Sie hatte die Knie hoch-
zu House!"
(Fortsetzung folgt.)
„Sie sind eine tolle Per
ron Christine, die Knie mit den ruhigen grauen
meine Frage!"
„Ach, Oemli, Ähre Frage kann man ja auch nicht beantworten! Aber ist die Wolke nicht schön?"
Sie nahm ihren kleinen Aquarellblock und begann mit weicher Farbe 3U ,Maz' malen Sie, Fräulein von Rucktasch?" fragte der Professor.
„Sie malt eine Wolke", sagte Oemli, „die von Potsdam nach Berlin segelt!"
„Und in Berlin", sagte der Professor, „wird sie von dem grauen Rauch ausgesogen!" I
Sie packten alle ihre Malutensilien aus und begannen die Stafseleien auszurichten. t ,
Gottfried Oemli mußte noch einmal den Weg zurückgehen, denn bei seinem Wettlauf hatte er nicht an die schwere Staffelei gedacht.
„Soll ich Ihr Zeugs auch mitbringen?" fragte er Christine.
„Das ist nett von Ihnen", sage Christin«, „aber ich glaube, ich möchte nur aquarellieren."
Aber die Wolke war schon längst über den hohen Kiefernrand gezogen, die Sonne hing strahlend über der blauen Seefläche, von der an- I deren Seite her, wo das Dorf lag, wehte der Duft von Lindenblüten heran.
Der Professor sah ihren Blick. „Ja, sehen Sie, mein Fräulein: Wolken verwehen, und Traurigkeit verwandelt sich in Lächeln. Sie müssen erst das Handfeste lernen, Sie waren doch da auf dem besten Wege auf Ihrer Klitsche an der Elbe! Nur keine Sentimentalitäten! Malen Sie doch das Stückchen Schilf da. Es ist schwer genug, viel zu schwer für Sie, aber versuchen Sie es! Es ist übrigens merkwürdig, warum Sie durchaus den See nicht malen wollen!"
„Das tun ja schon die sechs anderen", sagte Christine.
„Das wäre kein Grund, das wäre gar kein Grund! Als Maler muß man zunächst sein Handwerk kennen, dann darf man vielleicht, vielleicht einmal träumen ... wenn man träumen kann!"
Professor Rottenbach kümmerte sich wenig um seine Schüler heute. Erst als die Sonne hinter den Kiefern sank, dem schmalen Waldstück, das dem Bauern Günther gehörte, der hier am See seine Fohlen hatte weiden lassen, sprang der Professor auf. Er sah flüchtig auf die Staffeleien, nahm hier und da den Pinsel und setzte ein wenig Farbe auf, aber er war nicht recht bei der Sache.
Er blieb neben dem verwundeten jungen Offizier stehen: „Ach, Kamerad, wir malen hier, Sie mit der kaputten Hüfte und ich mit der einen Hand — und sie haben Compiegne nicht bekommen! Sie haben Amiens nicht bekommen, und die Amerikaner sind da! Ach, Kamerad, beten wir, vielleicht Hilst Beten!"
Der Krieg war zu Ende.
Im Dezember zogen die Truppen durch das Brandenburger Tor. Die Linden waren wieder schwarz von Menschen. Sie marschierten ein mit elenden Gesichtern, in alten Uniformen, Infanterie, Kavallerie. Schwarzweißrote Fahnen waren über den Wagen und über den Geschützen. Mädchen und Kinder saßen auf den Protzen. Um die Säulen des Branden-, burger Tores waren Girlanden geschwungen, der Himmel war dunkel- grau. Ein paar Tropfen fielen, früh kam eine neblige, trübe Dämmerung. Die Militärkapellen dröhnten:
„Holtet aus! Haltet aus ..."
Immer tiefer sanken die Bahrtücher der Wolken.
Christine stand an der Tribüne. Sie sah mit brennenden Augen auf die marschierenden Truppen, auf die Offiziere zu Pferde, auf die ratternden Geschütze.
Man hatte es dem Oberregierungsrat nohegelegt, daß feine Tochter neben anderen jungen Mädchen Blumen überreichen sollte. Christtne hatte das obgelehnt. Es war zu einem neuen Zusammenstoß gekommen.
„Ich muß meinen guten Willen zeigen", sagte der Bater. „Wir Beamten müssen uns opfern!"
