Ausgabe 
2.5.1938
 
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Bleib ferne, Giern!

Bon Joses Weinheber. Du siehst mich manchmal an, als hält ich schuld.

Ich hab von deiner Huld nicht einen Hauch vertan.

Ich lebe ja vom Traum, daß du mich liebst.

Traum wird zum grauen Raum, wenn du dich gibst.

Bleib immer, wo du stehst.

Du stehst so fern.

Du nahst mir und vergehst: Bleib ferne, Stern I

Ich will dich anders und inniger als du mich. - Verwehr mir deinen Mund: Ich liebe dich!

Kaffen ©uff.

Von Gustav Frenffen.

Als ich ein Knabe war, hatten wir als Schulkameraden einen Jun­gen, den wir Kaffen Twenti nannten, weil er einmal damit geprahlt hatte, daß er am Ofterabend zwanzig Eier gegessen hätte. Aber gewöhnlich nannten wir ihn Kassen Dutt, weil er recht dumm, ja fast blöde war.

Unser Lehrer war halsleidend, und so führten wir unter seinen leisen, vorsichtigen und klugen Worten und Winken uns selbst, und was an Licht da war, konnte gut zum Leuchten kommen.

Es waren da nun, wenn ich mich recht erinnere, neben manchem kleinen Licht drei Hauptlichter. Das erste war ein Mädchen (die Mädchen sahen auf der linken Seite). Sie war schön, sanft, gutherzig, ganz so, wie ein Mädchen sein soll; sie war das Vorbildnis zu einem lieben, schönen, gütigen Weibe. Wenn wir Alten wir sind nun alle alt dann und wann zusammensitzen und von alten Zeiten reden, sprechen wir noch von ihr, daß noch jetzt sie ist gegen siebzig der schöne weiche Glanz über ihrem alten Gesicht ist. Ja.

Das andere Licht glänzte in den Rechenstunden. Wir waren damals schon Preußen, und die neuen Münzen und Maße waren schon einge­führt; aber unser Lehrer ich weiß nicht, ob er der preußischen Zu­kunft nicht traute hielt darauf, daß wir noch über Schillinge, Ellen, Ruten usw. Bescheid wüßten. Also mußten wir von den alten Maßen in die neuen umrechnen. Wochenlang. Ja, ich glaube, jahrelang, und die Nächte immer mitgerechnet. Denn ich jedenfalls, der ich für Rechnen keine Begabung hatte, rechnete in Traum und Nacht weiter Ungeheuer von Aufgaben; Knäuel von reihenden Tieren, die mit den Schwänzen zu- sammenhingenl Aber dieser eine löste jede Aufgabe, lktzenn wir Alten jetzt dann und wann zusammensitzen, sprechen wir noch von ihm: wie er nachher Lehrer geworden und ein tüchtiger; und daß man ihm sein Heldentum noch heute ansieht, wenn er die Straße entlanggeht; er geht sehr steil unh ein wenig hintenüber. Ja.

Das dritte Licht war ich. Natürlich. Wozu erzählte ich sonst die Ge­schichte! In Aufsätzen. Da der Lehrer heiser war, konnte er uns nur an­deutungsweise sagen, was er von uns wollte. Und so, wenn einer eine besondere Laune hatte und viele von uns hatten besondere Launen; wir waren ja Niedersachsen, so behauptete er, aus dem Gemurmel des Lehrers irgend etwas verstanden zu haben, was ihm gerade gefiel, und schrieb denn so seinen Aufsatz. Wenn wir Alten wir sind nun alt dann und wann zusammensitzen, sprechen wir auch von mir, von meiner Phantasie in den Aufsätzen. Und dann behaupten sie, daß ich auch nachher ja recht hübsch Gebrauch davon gemacht hätte.Allerdings!" sagen sie. O ja! Man kann ruhig sagen, daß du der größte Windbeutel im ganzen Land bist!" Und dann lächle ich halb stolz und halb beschämt. Ja.

Aber ich wollte von Kassen Dutt erzählen. Richtig! Von Kassen Dutt.

Ich glaube, ich hatte sehr lange nicht an ihn gedacht. Aber da kam am vorigen Sonntagvormittag, nach seiner Gewohnheit, mein älterer Bruder zu mir und saß ein wenig, und wir redeten über dies und das, was im Kirchspiel und in der Welt vor sich geht, und kamen, wie häufig, auf alte Zeiten. Und sieh, da nennt er den Namen! Wir fangen an und reden Über ihn: wie er sehr dumm gewesen, sehr dumm, wie albern sein Lachen, wie töricht seine Aufsätze. Und wie er nachher ein gehänselter, verachteter Knecht geworden und es auch geblieben wäre, und wie er ledig, ohne Heimat, immer mehr Trinker, sein Leben zugebracht und irgendwo wir wissen nicht, wo gestorben und begraben wäre ... Ja.

