Ausgabe 
2.5.1938
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1938

Montag, den 2. Mai

Nummer 3H

Herz lm HW

Roman von Hans-Äaspar von Zobeltitz

lopyrlghl by Deutsche Verlags-Anstalt, Htuttgarl

20. Fortsetzung.

In den ersten Februartagen wird die Freiwilligenabteilung nach dem Baltikum abbefördert. Sie soll dort die bedrohten Deutschen gegen bol­schewistisches Gesindel schützen. Der Befehl trifft ganz überraschend ein, und es gibt viel Arbeit für den Stab, weil die Anordnungen für die Truppe in wenigen Stunden fertiggestellt werden müssen.

Fahren Herr Hauptmann doch nach Hause. Die Baronin will doch noch einen Abschiedskuß haben", sagt Notz.Ich kriege den Dreck auch allein zusammen, soviel hab' ich schon gelernt."

Nein, nein. Dienst ist Dienst. Der Abschied das muß eben tele­phonisch gehen."

Im letzten Augenblick läßt Bernd die Verbindung herstellen. Irene ist am Apparat.Wir wissen schon Bescheid, Bernd. Herr von Notz hat angerufen. Lexe ist bereits unterwegs zum Bahnhof, sie wollte dich doch noch einmal sehen. Bleib heil und gesund, Bernd. Und: auf gutes Wiedersehen."

Auf Wiedersehn, Irene", sagt er.

In dieser Zeit kommt William Bruce nach Berlin. Irene erwartet ihn, denn er hat ihr von Dreadford aus geschrieben, wann er bei ihr fein würde. Er trägt einen dunklen Rock wie damals, als er in Wald­hausen war zur Beisetzung Alexander Czehs. Seine Gestalt hat sich nicht verändert, aber sein Gesicht ist zerfaltet und sein Haar ist sehr grau.

Irene sieht die Falten nicht, sie sieht nur ihn. Es ist keine Feindschast in ihr, obgleich sie daran denken muß, daß ihr Sohn gegen England fiel.

Sie reicht ihm beide Hände und läßt sich an seine Brust ziehen. Sie iiihlt seine Finger über ihr Haar gleiten und fühlt sich unendlich geborgen. Ihr ist, als ob sie zum erstenmal voll begriffe, was sie an diesen Mann äindet: die klare Sicherheit, die von ihm ausgeht und die sie spürt, so­bald er in ihre Nähe kommt.

Gerade jetzt empfindet sie diese Sicherheit doppelt, denn in Deutsch­em!) scheinen alle sie verloren zu haben; in Deutschland scheint keiner Jcr geblieben zu sein, der er war. William Bruce ist es geblieben.

Vielleicht gewannen sie deshalb den Krieg.

Dank-, William, Dank für alles, was du getan", sagt sie.

Dann sitzen sie beieinander, und er berichtet, wie Günter starb und ®ie er ihn gebettet.

Soll ich ihn dir bringen?" fragt er.

Sie schüttelt den Kopf.Nein, William, laß ihn ruhen, dort wo der >a>,no weht und abends die Pferde an seinem Birkenzaun stehen und Marien." Sie sieht das alles ganz klar vor sich, und Waldhausen und die iühle Gruft der Czehs scheinen ihr viel ferner, viel ferner.

Und du, Jri?"

Ich komme dann wohl einmal nach Dreadford, William, und besuche hn und das Grab. Dann stehen wir auf der Höhe und sehen über das Reer."

Da fragt er nicht weiter und bittet nicht weiter, denn ihm deucht Ichvn sehr viel, was sie versprach.

Im Baltikum fragen sie Bernd oft, ob er der Wallnitz vom Sturm- sataillon Wallnitz sei. Den kennen sie alle, die sich dort zusammengefun- len haben, die letzten Landsknechte des Weltkrieges. Sie sind erstaunt, ^enn er antwortet:Nein, der Sturmbataillonsführer ist mein Bruder", J-nn sie denken, der Sturm-Wallnitz muß doch wieder zu uns stoßen, ter tolle Kerl, der sich als Oberleutnant amToten Mann" den Pour le i*ierite geholt und sich dann eine eigene Truppe ausgebildet hatte: Flam­menwerfer und Minenschleuderer, Handgranatenspezialisten und Pistolen- ihlltzen, die man mit Eitkraftwagen an die Front warf, wenn es galt, mgendwo einen Graben aufzurollen oder eine besonders windige Ecke vegzunehmen.

Ja, wo steckt denn Ihr Bruder?"

Zu Hause. Auf dem Land«. In Dapper."

Und was macht er da?"

»Er baut Kohl."

Schade. Das war ein Kerl. Den könnten wir hier brauchen."

