Laby Hefter Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Maria Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
4. Fortsetzung.
Vier Wochen verzögerte sich der Auslaus der Flottille — am 20. August 1804 starb Admiral Latombe... Die Herbststürme setzten ein und bewachten in ihrer Gewalt den Kanal.
Der Gott des Meeres hielt zu England: am Steuer saß Pitt.
Nun erst griffen feine Arme nach dem Kontinenl. Alle Völker Europas sollten sich vereinen, Barrieren aufrichten gegen die maßlose Eroberungssucht des Korsen; eine heilige Koalition sollte es fein, begründet auf Menschenrecht. England stellte Schiffe, England gpb Geld.
Schwer war der Weg. Denn immer noch verlangte Rußland die Insel Malta — hatte nicht der letzte Großmeister der Johanniter, Graf Hompesch, die Ordensinsignien dem Zaren gebracht? Aber Pitt erklärte: „Das Mittelmeer wird ein französischer See, wenn Malta nicht mehr England gehört." — Oesterreich zögerte, Preußen schwankte ... und Spanien wurde dazu getrieben, England den Krieg zu erklären. —
„Fouche, ich werde den Schlag führen können, ehe diese alte Koalitionsmaschine fertig ist!" höhnte Bonaparte.
Er bestellte Karikaturen in Menge: John Bull in Gestalt Pitts ... den Geldbeutel in der Hand, die Mächte beschwörend, gegen Frankreich zu kämpfen. Er selbst aber ließ sich inzwischen von dem gefangenen Papst salben — ganz wie einer von Gottes Gnaden! — und erklärte im neuen Jahr 1805 Italien zu seinem Königreich.
„Dieser Mann ist unersättlich!" entrüstete sich Zar Alexander; „er ist eine Geißel der Welt, er will den Krieg!"
„Er bricht den Luneviller Vertrag", entsetzte sich Oesterreich — und rüstete. —
Es war das Schicksal des Korsen, daß die Folgen feiner Rastlosigkeit als reise Früchte in Pitts Hände sielen. Im Juli 1805 trugen sich Alexander von Rußland und Franz II. von Oesterreich in die Liste derer ein, die unter Pitts Führerschaft gegen Napoleon kämpfen wollten.
Bond Street blieb Promenade der großen Welt, trotz Kriegszeiten und nationaler Gefahr. Eines schönen Vormittags begegneten sich dort George Brummet, der „neben Bonaparte in Mode" wär, und Lady Hefter Stanhope, in scharlachrotem Dreß und Federhut, beide zu Pferd.
Brumme! hielt die Zügel wie eine Prise Tabak zwischen Daumen und Zeigefinger, fein hübsches, studiert-hochmütiges Gesicht mit den spöttischen Augen klärte sich auf:
„Ah, Lady Hefter! ... Sie sitzt zu Pferd wie eine Amazone! Sagen Sie, liebe Kreatur, wer war eigentlich der Mann, mit dem Sie gerade sprachen?"
„Das ist doch Oberst Whitby."
„Whitby? Hat dieses Etwas einen Vater? Und wer zum Teufel kennt diesen Vater?"
Hefter verzog den Muich und tippte mit ihrem Reitstock gegen Brum- mels pflaumenfarbigen Anzug:
„Wollen Sie mir sagen, welche Art von Vater George Brummel hat und wer diesen Vater kennt?"
Brummel hob die Augenbrauen und nickte beglückt, als fei soeben das Ei des Kolumbus erfunden:
„Lady Hefter — das ist es ja! Niemand kennt den Vater von George Brummel, und niemand würde George Brummel kennen, wenn er nicht die Rolle spielte, die er angenommen hat."
„Eine herrliche Rolle, Brummel — sich anzuziehen und impertinent zu sein — während die Welt nach Männern ruft —"
„Verzeihen Sie, nach George Brummel würde niemand rufen, wenn er nicht verächtlich nach Herzoginnen nickte und Hoheiten auf die Schulter klopfte... Solange London dumm genug ist, vor meinen Dummheiten in die Knie zu fallen — gestattet Lady Hefter, die es besser weiß, daß ich sie begleite!"
Er kehrte sein Pferd und ritt mit ihr, Ja, man wollte sogar bemerkt hoben, daß er wie einen Blumenstrauß jenen berühmten Parfümstab eigener Erfindung ihr überreichte — nach dem der Prinz von Wales feit Monaten verlangt ...
Dies allein hätte genügt, eine Dame berühmt zu machen, aber Lady Stanhope hatte noch andere Talente. Es war zuweilen, als feien William Pitts glänzende Gesellfchaftsgaben, von eiserner Konzentration um den Staat Überdeckt, auf sie übergegangen: der gleiche unerhörte Spürsinn, den Charakter eines Menschen in seiner Geste zu erfassen — und mimisch darzustellen. Spielte sie in den Salons die Komödie des unterwürfigen Gatten in Ekstase vor seiner Frau — im zweiten Akt denselben Mann mit seiner Mätresse — die Frau im Kreis ihrer Freunde: so vibrierte der Boden von Applaus — und dem geheimen Genuß an der peinlichen Vorführung des eigenen Romans...
Auch heuchelte jeder Entrüstung, wenn sie die Geschichte der weichherzigen Dame mimte ... die weint, wenn sie in einen Pfirsich beißt und einen Wurm zerschneidet — denn oh, sie kann kein Insekt leiden sehen! Der Ehemann ergänzt: Meine Frau ist bekannt für ihr weiches Herz! Nur deshalb habe ich sie geheiratet! — Dieselbe Frau, die am nächsten Tag an einer Bettlerin und ihrem hungrigen Kind vorbeifährt
— das Fenster hochzieht und befiehlt, nicht mehr solch schreckliche Leute heranzulassen... n '
Lady Stanhope machte Regen und Sonnenschein in London, hieß es — und wenn, für eine kurze Minute, der Lordkanzler irgendwo erschien, galt ihr durch eine Flucht von Sälen hinweg sein erster Blick. Man notierte, daß er, mitten in einem Gespräch, innehalten und als erster sich nach ihrem Taschentuch bücken konnte.
