Vor dem Herbst.

Von Joses W e i n h c b e r.

Ein stiller Mond stieg, den wir fürchtig fdjamen. Ein Sommer glutet laß ihn, Herr, uns leben! Ein dunkler See ergibt sich, spiegeleben.

Ein Boot zieht weiß über den tief erblauten.

Herbsüße Früchte und die tränbetauten, die dunklen Rosen mit den hellen Reben hast du uns, Herr, mit auf den Weg gegeben, dem wir feit jenem Monde uns vertrauten.

Gebiete, Herr, der Wolke und den Winden! Sieh unser schmales Boot in Gnaden an! Führ uns hinab in einen milden Herbst!

Und wenn du uns die Schläfen bleicher särbst, laß ineinander uns Erfüllung finden!

Dies ist das Letzte über allem Wahn.

Das Gästebuch.

Erzählung von Hans Friedrich Blunck.'

Der Dichter Hans Friedrich Blunck begeht am 3. Sep­tember seinen 50. Geburtstag.

Herr von Ull, Gutsherr und Sägereibesitzer in Thüringen, entschloß sich eines Tages, seinem Sohn Reisegeld und acht Wochen Urlaub aus­zusetzen, damit er sich in der Welt umtue. Der alte Ull, der selbst in feiner Jugend ängstlich daheim gehalten war, vertrat die Meinung, (ein Junge müsse sich einmal Rhein und Elbe, dazu England und Frankreich 'anfehen, ehe er sich gleich ihm selbst für Lebenszeit auf Gut und Holz­sägerei in Thüringen sestsetze.

Nicht ohne Bedenken lieh der alte Herr den Sohn ziehen. Da war eine Abneigung gegen große Reisen in der Familie. Sein eigener Vater, das wußte Ull, war bei einer Fahrt in die Welt bis nach Amerika ge­kommen, aber niemals wiedergekehrt. Es hatte sich etwas zugetragen, was selbst ihm nur noch in Andeutungen überliefert war und das ihm eine einsame Jugend mit der vergrämten Mutter eingetragen hatte. Weil er jedoch diese übertriebene Fürsicht in seiner eigenen Kindheit als ungut und einengenb empfunden hatte, ermunterte er den Jungen, hals ihm bei der Festlegung des Reifewegs, zog noch eine entfernte Verwandte, die mehr als er selbst die Welt befahren hatte, zu Rate und fragte sie nach guten Gasthöfen in den Städten Köln und Ham­burg, die als erste besucht werden sollten. Dann ließ er den Sohn reifen.

Nun hatte aber jene ältliche reifeluftige Verwandte ihre Erinne­rungen von ehedem durcheinandergeworfen und hatte den gutbürger­lichen Gasthof zurStadt Bern" von Hamburg nach Köln und den Bären" von da nach Hamburg verlegt. Zwar gab es zu der Zeit auch eineStadt Bem" in Köln, es war ein teures, prunkhastes Haus, und als der junge Herr von Ull am Rhein eintraf, verwirrte es ihn, dort abfteigen zu müssen; er war verblüfft Über die Großzügigkeit ber alten Verwandten, die doch als knauserig galt, blieb kürzer als vorgesehen in derStadt Bem" zu Köln und entschloß sich, bald weiterzufahren #

Nun hätte der Reifende eigentlich in Hamburg in derStadt Bern Quartier nehmen sollen; infolge der Verwechslung aber drahtete er von Köln an denBären" in Hamburg und teilte feine Ankunft für die und die Stunde mit. .

Der Zufall fügte es, daß es noch einenSchwarzen Baren in Ham­burg gab Herr Ull war indes einigermaßen erstaunt, als er abends auf dem BahnhofKlostertor", auf dem man zu jener Zeit in Hamburg ausftieg, keinen buntbemützten Hausdiener wartend fand. Erft nach einer Weile, als er sich, das Gepäck in der Hand, nach allen Seiten yistlos umgetoaut hatte, trat ein kleiner dicker Mann in steifem schwarzen Rock auf ihn zu, machte einen höflichen Bückling und fragte, ob er der Herr von Ull fei, der zumSchwarzen Bären" wolle.

Der Angeredete nickte. .. . ..

Nun, es fei ihm eine Ehre, und zwei Zimmer standen für ihn bereit.

Dem jungen Ull dämmerte jetzt langsam, woraus der sonderbare Empfang beruhen mochte, und er fragte, ob es auch eineStadt Bern in Hamburg gäbe.Gewiß", antwortete der Führer zögernd, ob er viel­leicht dorthin wolle. Aber er habe nun alles hergerichtet.

