leinten im Tale mit anpacken, da geht es mit Rechen und Gabel, mit 'i,rb und Erntewagen hinaus. Morgen dient alles einzig dem täglichen i- ote; Männer, Weiber und Alte, Kinder und Halbwüchsige, alle werden ij den Feldern und im Stadel gebraucht, ob sie nun selber Gründe Aigen oder nicht. Heute sind sie noch alle bei ihrer Ernte aus den limbeerhalden am Berge.
Auch die Scheithauer-Beronika brockt seit dem frühen Morgen mit t-er Tochter, der neunzehnjährigen Anna, aus der Halde. Unter einem Itterbeerenstrauche, der mit ziegelroten Dolden prunkt, haben sie ihre ; agtörbe stehen, ihre Eimer, und in einem der Körbe liegt ein Fläsch- , n Milch, ein Messer und ein dicker Keil Schwarzbrot. Auch ihre Holz- ,imhe haben sie dort stehen lassen; jetzt gehen sie barfüßig und haben s>, ihre langen Röcke unter den Gürtel heraufgeschürzt, daß sie sich in I n Gewirr von Stauden und Blöcken ungehindert bewegen können. . Sie pflücken ohne Unterlaß. Die Beeren sind in diesem trockenen • t.mtner klein geblieben, aber die Eimer sind so groß wie immer. Mit- siter summt Anna ein Liedchen vor sich hin, und wenn ein Bursche •isr ein Mädchen vom höheren Hange oder von einem der anderen jchläge übers Tal hin juchzt, richtet sie sich auf, beschattet ihre Augen i fit der flachen Hand, um nach dem Rufer auszuspähen, und zuweilen t'l sie auch Antwort mit einem langhinhallenden Juchschrei. Ihre -itter aber ist still. Nur selten wischt sie sich mit dem Aermel übers sssicht und seufzt leise: „O weh, heiß ist's!"
Es ist ihr heute ganz seltsam zumut. Irgend etwas drückt an ihrem : lirzen und bohrt und frißt, aber sie kann nicht sagen, was es ist, hn sie weiß nicht, obwohl sie unablässig darüber nachgrübelt. Alles tmmt ihr heute so eigentümlich bekannt vor, als habe sie es ganz piau so, Schritt für Schritt und Griff für Griff schon einmal erlebt, rr sie sindet sich damit nicht zurecht, denn das Himbeerzupfen am .-inijange in der prallen Sonne erlebt sie ja Jahr für Jahr, seit der : I, da sie zur Schule gehen mußte. Der sonnenerhitzte Boden brennt » nackten Sohlen, ihre Finger sind rot von dem lauen Safte der eren, die von Stunde zu Stunde wärmer werden und zum Teil t»n an den Stauden gären, lieber den fernsten Hügeln im Westen li chen gewittrige Wolken hin, hinter den hohen Bergen im Osten frfflcn gefahrdrohende Wolkentürme aus, über dem Abfall des Gebirges
Süden liegt ein dicker, schwüler Dunst. In der Höhe wölbt sich der fr-imd überall klar und flimmernd blau, aber ein kaum merkliches , «ollen geht um, dunkel murrend, als ob es aus der Erde komme. Ja, i« Das alles war schon einmal so da, genau so, und ihr wird es so it um die Brust und unsäglich schwül.
Mötzlich sährt sie auf: .Hast gehört, Dirndl? Was ist denn bas?" ki ist ein hartes Hufetrappen undeutlich aus der Tiefe zu hören. „Was denn sein, Mutter?" „Reiter kommen, Dirndl, lus auf!" Sie ist fid erregt. Aber die Anna lacht: „Ach woher denn, Mutter! Ein Holz- it'werk fährt auf der Forststraße hin, sonst nichts." Ja. es ist wahr; h Tochter hat recht. Was ist chr nur heute? Diesen Laut der stampsen- « und schnaubenden Tiere hat sie doch viel tausendmal gehört, und jetzt Flft er ihr so ans Herz?
