Ausgabe 
2.9.1938
 
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bas Syius aufräumten. Es ist eine traurige Geschichte, und am besten ist es, nicht darüber zu reden." ;

, Lassen Sie bas Blatt doch", bat der junge Uli plotzstch.Wer denkt immer nur an das Traurige, man soll sich auch der fröhlichen Stunden erinnern." . ,, , ,,

Die Wirtin holte tief Atem und winkte der Tochter, ihr zu helfen.

Alluzuoiel Fröhlichkeit bringt allzuviel Kummer, das hab ich von Kindheit an gelernt, lieber Herr." Der andere schien nicht ganz der glei­chen Meinung zu fein. Welche rührsame Anschauung! Er seufzte, fast packte ihn der Neid auf den Großvater Und auf jene Stunde, in der er hier in diesem Hause gedichtet und getrunken hatte vor wie lange mars her? Anno achtzehnhundertachtundsiebzig. Der Gast lachte plötz­lich herzhaft auf und mußte das Mädchen ansehen. Da saßen sie wieder zusammen, Enkelkinder jener zwei. Schade, daß morgen das Schiff nach England fuhr! r ,, ' ...

Komin, komm", mahnte die Wirtin, sie zog ihre Tochter hastig am Aermel und nickte dem Fremden einGute Nacht" zu.

Altaffyrisch.

Von I. V. v o n S ch e f f e (.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da trank ein Mann drei Tag, Bis daß er steif wie ein Besenstiel Am Marmortische lag.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Wirt:Halt an!

Der trinkt von meinem Dattelsaft Mehr als er zahlen kann."

Im schwarzen Walfisch zu Askalon

Da bracht' der Kellner Schar In Keilschrift auf sechs Ziegelstein Dem Gast die Rechnung dar.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Gast:0 weh!

Mein bares Geld ging alles drauf Im Lamm zu Ninive!"

Im schwarzen Walfisch zu Askalon, Da schlug die Uhr halb vier, Da warf der Hausknecht aus Nubierland Den Fremden vor die Tür.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Wird kein Prophet geehrt. Und wer vergnügt dort (eben will. Zahlt bar, was et verzehrt.

Oie Sünderin.

Eine Erzählung von Georg Britting.

Der junge Baumeister Hans Breckerle, ein Schwabe aus der Gegend von Memmingen, hatte den Kops voll von Plänen für Hallen und Kirchen und Türme, die er zu bauen gedachte, und stand und saß aber vorläufig den lieben langen Tag hinter dem Zeichentisch in der Werkstube der städtischen Baubehörde, mit kleinen Aufgaben nur beschäftigt und mur­rend über die Plage des Amtes, mußte er noch froh darum fein, weil es ihm wenigstens bas Brot gab, bas er brauchte, und er brauchte es zweimal, für feine Frau auch.

Für feine Frau auch, wie das klingt: das klingt falsch und hört sich an, als sei sie ihm eine Last, die ihm eine Lust war, Frau Barbara, groß und breit und blond, und er war klein und schwarz von Haar und Bart: denn einen Bart trug er ums Kinn, gegen alle Sitte, an dem sie ihn zupfte unb zerrte, oft, ben Baumeisterbart, wie sie ihn nannte, und er lachte bann nur.

Er lachte aber nur mehr feiten in ber letzten Zeit, unb bann bald gar nicht mehr, je länger unb verbissener er, jebe Stunde nützend seiner freien Abende und der Sonntage, an dem Entwurf arbeitete für ben Rathaus­bau einer kleinen norbbeutschen Stabt.

Die hatte ein Ausschreiben erlassen, Pläne zu erhalten für ein zu errichtendes Stabtväterhaus, und als spätester Zeitpunkt, an dem die Bewerber ihre Arbeiten abzuliefern hatten, war der erste Oktober be­stimmt worben. Aber nun war es schon Ende September und die Blätter an ben Bäumen fingen schon an zu gilben, er sah es, Hans Breckerle, wenn er ben müben Blick hob von feinem Entwurf, mit bem er aber sehr unzusrieben war, unb der ihm doch, als er ihn zum erstenmal mit wenigen Strichen auf bas Papier gesetzt gehabt hatte, glücklich unb verheißungs­voll erschienen war.

