Ausgabe 
3.6.1938
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1958 Hreitag, den 3. Juni Nummer <3

pfingstliches Tal.

Von Georg Britting.

Wie die Wipfel sich im Winde wiegen Tälerwind, Wälderwind, kühl und stark! Wie die Vögel unterm Himmel fliegen Taubenschwärme prächtig, Rabenpaare karg!

Wie die Hügel auseinandgefaltet liegen Grüne Hügel, gelbe Hügel, sanft und kühn!

Wie die Kirchentürme, bauerndorfentstiegen, Sich am Himmel anzustoßen mühn!

Wie die Aecker in der Sonne rauchen,

Und die Büsche stehn an ihrem Rand wie Brand, Flammenfingrig! Und vom Talgrund hauchen Kühle Dünste ins erwärmte Land.

Wie die Wege durcheinander schießen

Weiße Straßen, krumme Pfade, Wiesenwege schmal!

Taubenschwärme, wie von einem Riesen

Bon dem Vogelbaum gezupft, flattern, eine Handvoll Blätter, weitgeworfen übers grüne Tal.

Dichter feiern Pfingsten.

Eine Erinnerung von Börries Freiherrn o. Münchhausen

Nein, das Schönste waren die Vorbereitungen!

Es war in den glücklichen Zeiten vor dem Kriege, also vor etwa tausend Jahren wenn die verworrene Zeitrechnung der sehnsüchtigen Erinnerung retfjk hat. Jedes Jahr nach Ostern sing es an, daß etwa auf einem Spaziergang meine geliebte Hausfrau nach einer inhaltsschweren Pause zu mir sprach:Weißt du, ich gebe die Schneehühner doch lieber am zweiten Tage, denn: erst Schweinebraten und dann Gedichte das widerstrebt meinem Feingefühl!" Oder ich sagte plötzlich beim Essen zu ihr:Schücking wollen wir in den Spiritus legen!" Wozu sie gleich­mütiger nickte, als ein unbefangener Dritter für menschenfreundlich halten würde. Aus irgendeinem Grunde hatten nämlich die Kinder eines der Fremdenzimmer mit dem wunderlichen NamenDer Spiritus" be­gabt, und so hatten meine Worte nichts an sich, was an Rumtopf oder gar an Anatomie erinnerte, sondern waren nichts als eine Regiebemer- ung für das bevorstehende Fest. Denn dieses mußte doch bis in die Einzelheiten der täglichen Speisenfolgen, der Zimmerverteilung, der Nach­barschaftseinladungen, der Autofahrten, ded Abholens und Fortbringens oon Menschen und Gepäck vorbereitet werden, wenn es dann als selbst- oerständlich freundlich von der Spule der Tage rollen sollte. Ja, diese Vorbereitungen, die alle ganz vollgesogen waren von Vorfreude auf bie lieben Freunde, das war das Schönste an unserem alljährlichen Dichterpfingsten!

Aber nein, das Schönste war doch das Ankommen der Gäste!

Wir hatten damals so ein Riesentier von Limousine, wie die Mode !>es Komforts die merkwürdigste aller Moden, da die menschlichen Glieder doch allezeit gleich sind! es als Gipfelpunkt für die Berliner lluto-Ausftellung von 1907 vorgeschrieben hatte. Das Möbel war wie «in Wohnwagen mit betroddelten Sesseln und Tischen und Heizung und Veleuchtung ausgestattet, hatte aber für spottlustige Jungens sei das «esagt vor dem derzeitigen Mode-Ideal des Komforts den unleugbaren Lorzug, daß man auf etwas Stuhlähnlichem saß, wogegen wir heute bekanntlich als Sklaven der Karosssriefabrikanten auf dem Fußboden mseres Autos liegen, nicht anders als in Sitzbadewannen. Also aus Uesem Gebäude kam ein Bein heraus, das wie eine Zweimeterschmiege in zwölf Scharniere zusammengefaltet darin verborgen war, dem Bein nlgte ein Regenschirm in einer langen knochigen Hand, dann kam in ruckweiser Entfaltung «in zweites episch unendliches Bein, und dann fiel ün riesiger Schlapphut von einem strahlend-fröhlichen Gesicht, und unser eber Ludwig Schücking stand vor uns und dienerte vor der Hausfrau 9 köstlich wie nur ein ungewöhnlich langer und ungewöhnlich dürrer Privatdozent für englische Sprache und Literatur dienern kann.

Inzwischen dröhnte Im Wagen unentwegt «Ine klirrende Baßstimme weiter, wie eine Ankerkette durch die Klüse rasselt. Der glückliche In­haber dieser Stimme unterbrach seinen Vortrag nicht, in'dem er der einen Sulu von Strauß und Torney die Vorzüge der asiati- «hen Kulturen vor den europäischen auseinandersetzte völlig verspon­

nen in ihr Streitgespräch entkletterten beide dem Wagen, wobei Graf Kuno Hardenberg mit der hofmarschallhaften Sicherheit, die ihn schon damals auszeichnete,^ gleichzeitig uns begrüßte, der Lulu aus dem Wagen half, dem dicken Chauffeur Emil in Parenthese eine Notiz über sein Handgepäck gab und dazwischen unbeirrt über den Unterschied des Schu-King vom Schi-King weitersprach. Ja, und dann kamen die andern alle, die ich kaum aufzählen mag, um nicht im Trubel der Gestalten einen Zu vergessen. Ich glaube, wir hatten damals wie heute ein gastfreies Haus, und neben- und nacheinander wirbelte das ganze Jahr über ein fröhlicher Sturm von Menschen durchs Schloß.