„Ich will nicht", hatte Christtne gesagt, „ich bin keine Beamtin! Ich will Blumen schenken, obwohl sie sich nicht viel daraus machen werden, denn ich bin häßlich! Ich will alles tun, was man von mir verlangt, aber nicht da Unter den Linden! Der Professor hat gesagt, er möchte sich einschließen in einen'Kerker und nichts mehr'sehen. Er hat recht!"
„Dein Professor hat ja immer recht!", hatte der Bater gesagt. „Aber ein Volk muß leben!"
,Hch habe nicht gemerkt, daß wir leben!" hatte Christine kalt geantwortet.
Immer wieder rauschte die Musik auf. Endlich verfchwanden die Umrisse der Truppen im Dunkel der Nacht.
Nach diesem Tog« wurde in der Billa noch weniger gesprochen. Die Zeit rann^leichmäßig.
Christine war fast den ganzen Tag auf der Straße. Sie sah die Umzüge und die Demonstrationen, sie wurde von Gewehrschüssen beinahe gestreift. Sie rannte zum Marstall, sie zeichnete die Pattouillen in dem zerlumpten grauen Tuch und der roten Binde am Arm...
Der Professor Rottenbach hatte sein großes Kriegsbild an die Hamburger Galerie verkauft. Er sah seine Schüler freundschaftlich an. „Heute
fon!" sagte er.
Er sah jetzt den jungen, schmalen Körper
unter dem dünnen weihen Kleide, das Gesicht — , „ _ .
Augen. „Komisch sind Sie", sagte er dann und warf sich neben sie ins Gras. „Was habe ich Ihnen eigentlich getan?"
Christine sah in den ganz hellblauen Himmel, über den langsam em paar Wolken tarnen. „Die Wolken", sagte sie, „kommen aus Potsdam und gehen nach Berlin. Das ist unser Weg, der Weg aller Preußen!"
Gottfried Oemli schüttelt den Kopf: „Das ist doch keine Antwort auf
wußte dort lag eine alte Bohle über dem Fließ. Sorgsam stutzte er den Kriegsverletzten, damit der junge Mensch ohne Schaden hinuberkame. ,
Christine lag schon auf der Wiese am See. r='~
gezogen und die Hände darurngeschlungen.
Gottfried Oemli tarn schwer atmend heran:
abend seid ihr eingeladen. Wir machen Musik. Ihr könnt ia nun nicht ein ganzes Leben lang trauern, das sehe ich ein! Äh5 habt den Krieg ja nicht verloren!"
Es stellte sich heraus, daß weder die MAxhen noch die jungen Leute richtig tanzen konnten. Nur der Schweizer machte eine Ausnahme. Nach ein paar Gläsern Punsch wurde die Stimmung ausgelassener. Die Mädchen lachten, der Schweizer steppte durch das Atelier, sie begannen un- vermittelt zu fingen. Aus einmal sah Erika Heimann auf dem Schoß von Heinrich Schüttewald, der sie an sich zog und wie ein Rasender küßte.
Der Leutnant nahm seine Ziehharmonika und spielte. Er spielte eine russische Melodie, die er im Felde gelernt hatte. Christine begann zu tanzen. Die Glieder waren ihr merkwürdig leicht. Sie tanzte einen Kosakentanz, wie ihn die beiden Sibiriaken da auf dem Gut vor Jahren vor vielen Jahren schien es ihr — getanzt hatten. Sie ging in die Kniebeuge, sie raste durch den langgestreckten Atelierraum. Die anderen klatschten im Takt. Der Schweizer fing sie auf. Er drückte sie mit frechem Griff an sich. Sie lieh es geschehen.
„Ihr seid langweilig", sagte sie. „Langweilig seid ihr!"
„Kommen Sie, wir wollen noch ein Glas Sekt trinken!" sagte der Schweizer.
In der Bar spielte' eine Negerkapelle. Aus den hohen Stühlen sahen Engländer, Franzosen und Amerikaner. Der kleine Tanzraum war überfüllt. Eine Anzahl der Gäste schien betrunken zu sein.
Gottfried Oemli bekam sofort einen Tisch in einer Nische. Er war hier bekannt. Der Kellner prüfte mit frechem Blick das Gesicht von Christtne und das einfache Kleid, das sie trug. Er fragte nicht viel, sondern stellte eine Flasche französischen Sekt auf den Tifch.
Christine hob das Sektglas: „Ach, Gottstieb Oemli, Sie sind ein brolliger Kerl! Warum suchen Sie mich gerade aus?"
