Ausgabe 
2.5.1938
 
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Sträuben In Bernd gegen diesen Ruf; er will keine Protektion, er will nicht in die e Werke. Er hat das Schillingsche Haus einmal verlassen, als alles in ihm stark und aufrecht war, jetzt will, er nicht zurückkehren als Bittender.

Aber da steht wieder Notz und stößt ihn vorwärts:Die Gelegenheit wirst du dir doch nicht entgehen lassen." Und er ist zu müde, um sich zu widersetzen.

Die Schillingswerke haben sich während des Krieges am Anhalter Bahnhof ein großes Verwaltungsbüro eingerichtet. Drei Mietshäuser sind für den Zweck umgebaut worden.

Der Herr Geheimrat will Sie selber sprechen", heißt es, als Bernd sich meldet. Und wenige Minuten später sagt Andreas von Schillings: Aber selbstverständlich stellen wir Sie ein. Ich kenne Sie und Ihr« Art. Sie werden sich schnell einarbeiten. Wir brauchen frische Kräfte. Es ist viel nachzuholen, was in den letzten Jahren liegenbleiben mußte. Sie beginnen in der Personalabteilung."

Die Kur, die Notz vorgeschlagen, gelingt anscheinend. Bernd lebt auf. Er spürt: da ist eine Tätigkeit, die ihm liegt: Organisation. Ansetzen von Arbeitskräften für bestimmte Ausgaben, Verteilen von Arbeitstrupps, Auswahl von Führern, Werkstoffberechnungen, Zeiteinteilungen. Er löst die Aufgaben, als ob es sich um die Bereitstellung von Truppen und Munition für ein Gefecht handele. Es erinnert ihn an seine General­stabsarbeit, und dies Gefühl reiht ihn mit. Er macht Vorschläge, kühne Vorschläge und setzt sie durch, obgleich die Direktoren ost die Köpfe schütteln; er hat ja, was sie ihm nicht sagen dürfen, denn es ist aus­drücklich von oben her verboten, deuAlten" hinter sich und auch den Schwiegersohn, den Doktor Frank.

Was er zuerst fürchtete, tritt nicht ein: weder Schillings noch Frank sprechen von dem, was einst war, nicht einmal füllt Lores Name.

Bernd steigt schnell. Er wird von einem Büro ins andere versetzt, um alle Zweige des Betriebes kennenzulernen, und mit jeder Versetzung wird sein Gehalt aufgebessert.

Man ist anscheinend sehr großzügig m dieser Beziehung in den Schillingswerken; Bernd ist verwundert, denn er weiß eigentlich nicht, wosür er das Geld bekommt. Gewiß: er macht Vorschläge, aber im Grunde lernt er doch erst und leistet noch nichts.

Er sieht Geldumsätze, die seine Vorstellungskraft übersteigen, er sieht auch Materialverschwendungen, deren Sinn er nicht begreift, Unsummen werden für Versuche ausgegeben, die man ohne Besinnen wieder fallen- lößt, ehe sie eigentlich durchgeführt sind. Manchmal wird ihm diese Ver­schwendung unheimlich, er denkt an die altpreußische Sparsamkeit: wenn in der Kaserne eine Fußbodendiele ersetzt werden sollte, zerbrachen sich zehn Menschen den Kopf, wie die Ausbesserung sich am billigsten durch­führen liehe; hier aber geht alles aus dem Vollen, und das nach einem verlorenen Krieg und bei einer Währung, die ständig abbröckelt.

Jedoch in das Wirtschaftswesen der Werke hat er keinen Einblick, die Finanzabteilung ist das Allerheiligste in den Häusern am Anhalter Bahnhof. Er sehnt sich auch nicht nach diesen Räumen. Arn liebsten ist er draußen im Werk: der Lärm der Maschinen ist wie eine Schlacht, und die Arbeiter sind wie Soldaten.

Es ist dauernd Großbetrieb: Aufträge strömen herein aus dem In­land, aus dem Ausland.Die ganze Welt hat Hunger nach Fertig­fabrikaten", sagt einer der Direktoren,es ist zuviel kaputtgegangen wäh­rend des. Krieges."

Bernd arbeitet von früh bis spät. Er kennt keinen Achtstundentag; den gab es ja auch nicht im Regiment, nicht im Generalstab, und schon gar nicht im Felde. Kommt er nach Hause, so setzt er sich an den Schreib­tisch, um nachzuholen, was ihm an technischem und kaufmännischem Wissen fehlt. Sein alter Ehrgeiz erwacht.

