Ausgabe 
2.12.1938
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (958

Freitag, den 2. Dezember

Nummer 9<

Er Grasaff?" . . , ...

Die Hells Stimme des Buben antwortet« stramm:Ich nicht, Ihro Exzellenz!"

_ von Rabenau stieg die Röte ins Gesicht. Er warf

wütende Blicke auf den Kornett und bemühte sich vergebens, die Seiten­zahl zu entziffern, während sich die Exzellenz schon neugierig über das Dienstbuch beugte. - , , r ,

Da stutzte Hadik, sah auf und starrte verblüfft den neben feinem Stuhle wartenden Kornett an. Dann schlug er sich auf die Schenkel. Er wurde puterrot vor Lachen. Nach Atem ringend, polterte er los:Het- ratskonsens für die kaiserlichen Offiziere?! ... Ja will Er denn heiraten,

Offizieren und Kornetts. , , ' ,, ...

Der Kornett ging um den Tisch herum und legte die Dienstvorschrift aufgeschlagen vor den gefürchteten General hin. _____«

Dem Leutnant---------

Ar Kerzelniacher von Sankt Stephan

Sln heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka

Eopgright bu 3. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart

4. Fortsetzung.

Der Häuptling schluckte. Er wußte, mit dem Hadik war schlecht Kirschen essen. Sollte er jetzt lügen und melden, der Rabenau wäre auf Ronde? Der Hadik war imstande und wartete die geschlagene Stunde, die der Rundgang durch die Burg und die Höfe erforderte. Hauptmann Falkenstein würgte. Bier Wochen Profofenarrest waren dem Rabenau sicher. Wenn nichts Aergeres. Auch für Wien galt das Kriegsrecht. Falkenstein sagte ge­preßt:Ihrs Exzellenz, der Leutnant von Rabenau"

,Hat sich dispensiert", ergänzte der General.

Da flog die Türe auf. Eine junge Stimme rief fröhlich:Nit fluchen, Falkenfteinl Warst ja auch einmal jung" Dann verstummte er jäh.

Feldmarschalleutnant von Hadik wandte sich langsam um. Unbeweglich stand die weiße Gestalt des Leutnants von Rabenau an er Tür. Seine Linke an der Scheide des Pallasch hielt eine rote Rose. Das starre Gesicht des Leutnants war bleich. Er kannte die Donnerwetter und Strafen des Hadik. Gerade seinen besten Offizieren gegenüber.

Langsam, drohend ging der General aus ihn zu. Mit gesenktem Kops, wie ein Stier vor dem Angriff.

Die stillstehenden Offiziere am Tisch iahen einander bedeutungsvoll an. Hauptmann Fwlkenstein hob bedauernd die Schulter.

Da riß Hadik, der um zwei Spannen kleiner war als der Leutnant, mit einem Ruck den Kopf hoch, bohrte seinen Blick in die Augen des jungen Offiziers. Der Leutnant hielt ihm stand, wenn ihm auch der Schweiß auf die Stirne trat.

Plötzlich senkte der General den Blick, sah die rote Rose In der Hand des Offiziers, hob wieder den Kopf, strich sich schmunzelnd den Schnurr­bart und sagte:Sein Glück, Rabenau, daß mir der Serbelloni den Dienst abnahm für heute nacht!"

Er fuhr herum, sah die befreit lachenden Gesichter der andern. Setzen!" Er nahm einen Stuhl, ließ sich nieder. Dann sah er auf und fragte belustigt:Wo bleibt der Soldatenblick, Messieurs? Habt ihr schon einmal gesehen, daß ein General der allergnädigsten Kaiserin ohne Degen und Feldbinde auf Ronde geht?"

Die Wachtstube klirrte und dröhnte vor Lagen. Schadenstoh, daß ihm der Spaß so gelungen, sah der Hadik von einem zum andern. Dann sprach er weiter:Wollt nur den Rabenau holen. Die Majestät scheint der Opinion zu fein, daß die Erzherzoginnen und Komtessen heute zu wenig Tänzer haben. Zu wenig junge zumindest. Die Kaiserin fragte nach Ihm, Rabenau ... Da ging ich Ihn holen.

Der Leutnant von Rabenau sprang auf. Ueber fein Gesicht zuckte es spitzbübisch. Er war lang genug mit dem Hadik geritten. Er wußte, wann der General einen Spaß vertrug. Er meldete laut!Ihro Exzel­lenz, ich melde gehorsamst, daß ich laut Befehl des Herrn Stadtkom­mandanten Dienst bei der Wachtkompanie habe heute nacht und daher den Wunsch Ihrer Majestät nicht erfüllen kann .... denn wenn die Ronde kommt, Ihro Exzellenz ..."

Feldmarschalleutnant Hadik lachte polternd:Gut gegeben, der Kon- trestoß! Bloß hilft er Ihm nichts. Der Stadtkommandant hat die Dis­pens schon erteilt ... Komm Er nur mit, Rabenau!"

Der General wollte sich erheben. Da fiel sein Blick auf den Kornett, der grinsend in einem Buche las. Hadik fragte:Was hat Er da?"

Der Kornett fuhr hoch, antwortete mit Unschuldsmiene:Das Dienst- rsglement, Ihro Exzellenz!" _

Wirst es ja auch nötig haben ... Was liest du grade? .. . Soll .ch dich examinieren? Her damit!" Er winkte den Buben zu sich heran. Wenn Hadik bei Laune war, hatte er gern feinen Spaß mit den jungen

Na, wer denn dann?" Der Rauboogelbltck des Generals ging lang­sam von einem zum andern.

