bein silberweiß leuchtet, scheint ein besonderer Feinschmecker zu fein. Er schiebt die Frucht nicht so ohne weiteres in das weit geöffnete Maul, wie feine Brüder und Schntestern, sondern entfernt erst durch Schwenken mit dem Rüssel sorgfältig alle anhaftenden Erdteile.
Als er etwa zehn Meter seitlich der Herde steht, hebe ich langsam die schwere Büchse an die Wange.
Erfahrungsgemäß schießt man bei schlechter Beleuchtung stets zu hoch. Außerdem liegt das Herz des Elefanten sehr tief, es hängt förmlich zwischen den Vorderbeinen.
Als ich „gut drauf bin", ziehe ich den rechten Abzug ab. Ein gewaltiger Feuerstrahl schießt aus dem Rohr und beleuchtet sekundenlang tue grauen Riesenleiber.
Ihr selben Augenblick werde ich zurückgefchleudert, höre noch das Krachen des zusammenbrechenden Stuhls unter mir — und dann stürmen die Dickhäuter rechts und links von mir durch das knatternde Unterholz — wirbeln Staub, Aefte und Laub durcheinander wie rasende Lastautos. Als ich nach der Büchse greifen will, die zwischen den Trümmern des Stuhls und den Splittern der Whiskyslaiche liegt, merke ich mit Schrecken, daß mein Arm leblos herabhängt. Fckde und süßlich läuft aus einer Stirn- wunde Blut in den Mund...
Weit hinten im Urwald höre ich dann dumpfes Stöhnen und einen polternden Fall. Dann wird alles still. Die Elefanten sind verschwunden. Selbst die Hyänen haben ihr klagendes Lachen eingestellt. — Vergeblich versuche ich in meinem dröhnenden Schädel nach einer Erklärung. Wenn mich ein Elesant überrannt hätte, so wäre ich wohl kaum so glimpflich davongekommen..
Mit Freuden stelle ich dann fest, daß der Arm nicht gebrochen ist. Ich kann ihn, wenn auch mit Schmerzen, wieder bewegen. Die Taschenlampe wage ich noch nicht anzuknipsen, da gereizte Dickhäuter — im Gegensatz zu Raubtieren — das Licht angreifen. Aber als ich beim Mondenlicht den linken Hahn in Ruhe setzen will, wird mir vieles klar. Durch die Erschütterung des Schusses war auch der linke Hahn abgeschnappt, und beide Schüsse waren säst gleichzeitig losgegangen. Und den furchtbaren Rückstoß von 36 Gramm Pulver hatten weder ich noch mein Stuhl ausgehalten.
Den eigentlichen Grund dieser Tragikomödie erfuhr ich aber doch erst nach meiner Rückkehr. Mae Millans Wut auf die Elefanten war größer als feine ballistischen Kenntnisse. Um also die Wirkung der Patronen zu erhöhen, hatte er in jede Hülse das rauchlose Pulver einer Sorbite« Patrone dazugeschüttet. Ein Wunder war es, daß mir bei dieser Ladung die alte Elefantenbüchse nicht in Stücken um die Ohren geflogen war...
UM mich zu versöhnen, bot mir Mae Millan den einen Stohzahn des erlegten Elefanten an. Ich wählte den linken, der mir bei Abgabe des Schußes zugekehrt war, und einträchtig begaben wir uns am nächsten Morgen an den Schauplatz des nächllichen Abenteuers.
Etwa zweihundert Meter vom Anschuß entfernt schimmerte der Schädel des, zusammengebrochenen Riesen grau durch das Gewirr der Dornen. Und als wir uns aus ungefähr zwanzig Schritt genähert hatten, blieb der dicke Mac schnaufend stehen. Seine Augen quollen förmlich aus den Fettpolstern und die gespitzten Lippen schnappten hörbar nach Luft. Er sah aus wie ein gut geratener Weihnachtskarpfen.
Verständnisvoll und etwas schadenfroh drückte ich feine Faust. Der Elefant trug nur einen Stoßzahn, den linken ...
Das Regiment.
Von Bruno Brehm.
„Schade, sehr schade, daß du Puschkin nicht russisch lesen kannst", sagte der russische Rittmeister, „in der Uebersetzung geht säst alles verloren. Seine Sprache ist wie ein Schmetterlingsslügel. Man kann sie nicht nachmalen. Er ist der größte Dichter, das hat Dostojewski gewußt, der klein vor Puschkin ist."
Die Frau des Rittmeisters erschien und fragte, ob er nicht die Platte hinaushängen wolle, es sei schon Donnerstag, und Samstag wäre Vorstellung, jetzt kämen die Leute nur spärlich ins Kino, man müsse ein wenig aulocken, das Plakat sei gut und wirkungsvoll.
