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Und das geschah, als der Mann eben wieder fröhlich war und heimkehrte, weil er dachte, es fei nun genug der Prüfung für die stolze Jungfrau Tausendschön. Und da fand er sie so, welk und tot unter den Bäumen.
Nein, niemals blühen die beiden mitsammen, Gundermann und Tausendschön. Aber nun sitzt Sabine traurig da und sagt nichts mehr. Ich verstehe nicht, wie mir die Blume Männertreu in meine Geschichte geraten konnte, mußte es denn diese fein?
Als ich spät abends nach Hause komme, finde ich einen Strauß Blumen in meiner Stube auf dem Tisch, und ich weiß sofort, was dieser Strauß bedeutet — Abschied, Ende. Es sind alle Blüten meiner Wiese in dem Glas versammelt, alle, auch kleine blaue darunter, auch Männertreu. Aber wenn Sabine wiederkommt, dann werde ich nicht über den Berg gegangen fein und anderswo leben, vielleicht kommt sie wieder. Die ganze Nacht streife ich auf dem Felde umher und suche nach den Plätzen, die uns vertraut geworden sind. Ja, hier saß Sabine und wunderte sich sehr über eine neue Art von Taubnesseln, weil ich aus jedem Blatt ein Herz herausgeschnitten hatte.
Im grauenden Tag hole ich die Sense aus dem Haus. Ich prüfe die Schneide mit dem Daumsnnagel und schärfe sie noch einmal, das gibt einen hellen, kriegerischen Klang in der Morgenkühle. Dann hole ich weit aus, und die grüne Mauer fällt vor mir zusammen ...
verging, pflückte sie Wiegenkraut auf bcm. Anger und legte es in feiner laffenen Hütte auf den Tisch, aber das half nicht. Im nächsten Jahr steckte sie andere Blumen an fein Fenster, Wehblumen waren das. Und über den Tränen dieser Zeit brach ihr das Herz. Einmal trug sie noch einen Sttauß Kräuter in den Wald, Männertreu, ehe sie starb.
Schließlich bin ich ja wohl selbst ein Wurm, ein winziges Wesen, dos um sein Leben rennt; die Welt ist nicht kleiner für mich, der Himmel nicht niedriger, so wie ich daliege. Ich kann mir gut denken, daß ich irgendwo zwischen den Halmen stünde im endlosen Gestrüpp, grüne Kräuter über mir, die wehenden Blattfahnen der Gräser, und hoch oben, schon in einer andern Welt, ihre schweren, glänzenden Häupter. Blüten gibt es, Margueriten und Flockenblumen, Sabine meint, sie trügen breite Federhüte über ihren bärtigen Gesichtern. Und blaue Glocken — die Haut ifjrer Kelche ist so dünn, daß die Sonne durchscheint, und dabei stürzen sich' die Hummeln einfach kopfüber hinein, ohne alle Vorsicht, mit ihrem Bärenungestüm. Sie kommen auch zu mir, ich habe mein eines Ohr wie eine Blüte entfaltet, und dabei halte ich listig den Atem an und bemühe mich sehr, ganz still zu fein, ganz zur Wiese gehörig. Aber ich dufte nicht verlockend genug, plötzlich entschwindet das brummende Ding mit einem mächtigen Schwung im Blauen.
Darüber vergeht eine lange Zeit. Ich sollte vielleicht nicht hier liegen und mein Dasein leichtsinnig vergeuden. Jetzt müßte ich etwas Großes anfangen, ein schwieriges Werk, das meinen Tod überdauert. Aber was ist nun eigentlich wichtig in der Welt? Was könnte man tun, um einen, Platz unter den Gestirnen zu erobern? Ein Mensch baut Pyramiden, ein andrer Mensch sitzt sein Leben lang in der Einöde für das Heil feiner Seele, und der Himmel lächelt über beiden. Ja, der Himmel kann lächeln, er trägt das Geheimnis in feinem Schoß.
Einmal wende ich den Kopf "und betrachte heimlich das Mädchen neben mir, den hellen Flaum auf feiner Wange, die zuckenden Lider. Braune Haut, durchsichtig und feucht von der Hitze, eine blaue Ader in der Kniekehle, Tal und Hügel im verschwiegenen Gras. Ach ja, ich mache meine Augen wieder zu. Aber nach einer Weile sagt Sabine etwas. Wie war es mit den zweien, fragt sie, warum nahm es kein gutes Ende mit ihnen?
Nein, Gundermann und Tausendschön, die beiden blühen nie mit. fammen. Es war so, daß ihn eine große Liebe zu dem Mädchen erfaßte. Täglich ging der Jäger an ihrer Kammer vorüber, nachts legte er Blumen auf die Schwelle der Tür, solche, die hoch in den Felsen wachsen, die holte er für sie. Aber Tausendschön dankte ihm nicht dafür, sie saß nur und spann und hatte ein kaltes Herz. Zuletzt nahm er sich den Mut und klopfte an ihr Fenster.
