schien uns nichts anderes als die Blüte an einem vollen gesunden reichen Menschentum. Nicht etwa „Schmuck des Lebens", wie die Ewig-Nieü- lichen glauben, aber auch nicht Wesensgehalt des Lebens, wie die Braten- rock-Feteriichen künden, nein: die lichteste, lieblichste Blute der schönsten Lebensstunden eines echten, tüchtigen und gütigen Menschen. Und so ist uns allen von damals, wenn wir uns heute Wiedersehen, der Geist jener Pfingsten nicht nur Kunsterinnerung, sondern ein Stück Jugend, ein Stück Geben, von dem wir in glückseliger Erinnerung träumen. Freilich beißt es heute auch hier:
Die einen, sie meinen
Die andern, sie wandern,
Die dritten noch mitten, Im Drange der Zeit, Auch viele am Ziele, Zu den Toten entboten, Gestorben, verdorben, In Freude und Leid.
Aber der Lebende hat recht, und wir Lebenden gedenken in tiefer Freude beim Klange der Pfingstglocken von heute der Pfingstglocken von damals!
macht die neu ergrünende Stadt auch die dunkelsten Gemäuer wieder menschlich und zu Dingen der Gottseligkeit.
Darüber an einem dunklen romanischen Torbogen führt der Weg nun auch ohnehin zu Dingen zarteren Gewichts. Das gotische Regensburg steht aus und das barocke! Der gotische Dom Sankt Peters steht da, und gar in diesem lichtgrünen Monat ist dem Schauenden zumute, als wurde das Steinwerk anfangen zu knospen und, Besten, Blättern gleich, sich zu regen Der Engel der Verkündigung im Dom hat ein menschliches Lächeln, ein verwegenes fast, beinahe ein spielend-mutwilliges. Gotisches Gewände vor Sankt Emmeran hegt einen besonnten Vorgarten ein, einen reizenden Zwingergarten, und die Magdalena aus Stein am Kreuz trägt ihre verzweifelte Trauer mit der Feinheit, fast sagt man: Eleganz einer gotischen Dame. Die Große der Königin Hemma drinnen in der Kirche des heiligen Emmeran ist mit der Anmut gepaart; das Feierlich-Bedeutende der Gestalt eint sich mit der Grazie... Das schwere, steinschwere, alters- chwere Regensburg hat angefangen, sich zu lösen und leichter zu machen. Sankt Ulrich und die Dominikanerkirche aus bef frühen Gotik steht nut begnadeter Heiterkeit unter dem freundlichen Himmel und im Grün der Anlagen.
Das Barock endlich verkündet sich von Sankt Emmeran bis zur Alten Kapelle mit allem erdenklichen Ueberschwang: in der Alten Kapelle wird das Barock sein eigenes Nonplusultra: der Altar in Silber und Gold wölbt seine Kurven angreifend gegen uns vor; an der Decke sind Mohr und Indianer und Türke wie Trophäen einer kolonisierenden Gegenreformation plastisch angeheftet; Logen mit Scheiben machen die Situation zu einem kostbaren und freien Schauspiel. Im Rokoko von Sankt Kassian spielen Gold und Silber und das barocke Nilgrün miteinander, und goldene Blätter schlagen aus wie Flammen.
Aus den Augenblicken solcher Leichtigkeit kehrt man wieder in die dunkle, ganz alte Stadt zurück: in das Regensburg der großartigen Düsternis, in das Regensburg, das die Gefahren der Seele und des Leibes gekannt hat; in Kapellen und in das Regensburg gewaltiger Wachttürme, die da nicht viel anders über Häusern und Kirchen stehen als die Wachttürme von San Gimignano... Aber es ist wunderbar, zu fühlen, daß man in diesem Monat in dieser Zeit der Erhöhung und Befreiung des Gemüts auch das Dunkle dieser Stadtseele mit Zuversicht ans Herz nimmt... .
Und noch, wären Bild und Gefühl nicht so vollständig, wie sie in Regensburg zu sein vermögen, gewahrte man nicht schließlich noch den Beitrag einer menschlich gestimmten Klassizistik, den die Zeitwende um 1800 zum Antlitz der Stadt hinzufügte. Da ist der milde Bau des Theaters; auch fonft begegnet hin und wieder eine freundliche Spur jener im Politischen so tief beunruhigten, im Künstlerischen so ruhigen und klaren Zeit — bis hinein in den stillen Domwinkel, in dem der sanfte Fürstprimas Karl von Balberg, durch Napoleon Landesherr von Regensburg, hinter einem Grabstein im Stil Canovas bestattet ist.