Seine Frau, Barbara, die teilgenommen hatte am Rausch des ersten glücklichen Fluges, sie sah nun auch feine Niedergeschlagenheit, sie sah, wie er stockte und nicht mehr vorankam unb nicht mehr den Entschluß fanb zu dem, was jetzt nötig war: neu zu beginnen!

Wer in ben Bergen an einen grün schäumenden Eisbach kommt und er muß hinüber, drüben läuft der Weg weiter und der Brettersteg, der ihn hinübertrüge, ist weggerissen wer da zögernd steht und nicht recht ben Mut aufbringt, hinüberzuspringen: der nimmt wohl feinen Hut ober fein Ränzel und wirst es ans andere Ufer, unb muß nun, soll er nicht Verlust haben, ben Sprung wagen. Unb manchmal auch wirft ein anberer für ihn ben Hut...

Eines Abends standen die beiden, Hans unb Barbara, roieber einmal nebeneinander vor bem großen Zeichentisch unb betrachteten jorgenb ben Entwurf. Aus bem Tisch funkelte im Licht ber Deckenlampe ein Tinten­behälter, ein schönes Stück aus ber Großväterzeit, eine große Kugel aus geschliffenem Glas.Ein Pfuscher bin ich!" sagte Hans Breckerle,ein überheblicher Nichtskönner!" Unb er hob zu ber F^au fein kinbhaftes Gesicht, bas von bem schwarzen Bart männlich umrahmt war, unb er sagte mutlos:Ich gebe es auf!"Aber nein, Hans", sagte bie Frau, ber Plan ist doch so schön!", und sie stützte sich mit ihren weißen Hänben auf bie Schmalseite bes Tisches unb beugte sich weit vor, bann, genauer zusehend, unb legte babei bie Arme fest auf bie Tischplatte.Der Plan ist doch so schön!", sagte sie roieber,unb wenn bu bort links bas Tor", fuhr sie fort, unb sie wollte bort hinbeuten, wo das Tor war, und die tintengefüllte Kugel war ihrer deutenden Hand im Wege, das Glasgesäß wankte und stürzte, und ein breiter Schwall von Schwärze ergoß sich aus bem speienben Munde. Die Tinte wälzte sich quer über bie Zeich­nung, ein mächtiger Strom, ber anfangs rasch floß, sich dann staute und anschwoll zu einem schwarzen See, und aus dem See trat ber Strom roieber heraus, sich teilend in mehrere dünne Arme, und diese dünnen Rinnsale riefelten nun gemächlicher, stockend manchmal am rauhen Korn des Papiers und dann Schleifen ziehend, unb flössen vom Papier auf da» Holz des Tisches und stossen weiter und erreichten ungehindert den Tischrand und tropften von bort auf ben Boben.

Sie ftanben bie zwei, unb keines sprach ein Work, unb sahen untätig den fallenden Tropfen zu, bis keiner mehr kam. Dann holte Barbara einen Lappen unb wischte bie Tinte vom Tisch, unb mit einem großen roten Löschblatt saugte sie bas Nasse von ber Zeichnung, bie nun wie von Aussatz gesteckt unb geschänbet aussah, unb ber große schwarze See in ber Mitte bes Entwurfes hakte, nun er aufgetrocknet war, bie Gestatt einer Eule, bie finster herbtickte.

Sie war schneeweiß im Gesicht, Barbara, als sie bann vor ihren Mann hintrat und sagte:Verzeih mir, Hans!" Der nickte nur mit dem Kopf, und sagte:Wir wollen schlafen gehn!" Als Barbara folgsam zur Tur sich wandte, sagte er:Ich schlafe heutnacht hier. Geh du nur!" Barbara ging, ging in bas Zimmer, in bem sie sonst gemeinsam schliefen, und sie hatte Tränen in den Augen, als sie sich langsam entkleidete.

Nachts erwachte sie, es war brti Uhr, und das Bett neben ihr war leer, und sie stand auf und tat einen Mantel um und ging über ben Flur zur Tür bes Arbeitszimmers. Sie beugte sich spähend und sah Licht durchs Schlüsselloch schimmern, dann klopfte sie und trat in den grell beleuchteten Raum. Hans hatte, sie sah es sofort, bie oerbtxrbene Zeich­nung abgelöst vom Tisch unb einen neuen Bogen aufgespannt, auf bem schon wieder ein Liniengefüge sich zeigte.Du mußt jetzt schlafen, Hans!" sagte sie, unb trat zu ihm.Du hast ja noch fünf Tage Zeit!"Ja", sagte er, unb folgte ähr, bie ihm mit wehenbem Mantel voranging ins Schlaf­zimmer.

