Ausgabe 
4.2.1938
 
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Nummer 10

Zreitag, den ^8ebruar

Jahrgang 1958

SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Kolibri mofaiziert. Gegenüber sah ein flötespielender Herr mit über- geschlagenen Beinen, in einem Bocke von azurblauem Atlas und mit einer kunstreichen Halskrause, der den Papagei im Gesänge zu unter« richten schien da dieser den Kopf lauschend nach ihm umdrehte. Die Knöpfe auf dem Kleide bestanden aus rötlichen Pailletten »der ^Auch° paradiert* eine Reihe stattlicher Militärpersonen zu Fuh, deren Uniformen, Tressen,'Metallknöpfe, Degengefäße, Lederzeug und Feder« büsche alle von gleichem, unverdrossenem Fleihe Zeugnis gaben; aber hier hatte Barbara Thumeysen die Grenzen ihrer Kunst angetroffen: denn als sie nun zu den berittenen Kriegsbefehlshabern übergehen wollte verstand sie wohl Schabracken, Sättel und Zaumzeug aus allen geeigneten Stoffen mit ihrem englischen Scherchen zuzuschneiden und herzustellen; die Pferde aber zu zeichnen ging über ihre Kräfte weil sie bisher nur in menschlichen Köpfen und Händen sich geu£t hatte: letzteres auch nur so so, la la. Es handelte sich also darum, einen Lehrer oder Gehilfen hierfür zu finden; als solcher wurde »auf ge« haltene Nachfrage Salomon Landolt genannt, welcher in Zürich der­weilen der erste Pserdezeichner sei. .

Der Herr Proselytenschreiber stattete daher unverhofft irnies Tages dem Herrn Stadtrichter und Jägerhauptmann einen höflichen Besuch ab und trug ihm mit wohlgesetzten Worten das Ansuchen vor se ner Tochter in Ansehung eines richtig gestellten Reitpferdes geneigtest Un­terricht und Beirat erteilen zu wollen, so daß das Tier in natür­licher Gestalt und Farbe, in schulgerechtem Schritt, aufgezaumt und ge- sattelt auch der Reiter in guter Haltung darauf gesetzt werden könne.

Landolt ließ sich gern zu dem Dienste bereit finden; einmal aus reiner Gefälligkeit und dann auch aus Neugierde, die Grasmücke zu sehen, die jeden Morgen so lieblich sang. Mit Verwunderung erblickte er erst die bunte Vogelwelt des Exulanten- und Proselytenschreibers, den Wiedehopf und all die Stieglitze, Blutfinken, Häher Spechte und Regen­pfeifer; sodann vollends den Aniistes und all' tue Zunftmeister. Zwolstr- herren Obervögtinnen, Leutnants und Kapitäns der Jungfer Barbara, und diese selbst, die von- zarter, ebenmäßiger Gestalt war, wie aus Elfenbein gedrechselt. Sie.dünkte ihm das schönste Werklein unter all den Vögeln und Menschenkindern des bescheidenen Museums und er be­gann daher sogleich den Unterricht. Er erklärte ihr mit Hilfe geeigneter Vorlagen zuerst den Knochenbau eines Pferdes und lehrte fle, mit einigen geraden Strichen die Grundlinien und Hauptverhältnisse anzugeoen, ehe es an.die schwierigen Formgeheimnisse eines Pferdekopfes ging. So verbreitete sich der Unterricht allmählich über den ganzen Körper, bis endlich zur Farbe gegriffen und zur Darstellung der Schnnme, Fuchse und Rappen geschritten werden konnte. Die Mähnen und Schweife behielt Barbara sich vor, wiederum aus allerlei natürlichen Haaren zu machen.

Das angenehme Verhältnis dauerte mehrere Wochen, und immer zeigten sich noch kleine Unvollkommenheiten und Mangel, welche man zu Überwinden trachtete. Landolt gewöhnte sich daran .eben Vormittag e.n ober zwei Stunden hinzugehen; es wurde lhm ein Glas Malaga mit drei spanischen Brötlein aufgestellt, und bald ließ man ihn auch mit der Schülerin allein als einen der sanftesten und ruhigsten Lehrer, die es je gegeben. Die Grasmücke war so zutrau ich rote em gezähmtes Vögelchen und ihm bald die Hälfte der Spanifchbrotchen aus der Hand, tunkte fogar den Schnabel in den Malagakelch. Eines Tages überraschte fle ihn mit der geheim ausgearbeiteten Darstellung seiner selbst, wie er in der Jcigerunflorm auf feinem Utraner Apfelschimmel saß; es war natürlich nur seine linke Seite mit dem Degen, mit nur einem Bein und einem Arm; dagegen war die Mähne des Grauschimmels und der Schwanz aus ihren eigenen Haaren, die in der tiefsten Schwarze glanzten, geschnitten ' und" angeklebt, und es konnte aus dieser Opferung sowie aus dem ganzen Bildwerke erkannt werden, wie viel er bet ihr galt.

9 E der Tat hielt sie die beidseitigen Neigungen und Lebensarten für so gleichmäßig und harmonisch, daß ein glückliches Zusammensein im Falle einer Verbindung fast unverlierbar schien, wenn H Me errötend, dergleichen Dinge gar ernstlich bei sich erwog; ynd Salomon Landolt alaubte seinerseits nichts Besseres wünschen zu können, als nach all den Stürmen in diesen kleinen, stillen Hafen der Ruhe elnzulaufen und sein Leben in dem grasmückifchen Museum zu verbringen.