*
Dies ist der Weg vom antiken Regensburg, dem römischen, bis zum antikisierenden, bis zum klassizistischen. Die größte Station am Wege ist das romanische Regensburg: dies frühmittelalterlich-geistliche Regensburg, das in der Tat noch mehr Gewicht besitzt als das bürgerlich-gotische, in dem schlichten Rathaus bekundete: dies frühmittelalterlich-klerikale Regensburg, das, im ganzen feiner inneren und äußeren Ausdehnung gesehen, auch mächtiger dasteht als das Regensburg der bürgerlichen Großhändler des hohen Mittelalters, obwohl diese Bürger bis Venedig und Kiew und in die Zonen der Kreuzzüge drangen und in einer Stadt von fast hunderttausend Menschen eine großartige Rolle spielten; dies frühmjttelalterlich-geistliche Regensburg, das am Ende mehr bedeutet Hai als das Regensburg, das höchst internationale, hochdiplomatische Regensburg nach 1663, wo der alte deutsche Reichstag versammelt blieb, so daß dies uralte Regensburg als politischer Vorort des heiligen römischen Reiches deutscher Nation gelten durste... Trotz allem außerordentlichen anderen ist das romanische Regensburg das eigentlichste: dies Regensburg, das als ein heimliches, deutsches Ravenna, auf unseren Tag gekommen ist.
Das Klassizistische, das sich in dem geistlichen Louis-Seize-Palais am Dom bescheiden ankündet und im Theater bescheiden ausbildet, vollendet sich in wahrhaft großem Stil draußen vor der Stadt; in der Walhalla und in dem ferneren Freiheitstempel dort bei Kelheim, über dem Zusammenstoß von Donau und Altmühl, nahe der Stelle, wo vordem Der römische Limes an die breite Grenze der Donau traf.
Der Weg zur Walhalla geht zuerst über die schweren Steinbogen der alten Brücke, die zu den schönsten Brücken des alten Deutschland gehört. Nun erst formt sich das Profil der herrlichen Stadt mit ganzer Gewalt; dem Fortfahrenden stellt es sich deutlicher und voller dar als dem Ankommenden drüben auf der Südseite. Nur daß die Türme des Domes — wenn alte Bilder die Wahrheit reden — wahrscheinlich schöner waren, ehe das neunzehnte Jahrhundert sie ein wenig mechanisch vollendete.
Wie ist es möglich, daß neuere Generationen den Tempel Walhalla, den Ludwig I. mit dem großen Klenze erdachte, lieblos, ja fast ironisch betrachteten — so, als hätte dies Nachgeahmt-Gviechische keinen rechten Sinn? Mir sagt der Tempel immer wieder diese eine Wahrheit: hier, am Scheitel der Donau, beginnt der Süden! Das Mittelmeer hat seinen äußersten Gedanken hier aufgestellt. Der Tempel ist mehr als „Phil' Hellenentum", wiewohl das Philhellenenlum, die Liebe zu den Griechen, auch an sich selbst etwas sehr Schönes gewesen ist — eine Begeisterung, deren Reinheit unseren Tagen überlegen bleibt. Der Tempel ist wahrhaftig das äußerste Wort der humanioren Mittelmeerwelt: der vorderste, nördlichste Posten dieser Welt in Raum und Zeit: aber sie steht nicht m so unmittelbarer Verbindung mit der Natur. Unter dem Himmel des Maimonats begreift man die Walhalla, wenn man willig ist, ohne Vorbehalt; da sagt der Tempel aus Marmor und Kalkstein, der Tempel mit der einfachen, elementaren Größe feiner dorischen Säulen ein bewegendes und Überzeugendes Gleichnis des Griechischen her; blickt man hinaus ' auf den unverkennbar deutschen Strom, auf die Fruchtbarkeit des beim1’ fchen Geländes, auf die deutsche Stadt drüben, so wandelt der südwärts
Donauwcirls um Pfingsten.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Donauland wird fühlbar; der Boden wird heller, der fruchtbare Boden; fchon sieht man Anhöhen, die dem jenseitigen Donau-Ufer angehören. Die Turmpyramiden des Domes fahren auf in einen zarten Himmelsdunst; und schon ist man in der Stadt des Albertus Magnus, des Kepler — fast ehe man sich von außen her ihres Profils bewußt werden konnte.