Es tut Bernd immer ein wenig weh, wenn er so nach Conrad ge­fragt wird. Er schämt sich, denn er weiß: es ist Neid. Nicht auf den Ruhm, aber auf das WortKerl". Er hat längst erkannt: er ist kein Kerl. Er hatte gehofft, einer geworden zu sein, als er aus dem flandri­schen Sumpf stieg, aber das war eben nur ein Traum gewesen. Er paßt auch nicht recht hierher unter die Freischärler, die nichts von General­stabsarbeit wissen wollen und ihren Krieg lieber auf eigene Rechnung führen als nach Befehlen. Er fühlt: sie sehen in ihm im Grunde nicht einen der Ihren, sie haben ihn gern, sie gehorchen ihm auch, aber wie man einen Lehrer gern hat und einem Lehrer gehorcht. Er hat sich die Generalstabsstreifen von seinen Hosen trennen lassen, die karrnoisinroten Streifen, die sein Stolz gewesen sind; aber damit war es nicht getan. Innerlich blieben die Streifen.

Der Notz hat es leichter, er findet den Ton. Er baut auch immer wieder die Brücke zwischen dem Stab und der wilden Truppe. Er fängt Spione und Verräter hinter der Front, pirscht sich in Zivil bis in die Quartiere der roten Horden vor, läuft die blödsinnigsten und zwecklosesten Patrouillen und säuft, wenn er glücklich zurückkommt, mit den andern bis zum Morgengrauen. Dabei ist es ein viehischer Kamsif, voll Hinter­list und Tücke, der Feind steht ringsum, man weiß nie, wer einem ent­gegenkommt, wenn man eine Straße entlangreitet, gleich in welcher Richtung.

Einmal hat Bernd sie duzen sich schon lange gebeten:Nimm mich mit, Notz."

Nichts zu machen, Käpten, du hast Frau und Kind zu Haus."

Aber ich will mit."

,Zch habe deiner Frau versprochen, auf dich aufzupassen. Also, keine Widerrede, Käpten."

Auch dieser Krieg geht zu Ende.

So kommen sie nach Berlin zurück. Bernd geht in die Hohenzollern- straße. Notz sucht sich ein Zimmer im Alten Westen und findet es in der Genthiner Straße. Das ist gar nicht weit von der Czehschen Wohnung, nur über den Landwehrkanal hinüber, noch nicht zehn Minuten Wegs. Wollen Sie nicht nach Hessen zurück, zu Ihren Eltern?" fragt ihn Lexe. Er hat sein frisches Dumme-Iungens-Lachen.Nee, Baronin, ich- bleib lieber hier." .

Bernd ist flügellahm. Er kann sich nicht daran gewöhnen, daß er Zivil tragen muh. Er kann sich aber auch nicht entschließen, zur aktiven -Truppe zurückzukehren, die im Umbau begriffen ist: er will nicht Soldat der Republik werden, er kann nicht den neuen Eid leisten, der gefordert wird. So setzt er sich schweren Herzens hin und schreibt sein Abschieds- gefud).

Dann irrt er in der Wohnung umher; er versucht zu lesen, kramt feine Kriegskarten heraus, ordnet die Bilder, die er von der Front mit- brachte, nimmt feine Kriegsbriefe und Tagebücher vor und versucht, sie zufammenzustellen. Es bleiben aber Versuche.

Er kann auch nicht mit seiner Frau sprechen, nicht einmal mit Jür­gen. Nur mit Hilde kann er spielen, stundenlang, ober ihr zusehen. Ein­mal findet er den Brief, den ihm Lexe damals im Sommer 1917 schrieb: Sie sieht aus wie Mutter, ganz lang und schmal und feingliebrig. Die Augen sind lichtblau und die Haare wie blonde Seide. Wollen wir sie Irene nennen?" Er blickt das Kind an: es ist so geblieben, wie Lexe einst schrieb.

Wenn niemand zugegen ist, ruft er es nun manchmal leise: Irene.

Notz kommt: ,Hch habe einen Posten. Ich werde Bankbeamter. Erst­klassig, sag' ich dir, Käpten, Deutsche Bank. Ab übermorgen steh, ich als Lehrling hinterm Ladentisch. Depositenkasse R. Du kannst mich da mal besuchen." Aber bann wird er ernst.Du mußt auch wieder arbeiten, Käpten. So geht das doch nicht weiter. Du gehst ja vor die Hunde. Du findet doch gleich etwas. Generalstäbler sind hoch im Kurs. Die In­dustrie reißt sich um euch. Hast du keinen Bekannten unter den Leuten?" Ich kann nicht betteln gehen, Notz. Ich kann nicht anklopfen und fragen: Haben Sie vielleicht eine Stellung für mich?' Ich kann das nicht!" Es ist wie ein Schrei.

Notz bleibt ganz ruhig.Betteln ist Quatsch", sagt er,Du hast fünf Jahre im Feld gestanden, da kannst du fordern. Die Leute haben die Pflicht, dich unterzubringen. Ein Kopf, wie du bist. Wach auf, Mensch, Bernd, wach auf!"

Bernd schreibt auf eine Chiffreanzeige hin einen Bewerbungsbrief. Ehemaliger Offizier..." heißt es in ihr. Er schreibt sehr kurz, sehr knapp, er streicht sich und fein Können nicht heraus.

Wenige Tage später ist schon die Antwort da: er soll sich vorstellen. Der Briefkopf trägt die FirmenbezeichnungSchillingswerke". Es ist ein