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Eichener KimilienbläM
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938 */ Montag, -en 3. Januar Nummer {
Die Insel
Ser fünf Millionen Pinguine
Von Lherrg Kearton *
Deutsche Rechte durch I. Engelhorns Nachf., Stuttgart Nachdruck verboten
8. Fortsetzung.
Wenn man dieses höchst sonderbare Schauspiel beiruryici, bei dem sich dauernd kleinere Züge dem Hauptkörper angliedern, wird man unwiderstehlich an politische Umzüge bei uns zulande erinnert. Wie unsinnig und unglaubhaft, baß diese Vögel zu sechst oder acht in der Reihe marschieren und nicht vom Wege abweichen! Aber genau so ist es. Und haben wir uns einmal von unserem Erstaunen über ihr Verhalten erholt, dann sind wir auf alles gefaßt. Es würde uns kaum mehr überraschen, wenn sie Fahnen, schwenkten — oder rote Halsbinden trügen — oder ihre Parteilieder sängen.
Bis uns wieder einfällt, daß das ja kein»politischer Umzug ist, sondern nur die Badepolonaise, die regelmäßig jeden Morgen stattfindet. Das macht die ganze Sache aber nur noch erstamilicher.
-Die Pinguine, deren Zahl ständig zugenommen hat, sind nun bei den großen Felsen angelangt, die wir nach der einen Abteilung im Londoner Zoologischen Garten „die MappimTerrassen" nannten. Hier stoßen zwei andere Züge zu ihnen, und eine Menge anderer Vögel verlassen ihre Felsnester und schließen sich als Nachtrupp an. Sicherlich äst die Kolonne jetzt zwei-' bis dreitausend Kopf stark — sie scheint sich auf beinahe einen Kilometer zu erstrecken.
Natürlich geht es nicht, ohne daß man einander gehörig schubst und auf die Zehen tritt — denn die See ist endlich in Sicht und jeder hat es nun sehr eilig.
Schließlich ist der große Augenblick da: die Vorhut hat den Sandstrand erreicht. Sämtliche jüngeren Mitglieder der Pinguingesellschaft werden, sobald sie den Sand unter den Füßen spüren, zu aufgeregt, um ruhig weiterzugehen. Sie versuchen vorwärtszustürmen. Aber wenn man Beine hat, die nur etwa ein Neuntel der ganzen Körperlänge ausmachen, ist das taum möglich, und es bleibt einem nichts übrig, als alle Viere zu Hilfe zu nehmen und sich auf diese Weise fortzubewegen, wobei durch Füße und Flossen eine große Staubwolke ausgewirbelt wird.
Die gesetzteren und älteren FamiliemNitglieder folgen in würdigem Schritt. Was hätte es auch für einen Sinn, sich zu überstürzen, wenn man noch den lieben langen Tag vor sich hat? Im Meer ist sowieso qenutz Platz für alle miteinander. So watscheln sie gemächlich voran, schauen nach ihren Nachbarn und versuchen trotz der Fülle ihre Kinder im Augen zu behalten.
Die Familie, mit der wir zusammen aufbrachen, ist auch schon angelangt. Wir müssen uns ordentlich anstrengen, damit sie uns in dem riesigen, nun mehrere Tausende starken Haufen nicht entschwindet. Sie hat keine Zeit verloren und ebensowenig den Vorteil als Anführer des »ganzen Zuges. Die Sprößlinge paddeln schon,in den Brandungswellchen, Vater steht bei seinen Freunden am Strande und Mutter setzt ziemlich ängstlich den Kindern nach. Denn sie muß dafür sorgen, daß sie ihre Stunde bekommen, ehe sie zu spielen anfangen — gestern haben sie sich beim Tauchen durchaus nicht mit Ruhm bedeckt. So schwimmt sie ein paar Meter weit hinaus, senkt bann plötzlich den Kopf und verschwindet, das geht jo blitzschnell, wie man es sich nur denken kann. Kurz darauf stößt'sie zwanzig Mete/ weiter wieder an die Oberfläche und blickt zurück, um sich zu Überzeugen, ob die Kleinen es ihr auch nachmachen.
Vater hat inzwischen seinen Schwatz beendet und besieht sich das Wasser. Es müßte ganz angenehm (ein, ein bißchen in aller Ruhe am Ufer hinzupaddeln, ehe man tiefer hineingeht, denkt er bei sich. Genau wie ein älterer Strandbadbesucher sieht er aus, während er so voller Ernsthaftigkeit durch das seichte Wasser watschelt, das ihm hier gerade nur sanft über die Füße rieselt. Dann und wann hält er inne, steht den kühneren Schwimmern zu und stellt allem Anschein nach Betrachtungen über die Annehmlichkeiten des Pinguindaseins an. Auch er wird später Mut und Kühnheit beweisen, allein er geht gern schrittweise vor: zuerst wird ein wenig gepaddelt, dann wird richtig geschwommen, und schließlich geht es an ein prachtvolles Tauchen.
Die Kücken haben mittlerweile Tauchstunde bekommen und ihre Sache heute entschieden besser gemacht: endlich haben sie den Dreh heraus, wie man mit dem Kopf im selben Augenblick unter Wasser geht, wo die Flosfen sich wie Ruder ausbreiten und die Füße sich steif nach hinten
ausftrecten. Es geht noch ziemlich langsam, aber das gibt sich mit der Zeit. So schenkt ihnen die Mutter weitere Uebungen und läßt sie glückselig auf dem Wasserspiegel treiben, während sie nach Unterhaltung für sich selbst Umschau hält.