Da steht man nun wieder in dem uralten Regensburg, feit fünfundzwanzig Jahren zum soundsovielten Male: in einer Stadt, die man studiert hat bis auf den erreichbaren Grund ihrer Vergangenheit — und die man doch nie ganz kennen wird; denn sie ist eine einzige undurchdringliche Dichtigkeit... Ist es auszudenken, daß Kelten in dieser Gegend einmal eine starke Gegenwart besessen haben? Ist nicht das Sichtbare, das Erhaltene schon fast mehr, als auch ein weitaufgespannter Sinn zu fassen vermag? Da ist noch mitten in der Altstadt, der schwere Turm der Römer und ihre Porta Praetoria. Nach ihnen bildet sich die romanische Welt aus, wie sie es auf deutschem Boden sonst wohl nur in Köln getan hat. Romanische Stumpftürme heben sich zu jener massiven und mäßigen Höhe, die zu uns Heutigen oft inniger spricht als das ins Grenzenlose strebende Steinfiligran gotischer Kakhedvaltürme: die beiden kurzen dunklen Türine von Niedermünster, der Campanile von der Alten Kapelle, der von Dbermünfter, der von Sankt Emmeran, dem auch der barocke Helm das romanische Grundwesen nicht nehmen kann, und noch dazu das Türmepaar der Schottenkirche, das schwer und schwärzlich in das lichte Maigrün des Theaterplatzes hersteht. Dbermünfter und die Jakobskirche der Schottenmönche sind romanische Basiliken mit flachen Decken, schlichtem Gewände, stillen und festen Rundbogenfenstern; über die Alpen hin sind diese Kirchen denen des heiligen Apollinaris und des heiligen Franz in Ravenna zugeoickmet, wenn es auch in Regensburg keine Mosaiken gibt. Sankt Emmeran wird durch eine romantische Vorhalle hin erreicht; sie steht in gewaltigen Massen und gewaltiger Einfachheit. Den alten Boden der "erstaunlichen Stadt unterwölben Krypten aus einer Zeit, die noch in die Erde drang, um sich zu Gott zu sammeln. Hinterm Dom bezeichnet der Eselsturm das Innerste des romanischen Regensburg — jener abseitige Turm, der feinen Namen von den biblisch- geduldigen Grauen trägt, weil sie den Baustoff geschleppt haben. Im doppelten Kreuzgang verbirgt sich die Allerheiligenkapelle und nahe ihr die Stesanskapelle: romanisches Kirchentum des frühen Mittelalters, gestaltet aus einem Baugeist, der die Einfachheit des Notwendigen verehrte. Der Haustein der Allerheiligenkapelle steht geschwärzt überm Gartenhöfchen, in dem zwei Kinder spielen mit der Unschuld und Weichheit junger Tiere. Drinnen in der Kapelle sind Fresken an den Wänden; ihre fast byzantifche Formel ist für Regensburg nichts anderes als das Mofaiken- wefen für Ravenna. Und wahrhaftig steht dem Schauenden, dem Ergriffenen immer wieder dies eine Wort im Hintergründe: Ravenna! Regensburg ist eine Stadl mit ravennatischem Wesen. Wenn Bamberg das deutsche Rom geheißen werden darf, dann mag man Regensburg füglich das deutsche Ravenna heißen.
Darüber hinaus, zu diesem großen Titel hinzu, besitzt Regensburg Kiich noch die Urgewalt stiner nordisch-romanischen Skulptur mit den chtenden und Beichtigern außen am Portal der Alten Kapelle, und die aufregenden Steinbitonereien am Portal der Schottenkirche — chimärische Stickereien, in schwärzlichem Stein. Da fällt uns das Romanische mit der ganzen Gewalt einer barbaresken Ursprünglichkeit an. Regensburg ist eine Schwester des romanischen Ravenna; aber in diesen Stein- biümereien ist es für sich allein; da ist es der reine Norden mit den geheimnisvollen Hintergründen, der Norden mit dem Seelendunkel des Nordens, mit der Angst vor den Dämonen und dem Trotz zu ihnen hin, zu den Dämonen. Da ist die schauerlichste Wand, die der romanische Geist hervorgebracht hat — und die am gewaltigsten mit magnetischen Kräften begabte.
Der Weg führt durch Gassen, die dicht ummauert sind, ohne geklemmt zu fein. Jene romanische Wand mit den dunklen Steinchimären macht Furcht — aber es gibt in Regensburg auch das Bild einer schönen geistlichen und bürgerlichen Freiheit; es ist eine Stadt im schweren, aber auch im großen, gedehnten Stil. Vielleicht muß man im Mai hinkommen, am ehesten im Mai, wenn es zwischen den schwarzen alten Steinmauern an den Bäumen auf eine tief erquickende Weise wieder grün wird; im November oder im Dezember wird der ganze Spielraum dieser Stadt kaum offenbar; dann merkt man nur das Schwere, das Beängstigend-Mysteriöse, die lastende Geschichtlichkeit, die mit Zentnergewichten auf den Menschen von heute niedergeht. Aber im Mai, auf Pfingsten