Ob man imBären" denn Gäste auf nähme? ,

Zuweilen noch, seufzte der freundliche Führer, früher feien es mehr gewesen. Er fügte gleich hinzu, daß er selbst der Wirt sei und sich| über die Depesche sehr gefreut tfäbe. Und feine Frau und seine Tochter hatten ^Da° mV de7° Thüringer dem Wirt, der schon hilfsbereit seinen Koffer auf die Schulter genommen hatte, nichts oblagen; er folgte ihm durch eine Reihe von Gasten und Hosen, sagte sich, da (4 nächsten Abend ein Schiss nach England ginge und daß er die eine Nacht es wohl?de aushalten können. . .......

Nach einem- längeren Weg tarnen die beiben vor em ttenes graues Haus am Hafen, in dem hinter gelben La den sch eiben eine Wirtschaft lag.Wir müssen hindurch", entschuldigte sich der Juhrer und es war allerdings eine Entschuldigung nötig. Geschrei und Gelachter füllten den Gastraum, in dem verraucht und verrußt, sich streitende, trinkende und Karten dreschende Menschen drängten. Gnnh die

Um in hiibfifier war es oben. Im zweiten Stockwerk stastd oie Wirtin in weißer Schürze bereit, der kleine Flur war altertümlichi mit Sand und Wacholdeb bestreut, so daß Astete und wohnlich aus,ah, und hinter der Wirtin hieß ein junges Mädchen das «4t »u|g» ob es kichern oder ernst bleiben sollte, den Gast mit rotem K Ps kommen und öffnete die Tür. . . K nh und

Hier sind wir", sagte der Wirt, lud blasend den Koffer ab uno

wies auf seine Frau.Sie hat sich viel Mühe gegeben." Die Wirtin lächelte und gab dem Fremden freundlich die Hand, auch die Tochter knixte und nahm seine Fingerspitzen. Dann fragten beide, schon halb flüchtend, ob der Gast noch Wünsche hätte, aber dem war bei so um­ständlicher Feierlichkeit viel zu befangen zumute.

Herr von Ull kam nicht gleich dazu, auszupacken. Er freute sich zu­nächst über einen großen Strauß Blumen, der auf dem Tisch stand; er merkte, daß die weihen Gardinen, die nach Amidon rochen, frisch auf­gehängt waren, und hörte vergnügt dem wärmenden Knistern im alten Kachelofen zu. Dann flüsterte es draußen, die Wirtin klopfte noch ein­mal. Da hätte sie ganz vergessen zu fragen, ob ihm das Bett auch recht [ei. Und sie öffnete eine zweite Tür zu einem faalartigen Nebenraum, in dem gleichfalls eine alte Hängelampe und ein Riefenkamin brannten. In einer Ecke aber füllte eine dicke, plufterige Daunendecke, zwei Schuh hoch, eine braune Bettstelle bis zum Rand.

Der Gast wagte nichts einzuwenden, er war gerührt über den Biumenduft und über den Eifer der Wirtsleute; er war auch fo fröh­lich erbaut über das junge Gesicht der Tochter, das immer im Schutz der Mutter auftauchte, daß es ihm leid getan hätte, auch nur mit einem Wort die Freude der beiden einzufchränken. Er vergaß also die wüste Schenke im Erdgeschoß und nahm dankend an, als die Wirtin ihm anbot, das Abendessen ins Zimmer zu bringen. Was setzte man ihm nicht alles vor lieber Gott, diese Leute tischten einem armen Thü­ringer Magen drei Gänge auf: Holsteiner Katenschinken, frischen Stein­butt und Ente hinterdrein. Schon dachte der Gast mit Sorge an die Rechnung. Ja, als ihm der Wirt, der ihn mit einer Flasche Rotwein, ohne zu fragen, zum Essen bedient hatte, nun auch noch einen besonders reinen Hamburger Korn und schönen Helgoländer Schmuggelrum anbot, lehnte er fast unhöflich ab; er glaubte, man wollte ihn schröpfen.

Wirt und Wirtin hörten den spröderen Ton sofort, sie beeilten sich abzuräumen und den Fremden allein zu lasten. Der zündete sich eine Zigarre an, um in Ruhe die drollige Verwechslung zu Überfinnen. Er stand dabei am Fenster, sah das blinkende Wasser des Elbstroms und die Schatten vieler Masten und überlegte, ein wenig vom unheimlichen Gefühl des Binnenländers vor diesen Häfen geplagt, ob es nicht das beste fei, in aller Frühe das Schiff zu suchen und an Bord zu gehen.