Wir sind fertig und schweigen eine Weile, beide noch in Gedanken bei ihm und beide traurig. Denn er war guter Leute Kind und hatte niemandem etwas zu Leid getan und hatte nur die Beschränktheit ins Leben mitbekommen. Da sagt mein Bruder, noch mit seinen Gedanken bei seinem Bild:Weißt du noch: er konnte so Hut schmeißen Weißt du es noch? Er war der einzige, der über die Kirche schmeißen konnte; und ich erinnere mich, daß er uns einmal seinen nackten Arm zeigen mußte und daß wir feststellten, daß sein Arm besonders lang und straff war."

So ... so .. " sagte ich ...So ..."

Was hast du?" sagt mein Bruder.

Oh", sage ich verwirrt, noch lange nickt fertig mit meinem neuen Gedanken,du erinnerst dich wir sprachen neulich Über den Sport­platz, den sie hier jetzt anlegen, daß wir keinen rechten Gefallen daran hätten, daß es denn wohl eine neue Zeit wäre, die wir als alte Leute nicht mehr verständen. Aber nun ist mir mit einemmal so ... so ... wie soll ich sagen ... so, als wenn der neue Sportplatz im Sonnenschein liegt."

Wie meinst du das?" sagte mein Bruder.

Oh, du erinnerst dich ... Ihr sagtet immer, daß damals drei Lichter

kn unserer Schule waren. Drei. .. nicht mehr. Eins von güNger Schön­heit, eines von scharfem Denken und Rechnen, eins von bildender Pha» taste ... Wenn Kaffen Twenti nun heute gelebt hätte, dachte ich ... da wäre er vielleicht ... wenn auch nicht das vierte ... so doch ein Ächt (lewesen ... Ja, das wäre wohl so. Wenn er, wie du sagst, diesen be- onberen Schwung gehabt hat, hätte er sich vielleicht nachher, nach der Schule, als der beste Speerwerfer erwiesen und wäre nachher als Großknecht vielleicht der beste Boßler gewesen. Und dann ... sieh ... wenn er fo anerkannt, ja gefeiert worden wäre, hätte er Stolz bekommen und hätk sich zusammengerissen und wäre, bei all seiner geistigen Dummheit, doch ein ordentliches, ja wertvolles Glied der menschlichen Gesellschaft ge­worden und hätte zuletzt auf ein wohlgeordnetes, sauberes und wohlve» brachtes Leben zurücksehen können."

Mein Bruder sah lange vor sich hin und nickte ... ,Ha, ... ja s*. Da hast du wohl recht."

Und weißt du was", sagte ich:Wir beide, so wie wir hier sitze« und reden, können so alt noch gar nicht fein. Denn wenn wir wirklich alt wären, könnten wir jetzt einer so neuen Sache, wie dieser Sportplatz ist, nicht dieses Verständnis abgewinnen."

Mein Bruder nickte.

Und nun", sagte ich,scheint mir, hast du lange genug gesessen und geklönt; deine Frau wartet auch mit dem Mittagessen "

Als er gegangen war, dachte ich noch lange an den allen Schulkame­raden, und sah ihn im Geist. Ich sah ihn aber nicht, wie er wirklich ge­wesen, nein, auf dem Sportplatz wie er die bleigefüllte dreioiertel» pfündige Botzel warf, und stolz lächelnd den Beifall annahm, der übers Feld schallte ... Ja, das haben wir Menschen wiedermal versehen. Wir versehen so vieles.

©er Maler und die Tiere.

Von Friedrich Schnack.

Unser Freund, der Maler, war von den fernen Südseeinseln als ein bestaunter Robinson der Farben zurückgekehrt. Er hatte auf jenen wun­dersamen Eilanden der Gewürze und Vulkane viele Jahre zugebracht, ohne daß ihm, wie er gesteht, das Geheimnis ihres Lichtes und ihrer Farben aufgegangen wäre. Wir wissen nicht, was er in Wahrheit ge­sehen hat, aber seine Bilder spiegeln eine traumhafte Welt. Mel er­zählen kann er uns von seinen Fahrten und Erlebnissen, und wir haben es gern, wenn er zwanglos davon abends in unserem Garten berichtet, wenn die Sterne am Himmel flimmern wie sonderbare Leuchtinsekten aus fernen Zonen.

