3um neuen Jahre.
Von Eduard Mörike.
Wie heimlicherweise ein Engelein leise mit rosigen Füßen ' die Erde betritt, so nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, ein heilig Willkommen! Ein heilig Willkommen, Herz, jauchze du mit!
In ihm sei's begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezeiten des Himmels bewegt! x Du Vater, du rate!
Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!
Besuch bei Hetbel.
Von Wolfgang Goetz.
In der Bahn, die mit rühmenswerter Ausdauer sich durch die flache Marschlandschaft bemüht, versteht man wenig vom Gespräch der Nachbarn. Sie sprechen unzweifelhaft Deutsch, das steht fest, sonst aber istJber Mitteldeutsche außerstande, das Gelächter oder den wilden Zorn der Mitreisenden verständnisvoll zu teilen. Nur ein Wort füllt ihm aus: „Da), blot twedusend Johr", sagt jemand leicht enttäuscht. Man rechnet hier offenbar mit gefunden Zeitspannen. Als der Mitteldeutsche aussteigt, ist er betrübt, nicht mehr verstanden zu haben. Es mögen wohl noch andre erstaunliche Dinge gesprochen worden sein.
Das erste, was auf dem schmucken Bahnhof von Wesselburen besichtigt wird, ist ein alter Bummler, der auf den Knien in der Gasse hockt und sich an einem schwanken Stäbchen emporrappelt, um in phantastischen Kurven den Zug zu gewinnen. Das besoffene, abgerissene Wesen inmitten dieses lautern und reinlichen Menschenschlages stört die Wallfahrtssttm- mung ein wenig. Aber dann winken hübsche, muntere Häuser, saubere Straßen tun sich auf, und dort steht auch schon das überernste Standbild Hebbels. ~ , .. ' Of ,
Ein allerliebstes Häuschen gleich hinter dem Denkmal tragt die Aufschrift: „Hebbel-Museum". Nein, es ist nicht das Geburtshaus, sondern ein ganz richtiges Museum, so blitzsauber, wie ich noch selten eins gesehen- habe. Auch vom Alkohol ist es sauber: „Alkoholfreies Gesellschaftshaus kündet eine andere Schrift.) Was nun hier freudige Spender zufammen- ttugen an Hebbeliana, das ist höchsten Lobes würdig, Zeugnis prächtigen Gemeinsinns, dankbare Dpferspende für den großen Sohn des winzigen Städtchens. _. _ ...
Es ist keine einzige Niete unter den vielen Nummern. Die Erstdrucke, die wichtigsten Gesamtausgaben, unzählige amtliche Schriften des jungen Schreiberlings — darunter rührend eine Quittung, die Mutter Anlhje Hebbel unterkritzelte. Die Fülle der Porträts — die Frauen, Dichter, Mimen, Mäcene — führt den ganzen Geist der Hebbelzeit herauf, und was man mit der Platte noch fassen konnte von den alten Freunden des jungen Adlers, das hat man sorglich hier geborgen. Es muh viel Muhe gekostet haben zu sammeln, was nun so klar und anspruchslos zum Wanderer spricht. Erschreckend die Totenmaske: das linke Auge steht offen, als ob es im Tode noch schauen wollte.
Nach solcher wahrhaft herzlichen Freude an reiner Ehrfurcht winkt ein wilder Strauß, den man mit der Kirche zu bestehen hat. Man mutz sich gegen diesen Turm, diesen' prachtvoll gefügten, wütend aufgetrotzten Bau wehren. Ein-m pyramidenförmigen Mittelbau sind Seitengebäude — Schiffe, wenn man will — angedrängt, daß er nicht stürze. Und diese Vor- und Umbauten sind wiederum gestützt von wüsten Strebepfeilern. Die solch Gebäu auf die „Wurte" — uralte Aufschüttung von Seenot — setzten wußten, was sie taten. Das sollte stehen, das mußte stehen! Trotz Sturm! Trotz Meer! Trotz Zeit! Vielleicht: ttotz Gott! Und es wird stehen. In diesem verbissenen Haufen Stein'sang Hebbels Knabenstimme dem Höchsten zu Ehren. Es wird einem manches deutlich.
