Zelt. Sie rüttelt alles auf aus ihrem verträumten Dasein und Trift fordernd ins Haus und verlangt das Schönste. Keine Träne ändert den Lauf des Geschicks, kein Mutterherz kann ihren Sohn zurückhalten, alles reiht sie mit sich fort und stellt den Einzelnen unter das Gesetz des Staates, des alles Persönliche zurückhaltenden Gesamtwillens und der politischen Gerechtigkeit. Oder sollen wir zittern um unser Sein, wenn es ein höheres Sein gilt, das alles Individuelle enthält? Bringst Du es nur unter Seufzern und Tränen fertig, das Liebste, was du hast, zu lassen?
, Man sagt: „Was soll nachher werden, wenn soviel tüchtige Leute unserm Lande, der Familie entzogen werden? Muh es da nicht notwendig zurückgehen?" Richtig: Wieviel Tüchtiges, wieviel gute, edle Gedanken, wieviel Familienglück liegt tot unterm kühlen Rasen! Und doch ---was würde die Antwort auf unser Seufzen sein? „Wir haben ja das Schönste im Leben erfahren; denn nicht starben wir für uns allein, für unser kleines enges Ich--wir für Euch! Darum gilt jetzt: Ihr
für uns! Was wir der Welt nicht fein konnten, weil wir Ihr nicht dienen durften fernerhin mit unseren Gedanken, Werken und unserer Liebe, diese tzrohe Ausgabe haben wir in-Eure Hände gelegt! Doppelt angestrengt müßt Ihr arbeiten und alle Eure Kräfte zur Entfaltung bringen, wollt Ihr den Gegenwartswerten treu bleiben und das, was wir mit unserem Blute erkauft, erhalten."
Max Schlief, gefallen am 8. Dezember 1914 bei den Falklandsinseln.
Stiller Ozean, den 26. August 1914.
Ich weiß nicht, was aus mir geworden ist, wenn ihr diese Zeilen erhalten werdet. Der Himmel mag wissen, wo ich dann sein werde. Ruhelos wie der ewige Jude Ahasver wandern wir mit unserm Schiff in der Südsee umher. Gestern nacht erhielten wir die Nachricht über den großen Sieg Deutschlands über die Verbündeten. Auch von der Kriegserklärung Japans wissen wir. Aber ich bekam keine Ruhe. Ich weiß nicht, wie es Euch geht und meinen Brüdern. Es ist wohl ein sehr harter Schlag für Euch, meine lieben Eltern. Jetzt, wo es Euch möglich war, an dem Glück Eurer Kinder Euch zu sonnen, da müssen sie in den harten, Männer mordenden Krieg. Aber liebe Eltern, verzagt nicht. Sollte es sein, daß einer oder alle in diesem Krieg fallen, so denkt daran, daß es in einem heiligen Kriege war, zu Nutz und Frommen des Deutschen Reiches, unseres geliebten Vaterlandes.
Mit meinem Leben habe ich abgeschlossen. Sollte es Gott gefallen, so mag Er mich hinnehmen. Solange ich aber noch lebe, hoffe ich, daß ich Euch einst alle noch mal wiedersehe. Ich bin ja noch so jung und will noch leben. Glaubt aber nicht, daß wir, wenn wir in ein Gefecht kommen, di« Flagge niederholen. Als Mittel werden wir unsere Ramme gebrauchen, und wenn es sein muß, mit dem Feinde untergehen. Aber sorgt Euch nicht um mich, ich habe das stete Gefühl, daß mir nichts geschehen wird.
Oer finnländische Reitelmarsch.
Von Bruno Brehm.
Endlich diktiert der Generalstabsarzt einem Schreiber etwas; ich bin fertig, ich kann zu den anderen treten, ich werde ausgetauscht. Nun gut! Nur zu! Freuen kann ich mich ja doch nicht mehr. Das habt ihr mir gründlich verdorben.
