Ausgabe 
2.5.1938
 
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argwöhnisch zu mir herauf und tief weg, die anderen ihm nach. Als dle Tiere außer Sicht waren, begab ich mich wieder an meinen Arbeitsplatz: glücklicherweise hatte dieser Berserker nicht alles zerstört. Staffelei und Malkasten waren heil geblieben.

Das war die vernichtende Kritik des Wasserbüffels, sagte unser Freund scherzend. Von der mißfälligen Aeußerung eines Nashornvogels im Wipfel eines Waringing-Baumes, in dessen Schatten die Staffelei mit einem Bild stand, wollte er lieber schweigen, doch gab er noch ein Er­lebnis mit Affen am Affenberg bei Padang zum besten.

Ich hatte, erzählte er,' meine Malkiste und Bananen für die fast zahmen Affen, die gerne von Ausflüglern gefüttert werden, zum Berg bringen lassen. Kaum hatte ich mich an die Arbeit begeben, war ich schon von bettelndem Affenvolk umringt. Ich ließ all« Früchte verteilen, aber di« gefräßigen Burschen, an die dreißig, hatten nicht genug damit: sie wurden zudringlich und rückten immer näher. Unter ihnen befand sich ein besonders großer Kerl, vor dem die anderen einen großen Respekt hatten, wohl der Anführer: ihm wurden die besten und größten Ba­nanen zugetragen.

Während ich arbeitete, griff plötzlich ein kleiner Affe blitzschnell in meinen Malkasten, erwischte eine Tube und schwang sich flink in einen Baum. Kräftig biß er in seine vermeintliche Banane oder was er sich von der Tube vorstellte nun, die rote Farbe spritzte ihm ins Gesicht. Er leckte, schüttelte den Kopf, und ehe er noch den Geschmack recht aus­gekostet hatte, riß sie ihm ein anderer aus den Fingern. Sofort wurde auch diesem die Tube weggeschnappt, schnell wanderte sie von Hand zu Hmch, gelangte zum Anführer, der sich die Pfote rot beschmierte und das Ding wegwarf. Aber da hatten sie schon wieder eine andere erwischt, sie balgten sich darum und haschten nach der Beute, und je wilder das zuging, um so reichlicher quoll die Farbe bald war eine ganze An­zahl der Meerkatzen rot befleckt, bemalt und betupft, im Handumdrehen ein« neue verwunderliche Affenabart entstanden, Rotfleckaffen aus dem Geschlecht der Meerkatzen von Padang.

Der Verlust der teueren Tube, die ich nicht so schnell ersetzen konnte, war recht ärgerlich. Doch hatte ich auch wieder mein Vergnügen an dem Diebstahl: zu komisch wirkte das Abenteuer, waren doch nun die meisten Meerkatzen, die auf dem Boden und in den Bäumen, selbst die aller« kleinsten, int Gesicht, an den Ohren, auf der Brust und an den Seiten, den Händen, Armen und Beinen und an den Mäulern rot bemalt.

Es war gute Farbe von gründlicher Eigenschaft, die kräftig färbte, dauerhafte, licht- und wasserechte Farbe. Nicht so bald würden die Affen ihre unnatürliche Tracht los werden. Nach diesem Vorfall ging ich ins Gebirg und kam erst wieder nach Monaten nach Padang zurück. Und da hörte ich wieder von meinen Affen. Eine holländische Familie, die ihre Sommerfrische am Affenberg verbracht hatte, wußte von sehr merk­würdigen und nie gesehenen Affen zu erzählen, von Meerkatzen mit roten Flecken. Ob sie sich wohl mit dem Saft einer unbekannten Frucht ihre Felle eingefärbt hätten?

Nun. die unoekannte Frucht konnte ich ihnen nennen. An ihr hatte sich jener kleine, freche Affe versucht, der mir die Tube gestohlen halle. Ich erzählte ihnen mein Erlebnis, und so war das naturkundliche Rätsel rascher und einfacher gelöst, als sie es sich vorgestellt hatten.

Lord Douglas ist nicht dabei!"

Von Carl Haensel*.

Gegen Abend erst erwachte Whymper. Die Zimmerfenster standen offen. Irgendein Wort war an sein Ohr geschlagen, das ihn aus seinem Halbtod aufschreckte. Seine Glieder waren brettern steif: das Erwachen schmerzlich schwer, wie das Geborenwerden.

Vor dem Hotel standen die Zermatter und die Fremden in kleinen Gruppen. Erregte Worte, abgerissen, sprangen wie Funken von einem zum andern. Sie sprachen von den märchenhaften Reichtümern der Ha- dows, denen nun der Erbe genommen war. Douglas, ein leibhaftiger Lord, aus einer der großen Familien, über die man sogar auf den deut­schen Schulen Gedichte auswendig lernt, war im Kampf um ihre Berge geblieben. Es war schrecklich, aber auch rühm- und ehrenvoll.

