Mvenisruf.
Von Johannes Linke.
Komm, Winternachtigall,
Mit klaren Sternen, Schneekristall, Setz dich auf eingeharschte Tannenäste Und sing den alten Schall Durch tiefe Stille, Flockenfall: Komm, mach uns fröhlich und die Nacht zum Feste! Den atemlosen Wald
Erfüll mit deiner Trostgewalt, Dir lauschen Busch und Baum als frohe Gäste. Doch wird dir sremd und kalt, Dann, liebster Vogel, kehre bald Zu unserm Herzen heim, zu deinem Neste!
Deutsche Musiker der Gegenwart.
Von Dr. Erwin Krol l*.
Paul Gracner.
Paul Gracner hat am 11. Januar dieses Jahres seinen 66. Geburtstag in seiner Vaterstadt Berlin gefeiert. Er ist heute ein musikalischer Würdenträger: Vizepräsident der Reichsmusikkammer, Vorsitzender des Berufsstandes der deutschen Komponisten, Leiter einer Meisterklasie an der Akademie der Künste, Dr. h. c. und Professor. Aber „Papa" Graener hat durchaus nichts Steifleinenes an sich. Das läßt schon die gemütliche Tabakpfeife ahnen, das zeigt die Art, wie er jedermann mit Rat und Tat beisteht und auf das Wohl seiner Standesgenossen bedacht ist.
Der Handwerkersohn, dem die Eltern früh starben, lies aus Schule und Konservatorium davon, um als „Kapellmeister" sein Glück zu machen. Aber zunächst mußte er froh sein, in Varietes als Klavierspieler unterzukommen. Er hat geschildert, wie er, zweiundzwanzig Jahre zählend, für ein Züricher Kaiserhaus eine Damenkapelle engagieren sollte, dieser- halb nach Wien fuhr und nun zunächst ohne weitere Förmlichkeiten (Reister Brahms ins Haus fiel. «Dieser schien nicht sonderlich erfreut, lieh sich aber doch herab, die Kompositionen des mit dem Mute der Verzweiflung ausharrenden Jünglings durchzusehen, und verabschiedete sich mit den Worten: „Wenn Sie nicht arbeiten, was das Zeug hält, jo wär's eine Schänd' und eine Sünü." Heber Bremerhaven, Königsberg und Berlin kam der unruhige Musikant nach London, wo er zwölf Jahre blieb. Zunächst betätigte er sich als Kapellmeister am Haymarket- Theater und gründete alsbald einen eigenen Hausstand. Lieder, Kammermusiken, erste Bühnenwerke entstehen, und diesem sich vertiefenden Schaffen gegenüber wurde das Dirigieren zur Last. Graener war froh, als ein Zwist mit einem Logenbesucher des Theaters feiner Tätigkeit ein jähes Ende bereitete. Nun mußte er an der Londoner Musikakademie Stunden geben, fand aber schließlich eine Wohltäterin, die es ihm ermöglichte, sich auswärts eine feiner würdige Stellung zu suchen
Er glaubte sie zuerst in Wien zu sinden, aber bald bewarb er sich um die Stelle des Direktors des Mozarteums in Salzburg und verwaltete sie bis 1913. Dann kehrte er nach Berlin zurück, landete aber während des Krieges über Dresden und Leipzig in München. Während dieser Zeit entstanden Werke wie die Sinfonie in D-moll („Schmied Schmerz"), die Galgenlieder, das Streichquartett op. 54, die Rhapsodie für Klavier, Streichquartett und Altstimme und die Opern „Don Juans letztes Abenteue r", „Theo- phano" (später als „Byzanz" umgearbeitet) und „Schirin und Gertraude". Jnzwijchen wurde Graener als Nachfolger Regers an das Leioziger Konservatorium berufen. Hier wirkte er von 1920 bis 1926 und wandte sich dann wieder nach München. In diesen Jahren schuf er u. a. die Opern „Hanneles Himmelfahrt" und „Friedemann Bach", ferner ein Klavier- und ein Cellokonzert, die Suite „Die Flöte von Sanssouc i", zahlreiche Kammermusikwerke und die Löns-Lieder. _ ,
Seit 1930 lebt der Meister wieder in Berlin. Mehrere Jahre leitete er das Klindworth-Scharwenka-Konservatorium, bis er bei der Neuordnung Deutschlands in die Führerlinie unseres Musiklebens ruckte. Seine Rednergabe, sein kerniger Humor, seine Erfahrungen geben diesem Wirken eine ganz persönliche Note. Dabei ist der Born seines Schaffens keineswegs versiegt. Seine an der Berliner Staatsoper 1935 uraufge- filhrte Oper „Der Prinz von Homburg" trägt die Werkzahl 100.