Dann fahren wir durch Finnland weiter gegen Norden, wir fahren erster Klaffe, wir, die wir im Viehwagen vom Baikalsee nach Moskau gefahren sind, wir sind nun feine Leute. Wir sehen zwar nicht fein aus, wir tragen zwar zerknitterte Kleider, halb Zivil, halb Uniform, aber wir lassen uns immer wieder tief in die Polstersitze fallen, wir neigen dazu, uns bedienen zu lassen, aber es bedient uns niemand. Das gepolsterte Glück verliert bald für mich feinen Reiz, und da der Zug langsam fährt, fetze ich mich auf die Wagentreppe und schaue hinaus. Nirgends eine Feuermauer, nirgends ein Schuppen mit Särgen, überall Heller, hoher, grenzenloser weiter Himmel und darunter Birkenwald und Seen, Birkenwald und Seen. Hin und wieder ein rotes Holzhaus mit weißen Fensterrahmen, ab und zu in der Stille, aus der Ferne her, das Singen russischer Soldaten. Die haben jetzt leicht fingen, die glauben zum letzten Mal an den großen Sieg, der Durchbruch bei Luck ist noch nicht zum Stehen gebracht, vielleicht zerschmettert der General Brussilow den Feind und bahnt den Weg nach Budapest, Wien und Berlin. Wahrscheinlich habe ich es dieser Siegerstimmung überhaupt zu verdanken, daß sie mich ausgetauscht haben. Denn die Russen waren immer nur dann nett zu uns, wenn es an ihrer Front vorwärtsgegangen ist. Abends tönt aus einer Stadt herüber das Gebet eines russischen Bataillons. Die tiefen Bässe fingen die Zarenhymne und das Vaterunser. Spät wird es erst dunkel, ich ziehe mich in das Abteil zurück, mich fröstelt, und die Augen fchmerzen mich von dem vielen Licht und der hellen Weite. Immer war das Meer zu spüren, immer ein starker Dust von Salz, immer war das Spiel der Möwen zu sehen.
Frühmorgens sitze ich wieder auf der Treppe. Werde ich noch zurechtkommen, um mittun zu können? Das Auge sucht Batteriestellungen und prüft die kleinen Landwege, ob man auf ihnen heranfahren kann. Ein schwieriges Gelände für Artillerie, diese Birkenwälder mit ihren großen Granitblöcken. Wo mag das Regiment stehn? Wie wird es daheim aussehen? Wird das Essen wirklich so knapp sein, wie es in den russischen Zeitungen steht?
Wie wohl das Grün den Augen tut! Wie die Blicke alles zusammenraffen, diese unersättlichen, gierigen, taumeligen Augen! Auf einer Wiese springen ein paar muntere Fohlen. Hier sollte der Zug halten, hier sollte man aussteigen und die Pferdchen streicheln dürfen.
Endlich, endlich! Die Sanitäter heben die Tragbahren aus dem Zug und tragen uns das spärlich« Gepäck nach.
Die letzte Nacht in einem russischen Spital! Wer kann da schlaf. Auch in jener einen Nacht vor fast zwei Jahren hatte ich nicht schisi,,: können. Ich war die Jnfanteriestellung entlanggegangen und hatte jJ schwarzen Wald hinübergeblickt, aus dem am nächsten Morgen wohldql feindliche Angriff heroorbrechen mußte. Am Waldrand baumelte ein hängter. Ich trete ans Fenster. Meeresluft strömt feucht herein. Um M Spitalsbaracken stehen die Poften, im Mondlicht blinken die langen rch! fchen Bajonette. Auch an jenem letzten Abend, an dem ich noch tnttm gefunden Knochen hatte, an d«m Abend vor der Gefangennahme ward«! Himmel voll Sternen gewesen, und dort drüben, wo jetzt von der |pü sinkenden Sonne fein Rand brandig war, hatten ihn damals die bte«. nenden Dörfer gerötet. Niemand schläft. Die Schwindsüchtigen sitzen ich recht in den Betten, und der Artilleriehauptmann mit dem Loch in d<, Schädeldecke, der uns, wenn wir brav gewesen waren, den Finger ms sein pochendes Hirn hatte legen lassen, fragte mich mit unsicherer Stimmt, ob ich glaube, daß nun schon alle Schwierigkeiten vorbei seien. 3d> r. widerte, daß ich mir darüber jedes Nachdenken streng verboten habe.
Aber auch nach dieser durchwachten Nacht kommt der Morgen, n frischer, windiger Morgen, der letzte Morgen in Rußland. Die russisch Fahne knattert auf einem hohen Mast. Neben der Fähre steht eine MiliSr mufik. Ich bitte die russische Schwester, die während der Fahrt lieb in| gut zu uns gewesen ist, sie möge den Kapellmeister fragen, ob er im nicht den finnländischen Reitermarsch spielen wolle. Die Schwester lächelt: diese Musik sei nicht für uns da, sie warte auf einen (Begentranspoif russischer Invaliden. Ueberdies dürft« der finnländische Reitermarsch it Rußland nicht gespielt werden, er fei verboten. Ich verstehe: sang- int klanglos, wie wir in dieses Land gekommen sind, sollen wir wieder zieien. Ich komme mir reichlich dumm vor, weil ich auf einen Auszugsma^ gehofft habe.