Um keinen aber wurden so viel Tränen vergossen wie, um Hudson. Sie kannten ihn alle, feit Jahren, Whymper verehrten sie, Hudson liebten sie. Er war Gast in ihren Häusern und Heiser, wenn ein Bergrutsch oder eine Lawine das Vieh wegriß, Tröster in Krankheit, Spender den Armen, Freund den bergtüchtigen Männern. Dieser in der hohen Bergluft glück­selige, gottnahe Mensch, hier frei von Sorgen und Beruf, überzeugt von der Güte der Schöpfung und wie kaum einer von ihr verwöhnt, lebte fast wie ein Heiliger unter ihnen. Gut und stark zugleich. Der Monte Rosa und der Lyskamm tragen feinen Namen an erster Stelle in der Liste der Ersteiger. Alle diese Touristen in der klassischen Zeit vergaßen in ihren Bergen die Not der Täler und die Laster der Tiefe. Kein Klatsch, kein Schmutz hastet in der Erinnerung der Aelpler an ihrem Bedenken.

Sobald Alexander Seiler sich soweit gefaßt hatte, daß er das Zimmer Whympers verlassen konnte, Halle er Zermatt alarmiert. Ein Trupp Führer war sofort nach dem Matterhorngletscher aufgebrochen. Sie waren nicht bis ganz hinaufgekommen, aber sie hatten die Abgestürzten liegen sehen. Es waren nur drei, während doch vier nicht zurückgekom­men waren. Diese schaurige Mitteilung pflanzte sich unter den Fenstern des Hotels von Mund zu Mund fort.

aus Erziehung und Lebensprinzip, das verräte­rischste Gelchwätz am Nachbartisch überhört. Er pflegte nur Worte zu verstehen, die an ihn gerichtet und für ihn bestimmt waren. Aber in diesem Augenblick, da er aus einem rettenden Todesschlaf wiedergekehrt war, mußte er zuerst wissen, ob das ihn erfüllende Schreckbild Wirklich­keit oder Traum war. Er horchte also hinter den Gardinen.

* Entnommen aus: Carl Haensel,Der Kampf ums Matterhorn", Tatsachenroman, I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

Es war nicht nur alles tatsächlich geschehen, was in seinem Gedächtnis stand: Douglas, Hadow, Hudson und Croz waren verloren. Noch etwas ganz Neues, Fürchterliches hörte er zugleich: nur drei Körper lagen auf der Höhe des Gletschers. Der Vierte mar nicht da? Wer fehlt? und was ist mit ihm? Lebte er etwa noch? Wund, irgendwo droben im Berg? Aus Hilfe wartend die nicht kam?

Whymper, der große, nie bewegte, ehrfürchtig wie ein fremder Gott von Kindern und Großen angeftaunte Whymper, stand plö.tzlich, halb angezogen unter der Menge und forderte sie auf, mit ihm nach dem Mat­terhorn aufzubrechen.

Sie antwortete, daß es schon bald dunkel sei.

Wymper erwiderte, daß es Fackeln gäbe.

UeberaU nur nicht gegen das Matterhorn!"

Also morgen, mit dem ersten Licht!"

Morgen ist Sonntag; mir müssen zur Messe!"

Whymper machte Miene, selbst zum Pfarrer zu gehen. Man holte aber noch rechtzeitig Alexander Seiler. Seiler hielt ihn zurück, versprach selber den Pfarrer zu besuchen. Wenn irgend etmas zu erreichen war, könne er es machen, nie Whymper, der dem Priester schon lange ein Dorn im Auge sei.

Alexander Seiler kam niedergeschlagen mit der Nachricht zurück, daß der Pfarrer endlich das Gericht des Himmels über die fremden Prote­stanten gekommen fähe, er roerbe jedem Zermatter das Abendmahl ver- meigern, der nicht morgen zur Frühmesse da sei.

Whymper krallte sich mit den in seinen Taschen versenkten Fäusten in das Stofsutter, daß es riß:

Also werbe ich alleine gehen!"

Inzwischen war der Landsmann, den er vor wenigen Tagen in Val» tournanche besucht, gepflegt und vielleicht durch Beistand und Medizin gerettet hatte, auf Whympers Spuren über den Theodulpaß nach Zer­matt gekommen. Er griff in dem Augenblick in die Ereignisse ein, als Whympers Fassung aus den Fugen zu gehen drohte.