„Du bist mir die liebste von allen", sagte er, „willst du kommen und mit mir im Garten gehen?"
„Nein", sagte Tausendschön, „das will ich nicht. Es ist kalt, ich Habs keinen Mantel für die Kühle."
Das nahm sich Gundermann zu Herzen, er ging mit [einer Büchse lange Zeit _unb sammelte Pelzwerk, gelbes vom Iltis, rotes vom Fuchs und schneeweißes vom Hermelin. Da hatte Tausendschön nun ihr Kleid, gelb, rot und weiß. Allein es war ein Jahr verstrichen, lange Zeit. Und darum hieß das Mädchen eigentlich nur noch Hundertschön, nicht mehr wie früher. „Aber du bist mir noch immer di« liebste", sagte Gundermann, „willst du jetzt kommen und mit mir zum Tanz gehen?"
„Nein", sagte Tausendschön, ,chas will ich nicht. Ich bin barfuß, ich habe keine Schuhe für den Tanz."
Da ließ der Mann seine Felle gerben, weiches Leder vom Hirsch und Reh; und es wurden zierliche Schuhe daraus gemacht, spitz und grün, mit hellen Säumen, damit Tausendschön nicht nackt im Grase stehen muß. Allein über dem verging ein andres Jahr, Tausendschön war nicht mehr Hutck>ertschön, sie war eine Jungfrau Dutzendschön geworden.
„Wenn du meine Liebste sein willst", sagte Gundermann, „bann komm und mach mir den Riegel auf!"
„Nein", sagte Tausenüschön, „das will ich nicht. Mein Bett ist schmal, ich will noch eine Weile allein darin schlafen. Komm im andern Frühling wieder , sagt« sie.
Aber im andern Frühling wartete sie vergeblich. Gundermann war im Zorn über den Berg gegangen, dort lebte er jetzt und vergaß bas -Mädchen. Tausend schön saß in der Kammer und merkte wohl, daß ihre Jugend vorbei war. „Nimmerschön!" sagte der Spiegel. Sie dachte an Gundermann Tag und Nacht, meinte und rang die Hände. Jetzt mochte sie gern im Garten gehen, und ihre Füße waren flink zum Tanz, und bas Bett war durchaus nicht zu schmal, käme er nur! Als der Schnee
Oie Jungfer Tausendschön.
Von Karl Heinrich Waggerl.
Ja, Wiegenkraut und Wehblume, bas ist die alte Geschichte vom tnbermann, der ein Jäger war, und von der Jungfrau Tausendschön, > in der Stube saß und spann, damals war es noch so. Damals konnte . .n Herz noch vor Stolz absterben oder vor Liebe vergehen. Dieses Mädchen in der Kammer hieß nicht anders, als es beschaffen war, Tausendschön; und was den Jäger betrifft, der war blutjung und nicht der schlechteste unter den Burschen, mit feiner kecken Feder auf dem Hut. Aber sie hatte keinen guten Stern über sich, wie das eben kommt in alten Geschichten; zuletzt nahm es ein trauriges Ende mit den beiden.
Sabine sitzt auf dem Zaun, sie blinzelt in der Sonne und lacht mir zu, nein, ich wilj jetzt nichts weiter sagen. Es ist noch früh am Tage, viel zu früh für eine traurige Geschichte. Uebrigens lacht Sabine immer, es mag Morgen ober Abend fein. Die Sonne hat ihren Spaß mit dem Kind und kitzelt es in der Nase, bann niest Sabine ein dutzendmal und erstickt beinahe an diesem Vergnügen. Es gibt Dinge, die mich verdrießlich machen, Regen zum Beispiel, plötzliche Wassergüsse aus hgrmlo|en Wolken ober eine gewisse Gattung von Fliegen, Urgeister ber Bosheit, die^nicht ruhen, bis man in Verzweiflung gerät und sich selbst gewaltig hinter die Ohren schlägt. Sabine aber ist auf geheime Weife mit allen Dingen und Geschöpfen verbündet. Katzen streichen auf dem Zaun neben ihr her, schnurren und reiben bas knisternde Fell in ihre Hand, und ein andermal kommt ein Hund von weither Hals über Kops durch den Weizen gerannt. Ich kenne ihn, es ist der Hund des Wegmachers, wir sind manchen Tag mitsammen unterwegs gewesen. Peter! sage ich .... langsam, da sitzt Fräulein Sabine!
Aber Peter rollt ohne Umstände in ihren Schoß und läßt sich am Pelz ziehen und in die Ohren blasen. Ein Schurke also, ein meineidiger Köter! Sabine bringt auch gelegentlich etwas Gelbgestteistes auf ber flachen Hand, vielleicht weiß sie gar nicht, daß es eine Wespe ist und daß es bitter weh tut, wenn sie sticht; diese hier ist jedenfalls ganz friedlich uirb zahm.
