politische Hand der vergangenen Generation erworben. Cs gab durch einen Krieg nur zu verlieren, durch den Frieden nur zu gewinnen. Aber die Zeichen der Zeit wollten verstanden sein. Nichtswürdig die Nation, die, von feindlichen Massen umgeben, im Genuß eines trügerischen Friedens ahnungslos dem Verderben entgegentrcibt.

Wer ahnte um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, daß Deutsch­land 1913 mit 12,5 Milliarden Ein- und Aussuhr als zweitgrößte Handels­macht der Welt nur um 4,5 Milliarden hinter Großbritannien zurückstehen würde, während die Vereinigten Staaten van Amerika als dritte erst mit 10 Milliarden folgend? 1871 zählte das neue Deutsche Reich bismarckischer Prägung 41 Millionen Einwohner. Bald wurden die deutschen Grenzen zu eng. In den solgenden Jahrzehnten gaben wir im Jahresdurchschnitt 200 000 vollkrästige Menschen als Auswanderer ab. Aber das märchen- haste Tempo unserer Industrialisierung und unserer handelspolitischen Entwicklung überholte den Zuwachs an Geburten mit mächtigen Schritten. 1914 umschlossen die deutschen Grenzen 68 Millionen. Die Auswanderung war seit der Wende des Jahrhunderts auf den Jahresdurchschnitt von 22 000 Köpsen zurückgegangen. Sie siel nicht mehr ins Gewicht.

Rur zögernd und mit unsicher tastenden Schritten betrat Deutschland den Weg der Kolonialpolitik, der ihm durch seine Industrialisierung und seine Entwicklung zum Welthandelsvolk vorgeschrieben war. Als Bestreben galt, niemanden zu reizest und niemandes Groll zu erregen. Kennzeichnend für Deutschlands Zurückhaltung und für die Hauptbewertung unserer Stel­lung auf dem Festlande ist der unter Caprivis Kanzlerschaft abgeschlossene Vertrag, der die Insel Sansibar in Ostafrika gegen das kleine Felseneiland Helgoland in der Nordsee eintauschte.

Während England und Frankreich dabei waren, die herrenlosen Gebiete der Welt untereinander zu verteilen, gab Deutschland sich mit Geringem zufrieden. Das Tempo unserer Kolonialpolitik blieb weit hinter dem unserer wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Als wir uns endlich besannen und uns zu einem aktiveren Vorgehen entschlossen, war die Welt bereits aus­geteilt.

Der Schutz unseres Handelns ersorderte nach den politischen Grund­sätzen, denen alle Mächte gehorchten, eine starke Kriegsflotte. Die Flotte machte England zu unferm erbittertsten Gegner, weil sie der stärkste und sichtbarste Ausdruck unserer rasch fortschreitenden Handelsentwicklung war.

England fühlte sich bei seiner eigenen schwachen Wehrmacht und bei seiner besonderen geographischen Lage durch den deutschen Flottenbau ohne Zweifel in seinem Lebensinteresse bedroht. Cs glaubte sich nur so lange in Sicherheit, als es die unbedingte Herrschaft über die See inne­hatte. Es gehört zur Tradition der englischen Politik, daß dieser Grund­satz sich gegen jede fremde Macht richtet, die Englands Stellung als Be­herrscherin der Meere bedroht.

Am 28. Juni 1914 krachen in den Straßen von Serajewo, der bos­nischen Hauptstadt, die Reoolverschüsse, die ein serbischer Student abae- seuert. Der österreichisch-ungarische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdi­nand, und seine Gemahlin, sind die Opser.

Das Echo dieser Schüsse schallt über Europa und bringt den ganzen Erdteil zum Erzittern.

Woher der Haß gegen den Erzherzog?

Serbien, von der Idee des Nationalstaats erfüllt, die das neunzehnte Jahrhundert kennzeichnet, wartete mit Ungeduld auf den Tod des alten Kaisers Franz Joseph. Alle Welt wußte, daß in erster Linie feine ehr- surchtgebietende Person die auseinanderstrebenden Teile der Donau­monarchie ancinanderband. Auch Franz Ferdinand, der Thronfolger, war davon durchdrungen. Sein Streben ging dahin, durch innere Re­formen und Zugeständnisse an die mannigfachen Nationalitäten inner­halb der Monarchie einen bindenden Ersatz für die Gestalt Franz Josephs zu finden. Er machte sich anheischig, die seindlichen Glieder einander zu versöhnen und Neues zu schassen.