Man hat ihn den „deutschen Jmprefsionisten" genannt. Aber er, der Spätromantiker, steht dem Deutschen P s i tz n e r mindestens so nahe, als dem Franzosen Debussy. Gewiß spielt die „Farbe in seinen^ Werken eine Rolle, nicht minder wichtig ist ihm aber die .^Zeichnung - Dazu kommen weitere ausgesprochen deutsche Züge seiner Musik: ihr emgen Und Sinnen im Garten der deutschen Romantik, ihre köstliche Heiterkeit, hier ist nichts Erklügeltes, Zurechtgebasteltes. Ueberall steht das Melodische voran. Die Harmonie, so wechselreich und kühn sie fein mag, Meibt immer auf tonalem Grunde. Der Formverlauf ist von uderzeu gen - der Natürlichkeit. Graener hat eine „Gotische Suite für Orchester {efdjrieben (op. 74) und sich auch sonst vorklassischer Formen bedient, eher nie in jenem modernen Sinne einer „Flucht ins Varock . J<ie gerät er in „motorischen" Leerlauf, feine Kunst ist >hm Herzens- und Etimmungssache. In meisterlicher Prägung durchlauft sie alle Stim- mungsregifter vom spielerisch Zierlichen bis zum leidenschaftlich Patye- *'$(£"’ ist kein Zufall, daß dieser deutsche Meister sich immer wieder in den Dienst von Dichtern wie Raabe, Storm, Liliencron, Lons und Morgenstern stellt, nicht nur mit Liedern sondern auch mit reiner Jn- flrumentalmusik. Schon unter seinen wenigen Klavierwerken befindet sich eine „W i l h e m - R a a b e - M u f i k". Die stattliche Reihe ferner Kam-
* Vgl. die Aussätze in Nr.'86 und 88.
nicrmufifroerfe weist ein „Hun g erv astor-Trlo" auf. In Öen Streichquartetten stoßen wir immer wieder auf Sätze, die mit ihren in» timen Stimmungen gleichsam „gedichtet" erscheinen. Wie dies« Kammermusikwerke so zeigen auch die Orchesterschöpsungen Graeners eine bewundernswerte satztechnisch« Meisterschaft. Die Variationen über dos Wolgalied, op 55, zählen nach Form und Gehalt zu den erfindungsreichsten Werken des Komponisten. Stimmungsbilder voll intimer Zartheit zaubert er uns in op. 88 („Die Flöte von Sanssouci") vor. Hicr wird die Kunstwelt des großen Königs lebendig. Eine süße, echt romantische Schwermut liegt über den nach alten Tänzen betitelten Sätzen. Auch bie „Sinf onia b r e v e" enthält Musik „im alten Stil", die romantisch durchtränkt ist. Wie hier überall, so erweist sich Graener auch in seinen jüngst veröffentlichten Orchestervariationen „Turm- wächtcrli c d" als ein Meister der „Farbe". Sie sind durch jene herrlichen Verse des Lynkeus aus Goethes „Faust" angeregt und führen den beglückten Hörer mit ihrer leuchtenden, weihevoll singenden Musik ins Zauberland urdeutscher Romantik, von Goethe zu Eichendorff.
Graener had weit über hundert Lieder geschrieben, und es spricht für die Breite seines Musikertums, daß chm die volkstümlich-melodischen (wie die Löns-Lieder) ebenso gut geraten sind wie die witzig grotesken nach Versen Morgensterns. Die „® a l g e n li e b e r" zumal sind Musterstücke eines geistreichen musikalifchen Humors, der seinesgleichen in ber Lieb-Literatur nicht hat. Der Liebschöpfer Graener schafft aus ber Ge- famtftimmung ber Gedichte heraus, der Stimme dabei stets ben Vorrang fassend. Den Siebern reihen sich zahlreiche Chorwerke mit und ohne Begleitung an, stimmungsreiche Tongebilde von hoher melodischer Schönheit und satztechnischer Meisterschaft.