Um die Mittagszeit ruhen wir beide im hohen ©ras, Sabine und ich. Es liegt eine wunderbare Stille über dem Feld, die Stille des reifen Tages, aber dennoch hundertfältig tönend. Der Himmel ist eine klingende Schale, mein Blut rauscht und mein Arm bewegt die Halme vor mir, dünne Stiele mit nickenden Blüten. Ich betrachte genau diesen handbreiten Fleck Boden vor meinen Augen, und zuletzt ist auch er eine große Welt, weitläufig und mühselig und schwer zu begreifen. Ich sehe eine Fliege aus dem Moos kriechen, es ist ein ganz winziges Tier, langsam klettert es an einem Blatt hinaus, bis es den Sonnenschein erreicht. Und nun sitzt es da im warmen Licht, es breitet zitternde Fühler aus und Flügel, die in allen Farben schillern wie öliges ©las. Diese Stunde ist der Gipfel seines Daseins, gestern kam es zur Welt, morgen lebt es vielleicht nicht mehr, so kurz währt fein Leben. Aber es ist trotzdem eine vollkommene Fliege, mit Herz und Nieren sozusagen. Ameisen schleppen ungeheure Lasten kreuz und quer durch das Dickicht, sie rennen und verständigen sich in atemloser Eile, und bann nehmen sie ihre Beute unverdrossen wieder auf, eine Spinnenhaut, ein Käferbein ober ein bestimmte Nadel unter hundert andern. Im gleichen Augenblick geschieht ein Mord, ein haariger Wurm wird ermordet, und anderswo hängen zwei langbeinige Drücken, regungslos im glücklichen Schlaf ber Liebe.
gerichtet« Tempel dies Deutsche dennoch und mit gutem Recht in ein besonderes: in das Süd-Deutsche, das uns teuer ist, teuer als unsere besondere Form des Deutschen. Indem man über bas heroische Stufen* fystem zu Füßen bes Tempels nieberfteigt, fühlt man die Einheitlichkeit dieser Verhältnisse, das Recht dieser südlichen Beziehung bis auf den Grund der Landschaft, und des eigenen Lebens. Man fühlt es auch im Kreise der marmorweißen ©öttinnen, die das Jnnenrund bes Kelheimer Tempels zieren wie ein Kranz. Land im Limes...
Der Tag neigt sich; aber noch bewahrt er mir eine- phantastische Ueberraschung auf. Von ber Befreiungshalle, die das Deutsche im Antiken für immer binden möchte, endlich weitertrachtend, heimwärts ftrebenb, von dieser kühnen Höhe, die zu den schönsten in Deutschland gehört, um so mehr, als dort bas Romantische ber Landschaft in der Ruhe und Klarheit bes Antikischen einen auf große Weise gedachten unb befestigten Ausgleich findet — heimwärts fahrend erreiche ich durch Wälder das Kloster W e 11 e n b u r g. Die Donau strömt zwischen grandiosen, grauen Felsbastionen; zwischen Berg unb Wasser, am kiesigen Ufer, verbirgt sich bi« Einsamkeit ber geistlichen Sieblung. Welcher Siedlung? Cosmas Damian A s a m, der Münchner Barockmeifter, hat in ber Kirche eines der unbegreiflichsten Wunder getan, über die sein souveräner unb inbrünstiger Seift gebot. Das National-Bayerische in ber Einheit mit bem römitoen Genius des siebzehnten Jahrhunderts, mit dem Genie der Wett des' Bernini steht hier unter dem Zenith-Zeichen der Vollendung. Gold auf Ocker und Grün; alle Formen wie Wellen, bewegt, ftrömenb gleich bem großen Fluß, ber draußen rauscht; die gewölbte Decke ins Unendliche gehoben; lichtbraune Säulen zwischen grauen Wandstreifen; eine Kanzel in Ocker ober Hellbraun, triumphal sich anschwingend, als wollte sie den Himmel erreichen; weiße Stuckwolken in üppiger Ballung, dazwischen überall die rosige Buntheit ber Engelbübchen; farbiger Marmor, der aus bem Reichtum dieser Gegend gehoben ist; das Ganze ins Oval gezogen; die Hand des Cosmas Damian Asam zu einheitlicher Gebärde gekreuzt mit der Hand des welschen Giorgioli; über dem Hochaltar, in einer goldgelb leuchtenden Durchsicht, der heilige Georg zu Pferde, den Drachen erlegend, ein fast erschreckend schönes Schauspiel auf dem Proszenium der Andacht: dies ist Weltenburg.
Aus ber Weiterfahrt in die Nacht hinein spielen um das müde Hirn die schönen Gassennamen aus Regensburg: „Roter Herzfleck" unb „Zur schönen Gelegenheit" unb wie sie alle heißen. Jrgenbwo auf der Höhe schimmert, in Säulen gegliedert, bas Tempelweitz ber Walhalla, und der Reiter Georg stürmt galoppierend die großen Stufen hinauf zu dieser bayerischen Akropolis.