Er näherte sich ihm, versuchte weder Begrüßung noch Aussrischung einer Erinnerung, sagte vielmehr ganz einfach:

,Zch bin auch Pfarrer. Ich begleite Sie."

Es sprach sich herum. Nach und nach versammelten sich außer Reve­rend I. M'Cormick in Whympers Zimmer: Rev. I. Robertson, Reo. M. I. Phillpotts, dessen Führer Franz Andermatten, der nicht aus der Diözese war. Ein anderer Engländer, der selber Anfänger war, schickte Joseph-Maria und Alexander Lochmatter, beide aus Grindelwald. Fried­rich Payot und Jean Tairraz, zwei Führer aus Chamonix, kamen von selber.

Um zwei Uhr in der Nacht brachen sie mit Fackeln auf. Sie nahmen den gleichen Weg zum Schwarzfee hinauf, dann zum Hörnli, dem natür­lichen Ausguck gegen den Berg, ganz wie Donnerstag, den 13. Juli. Nun folgten sie nicht dem Ostgrat der Whympertreppe, sondern stiegen, nach rechts wendend, auf den M a tt erh o rn gl e ts che r hchab. Jenseits der Moräne ging es mit stufenschlagen auf den Gletscher hinauf: um halb neun Uhr hatten sie seine höchste Stelle erreicht.

Whymper, bet.gegen den Dachgrat des Matterhorns ein Wettrennen gewagt hatte, ließ die Pfarrer vorangehen und fetzte als letzter den Fuß auf das Totenfeld. Als weißer Lende.nschurz hing der Gletscher an den Flanken des Bergs. Drei schwarze Hügel ragten aus dem Schnee. Das bloße Auge konnte zunächst Felsgeröll annehmen. Aber.man sah die breite Spur des^Aiiedergangs über das Schneefeld, einen runden Hut, Schuh, Tuchfetzen.

Die Pfarrer bewahrten die Fassung, die sie sich in ihrem Berus an- erzwungen hatten. Whymper, der Mann der gemessen sicheren Be- Biegung, zerriß das Futteral seines Fernrohrs. Ein rascher Blick über die drei Totenhügel dann ein unstetes Suchen über das Schneetuch, über die Klippen der Mallerhornwand. Sie begriffen ihn nicht. Whymper ward immer hastiger, bleicher, sie mußten ihn stützen.

Lord Douglas Lord Douglas ist nicht dabei!"

Die englischen Pfarrer, M'Cormick, Robertson und Phillpotts stiegen allein weiter. Die Führer blieben zurück. Die Männer mit den Bären­kräften drängten sich zusammen wie Tiere und bebten in der Hellen Kälte.

Whymper folgte den Pfarrern, durch ihre Schatten gegen den An­blick der Leichen gedeckt. Sie sanden zunächst Croz, dicht hinter ihm Ha­dow, etwas zurück Hudson. Aber keine Spur von Francis Douglas. Bei dem Versuch, einen der Toten aufzuheben, erwies es sich, daß ihre Glieder vielfach gebrochen waren und die Haut allein nicht imstande war, die geborstenen Körper zusammenzuhalten. Selbst der Frost nicht, der das geronnene Blut band. Sie entschlossen sich, die Toten an Ort und Stelle zu bestatten.

M'Cormick vollzog die Zeremonien. Zwischen den Gefallenen lag das Manilaseil, bas sie nach Habows Sturz mit hinabgezogen hatte und auf dem ganzen Absturz sie verbunden hielt. Es blieb ihnen auch im Tode. Die Pfarrer nahmen den Toten nur die für ihre Angehörigen vielleicht wertvollen Erinnerungen. Das übrige bedeckten sie mit ihren Händen durch reinen, glitzernden Schnee. Den Worten, die M'Cormick sprach, legte er den Bibelspruch zugrunde:3a Vater, denn es ist also wohl­gefällig gewesen vor dir.".

Als M'Cormick geendet hatte, lösten sich droben auf dem Matterhorn donnernde Felslawinen. Sie hörten auch menschliche Stimmen, gedämpft durch die Ferne, aber im Echo meiterschrvingend, und durch das Ohr sofort in die Stärke des Ursprungslautes übersetzt. Als sie hinaufsahen, wurde die italienische Trikolore an langen Fahnenstangen geschwungen. Garrel war eben mit Bich oben angelangt, sah unten die kleinen Männer auf dem Gletscherfeld, ohne zu wissen oder auch nur ahnen zu können, um was es sich dort unten handelte, und wollte nun feine, der Whym­pers vorgestern gleichende Freude, durch dieselbe Steinkanonade Aus­druck verleihen ...

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Vrühlsche UniverfitätSdruckerei R.Lange, Gießen.