Und nun zum Geburtshaus. Es ist nicht mehr. Ein lächerliches Tafelchen kündet, daß dieses Haus hier stand. Die alte Ulme des Kindhelts- qartens fiel. Einzig ein alter Brunnen steht noch da. Und: Brunnen — Geburtshaus — wer dächte nicht an jenen festlich heiteren Strahl, der aus der Mnfcheltafche emsig und mühelos springt im Hofe jenes Hauses zu Frankfurt am Main! Hier: ein jämmerlicher Ziehbrunnen, verrostete Winden schleppen schwer das Wasser aus der Tiefe. Keiner kann stigen: ,An diesem Brunnen hast auch du gespielt." Ein einsames Kind hat dort in die. Tiefe geblickt. Und immer wieder ist dieser Brunnen in des einstigen Kindes Phantasie lebendig geworden. Sie nennen-ihn den „Maria- Magdakena-Brunnen" heute. Am vernehmlichsten rauschen wohl seine gurgelnden Wasser in Hebbels Ballade vom „Kind am Brunnen .
Der junge Mann, der heute aus dem Haus blickt, weiß nicht eben recht Bescheid. Doch eine Nachbarin gibt gut Auskunft. Er „fei jetzt hin , sagte sie von dem alten Brunnen. Ehe ich sie befragen kann, quäle ich Mich durch verschrobene Häuserchen, und es duftet nach Abwassern. Aber es ist wohl schon sehr viel besser als damals. Wie jämmerlich es gewesen sein muß, das wage ich nicht auszudenken. .
So gehen wir zum Stadtpark, einem Wäldchen von knapp eines Morgens Größe, das ehedem der Kirchhof war. Er ist dicht beim ölten Hebbelhaus, und alle Leichen Wesselburens mußten vorbei an den Fenstern des jungen Friedrich. Nun ist von Gräbern dort nichts mehr zu jehen. Nur die Grabsteine edler Geschlechter stehen Dolmen gleich aus-
gerlchiet. Der Vater, den sie jetzt zum Hahnrei machen wollen und wo» gegen sich ein junger Forscher (Hermann Nadel in seinem Buche „Hebbels Ahnen") mit Redlichkeit, wenn auch nicht überzeugend einsetzte, ist auch den Weg gezogen dorthinaus. Aber wo « ruht, das weiß keiner. Ein Monolith liegt dort. Vielleicht modert er hier. Vor dem Stein sind Schaufeln tätig gewesen. Vielleicht gruben sie nach ihm. Vergeblich. Seine letzte Stätte ist ungewiß. Und so ist er verschwunden für uns, wie ja von feinem Leben kaum eine Spur geblieben ist, außer in wenig deutlichen, aber ungewöhnlich zarten Erinnerungen des Mannes, um Seffent» willen wir mehr von Klaus Hebbel zu roiffen uns wohl wünschten.
An der alten Kirchfpielschreiberei vorbei, wo Hebbel „reichlich sechs Jahre" — fo kündet eine Schrift im Museum — unter einer Treppe schlafen wußte, hinaus zu einem andern Grab: „Hebbels Mutter" steht drauf, weiter nichts. Als ein kleines Gärtchen find Gebüsch und Blumen darum gepflanzt. Man zieht den Hut. Und auf einmal überfällt uns der Gedanke an das Vater- und Mutterproblem, an Kindheit und Jugend, an Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und bas Grauen eben dieser Wesselburener frühen Tage. Da nützt es nichts, daß wir in der „Stadt Hamburg", in deren abgerissenen Stall der K8jährige Hebbel Schiller spielte, ein königliches Mahl an der Wirtstafel einnehmen, wie in Urgroßvaters Zeiten. Fort) Wir wollen — zum Meere.
Kilometerweit, erschreckend zielbewuhte Straßen, Straßen mit peinlich guter Pflasterung, die den Füßen wenig Freude macht. Straßen, die bei aller Zielbewußtheit plötzlich seltsame Haken schlagen. Rechts und links die wechselnde Fülle reicher Landschaft. Aber die Straßen, die Straßen! Selbst die malmenden Kühe werden einem gleichgültig. Hebbels unseliger Heideknabe fällt einem ein und Schumanns kongeniale, Melodramen» musst mit dem tönenden Fragezeichen bis zum gräßlich stampfenden Ende und seinem trostlosen Schluß.
Der Sturm pfeift eintönig und bläst einem dumme Gedanken aus dem Kops. Es ist kalt, und jeden Augenblick droht kalter Regen nieder- zugehen. Endlich hinter dem Deich rauscht es die uralte, die heilige Weise.
Wir stehen droben, den Anprall der Wogen zu schauen; fern schäumt und kämmt es noch. Zu unfern Füßen versickert es schon, und die freche, weiße Möwe fetzt ihre Füßchen zierlich patschend ins Rinnsal erstorbener Brandung — Wattenmeer.