So stark sich der Komponist im rein Instrumentalen und Vokalen entfaltet, so ist doch die Oper die Provinz seines Schassens, In ber er am liebsten weilt. Er hat mit seinen Texten leider nicht das Glück gehabt, das er verdient. Aber überall gelang es ihm, die jeweilige Handlung durch seine Musik stimmungsmäßig zu vertiefen und zu veredeln. Ein besonderer Vorzug dieser Musik ist dabei, daß sie die Stimmen nie zu- dcckt. In seiner neu bearbeiteten Oper „Don Juans letztes Aben - teuer" fang gewiffermatzen „der Lenz" für ihn. Hier hat er eine de- fonüers bühnennahe und warm durchblutete Musik geschaffen. Auch „Schirin und Gertraude" erlebte eine Neugestattung durch den Komponisten. Sie zählt zu den wenigen heiteren deutschen Opern unserer Zeit, die von Belang sind. „Hanneles Himmelsahrt" (nach Gerhart Hauptmann) und „Friedemann Bach" sind mit kostbarer Musik ausgestattet, und mit dem „Prinzen von Homburg" hat uns ber von Kleists Dichtung entzündete Komponist etwas Besonderes geschossen. Einige wenige Leitmotive und Melodien meist soldatischer Prägung durchziehen die Musik. 2lus ber rezitativischen Rede entwickeln sich immer wieder kleine geschlossene Formen. Von herrlicher Wirkung ist es, wenn sich das alte Landsknechtslied und der Marsch des Obersten Kottwitz breiter entfalten. Von der harmonischen Vielgestalt seiner früheren Werke ist Graener nunmehr zu kerniger Einfachheit gelangt, ohne seine Eigenart aufzugeben. Hier hat er uns die Volksoper geschenkt, auf die wir lange warten. Sie ist das Werk eines Meisters, ber als Hüter deutscher Romantik seinen Platz in bet Musikgeschichte erhalten wirb.
INax Trapp.
Unter den lebenden Komponisten der mittleren Generation gebührt Max Trapp besondere Beachtung. Gelangte er doch über Atonalttät und „neue Sachlichkeit" hinweg zu Prägungen, die seine Musik als eine Wcitersührung der „großen" deutschen Ueberlieferung erscheinen läßt. Trapp wurde 1887 in Berlin geboren und Ist Berlin bis heute treu geblieben. Lernte er Im Hause (eines Vaters, eines Großkaufmanns, durch Zuhören die wichtigste Kammermusik kennen, so regte sich in dem von Mozart Begeisterten alsbald der Komponist. Er war kein Musterknabe, als ihn Paul I u o n und Ernst v. Dohnany, jener Kompositions-, dieser Klaoierprosessor an der Hochschule, in ihre strenge Lehre nahmen. Aber nach sieben Jahren Lernzeit war er so weit, daß er den Weg zu sich selbst finden konnte. Den Dirigententräumen hatte er entsagen müssen. Er betätigte sich als Klavierlehrer und Seminarleiter und wurde 1920 in die Berliner Hochschule berufen, die Ihn nach einigen Jahren zum Professor ernannte. 1929 machte die Akademie ber Künste ihn zu ihrem Mitgliebe und übertrug ihm 1934 eine Meisterklasse für Komposition.
Wie Trapps äußeres Leben ohne überraschende Wendungen verläuft, jo steht auch seine künstlerische Entwicklung Im Zeichen innerlich begründeter Wandlungen. Er selbst hat einmal — es mar 1922 — einiges erzählt, was uns einen Schlüssel zum Verständnis seiner Musik gibt. ,Zch strebe nach Melodie. Ich glaube, bah sie, die in unserer Zeit so vielfach Verpönte, doch wieder zu Ehren kommen, daß sie Retterin aus dem Chaos werden wird. Auch Ehrlichkeit tut uns not ... Bei so vielen neuen Kompositionen werde ich bas Gesühl nicht los, baß der Autor sich scheut, natürlich zu sein ... Das ist schabe. Natürlichkeit ist Kraft, Gesundheit, Wahrheit, Größe. Das Primäre jeden Kunstwerkes war noch immer ber Einsall. Lieber aber ein ehrliches, unvollkommenes Werk, bas Charakter hat, als diese grauen Quallen, bie, mit unsagbarer Mühe ausgeklügelt, doch nur — ich möchte sagen kunstgewerblichen Werk besitzen " Im Gegensatz zu ber bamaligen Mode hält Trapp bie „Funba-' mentalftufen nicht für abgenutzt". Er lehnt die Atonalttät entschieden ab zugunsten einer gesund gewachsenen Musik. „Es gab vor uns Meister, bie ihren starken Instinkt gerabe für bas Notwenbige bewiesen. Wir wollen sie nicht nachahmen, wir müssen aber darauf bedacht sein, uns ihre „Notwendigkeiten" nutzbar zu machen und neue Formen zu sinden, ebenso gesund und sicher, das große Ziel vor Augen, wie sie." Trapp bekennt, nur eine Sehnsucht zu haben: Verschmelzung von Inhalt und Form. „Ihr strebe ich zu und hoffe sie einmal restlos zu finden."
Cs ist das Bekenntnis eines Fünfunddreißigjährigen. Seine Sturm» und Drangzeit stand zunächst im Zeichen eines höchst persönlichen Ausdruckstrebens, das sich formal an Meistern wie Beethoven und Brahms ,