Sie Stunden gehen feurig über den Berg. Die Scheithauer-Beronika -> ihre Tochter schütten ein Mäßlein Himbeeren nach dem andern in ** Eimer, der sich immer mehr mit den tiefroten Früchten füllt. Die & ne steht steil überm Gebirge. Unzählige Blutstropfen hängen süß ® rauschig duftend im Laub. Hundert Eimer stehen mit roten Beeren k-füllt an der Berglehne. Ueberall, vom Tale herauf bis zum Grat, liegen sich dunkle Gestalten zwischen den Stauden und alle zapsen
Berge sein warmes rotes Blut ab.
r Da sährt die Veronika wieder auf, voller Schrecken, deutet mit aus= redtem Arme ins Tal üdd ruft ihre Tochter ängstlich an: „Lus, t ni, lus! Läuten tun sie!" „Ja freilich, Mutter!" fügt die Anna ver- 1 dert. „Freilich läuten sie, weil Mittag ist!" Aber die Mutter läßt $ nicht beruhigen, und mit keuchendem Atem ruft sie: „Nein! Nein! i-rall läuten sie, horch nur, und ganz wild!" Und plötzlich werden ihre ■i*n weiß und starr, und sie schreit: „Ärieg ist!"
3ann wird sie ganz matt und schlaff und fetzt sich, während ihre ter herzueilt, auf einen tischgroßen Ahornstumpf, der silberfarbig il morsch noch an den mächtigen Wald mahnt, der vorzeiten an dieser f-e stand. „Bist krank, Mutter?" fragt Anna besorgt, löst ihr bas udelbanb, nimmt ihr bas Beerenkrüglein ab unb kommt geschwind 5] einem Stück Brot und der Milch zurück. Aber die Mutter will ikis davon wissen. „Laß gut fein, Dirndl!" wehrt sie ab. „3d) muß 'tz heim. Horst du, wie sie Krieg läuten? Drüben, hinter den Bergen, "5en sie auch schon. Lus, wie es wuwert unb kracht! Die Reiter
"uch schon gekommen, Krieg einsagen. Jetzt werden sie gleich die biiir in die Schmiede bringen zum Beschlagen. Morgen müssen sie 'kiarschieren! Hernach tun sie singen, unb die Weiberleut plärren. Ja, 'idl, bas merkst bin Die Mannsbilder fingen, und tue Weiberleut ’-n meinen!"
. -ein, die Mutter will keinen Schluck Milch trinken und keinen Bissen essen, wie sehr ihr Anna auch zusetzt: „Komm, Dirndl, und tummel
J Der (Sangeri, dein Cater halt, steht drunten in der Schmiede unb ,1 Gösser beschlagen. Lauter Rösser bringen sie, alle soll er beschlagen.
1 l°n er denn fertig werden, der arme Bursch? Unb morgen muß er Zucken, er ist doch Schwalangscher. Eine Mutier hat er ja nimmer, ! Hw seine Sachen Herrichten könnt, unb die Schmiedin, o mein, ■ n2m. die kümmert sich um den Gesellen nicht; unb außerdem hat
Mb er keine Zeit! Morgen muß er in ben Krieg, mein herzlieber Flflang, unb hat kein frischgewaschenes Hemd und keine sauberen L:,er Anna ist so angst und weh ums Herz, daß sie sich kaum zu weiß. Die Mutier redet irr! Ach, wenn sie nur nicht stirbt! Sie . » niemanden auf der weiten Welt als ihre Mutter, keinen Vater, ! E* Geschwister! Immer wieder wischt sie der Fiebernden die großen Im ^rapfen von der Stirn. . .......
.«/M herein, Gangerl auf ein Stündchen in meine Kammer! flüstert i 'nika und lächelt matt. „Es wird schon wieder licht draußen. Bist
fertig mit ben Rössern? Komm, deine Sachen sind schon gerichtet. Du mußt ja fort, heui noch, in den Krieg! Geh herein zu mit!"
Müde und willenlos läßt sich die Mutter von ihrer Tochter in den Waldschatten führen. Anna läuft zu dem kleinen Bache, schwingt ihr weißes Kopftuch darin aus und legt es der Mutter, die schon eingeschlafen ist, um Stirn unb Schläfen. Dann setzt sie sich still zu ihr unb betet ein Vaterunser. Es ist nur bie Hitze, benkt sie, die fürchterliche Hitze. Da sie merkt, baß die Mutter ruhig atmet, fängt sie wieder an, Himbeeren in ihr Blechgefäß zu zupfen.