Es klopfte noch einmal; das junge Mädchen trat mit rotem Kopf herein und brachte ein dickleibiges braunes Fremdenbuch. Der Vater bäte um Eintragung, bald hundert Jahre fei es alt und habe damals, als die gute Zeit des Gasthofs gewesen war, nur berühmten Herren vor­gelegen. Da war der junge Gast blätterte bald geehrt und erstaunt barin, da war einmal der Dichter Storm in diesem Hof abgeftiegen, ein Großherzog von Meiningen kurz danach. Da war preußische Ein­quartierung aus dem Krieg gegen Dänemark, da fielen zwei Jahre später bittere Worte über den deutschen Bürgerkrieg mit Oesterreich. Senatoren aus Bremen, Bürgermeister aus Wien, Künster hatten die Seiten vollgezeichnet da war ein Herr von Ull.

Der Gast blickte verblüfft auf, er merkte, das junge Mädchen hatte auf den Augenblick gewartet, wo er auf den Namen stoßen würde. Mutter fragt, ob Sie mehr von dem wissen und ob Sie vielleicht des­halb tarnen?"

Nein, deshab nicht!" Wie verwirrend war das! Der Reifende las das Datum und rechnete nach welcher Zufall, es war fein Großvater, der hier abgeftiegen war. Und in welcher Laune er gewesen fein mußte! Ein langes höckeriges Gedicht auf schöne Hamburgerinnen hatte er fertiggebracht, auf eine zumal, die ihm während des Dichtens zur Seite gefeiten hätte. Der Verschollene der Familie! Dem Gast glühte der Kopf.

Vater will das Blatt herausnehmen", sagte das junge Mädchen leise,es ist damals ja fo traurig ausgegangen."

Setzen Sie sich, bitte! Davon weiß ich gar nichts. Aber erzählen Sie es ist allerdings ein Verwandter, ich habe aber niemals Näheres über ihn erfahren können. Welcher Zufall!"

Die junge Dirn prüfte den Fremden, als wolle sie erfahren, ob man sich auf ihn verlassen könne. Dann schien sie Vertrauen zu fassen und ließ sich neben ihm auf das Sofa fallen. Sie war ungefähr sechzehn Jahre alt, ein wenig scheu, aber ein hübsches Kind mit braunen Augen und hellem Haar. Die Finger zitterten ihr, als sie langsam den Zeilen folgte und die Einschrift noch einmal zu lesen versuchte.

Aber was wissen Ihre Eltern denn Näheres von jenem Gast? drängte Herr von Ull. Es ärgerte ihn, daß feine Stimme nicht rein bheb: hilf Himmel, war denn etwas dabei, daß folch junges Ding sich einmal frisch und anmutig zu ihm setzte? So schob er die Heiserkeit auf das Verlangen, von seinem Großvater zu hören.

Ich weiß nicht viel. Es ist eine traurige Geschichte, und nut meinem Vater darf man gar nicht darüber sprechen." Die Nachbarin zögerte, nicht ganz sicher, ob sie davon erzählen dürfte. Dann ließ sie den Kopf sinken: Meine Großmutter, ich meine die Mutter meiner Mutter, ging mit dem natfj drüben" sie mies auf das Blatt,aber ich glaube nicht, daß sie glücklich geworden sind." .r , k

, So, fo!" Und in die gleiche Schenke warf ihn das Schicksal, das ver­trackte Schicksal!Haben Sie denn von den beiden gehört, was ist aus ihnen geworden?"

Großmutter schrieb einige Male von drüben.

Von drüben, von Amerika? Und was stand in den Briefen?

"Meine Mutter war damals noch sehr klein, es ist alles für em Kind geschrieben. Sie sollte sich bester bewahren, stand darin, und zuletzt, daß nun alles zu Ende sei." .

Der Gast schüttelte in immer größerer Verwirrung den Kopf. Hatte er dafür nach Hamburg kommen müssen? Ihm war fo unheimlich zumute, er wußte nicht, wie er sich weiterhelfen sollte.

Die Wirtin klopfte an die Tur, ihr war die Tochter wohl zu lange fort Sie brachte Wärmekruken und fragte den Gast, ob er daran gewohnt ei Dabei sah sie, welche Seite im Buch aufgefdilagen war.Ach, das Gedicht", seufzte sie und blieb stehen, die heiße Kruke m der Schurze. Man sollte es herausreißen, finden Sie nicht auch? Ich hatte noch Briefe öon dem Herrn. Wir haben sie verbrannt vor einem Jahr, als wir