Der Krieg geht ja weiter", klagt Lexe,ich sehe dich kaum." Sie möchte gern aus der Hohenzollernstraße in eine andere Wohnung ziehen, sie möchte gern ihren eigenen Haushalt haben.Ich bin gar nicht richtig verheiratet, wenn ich immer mit Mutter zusammenhocke."Es sind ja nirgends Wohnungen frei, Lexe." ,^Jch würde schon eine finden, aber ich fühle: du willst nicht weg von hier."

Sie hat recht: er will nicht. Er muß in dieser Umgebung bleiben, denn er braucht Irene. Lexe erzählt, wenn er heimkommt, von den Kin­dern, die bann schon in ihren Betten liegen und ihren sorgenlosen Kinder­schlaf schlafen. Lexe weih, wie teuer alles ist, in den Läden, in den Kaufhäusern, in der Markthalle auf dem Magdeburger Platz, dicht bei Notz^ Wohnung; Lexe führt ein Ausgabebuch.Wie auf dem Rentamt in Waldhausen", sagt sie und freut sich der Ordnung, die sie im kleinen hält. Aber wenn er von seiner Arbeit spricht, wird sie stumm; nicht, daß sie nicht zuhört, nein, das tut sie; jedoch sie hat nie eine Frage und selten eine Antwort. Nur einmal kommt eine Bitte:Wollen wir nicht einen Abend ausgehen, Bernd? Erst ins Theater und bann Tanzen." Sem, Lexe, such ein Stück aus."Notz meint, das Metropol­theater wäre gut."War Notz hier?"3a, zum Tee. Du, er hat mir [eine Fettkarte geschenkt. Feierlich überreicht hat er sie mir: .statt Blumen", sagte er. Er braucht sie nicht, er ißt im Restaurant. Aber du hörst ja gar nicht zu, Bernd."

Ja, Bernd braucht Irene. Es gibt da eine Stunde am Sonntagnach- mittag, wenn Lexe die Kinder zu Bett bringt. Aus die wartet er die ganze Woche. Sie sitzen dann zusammen und schweigen. Oder sie sprechen leise, wie vor sich hin, wie aus der Vergangenheit heraus oder in eine ferne Zukunft hinein.

Einmal muhten wir eine Feldbahn bauen. Ich sprach bas mit dem Bauoffizier ganz genau durch. Erst auf der Karie, bann im Gelände. Die Frage war: Legen wir sie rechts um den Berg herum ober links, wo sie weniger dem feindlichen Feuer ausgesetzt ist? Endlich entschloß ich mich, sie links herum legen zu lassen. Und als bann der erste Zug mit Ablösungsmannschaften nach vom fuhr, schlug eine Granate mitten hin­ein. Jetzt träume ich: wenn ich ..."

Du mußt dir feine Gedanken machen, Bernd, es ist ja vorbei."

Es ist noch nicht vorbei. Gewiß, die Toten stehen nicht wieder auf.

Aber in uns bleiben sie wach."

Nein, Bernd, das tun sie nicht. Wir müssen ihnen nur ihre Ruhe lassen. Wir sollen nicht soviel an sie denken, wir helfen ihnen damit nicht und uns auch nicht. Sie haben andere Wege, von denen wir nichts wissen."

Aber manchmal kreuzen sich ihre Wege wohl mit unfern, Irene."

Oder:

Die Menschen sind merkwürdig, Bernd. Ich ging einmal durch den Tiergarten. Die Wildenten hatten grade Junge. Da stand an der Löwen­brücke ein Mann, ganz abgerissen und ganz verhungert. Er hatte eine Scheibe Brot in der Hand, gutes frisches Brot. Damit fütterte er die kleinen Enten, Krume für Krume. Er sah jedem Brocken sehnsüchtig nach, er hätte bas Brot viel lieber selbst gegessen. Aber er muhte die Enten füttern, er muhte."

Oder:

Weiht du, Irene, wie wir den schmalen Strich nannten, der ganz vorn lag zwischen unferm Graben und dem feindlichen? Den Strich, in dem nichts war wie Draht und Trichter, in dem es kein Leben gab, in den man nur hinsvähte für wenige Augenblicke, wenn nachts der Schein der Leuchtkugeln von hoch oben herabgeisterte? Das war: das Land der Mütter. Das Unerforschte, das Unergründliche. Es war nicht gut, in es einzudringen."

Bis sie die Tür gehen hören.

Bernd", sagt Irene,ich sorge mich manchmal sehr. Vergiß nicht, Lexe ist jung. Sie braucht Leben."

Es geht nicht alles glatt in den Schillingswerken. Die Hetzer ruhen nicht, es kommen Streiks. Immer geht es um Geld, denn die Preise steigen. Die Arbeiter fordern höhere Löhne.