Nach einer Stunde richtet sich auch ihre Mutter wieder auf. Sie ist noch etwas benommen, aber sie lebt wieder im heutigen Tage. „Hab ich geschlafen, Nanni?" meint sie. ,Hch hab wohl auch dummes Zeug dahergeredet. Es ist halt auch gar zu heiß, und die Hände sind ganz rot, wie von lauter Blut, ja Dirndl, da ist halt die Zeit von vor zwanzig Jahren wieder mächtig geworden, wie ich so alt war, wie du jetzt bist. Wolfgang Schöberl hat er geheißen, und ein Schmiedgesell ist er gewesen, und alleweil lustig, und so gut schop! Heiraten haben wir halt nimmer können, weil er gleich am ersten Tag hat ausrüden müssen. Wie er ein paar Wochen in Frankreich drin gewesen ist, da ist er halt gefallen, der Wolfgang, was dein Vater ist. — Laß das Brocken jetzt fein, ich bin auch matt, und morgen geht's ans Einfahren. Nur für die Geißen wollen wir noch einen Korb Futter Herrichten." Dann schneiden die beiden Frauen leergepflückte Himbeerstauben ab und allerlei wuchernde Kräuter, die sie zusammenbinden und auf ihre Tragkörbe schnüren. Dann hucken sie die Lasten auf den Rücken, nehmen die Eimer in die Hand und schreiten stumm unb nachdenklich die steile Halde hinunter. Ringsum steigen die Gewitterwuchten an unb rollen von allen Seiten her ins Gebirge.
Gedenktag.
Von Rubolf G. Binbing.
Völker rufen euch, ihr stillen Heere.
Aus ben Gräbern, von dem Grunb der Meere werdet ihr von neuem aufgeboten.
Viel Gedächtnis, euch zu Dienst errichtet, euch beschwörend, bannet unb verpflichtet taufend Taufend euch, Armeen der Toten!
Ihr Lebendigen, Leichten! Die mit Leibern heim wohl kamen an den Herd, zu Weiber" Seid ihr sicher eurer hellen Ufer?
Die ihr Tote ruft unb Tote wehret, bie ihr so verflucht unb so verehret: Ihr seid die (Berufenen, wir die Rufer.
Wo wir liegen hält es euch noch immer. Unentronnen feib ihr unferm Schimmer. Unentbunben seid ihr unserem Bunbe. Wer nicht mit uns starb ist ausgespien wie aus lauem Munde, azisgeliehen rfn des Lebens kleinen Tag unb Stunde.
Keiner kam zurück! Die Heimaesanbten sind gewandelt: uns zu tiefft Verwandte, die sich über gleichem Zeichen fassen. Denn die Pforte unseres Heiligtümer, unserer Wandlung, unseres Todesruhmes hat nicht Ungewandelte entlassen.
Briefe aus dem Weltkrieg.
Im Verlag Albert Langen und Georg Müller in München hat Rudolf Hoffmann unter dem Titel „Der Deutsche Soldat" Briese deutscher Frontkämpfer herausgegeben, die bas kostbarste Vermächtnis der für ihr Volk gefallenen Helden an die Jugend der Nation sind.
Albert Mayer, gefallen am 2. August 1914 bei Jonchery, der erste Tote des Weltkrieges.
Mülhausen i. E., 31. Juli 1914.
Um mich her ist alles stille, unb ich habe so recht Zeit, an Euch unb alle zu denken. Es hat doch etwas unheimlich Begeisterndes an sich, diese Mobilisierung. Genau zur Sekunde marschierten die Patrouillen ab, kein Schuh, keine Patrone fehlte, alles, alles war in Ordnung. Wenn uns der Gegner bas uachmacht, bann haben wir einen schweren Stanb.
Von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens muh ich nun hier sitzen. Es ist bie vierte Nacht, in ber ich bas gleichmäßige Klappern bes Telegraphen, bas langweilige Klingeln des Telephons höre. Dauernb, ftunbenlang, bis der Morgen kommt. Und doch, alle Fäden laufen bei mir zusammen, die ganze Sage überschaue ich, bie ganzen Befehle, alles, alles kommt zu mir, und ich verteile es bann.
Vielleicht erreicht Euch dieser Brief nie, vielleicht bald, vielleicht, wenn ich schon und mein Regiment an Orten sind, wo keine Menschenmacht uns mehr zurückholt. Nicht, daß ich pessimistisch wäre, aber ich glaube, ein gewisses Gefühl der Vorsicht wohnt doch jetzt in jedem, — ich wünsche Euch allen ein recht herzliches Lebewohl. Meine Brüder hoste ich als Soldaten wiederzusehen. Seid Ihr nicht stolz, daß Ihr drei Söhne habt, die für bas Vaterland kämpfen?
Karl Heinrich Steffens, gefallen am 6. April 1916 bei St. Cloi, Flandern.
Flensburg, 16. August 1914.
Wer niemals den Ernst, den bitteren Ernst bes Daseins empfand, und wiederum nie in seinem Glück alles um sich vergaß unb sich als ben M-nschen bünrte, ber hat nimmer gelebt!--Unb das Bewußtsein
dieser Wahrheit läßt mich so froh sein über unsere Zeit, unsere große