Ein Teil gehörte demPfingst-Kreis" an, der sich alljährlich bei uns versammelte, und wenn wir in die sonnige Vorkriegszeit zurückblicken, so scheinen uns die Pfingsten unserer Vergangenheit in einem doppelten Sonnenschein zu erstrahlen.

Ach nein, nicht das unruhige Ankommen die ruhigen Tage, die der Freundschast und dem künstlerischen Genuß gewidmet waren, die waren dc>s Beste an Pfingsten!

Da schlenderten wir durch den Park, versunken in bisweilen so tief­sinnige Gespräche, daß Kuno Hardenberg einmal in plötzlicher Aufwallung auf eine Linde zustürzte und sie umarmteIch muß wieder was Wirk­liches in Armen halten nach diesem Philosophieren!" Wie genossen wir doppelt die Frühlingsblütenpracht Rhododendren und Azaleen, die Glycinen am Haus und die Narzissen auf den Teppichbeeten, den Zauber der feierlich geschnittenen Hecken um die Salons de verdure, die Tee- stunde am Springbrunnen, wenn unserer Kinder Lachen um die sand- steinernen Götter klingelte, und dann auf Autofahrten den Reiz des Muldentals, die Schönheiten der umliegenden Güter mit ihrer breiten Gastfreundschaft!

Unb abends erglühten die Lichter im Saal, zu festlicherem Leben erhöht fand sich alles beim Diner zusammen. Meist waren für die Abende (Säfte aus der Nachbarschaft geladen, und die köstlichen, dreimal geprie­senen Formen der echten Geselligkeit gaben dem Durcheinander von Schrifttum und Kunst, von fröhlichen Fürstlichkeiten und lebhaften Demo­kraten, von Alten und Jungen, eine überaus reizvolle Schale, in der alles wie die schönen Frück)te von der Satura zusammengehalten wurde. Hans Gabe len tz phantasierte am Flügel und Kothe sang seine weichen Lieder zu der dunkelen Laute, während dazwischen zu den weit- offenen Türen des Altans herein vorn Parke die Drossel-Lieder klangen. Alfred Biese hielt uns einen schönen Vortrag über Theodor Storm, und Richard R i e m e r s ch in i d sprach über feine Strebungen für das Kunstgewerbe der Neuzeit. Und Abend für Abend klangen die Verse der Dichter durch den schönen Raum. SchückingsVertauschte Schäfer" um­spielten in köstlicher Harmonie die Meißener Rokokogruppe rings auf Kaminen und Konsolen, Lulu von Strauß' Balladen, Gerd von Basse- w i tz' Dramen und meine eigenen Arbeiten alles, was uns ein freund­liches Schicksal im letzten Jahre geschenkt hatte, legten wir zu Pfingsten den Freunden in den Schoß. Und in den Gläsern perlte der Wein, und der Mond hing im blauen Nachthimmel, und die Hecken träumten zwi­schen den Lichtbalken aus den hohen Fenstern. Ach, liebe Freunde, wißt ihr noch, wie schön unsere Pfingsten vor dem Kriege waren?!

Freilich die Gehobenheit des Mahles und das Festliche der Abende verwehte, und am Vormittage ging es oft recht derb im Meinungsaus­tausch und recht nüchtern im literarischen Fachgespräch zu. Wir waren schonungslose Richter und hielten es für Spießbürgerlichkeit, uns un­nötige Liebenswürdigkeiten zu sagen. Auch Dilettanten waren oft unter unseren Gästen, und da Dilettantismus an sich nichts Verächtliches, ja, vielleicht sogar die Vorbedingung besonders feinen Kunstverständnisses ist, so hat ganz gewiß niemand von uns anderen als ästhetischen Anstoß an ihren Darbietungen genommen. Nur wenn ausdrücklich ein Urteil ver­langt wurde, nur im kleinen Kreise, am anderen Tage wurde dies Urteil gegeben, und ich kann erzählen, daß fast durchweg die Verurteilten so gesellschaftlich wohlerzogen und so kluge Menschen waren, daß nie eine Mißstimmung um sich griff. Und wie doppelt wohltuend war dann die gemeinsame Schwärmerei für die Köstlichkeiten anderer Dichtungen, denn wir lasen ja nicht nur eigene, sondern auch fremd« Verse vor. Die elendste aller Todsünden, der Neid, statte keine Stätte in irgendeinem der Herzen, die damals klopften, das weiß ich heute, wie ich es damals wußte!

Verklungen die Klänge der Lie«der, verweht die Worte, verwelkt die Rosen, und verschäumt der Wein jener Zeiten. In den Gästebüchern viele glänzende Zeichnungen, viele klingende Gedichte, viele genial hin­geworfene Notenzeilen. Ja, soll denn das alles sein?

Gewiß nicht! Wir alle haben uns ja damals wie heute gewehrt gegen die Auffassung der Kunst als eines Dinges für sich, wohl gar außerhalb des Lebens, wir alle haben dies liebe leuchtende Leben für das Wesent­liche gehalten und seine Farben auch da, wo sie Blutrot und Todes- schwarz stießen, in ernster Frestde bejaht und heilig gesprochen. Kunst