Sehr langsam drang die Meinung durch, daß Pitt, der nie nach einer Frau gefragt, feiner Nichte bisweilen Dinge diktierte, die keiner noch wußte; ..
„Meine liebe Lady Hefter — Sie kennen unsere alte Freundschaft... Erzählen Sie mir doch: wer wird unser russischer Gesandter?" wagte ein Lord zu fragen.
Hefter zog die Stirn nachdenklich hoch:
„Wenn ich zu wählen hätte ... da kommen wohl nur zwei Männer in Frage: Mr. Grenville und Lord Malmesbury —"
Drei Männer um sie herum horchten, sie dämpfte geheimnisvoll den Ton:
„Aber da Lord Malmesbury kein kaltes Klima verträgt..."
Am nächsten Morgen stand im „Oracle" zu lesen, daß zwei Persönlichkeiten für den Posten in Petersburg auserwählt feien, doch in Anbetracht von Lord Malmesburys Gesundheit werde die Wahl voraussichtlich auf Mr. Grenville fallen ...
Pitt pflegte den „Oracle" nicht zu lesen, aber Grenville, der bereits Glückwünsche empfangen, kam sich beschweren, als die Wahl auf einen andern fiel.
„Hefter, wer ernennt die Gesandten — du oder ich?"
„Du natürlich. Und ich habe deutlich gesagt': wenn ich zu wählen hätte!"
Sie kopierte gerade ein Schriftstück, das er entworfen — und — vor feinen Augen, eben jetzt — entstand darunter feine Unterschrift — ununterscheidbar von feiner eigenen.
Er griff nach ihrer Hand — aber er kam zu spät. Das Kunstwerk war vollenvet. „W. Pitt" stand darunter.
„Was machst du denn da?"
„Du sagtest, ich solle unterschreiben —"
„Aber du kannst doch nicht —"
„Du siehst, daß ich kann! Ist übrigens ganz einfach: wenn ich an dich denke und die Feder schnell ansetze — so — ..."
„Du bist ein gefährliches Subjekt", meinte der Lordkanzler von England.
„Wünschest du, daß ich anders wäre?"
Pitt sah die Schriftstücke durch und schien zerstreut:
„Uebrigens — mein arabisches Halb lut geht jetzt ausgezeichnet. Man darf es nur an einem Haar leiten, dann ist fein Schritt ein Vergnügen. Wer drängt oder widerspricht, kommt nicht zurecht mit ihm."
„Ich verstehe nicht, was das mit meiner Unterschrift zu tun hat?"
„Ich auch nicht. Es fiel mir nur eben so ein..."
Ihre Augen kreuzten sich. Wohl gewahrte der Mann die heiß auf- steigende Bewunderung in ihren Augen, aber niemand konnte ritterlicher einen Sieg verbergen als William Pitt. —
Da gab es allerdings auch Gelegenheiten, bei denen der Lordkanzler nicht umhin konnte, anderer Meinung als feine Nichte zu fein. So hielt er es nicht für nötig, daß sie Herzöge öffentlich nachahmte, vor Ministersfrauen gähnte und einen General Känguruh nannte, weil er Freund Moore zu tadeln gewagt. Kürzlich, im Garten eines Lords, hatte man ihr einen Herrn vorgestellt, der in tiefem Bückling vor- und wieder zurücktrat, mit feinem Hut beinahe den Boden kehrend.
„Man würde denken, er schaut unter dem Bett nach irgendeinem verlorenen Geschäft aus", lachte Hefter weitergehend. . x
Pitt legte nachdrücklich die Hand auf ihren Arm:
„Du darfst nicht persönlich fein!"
„Was meinst du denn?"
„Das ist doch der Arzt, der kürzlich das Pech gehabt hat mit irgendeiner Patientin..."
„So? Ich wußte nicht mal, daß er Arzt ist —"
Pitts Stirn zuckte:
„Und vorhin wußtest du wohl auch nicht, daß der Ehrenmann, von dem du sagtest, fein öliges Gesicht mißfalle dir, fein Geld im Oelhandel verdient hat? Ja oder nein!"
„Nein, Pitt, ich kannst ihn nicht!"
Sie sprach bis über alle Klugheit hinaus die Wahrheit, das wußte er... So hatte sie wohl dieselbe Eigenschaft, die er selbst besaß: im ersten Blick von den Menschen mehr zu erfassen als andere. Nur — daß sie ein Weid war und plaudern mußte!
„Hoffnungslos", murmelte er kopfschüttelnd.
„Deine Politik?"
„Nein, du."
Sein Haus war hell und ftoh, feit sie mit ihm lebte, und er freute sich, daß sie die Brüder, Freunde und Gäste zu sich lud, auch wenn Geschäfte ihn ferne hielten. Sie sollte lachen und ihre Jugend genießen.
„Sind deine anbetenden Sklaven wieder bei dir?" fragte er voll Stolz, wenn er nach Hause kam. Und konnte sich dann mit den Jungen balgen, selber ein Junge, sein Gesicht mit Kork zur Maske zeichnen lassen, mit Kissen nach Hefters Brüdein werfen. Bis der Diener kam, Besuch meldete und William Pitt, der eben noch dröhnend gelacht, sich in den kühlen Kanzler verwandelte, der aufrecht, mit unbewegtem Blick, bis ins letzte beherrscht und gesammelt, hörte, was man ihm vortrug.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei «.Lange, Gießen.