„Nicht jetzt, nicht jetzt! Oh, bitte, störe nicht!"
Die Frau zuckte die Achseln, zog die Brauen hoch, kehrte sich langsam um und ging.
„tio, du willst also Clausewitz und Schliessen wieder mitnehmen? Du brauchst die Bücher? Schade! Für Schlieffen hätte ich gern noch einige Karten gehabt. Man muß ein Schlachtfeld ganz deutlich vor sich sehen. Aber besser noch als Schliessen gefiel mir Clausewitz. Er ist der klügste Manu gewesen, der je über Soldaten geschrieben hat. Er hat an alles gedacht und nichts vergessen. Er hat das geschrieben, was Napoleon getan hat. Man kann den Krieg nicht ernst genug nehmen. Man muß ihn bis ins Kleinste durchdenken. Im Krieg selbst ist zum Denken nicht mehr viel Zeit. Und die Unterführer sollen überhaupt nicht viel denken, das sieht man bei diesem verdammten Grouchy."
Der Rittmeister konnte es dem General Grouchy nicht verzeihen, daß dieser in der Schlacht bei Waterloo zu spät gekommen war. Wie oft' £atte ich diese Äerwünschung anhären müssen: „O dieser verdammte Grouchy! Dieser dumme Grouchy, dieser nichtsnutzige Grouchy! An solch einen, Dummkopf mußte Napoleon zugrunde gehen! Einmal war Gelegenheit da, die Engländer zu schlagen, dann verpatzt ein Idiot alles!"
Mein Freund stand auf und gab mir den Schlieffen und den Clausewitz. Er nahm aus einem der Bücher einen Bries: „Aus Belgrad. Dort sammeln sich russische Offiziere. Sie sollen nach Mandschukuo gehen und dort gegen die Sowjets kämpfen."
„Host du Lust?"
. Lust? Ich kann nicht. Es geht nicht. Ich hasse die Bolschewiken. Ader in fremden Diensten gegen Rußland kämpfen kann ich nicht. Weder 1921 auf Seite der Polen, noch heute auf Seite der Japaner. Es geht nicht.
„Hast du von deinen Angehörigen etwas erfahren?"
„Nichts. Wer kann nach Rußland schreiben, ohne die Angehörigen in Gefahr zu bringen? Von ihnen weiß ich nichts. Der Adjutant hat mir vom Regiment geschrieben. Vieles, was ich nicht gewußt habe, ist mir jetzt klar geworden. Vor allem, wie es bei meiner Gefangenschaft zugegangen ist. Das weiß ich jetzt endlich. Ich habe jahrelang vergeblich nachgedacht."
Ich hatte mir die Geschichte von Wladimirs Gefangennahme oft genug erzählen lassen: Er war in der Nacht von seiner Maschinengewehrabteilung abgedrängt worden und hatte sich in einem galizischen Bauernhause verborgen. Uebermübet war er eingeschlafen und am nächsten Tage von österreichischer Infanterie gesangeiigenommen worden.
„Ich habe einen einzigen Fehler gemacht", begann der Rittmeister nach einer Weile, „ich hätte bei meiner Maschinengewehrabteilung bleiben müssen. Ein Offizier gehört zu seinen Leuten. Ich aber ritt bei meinem Freund von der dritten Schwadron. Wir waren sehr müde. Man hatte unsere Kavalleviedivision seit Tagen gehetzt. Wir wußten kaum, wo wir waren. Immer nur Wald und Sand, Wald und Sand. Die Pferde abgetrieben, die Reiter unausgeschlafen. Ein Teil versprengt, der andere ohne Hoffnung. Der Divisionär verschwunden, der Brigadier und sein Stab nur auf die eigene Rettung bedacht. Bisher hatte ich das nur vermutet. Der Adjutant hat es mir bestätigt."
„Vielleicht ist der Adjutant verbittert und sieht schwarz", warf ich ein. „Man soll nicht so schnell über seine Generäle urteilen. Im Kriege kann man murren, aber jetzt wäre es bald Zeit, gerecht zu werden."