Bernd steht dann an den Maschinen und verrichtet mit andern An» gestellten die Notstandsarbeiten. Er läuft nachts als Mann der Ein­wohnerwehr Patrouillen durch die Straßen, das Gewehr am Riemen über die Schulter gehängt.

Die Löhne werden bewilligt. Die Streiks sind beendet.

Schade um die verlorene Zeit", sagt einer der Direktoren,wir sind gerade so gut im Verdienen."

Verdienen! Bernd beginnt bas Wort zu hassen. Er hört es zu oft.

Im Januar 1920 kommen ein paar ölte Baltikumkämpfer durch Berlin. Notz, der die Verbindung mit dem Kreis aufrechtgehalten ha( sagt es Bernd. Sie gehen gemeinsam in die kleine Bierkneipe dicht am Nollendorsplatz, die als Treffpunkt verabredet ift. Der Kampf gegen die Kommunisten bildet den Hauptgesprächsstoff.

Die Hetzer find überall am Werk. An jedem Fabriktor lauern sie, sie stehen unter den Fördertürmen und reden auf die Kumpels ein. Moskau bezahlt sie und wartet nur auf den Augenblick, wo der ver­führte deutsche Arbeiter losschlagen wird. Es dauert nicht mehr lange, wir haben genaue Nachrichten."

Also neue Arbeit für uns."

Wir sind zur Stelle."

Sie trinken viel und reden und schimpfen sich die Köpfe heiß. Sie haben vor Bremen gefochten, sich im sächsischen Jndustrierevier herum­geschlagen und waren dabei, als das Polizeipräsidium in Berlin gestürmt wurde. Zwei waren in Oberschlesien und zwei andere sind mit den Frei­korps in München eingezogen.

Sie erzählen von all dem.

Bernd hört ihnen zu; er hat nichts zu erzählen, er hat sich nicht um Politik gekümmert, er hat gearbeitet.

Ihr seid richtige Bourgeois geworden, du und der Notz. Groß­industrie und Großbank, so muß es fein- Kellner, die Herren geben nochne Lage."

Die Polizeistunde kommt, aber die Baltitumer wißen einen Keller, der sich auf ein bestimmtes Klopfzeichen öffnet.Ist zwar ein Nepp­lokal, aber ihr habt ja Zechinen."

Bernd geht mit. Er fühlt sich verpflichtet: er weiß, daß es diesen Männern schlecht geht und daß diese Nacht für lange Zeit ihre einzige Freude fein wird, eine schale Freude, aber eben doch etwas anderes, eine Abwechslung, eine Betäubung. Sie sind rauh, aber sie sind nicht schlecht. Wenn sie schlecht wären, stünden sie bei den Aufruhrern, den Sparta­kisten und Kommunisten. Aber sie halten ihre Knochen für Deutschland hin, sie kämpfen für die Ordnung, wenn sie auch selbst unordentlich wurden im Sinn bürgerlicher Moral.

Sie trinken. Sie fingen ihre Kampflieder.

Bernd will mitfingen, wie Notz. Aber die Kehle ist ihm zugeschnürtr er beneidet die anderen, er freut sich, wenn ihm einer auf die Schulter klopft:Was, Wallnitz, alter Junge, damals vor Riga, als wir den ver­fluchten Schuften eins auf die Jacke brannten, das waren noch Zeiten."

Dann gehen sie zusammen nach Hause, er und Notz. Notz ift nicht mehr ganz fest auf Den Beinen, Bernd muß ihn stützen.Wollen wir uns nicht ein Auto nehmen?" fragt er. Notz will nicht.Nee nee, laufen", sagt er,laufen tut gut."

Bor seiner Haustür in der Genthiner Straße bleibt er stehen, lehnt sich an das Borgitter und sucht in seinen Taschen nach den Schlüsseln.

Grüß deine Frau, Käpten", sagt er und wird plötzlich ganz ernst. Weißt du, Käpten, das ist eine tolle Sache, eine ganz tolle Sache. Ich liebe deine Frau, Käpten."

Du bist ja betrunken, Dieter."

Nee, nee, Ich bin schon wieder nüchtern. Die Lust, Wallnitz, die Lust!"

Er saugt die neblige Morgenkühle, die vom Landwehrkanal herüber­streicht, tief ein. Dann zeigt er in die Richtung, in der die Hohenzollem- stratze liegt.Aber sie weiß es ja nicht, sie weiß es nicht. Und sie wird es auch nie erfahren. Ich bin doch kein Schuft, Käpten."

(Fortsetzung folgt.)