Einmal befand ich mich, erzählte er, in Sumatra am Rande des Dschungels, eine Palmengruppe zu malen. Es hatte mich Mühe gekostet,. bis es mir gelungen war, den Glanz der Wipfel naturgetreu, auf die Leinwand zu werfen. Ich war emsig bei der Arbeit, vernahm doch mit halbem Gehör, wie plötzlich hinter mir etwas verdächtig knisterte, ein zögerndes.Streifen und Knacken in der Sornmerstille. Forschend blickte ich mich um: Da sehe ich, wie in einer Entfernung von vierzig Schritten ein riesiger Tiger aus dem Dickicht tritt, stehen bleibt und gebannt zu mir herstarrt. Er mochte wohl eben so sehr über mich erstaunt gewesen fein wie ich über ihn erschrocken war, so daß ich einen Augenblick wie gelähmt saß und mich nicht zu rühren wagte. Der Tiger schaute mich mit seinen grünglimmenden, schönen Katzenaugen aufmerksam an, drehte sich dann plötzlich um und verzog sich gemächlich in das Dickicht, aus dem er gekommen. Zufällig hatte ich an diesem Tag mein Gewehr nicht bei mir, und wäre ich vom Tiger angegriffen worden, hätte ich nie wieder Palmen gemalt.

Kaum war er weg, raffte ich mich auf und rannte so schnell, wie mich die Beine trugen, zum Haus meines Freundes, eines javanischen Arztes, der nicht allzu weit vom Dschungel entfernt wohnte. Ich griff mir einen Karabiner und eilte stracks zu meiner Staffelei zurück, das friedliche Handwerk des Künstlers mit dem tödlichen des Jägers zu vertauschen, aber der Tiger kam nicht wieder.

Ein anderesmal saß ich wieder vor der Palmengruppe, um diesen erstaunlichen Bäumen ihren starren Mittagszauber abzugewinnen, da versetzte mir der Geist der Wildnis wiederum einen nicht geringen Schrecken. Ich hatte schon eine Weile gearbeitet, als ich einige Farben auf meiner Palette erneuern mußte und in meinen Malkasten hineinlangte. Da gewahrte ich darin, zu meinem Entsetzen, darf ich sagen, eine be­sonders gefährliche Giftschlange, die sich meinen Tubenkasten zu einem kleinen Mittagsschläfchen ausgesucht hatte. Ich schnellte von meinem Stuhl und brachte mich in Sicherheit. Mit ein paar Schritten war ich weit genug. So konnte ich aus sicherer Entfernung Steinchen und Holz- stücke so lange nach dem unwillkommenen Schlafgast werfen, bis es ihm ungemütlich wurde. Die Schlange kroch aus dem Kasten, wie das schleichende liebel aus der Büchse der Pandora, und schlüpfte in das Dickicht.

Waren Tiger und Viper, ohne mich zu gefährden, entwichen, so hatte ich ein drittesmal in einem kleinen, hübschen Flußtal den Angriff eines indischen Wasserbüffels abzuwehren. Mein Bild war soeben fertig ge­worden, und wie ich es von der Staffelei abnehmen wollte, tarnen plötzlich um eine Biegung, laut schnaufend, wilde Wasferbüffel daher. Der Herde voraus zog ein mächtiges Leittier. Augenscheinlich fühlte sich der Büffel durch meinen Anblick gereizt. Nun, auch feine Anwesenheit gefiel mir nicht, und ich machte mich schleunigst davon. Doch hatte die Zeit nicht mehr gereicht, das Bild von der Staffelei zu nehrmn. Ich flüchtete einen Hügel hinab und sah, daß der Büffel bei meinem Gerät angekommen war. Er beroch das Bild, doch schien es ihm durchaus nicht gut gemalt. Mit einem Mal warf er den Kopf blitzschnell zur Seite und fuhr mit einem Horn quer durch die Malerei. Einen Atemzug lang schwebte das Bild über feinem Kopf, dann flog das Kunstwerk in großem Bogen durch die Luft. Angesichts dieser schlechten Meinung und grimmigen Zer­störungswut packte mich der Zorn: ich ergriff ein paar große Steine und schleuderte sie hinunter. Einer traf den Bilderstürmer auf den Rücken. Unwillig stieß er den Kops in die Höhe, sah einen Augenblick