.Lch!" antwortete der Leutnant von Rabenau und senkte verlegen den Kopf

Ach so!" Hadik wurde nachdenklich. Er wußte nicht warum, aber die Audienz vor acht Tagen fiel ihm ein, als das Mädel die Kerzen für die Kaiserin gebracht. Vielleicht irrte er sich. Aber warum Interessierte den Rabenau der Heiratskonsens? Wenn es eine vom Stand war war ihm die Erlaubnis doch sicher. Eine Weile blickte er schweigend auf den ihm gegenübersitzendenden Offizier. Dann meint er verstehend: Darum also will Er nicht tanzen ..." Der General lachte:Dennoch, Rabenau, ich kann's nicht ändern... Komm Er! Die Kaiserin wartet." Er erhob sich.

Die Offiziere sprangen auf. Der Hauptmann Falkenstein trat vor, um den hohen Herrn zur Türe zu geleiten.

Doch Andreas von Hadik blieb noch einmal stehen. Er sah dem Rabenau in die Augen und schüttelte den Kopf. Dann lächelte er still, nahm die rote Rose, die jetzt In einem Glase auf dem Tische stand, tat sie als Lesezeichen in das Dienstbuch, klapote es zu und legte das Buch auf ein Wandbrett:Damit Er die Stelle wlederfindet, Rabenau ..?

Er nahm den Leutnant unferm Arm und ging.

Gleich darauf verließ auch der Kompanieälteste die Wachtstube. Viel­leicht, um nach den Posten zu sehen, vielleicht auch, um die Musik des Ritters Gluck zu hören, die jetzt fernher durch die geöffnete Türe fang.

Später erzählte er, er habe von der Marschallsstiege her noch ein­mal die Stimme des Hadik gehört:Kann mir's denken, Rabenau, wer das Mädel ist und Er kann auf mich zählen. Ader der Ritt nach Berlin war ein Kinderspiel gegen das, was Er jetzt wagt, Rabenau?

Soviel hatte die Katharina Vielgraiierin auch schon erraten, daß ein Mannsbild schuld an dem närrischen Getue, an dem Geflenn und Ge° seufz ihrer Nichte Elisabeth Brand war. Wenn sie nur gewußt hätte, welches!

Jammernd und klatschend lief sie zu den Nachbarinnen, wo sie be­richtete, was sie bereits dem Weinhändler Johann Kirndorfer geklagt, daß die Lisl am Sonntag nicht einmal das Gans! angerührt habe, und als besonders belastend hinzufügte, daß sie am letzten Freitag gar den gebackenen Karpfen verschmähte.Ihre LIeblingsspeis denkens Ihnen nur! Verliebt muß die [ein! Aber glaubens, ich könnt herauskriegen, in wen?"

Manchmal meinte sie es freilich zu willen. Ob es nicht dock) dieser Graf Colloredo war, der der List damals das Lebzeltenherz hatte Um­gängen wollen. Fing die List, wenn sie überhaupt noch etwas redete, nicht immer wieder von der Burg an? Grad als ob's dort wie im Himmel wär. Und hatte sie nicht erzählt, daß ihr der Colloredo selbst die Türe aufgemacht hatte zur Kaiserin? Ein so nobler Kavalierl Und dann heulte die List doch immer, wenn sie von der Hofburg erzählte. Das war doch verdächtig. Den Kopf abgeriffen hatte ihr a die Kaiserin nicht. Sogar den Vater hatte sie grüßen lassen. Und daß die Lisi den Grafen einen Modeaffen genannt hatte! Was war schon dabei? Hatte sich freilich nicht gehört. Aber waren doch schon manche ein Paar geworden, die einander nach der ersten Begegnung ihren Freunden als dumme Gans ober aufgeblasenes Mannsstück geschildert.

Die Melgratterin glaubte nicht an die Liebe auf den ersten Blick. Wäre einem eine solche Liebe auch schwer gefallen bei der Vielgratterin!

Phantasie besaß sie auch und hatte sie beim Kartenlegen zeit ihres Lebens sattsam geübt. Warum sollte also die Lisl eigentlich nicht eine Gräfliche werden? War doch schon vorgekommen so etwas! Wenn das Maria Theresia auch nicht liebte. Aber was konnte selbst eine Monarchin gegen die Liebe tun?

Vielleicht hatte die Kaiserin dem Colloredo gar selber befohlen, daß er die List Brand heiraten müsse; zur Strafe, weil er gor so unver­schämt war. Und lagen beim Kartenauffchlagen nicht immer wieder Herzbube und Coeurdame beisammen? Und ein Kavalier war er doch, der Colloredo in feinem himmelblauen, weißverbrämten Montell Ein feiner dazu. Fast so schön wie die bunten Bilder auf den Lebzelten- Herzen. Und sagten nicht auch die Karten in den letzten Tagen, daß es Schwierigkeiten geben werde? Natürlich würde es Schwierigkeiten geben. Die Tochter vom Kerzelmacher von Sankt Stephan und ein lebendiger Graf! Das war nicht so einfach Aber die Vielgratterin hoffte doch. Und dann zauberte ihr ihre Phantasie so etwas wie einen gräflichen Hof­staat vor, in dem sie selbst in freilich vorerst noch verschwommener Ge­stalt als Kindsfrau, Amme ober dergleichen auftrat. Wiewohl ein künf­tiger Säugling dem bloßen Anblick der einstweilen noch von grauer Wolle gnädig bedeckten Vorderseite der Katharina Vielgratterin mut­maßlich den Hungertod vorgezogen hätte.

In diesen Tagen entging dem Wachsziehermeister Aloisius Brand manches schöne Stück Geld. Wenn er in feiner Werkstatt bei seinen