Oemli sah sie an. „Sie haben den Satan im Leib!"
„Vielleicht", sagte Christine. „Wir wollen tanzen!"
Man schob sich, eng aneinandergepreht, nach den scharfen Rhythmen vorwärts. . .
Der Geruch von Parfüm übertäubte die Ausdunstung der eng anein- andergeprehten Menschensörper. Das Saxophon quäkte, und eine kleine Handtrommel rasselte wie bei einem Negerfest.
Christine sah in einem hohen Spiegel plötzlich die tanzenden Paare und sich dazwischen. Sie sah rote Wangen, unnatürlich große Augen, stechrote Lippen, rotblonde Haare. Dazwischen ein blasses Mädchengesicht, unnatürlich blaß zwischen all diesen geschminkten, gepuderten und gefärbten Larven.
Sie erschrak. Das ist ein Traum, dachte sie. Ich bin gar nicht so blaß, und sie sind gar nicht so grell, man träumt das nur. Man wird aus- wachen ... Ja, wozu wird man aufwachen?
Sie gingen zum Tisch zurück, der Schweizer setzte sich neben sie und legte die Hand um ihre Schulter. Es war alles gleich.
Sie trank das nächste Glas Sekt auf einen Zug, dann ließ sie den Schweizer stehen, ging in die Garderobe und lieh sich von der Aufwärterin einen Lippenstift geben. Sie färbte sich den Mund grellrot. Nun sah dieses Gesicht noch blasser aus, aber es wirkte wie beabsichtigt. Auch das einfache Kleid wirkte nun wie eine Herausforderung.
Als sie wieder mit Oemli tanzte, merkte sie, wie die Blicke ihr folgten.
Es kommt nicht darauf an, daß man häßlich ist, dachte sie, ach, es kommt auch nicht darauf an, hier zu gefallen! Aber wenn man schon hier ist, dann sollen sie verrückt sein, diese Bande!
Sie tanzte mit anderen. Da war ein Engländer, der kam aus Köln und gehörte zum Stabe der Besatzungsarmee. Seine hochmütigen hellen Augen gingen über die Tanzenden fort. Er tanzte ausgezeichnet.
„Was suchen Sie eigentlich hier?" fragte Christine. „Sie amüsieren sich doch gar nicht!"
„Ich?" sagte der Engländer. „Ich suche gar nichts, ich komme aus dem Feld, wissen Sie. Nun, da man den Sieg hat, ist man leer!" Er sah üe an. „Etwas suche ich doch! Ein hübsches Mädchen zum Mit- nehmen."
„Nach England?" fragte Christine.
„Nein, ins Hotel", sagte der Engländer.
„Ach, Sie werden schon etwas finden", erklärte Christine sachlich.
„Ich wünsche nicht mehr zu suchen", sagte der Engländer.
Christine ging an ihren Tisch und wollte Oemli bitten, daß er sie nach Hause brächte. Sie hätte noch gern weitergetanzt, es trieb sie ewas, das scharfe Parfüm einzuatmen, im Takt zu gleiten ...
Oemli tanzte mit einem schwarzhaarigen Mädchen, das wie eine Spanierin zurechtgemacht war, mit' großen Ohrringen an den kleinen Ohren. Sie fühlte die Hand des Engländers um ihre Hüfte. Sie zitterte. Ach, es war immer dasselbe! Ob man da in den Gassen von Alt-Berttn lief oder...
Sie lächelte. Sie sagte: „Ich komme gleich wieder, mein Herr! Dann raste sie in die Garderobe.
Draußen war winterlicher Sternenhimmel. Die Straßen lagen da wie dunkle Schächte, über denen fern das Licht gespannt war. Ein paar Masken huschten durch die Februarnacht, ein paar Autos rumpelten vorbei. Sie öffnete ihre Börse. Mit fünfzig Pfennig konnte man nicht herausfahren. Die Uhr war nicht viel wert, vielleicht tat es ein Chauffeur dafür! Sie fühlte sich merkwürdig leicht und frei. Man hätte auf dem glatten Asphalt tanzen können. ..
Der alte Mann am Steuer sah sich die Uhr an. „Außerdem habe ich noch fünfzig Pfennig", sagte sie. ,
„Na ja, die Uhr, bet sind ja Sachwerte , sagte er. „Da looft nu so n Kind mang bet Gesindel! Also steigen Se man in! Hoffentlich gibt 5 was