Auch in den beiden Häusern sah man die wachsende Vertrautheit der zwei Kunstbeflissenen nicht ungern, da eine Vereinigung beiden Tellen nur ersprießlich und wünschenswert schien; und so gedieh die Sache so weit, daß ein Besuch der Thumeysenschen bet den Landow chen eingeleitet wurde unter dem diplomatischen Vorwande, der humeyst chen Jungfrau den Anblick der ihr noch gänzlich unbekannten Malereien

Obgleich'^er "ine^entschiedene und energische Künstlerader besaß hatte er den Stempel des abgeschlossenen, fertigen Sun Her» nie "reicht well ihm bas Leben dazu nicht Zett ließ und er in bescheidener Sorglosigkeit überdies den Anspruch nicht erhob. Allein al» Dilettant staub er auf

Oer Landvogt von Greifensee

Novelle von Gottfried Keller

5. Fortsetzung.

Martin Leu lebte mit seiner Frau noch zwei Jahre kn Paris und nahm dann seinen Abschied. Sie war bei der Rückkehr eine ganz orbent- lich geschulte und gewitzigte Dame und machte keine Schulden mehr. Sie kanMed"eEre"gnissev°n Baden und hatte den Hugenotten wieder er- Büfejd? W sL Kürze halber den Kapitän.

Grasmücke undAmsel.

Die einseitige Anbetung der Schönheit wirkte aber unmittelbar nach ihrem Mißerfolge noch so nachteilig auf Landolten em, daß er den Halt voll en d s periior $ u nb allen Eindrücken preisgegeben war, Wie wenn die Schwalben im Herbst abziehen wollen, flatterten und kannten alle Lie­besgötter, und er bestand noch im selben Jahre, da er der Wendelgard verlustig ging zwei Abenteuer, welche, wie es oei Zwillingen zuweilen geht, nur ^geringfügig waren und in die gleiche Windel gewickelt wer- ^"sebon feit ein paar Jahren hörte Salomon in (einem Ammer, dos auf der Rückseite des Hauses lag, wenn das Wetter schon und die Lust mild war jeden Morgen aus der entfernteren Nachbarschaft, über die Gärten hinweg, von einer zarten Mädchenftimme Psalm singen. Diele Stimme welche erst die eines Kindes gewesen, war allmählich etwas kräftiger geworden, ohne jemals eine grofte Starte zu erreictjen. Doch hörte er den regelmäßigen Gesang, der täglich vor dem Frichstuck stattzufinden schien, gern und nefnnte die unsichtbare Sängerin die Gras­mücke Es war aber die Tochter des Herrn Proselytenschreibers und ehe­maligen Pfarrherrn Elias Thumeysen, der sich der Last des eigentlichen fiirtpnamtes mit dem Anfall eines artigen Erbes entledigt hatte, jedoch sichimmernoÄmadjte durch Besorgung einiger Attuariate wie derjenigen der Exulanten- und Proselytenkommissionen Von letzterer führte er auf den Wunsch seiner Frau den Brauchtttel Außerdem war er noch Reformationsschreiber und Vorsteher der Exspektanten des zurche- riicben Ministeriums; im übrigen malte er zu seinem Vergnügen vor jenen Landkarten, in welchen uns jetzt die Weit' aus dem Kopf steht, da Ost und West oben und unten, Nord und Sud aber links und rechts ist.

Sein Töchterlein, die Grasmücke, eigentlich Barbara geheißen, trieb aber noch qartv andere Künste, mit denen sie vorn Morgen bis zum Abend beschäftigt war. Der Herr Proselytenschreiber, ihr Vater, machte nämlich auch Da r st« ll unaen aller möglichen Vögel, er klebte die natür­lichen Federn derselben oder auch nur kleine Bruchstücke von solchen au Papier zusammen und malte den Schnabel und Fuhs dran him Ein Haupttableau der Art war ein schöner Wiedehopf in natürlicher Große, im Barbara^ hatte^nun diese Kunst weiter entwickelt und veredelst indem sie das Verfahren auf die Menschheit übertrug und eine Menge Biwmffe in ganzer Figur anfertigte, an denen nur das Gesicht und Die Hande qcmalt waren alles übrige aber aus künstlich zugeschnittenen und zu- iam 'naesestte'n Zeugslickchen von Seihe ober Wolle ober artberen natür­lichen Swffen bestaub; und gewiß konnten die Vögel des Anstophanes nicht tiefsinniger fein, als diejenigen des Herrn Prosechtenschrechers, da aus diesen ein so artiges Geschlecht menschlicher Geschöpfe hervorgmg welches das Arbeitsstübchen der kleinen Sängerin anfuUte.^ Da prangte vor allem ihr Herr Oheim mütterlicher Seite, der regieretz.de Herr An- tiftes im geistlichen Habit von schwarzem Satin, schwarzseidenen Strümp en und einem Halskragen von zartester Musseline Die Perücke w° aus den Haaren eines weißen Kätzleins unendlich zierlich und mühevoll zu­stande gebracht; dazu harmonierten die wasserblauen Augen dem b- rosiqen Gesichte vortrefflich; die Schuhe waren aus glanzenden Saffian fchnipselchsn geschnitten und die silbernen Schnallen aus Stanniol, d e Schnittflächen^ des Liturgiebuches aber, bas er tt^ ber Hanb hielt, aus

Drelen^Pontifex, ber hinter Glas und Rahmen an erster Stelle hing, umgaben die Abbilder vieler Herren und Damen verschiedenen Ranges und Standes; das Schönste war eine lange Frau in weißem Spltzen- geroanbe, bas ganz aus feinstem Papier aioargearbeitetseumhulte auf der Hanb faß ihr ein Papagei, aus den kleinsten Feberchen einer