Unb nach fünf Tagen hatte Hans Breckerle ben neuen Entwurf fertig. Wie die Ameise, die unermüdliche, ist ihr Werk zerstört, nach kurzer Ver­wirrung emsig von neuem beginnt, so hatte er getan, alle Kraft sammelnd auf bas Wesentliche. Unb bann war ber Abenb, wo sie gemeinsam ben Entwurf verpackten unb verschnürten unb versiegelten, unb bie Rolle lag auf bem Tisch, braun unb stattlich, unb Hans sagte:Trag' sie morgen auf bie Post!"

Unb mehr als vier Monate vergingen, unb aus bem Herbst war Winter geworben unb schon wollten erste Vorfrühlingstage schüchtern sich hervorwagen unb bie beiden, Hans und Barbara, sprachen nie mehr ein Wort über bas Schicksal bes Entwurfes, so oft sie auch daran denken mochten, bei Tag und' bei Nacht. Unb eines Vormittags, als Barbara allein z» Hause saß, da brachte bie Post einen Brief, ein großes, amt­liches Schreiben. Und sie öffnete es und ihre Hände zitterten nicht babei, unb sie würbe nicht rot unb nicht blaß unb war gar nicht einmal erstaunt, unb tat, als sei bas gar nicht anbers zu erwarten gewesen, als sie las, baß bie Preisrichter Hans Breckerle ben Preis zugesprochen hatten.

Aber bann rannte sie in ben nächsten Blumenladen und kaufte einen mächtigen Strauß weißer, nickender Blumen, und stellte sie mitten auf ben Tisch, unb als Hans Breckerle bann heimkam unb vor bem Tisch stehen blieb, verwundert, sagte sie:Du hast den Preis bekommen!"

Unb sie schloß bie Augen unb sah ben Bergbach stürzen, wirbelnd übers Gestein, und sah sich, wie sie einen Hut warf ans andere Ufer, nicht ihren, und Hans sprang, er mußte ja springen, nicht sie, bie nur so dreist gewesen war, den Hut des andern zu werfen, und hätte alles auch mißglücken können, was sie getan, die gut meinend Vorwitzige.

Als sie, Frau Barbara, die Blonde, tags darauf, einem Sonntag, gegen abend, unb bas Licht war noch nicht angebreht im Zimmer, blaß erhellt nur war es vom Schneefchein braufjen, als sie, an ber Wand stehend, weit entfernt von ihm, Hans Breckerle, bem Baumeister unb Ehemann, als sie ihm ba plötzlich gestand, sie habe die Äugel damals mit Absicht umgestoßen, damit die Tinte fliehe, ba sagte er, ber Schwarz­bart, aus bem Dunkel her, in bem er saß, bas habe er geahnt! Nicht schon gleich an jenem Abend sei ihm der Gedanke gekommen, aber je öfter er sich ben Vorfall überlegt habe, um so klarer sei ihm alles ge­worden. Sie stand unbeweglich, seiner Antwort lauschend, und ba drehte er bas Licht an und er sah sie stehen, die den Blick vor ihm nieber- schlug unb nun gegen bie Wanb sich kehrte voll Scham, unb er sah im ausgeschnittenen Kleib ihren Rücken sich heben unb senken, sie atmete wohl schwer. Unb er nahm die Blumen aus dem Glas, hielt sie bei zu- fammengeprefjten Stielen, unb bas Wasser, mit bem sie sich vollgesaugt hakten, tropfte ihm von ber Hanb, unb mit ber weißen Blumenpeitsche peitschte er ber Sünberin Rücken unb Hals. Unb sie ließ es geschehen, sie ließ es sich gefallen, Schlag um Schlag nahm sie hin, gebulbig, unb baß ihr Rücken nur immer heftiger zuckte, bas kam wohl von dem Schmerz, ben ihr die Hiebe verursachten, woher denn sonst?

Derantwörtlich: vr. Hans Thhriot. Druck unb Derlag: Brühlfche UniversitätSbruckerei R. Lange, Gießen.