Zeitvertreib gibt es genug. Es tummeln sich jetzt sicherlich über tausend Pinguine im Wasser, nicht zu reden von den mindestens Zehntausend am Strand. Alle möglichen Spiele sind im Gang, denn wenn die Pinguine an Land auch schwerfällige Geschöpfe find: sobald sie ins Wasser kommen, sind sie geradezu ausgelassen. Einige führen allerlei Solokunststücke aus, schwimmen und rollen derart, daß die Wellen ihnen über den Rücken laufen, schlagen bann plötzlich einen Purzelbaum, tauchen unter und wieder auf wie Tümmler und kreiseln behende im Wasser wie Feuerräder od»r richtiger gesagt wie dicke Brummfliegen, die in ein Wasserglas gefallen sind und auf dem Rücken zappeln. Andere, die mehr Gemeinschaftssinn besitzen,' spielen in Gruppen, tauchen untereinander weg oder raufen sich erbost mit einem widerspenstigen Tang herum.
Mit einemmal geht bann irgenbeiner, der ein bißchen weiter draußen als die andern schwimmt, plötzlich unter Wasser und hält in größter Geschwindigkeit auf das Land zu. Im Nu ist das ganze Strandwasser frei und kein einziger Pinguin mehr zu sehen... Es ist genau als ob der Wachtposten „Haifisch!" geschrien hätte, obwohl ich sicher bin, daß in der ganzen Bucht weder ein Haifisch ist noch sonst etwas, wovor die Pinguine Angst zu haben brauchen. Ich glaube einfach, baß bas alles zu einem bevorzugten Lieblingsspiek gehört — ganz ähnlich wie unsere eigenen Kinber sich selbst weismachen, am Gartentor stehe ber schwarze Mann, unb Hals über Kopf vor ihm Reißaus nehmen, obwohl kein einziges wirklich an den schwarzen Mann glaubt. Auf alle Fälle greifen die Pinguine den Alarm auf, schwim>nen eilends nach ber Küste zurück, watscheln auf den Strand und betrachten sich von da aus bas Meer. So bleiben sie eine gute Welle roartenb stehen unb bie Aufgeregteren aus ihrer Schar steigern sich in regelrechte Nervenzustänbe hinein — bis einer, bem es langwellig wirb, finbet, bas Spiel lohne nicht mefjr; unb seinen Gefährten voran roieber in See geht.
Die Mutter, auf bie wir unser befonberes Augenmerk richteten, ist, so matronenhaft würdig sie sich bei der Behandlung ihrer Kücken gezeigt haben mag, tn Wirklichkeit ein fröhliches junges Ding — das genaue Gegenstück zu einer ganz jungen Menschenmutter — unb immer bereit (solange sie bie Kleinen in Sicherheit weiß) sich an jeber Lustbarkeit zu beteiligen, bie vor sich geht. So pabbelt sie halbwegs burch bie Bucht unb gesellt sich zu einer Gruppe anderer fportfreubiger Pinguine auf einem Felsbrocken, den die einströmende Flut gerade bedeckt — ein prächtiger Platz um „Ich bin der König in meinem Schloß" zu spielen. Zwei Pinguine stellen sich oben auf, bäs Wasser reicht ihnen gerade bis zu den weißen Bauchfebern — und sobald jemand anders dort zu landen versucht, treiben die zwei ihn zurück, indem sie ihn' teils fortstoßen, teils zum Spaß mit den Flossen um sich klatschen.
Danach schwimmt die junge Mutter zu einem höheren Felsstück hin, das ziemlich hoch aus dem Meere aufragt, läßt sich darauf nieder und belustigt sich damit, die kleinen Austernfischer abzuwimmeln, sobald sie ankommen. Dann fängt sie an, die Felsspalten zu- untersuchen. Bald findet sie auch etwas, das sie interessiert, eine Krabbe vielleicht: im Handumdrehen wird die Neuigkeit bekannt, und ein Halbdutzend ihrer Spielgenossen kommt herübergepaddelt und guckt einander mit anscheinend größtem Interesse über die Schulter, abgleich ^mßer den ganz vorn Stehenden natürlich keiner etwas sehen kann. Und dann, just im Augenblick, wo ein wagemutiger Geist den Schnabel kühn in die Spalte senken will, erhebt sich neuer „Haifischalarm", und alles miteinander, Krabbe unb Spiel unb was sonst noch, ist über ber Hetzjagd auf bie Küste vergessen.
Der Patersamilias, ber inzwischen seinen Pabbelausslug beenbet hat, i[t nun fast zum Bade bereit. Doch noch nicht ganz. Erst muß er noch ben Strand entlangbummeln und — genau wie ein etwas blasierter alter Herr im Strandbad — hier und da stehen bleiben, um ein Wort mit seinen Bekannten zu wechseln. Auch ist er nicht ganz erhaben über ein leichtes unauffälliges Interesse an den jüngeren Angehörigen des anderen Geschlechtes.
Ich wünschte, ich könnte zeigen, wie genau die Pinguine den Menschen gleichen. Immer wieder wurde ich, während ich so auf meinem Felsen saß und dieses Babetreiben beobachtete, an altbekannte Szenen zuhause erinnert. Alle finb sie da, bje wohlvertrauten Typen aus bem Seebab: bie nervösen Mütter, bie ihre Kinder nicht aus bem Auge lassen wollen, bie anbere Art Mutter, bie bafür schwärmt, ihre Kinder sich selbst zu überlassen unb unterbeffen selber bie wohlverdienten Ferien zu genießen, der Rüpel, der nicht zwanzig Schritt weit gehen kann, ohne alle Welt anzurempesn, ber Dickwanst, dessen Ferienideal ein gemütliches Nickerchen im Sand ist, die Schönheit, für die die einzige Anziehung des Seebads in ber Möglichkeit besteht, allen Bewunderern ihre Reize zu enthüllen, ber Schwimmsportler, der sich unverzüglich in bie Wogen stürzt,