Oie verstärkte Ladung.
Afrikanisches Erlebnis von F. G. Schmidt-Dlden.
Der dicke Mac Millan meinte fast, als er mir die Verheerungen zeigte, die die Elefanten auf feiner Farm angerichtet hatten. Kaffee- und Teesträucher waren ihrer Zweige beraubt; oder in den Boden getrampelt Fruchtbäume und Obstkulturen verwüstet...
„Wenn ich so ein Hering wäre, wie Sie —" schloß er giftig, „bann mürbe ich den Dickhäutern bis in ihre Bambuswälder und Urwalddickichte folgen und mich den Teufel um Schongesetze kümmern ... aber so!" Er sah wehmütig auf feinen massigen Leib. „Grade haben wir Vollmond < ermunterte ich. „Sie könnten wunderbar ansitzen ..."
Mac Millan sah mich entgeistert an. „Ausgeschlossen", meinte er dann betrübt, „ich bin fein Jäger, und in der Nacht muß ich schlafen! Und das weiß auch der Wildinspektor, und deswegen hat er mir auch die Schuß- erlaubnis so bereitwillig gegeben. Der reine Hohn..."
Der Dicke wurde erst wieder munter, als ich den Vorschlag machte, in feiner Vertretung den Elefanten aufzulauern. Ich mutzte mich aber bereit erklären, feine Elefantenbüchse zu benutzen und keine Ansprüche an das erbeutete Elfenbein zu stellen...
Als mir bann ber biete Mac seine Haubitze zeigte, wurde mir unsere ■ Abmachung fast wieder leib. Zwanzig Pfund wog die Doppelbüchse und verfeuerte Bleigeschosse Kaliber 8, d. h. also, bah 8 Runbkugeln bes ent- sprechenben Durchmessers ein englisches Pfund wogen. Und als Treib« mittel dienten jedem Geschoß 18 Grainm Sckwarzpulver.
aber die Wirkung ist auch großartig" beruhigte mich Mac, und was das zu bedeuten hatte, merkte ich nocki am selben Tage.
Kurz vor Sonnenuntergang zog ich los. Ein Boy schleppte einen Klappstuhl, eine Flasche Whisky als Zielwasser und die Kanone. Ich selbst hatte genug an den beiden überlebensgroßen Patronen.
Mac Millan hatte mir beim Abschied recht herzlich „Viel Glück ge« i wünscht, und mißtrauisch äugte ich umher, ob mir nicht ein altes Neger- roeib über den Weg laufen würde. Aber alles war wie ausgestorben —। und fo kehrte ich leider nicht um ...
Unter gigantischen Urwaldbäumen am Rande der Pflanzung baute ich bann ben Stuhl verdeckt auf und schickte den Bay nach Haus. Die mit ben riesigen Patronen gelabene Büchse über ben Knien wartete ich dann geduldig der Dinge, die da kommen sollten.
Kurz nach Sonnenuntergang bricht fast ohne Dämmerung die Nacht an Im Urwald herrscht tiefe Dunkelheit und nur gegen die Lichtung hin sind die Umrisse ber Bäume und Aeste erkennbar. Allmählich steigt ber Monb höher unb überflutet die zauberisch schöne Landschaft mit silbernem Licht Nachtaffen kichern und schnalzen über mir und lautlos umstreichen * mich Eulen und Nachtschwalben. Kleines Getier knistert im dürren Laub.
Hyänen schleichen scheu durch das Unterholz nach den menschlichen Be» hausanäen, um dort nach Aas und Abfällen zu suchen. Tausende von Leuchtkäfern tanzen durch die dunklen Blätter — her Urwald ist zu seinem nächtlichen Leben erwacht.
Regungslos hocke ich Stunde um Stunde. Kalter Wind streicht von den Gletschern des Kenia und fröstelnd angle ich nach dem Zielwaffer unter meinem Sitz... . , ... . .. o
Plötzlich find die Elefanten da! Lautlos wiegen sich die riesigen Lewer gespenstisch im Mondlicht, schieben sich durcheinander unb kommen äsend
Der Ansitz liegt an einem mit fast reifen Slnanasftauben bewachsenen Teil ber Pflanzung. Eine alte Elefantenkuh, erschreckend hoch und mager, marschiert an ber Spitze. In dem Ananasfeld angelangt, verteilen sich bie in ber spärlichen Beleuchtung unheimlich wirkenden Dickhäuter, um gemächlich die (affigen Früchte zu verschlingen. Ein Bulle, beffen Elfen-