„Das waren zwei Salonsoldaten", widersprach mein Freund. „Nun, wir beide werden weder eine Schwadron noch eine Brigade mehr führen, aber wir hätten es besser gemacht. Das war also damals nach bar großen Sonnenfinsternis, in der Nacht. Wir bekamen auf dem Marsch durch den Wald Flankenfeuer. Ich wollte zu meiner Abteilung vor. Ich mußte von der Chaussee herunter. Hinter dem Wald lag gleich das Dorf. Ich wollte einen Weg durch das Dorf suchen, um nach vorne zu kommen. Ich kam in einen Obstgarten. Einige russische Soldaten standen dort am Zaun. Ihnen gab ich meinen Gaul zum Halten. Ich fand einen Weg. Ich ging wieder zu meinem Pferd zurück. Mein Pferd und jiie Soldaten waren verschwunden, Ich kletterte wieder den Straßendamm hinauf. Auf der Straße war alles wie weggeblasen. Nicht ein Mann mehr da noch Pferd. Der Schlaf fiel mir wie Staub in die Augen. Hätte ich nur mein Pferd noch, der Schlaf verginge mir! Welch eine Stute war das! Nicht umzubringen! Immer noch frisch!'Aber ein Ulan ohne Pferd, mein Lieber, ist eine traurige Sache. Ich rief, ich suchte, nichts. Dann legte ich mich irgendwo schlafen."
„Und das Regiment?" fragte ich.
„Das Regiment ist weitermarschiert. Das hat mir der Adjutant genau beschrieben, alle Straßen, alle Ortsnamen. Aber ich bekomme hier keine Spezialkarte. Was damals beifammengeblieben war, blieb beisammen bis zur Revolution. Einige sind noch gesallen bis dahin, aber nicht viele. Dann gingen alle zu Wrangel und später nach^ Konstantinopel. Dann hierhin und dorthin. Der Rittmeister der dritten Schwadron, mit dem ich in jener Unglücksnacht geritten bin, lebt in Paris. Er hat ein kleines Geschäft. Es geht ihm nicht schlecht."
„Und die anderen?"
Wladimir zog einen Zettel aus dem Briefumschlag: „Die anderen? In Bukarest, in Prag, in Belgrad, in Sofia, in Paris, in Berlin, in Buenos Aires, in der ganzen, großen weiten Welt. Glaub' mir, es war ein schönes, ein altes Regiment." »
„Hast du einigen geschrieben?"
„Allen. Einige haben geantwortet. Vielen geht es sehr schlecht. Man geht übel mit ihnen um. In den Balkanstaaten besonders. Man läßt sie Kaution erlegen, verspricht ihnen eine Stellung, nimmt ihnen das Geld ab und wirft sie wieder hinaus. Einer von ihnen hat, bevor er sich erschoß, an einen dieser Könige geschrieben: „Ich erschieße mich heute. Zahlen Sie meiner Witwe eine kleine Pension. Ich habe auch für Ihr Land gekämpft. Dafür, daß Ihr Staat bestehen kann, ist Rußland gestorben." ' *
„Und der König?"
„Weiß Gott, wo der Brief hängen geblieben ist. Ich habe vor einem Jahr der Witwe Geld geschickt. Der Adjutant hat gefragt, ob ich nach Mandschukuo will. Du verstehst doch, daß das nicht geht. Es ist gegen Rußland." -
Die Frau des Rittmeisters kam mit den aufgerollten Kinoplakaten in das Zimmer und fragte, welches sie aufhängen solle. Der Rittmeister fuhr sich mit der Hand kurz über die Augen: „Bitte, gib her, ich gehe sie hinaushängen." <Kr nahm ihr die grellen Plakate ab und ging.
Mariechen nahm mir gegenüber Platz. Ihr liebes Gesicht war bekümmert. Sie fragte, ob er von [einem Regiment gesprochen habe. Als ich dies bestätigte, seufzte Mariechen: „Dann wird er wieder für ein paar Wochen verstummen. Das ist immer so. Dann sperrt er sich ein und lieft die Lifte seiner Kameraden. Dann liegt er nachts wach und sagt: „Ich hätte damals bei meiner Abteilung bleiben sollen. Und wenn ich dies nicht getan habe, hätte ich nicht einschlafen dürfen." Er spricht so von seinen Kameraden, als müßte auch ich sie kennen. Dann sieht er mich und die beiden Kinder nicht. Er ist sehr höflich und sehr traurig. Er vermeidet es. deutlich zu sprechen, und wir können doch nicht Russisch. Er lieft Puschkin."
/„$)at er denn nie versucht, die Kinder Russisch zu lehren?"
„Nie. Die Kinder und ich sind etwas ganz anderes als das Regiment. Wenß er nicht mehr an feine Kameraden denkt, sieht er uns wieder. So ein Kino auf dem Lande macht nicht viel Arbeit. Er liegt still auf dem Diwan und träumt. Er hat dem Adjutanten um die Namensliste der anderen Schwadronen geschrieben. Er will, sagte er einmal, sein ganzes Regiment mit allen Offizieren und Ulanen vor sich stehen sehen."
Hammerschläge von unten zeigten an, daß Wladimir das Plakat annagelte. ■" . ■
Derantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Brühlsche Untvrrsitätsdruckerei A. Lange, Gießen.


