im Zimmer ist es jetzt grau und unfreundlich. Im Hof werden Teppiche geklopft. Der Hof ist erfüllt von diesem lauten, wüten­den Klopfen. Renate fällt ein, daß heute ein Freitag ist.

Hubert hebt den Kops. Er blickt mit einem Sächeln zu ihr hinüber, Du mußt mir verzeihen", sagt Hubert, und Renates Herz macht bei diesen Worten einen Sprung und steht still sie weiß, was jetzt kommen wird.Ich muß heute nachmittag", hört sie Hubert sagen,auf eine oder zwei Stunden fort. Eine Besprechung. Ich kann es nicht aus- schieben, Siebes."Selbstverständlich mußt du gehen." Renate wun­dert sich über die Ruhe in ihrer Stimme. Sie möchte aufstehen, möchte fort, aber sie kann sich nicht rühren.

Schritte auf dem Flur. Es klopft. In der Tür steht Fräulein, schon zum Ausgang angezogen. Hubert sieht fragend auf.Verzeihung", sagt Fräulein,ich hab vorhin etwas vergessen." Renate sieht, wie Fräulein aufs Telephontischchen zugeht, wie sie im Telephonbuch blättert, einen blauen Zettel hervorholt. Ihn zu sich steckt, zur Tür geht.Sie können gut bis zum Abendessen fortbleiben", sagt Hubert.Wir werden schon mit dem jungen Mann fertig werden."Danke." Fräuleins lächelndes Gesicht verschwindet in der Tür.

Hubert sieht Renate an und lacht.Wir werden doch mit Alexander fertig werden." Renate nickt. Ihre Sippen zittern. Cs ist doch ein Wun­der gefchehn! Oh. wie dumm ich war, wie entsetzlich dumm! Plötzlich ühlt sie, wie ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Wie albern ich bin, denkt Renate verzweifelt, wie entsetzlich albern, setzt weine ich noch! Aber sie kann die Tränen nicht aufhalten.

Renate!" Sie wendet sich nicht um, sie fühlt Huberts Hände auf ihren Schultern.Aber Siebes!" sagt er erschrocken.Siebes! Warum