Das Tau der Fähre wird gelost, und alle Augen starren nun aus tg> Ufer und auf die langsam kleiner werdenden Poften. Einer ober-h« andere von uns will versuchen, ohne Krücken ein paar Schritte zu märten, um zu zeigen, daß es nicht gar so arg um ihn bestellt fei, aber diese Ue den mütigen werden zur Ruh« vermahnt. Nun dreht sich schon alles um unk blickt auf das näher kommende schwedische Ufer. In der Mitte des FW begegnen wir dem anderen Fährboot mit einer Elendsfracht von oer« ftümmelten Russen. Wir blicken aneinander vorbei, wir grüßen eine* nicht, wir erkennen in ihnen nicht die Gefährten des gleichen SchiM.! Sie tragen hechtgraue, österreichische Mäntel und graue deutsche, einig spielt auf einer Balalaika, ein paar fingen, alle haben die Hälfe genifl und schauen auf ihre Fahne hinüber.
Eine blaue Fahne mit gelbem Kreuz taucht auf und kommt näbti Militärmusik rauscht auf. Sie spielt die Volkshymne, wir weinen wie bie, Kinder. Die Fähre knirscht auf dem Kies, vom anderen Ufer hären mr zum letzten Mal, mit dem Wind anschwellend, die Zarenhymne. M freundliche, russische Schwester geht zu einem schwedischen Offizier, bi:« ruft dem Kapellmeister etwas zu, und der finnländische Reitut' marsch braust auf.
O diese alten Märsche, diese zerschossenen Fahnen, diese zerseW Standarten und die blutgefprengten Namen der alten Regimenter! OT Märsche, die die Sterbenden getröstet und die Lebenden befeuert, diese waffendrohnenden, hufestampfenden Märsche mit dem lieblichen Trio, )o> di« Mädchen im Quartier denen fingen, die aus der Schlacht kommen mnb das die Toten an die Pforten der Ewigkeit geleitet. Die Schweden roii'u was russische Gefangenschaft bedeutet, sie haben die Krieger Karls NI. nicht vergessen, die nach der Schlacht von Poltawa nach Sibirien geschieh wordey waren, Soldaten, denen wohl auch einst der finnländische Rei» marsch erklungen war.
Im Spital sind im weilen, Hellen Saal Blumen. Man kann vor die Türe treten, kein Posten hält einem das lange Bajonett vor, man toni ein paar Schritte auf dem Grasboden tun. Die weißblauen SchweM gehen von Bett zu Bett: ob man einen Wunsch habe? „Nein, danke! K« nen." Gar keinen? „Ganz und gar keinen." Die Schwestern lachen e< wenig hilflos, man lacht zurück. Es ist lange hell im Zimmer, die Diel« Blumen leuchten, der Fußboden schimmert so rein und sauber.
Am nächsten Tage wieder der Zug, und wieder erste Klasse. In » Festung Boden wartet Musik, wariön schwedische Offiziere. Wir fteiij« aus. Die Schweden salutieren. Wir legen auch die Hände an unsere Zi »i tappen, an die Woll- und Fellmützen, an die verdrückten Milltärkapsst mit den geknickten Schirmen, wir stehen stramm, so gut es eben « Krücken geht. Wißt ihr, außen sind wir Lumpen, sehen wir rounbcriii aus in unseren zusammengestoppelten Kleidern, aber im Herzen, da fpJ wir Soldaten wie ihr in euren schmucken sauberen Uniformen. Wir HE« unsere Pflicht getan, so gut wir konnten. Uns freut euer Gruß, wir banfln einige von euch haben Orden. Unsere Orden sind unsere Wunden, iW die wir erst in dunklen Nächten geweint haben,, weil das schöne Leit« mit Wandern und Spielen zu Ende war für immer. Nach und nach halt« wir uns daran gewöhnt, und nun sind wir stolz darauf. Wir wollen iW bedauert fein, deshalb lachen wir, damit auch ihr ein wenig lächeln mÄ Wenn wir daheim sind, lassen wir uns den Hohenfriedberger, den Pri'k Eugen- und den Radetzky-Marsch spielen, die werden schon wieder Schwe-i: in unsere alten Knochen bringen Es gibt wirklich keinen Grund, uns « bedauern. Hört ihr uns klagen? Nein, wir schimpfen nur, und Schimpfeni« ein altes Vorrecht der Soldaten.
Wie die Fahrt nun zu Ende geht, gebe ich der freundlichen schwediW Schwester ein Gedicht, das heute in vielen schwedischen Büchern als IM Gedicht eines unbekannten deutschen Soldaten steht. Es ist kein gutes, alto ein wohlgemeintes Gedicht. Die Menschen in anderen Ländern lesen '•'* Gedichte einer fremden Sprache weniger der Form als dem Inhalt nd; und deshalb muß ich mich seiner nicht schämen. In diesen paar steht alles darin, was wir den Schweden zu danken hatten. Sie hob«> sich darüber gefreut. -
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Univers Uätsdruckerei R. Lange, Gießen.