Wo aber blieb dann die Erfüllung der großserbischen Pläne? Sie konnte allein durch die Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns herbeige- sührt werden Nein, dieser Thronsolger stand Serbien im Wege er mußte verschwinden.

Am 4. Juli sendet der bedauernswerte alte Kaiser, der so viel Unglück in feinem Haufe sah, ein Handschreiben an seinen kaisersichen Verbün­deten in Berlin und erklärt darin, daß Oesterreich-Ungarn nun der hem­mungslosen serbisch-russischen Agitation auf dem Balkan nicht mehr untätig zuschauen könne. Das Verbrechen von Serajewo verlange nach Sühne.

Kaiser Wilhelm bringt in seiner Antwort zum Ausdruck, daß auch er die Lage für ernst halte. Gleichwohl begibt er sich aus die gewohnte Nordlandreise. Auch die amtlichen Stellen der deutschen Politik halten sich in den ersten Tagen noch zurück. Man glaubt noch nicht an die Wahr­scheinlichkeit einer kriegerischen Verwicklung und verläßt sich auf die Arbeit der Diplomatie. Als sich aber die unmittelbar drohende Kriegs- gesahr immer deutlicher abzeichnet, setzt eine energische deutsche Friedens­politik ein.

Am 22. Juli gibt der österreichische Botschafter in Berlin der deutschen Regierung Kenntnis von dem Text des Sühne-Ultimatums, das bereits von Wien aus unterwegs nach Belgrad ist. Der Reichskanzler sindet den Inhalt ziemlich schars und drückt sein Befremden aus, daß man ihn nicht vorher zu Rate gezogen hat.

Das Ultimatum, am 23. Juli in Belgrad Überreicht, fordert eine Er­klärung der serbischen Regierung, daß sie die großserbische Propaganda verurteile und in Zukunft beftrasen werde. Eine Untersuchung gegen die Geheimorganisation der Mörder, die berüchtigteNarodna Obrana", soll auf serbischem Boden unter Mitwirkung österreichischer Beamten stati- finden. Das Ultimatum ist mit zwei Tagen befristet.

Am nächsten Tage wendet sich Serbien an Rußland und erklärt in Petersburg, daß es den Ratfchlägen folgen werde, die man ihm dort gebe. Abermals einen Tag später antwortet die serbische Regierung der österreichischen. Die Antwort nimmt in wesentlichen Punkten die Wiener Forderungen nn. In anderen Punkten ist sie ausweichend und hin­haltend abgefaßt. Ihre Bestimmung ist, die Entscheidung noch wenige

Im aufsteigenden Gewitter.

Von Johannes Linke.

Veronika Scheithauer brockt mit ihrer Tochter Himbeeren am steilen Hange.

Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel und schüttet ihre Feuer­güsse über Täler und Berge. Im Grunde haben sie das Korn vor ein paar Tagen geschnitten, und nun stehen die ströhernen Zelte allenthalben in langen Reihen auf den Stoppelfeldern, Hie und da zieht schon wieder ein Pstug feine braune Spur durch das Land, das eben noch Halme trug, uni> wendet einen Streifen zwischen den Kornpuppen, damit der Bauer in den nächsten Tagen seine Stoppelrüben aussäen kann, die bis zum Herbst noch dick und saftig werden sollen. Ja, hier im Gebirg ist's karg: da wird dem Boden ebensowenig Ruhe vergönnt wie den Leuten, die sich jahraus jahrein rühren müssen und nur zwischen Weihnacht und Lichtmeß einen Winterfchlas halfen.

Morgen geht es ans Einfahren, aber heute steht das Getreide noch ausgebündelt, damit die Körner das letzte Tröpflein Saft ausschwitzen und trocken werden wie Staub und Stein. Morgen mutz eine jede Hand

Tage hintanzuhatten. Rußland braucht Zelt, um sich mff seinen großen Verbündeten ins Benehmen zu fetzen. .

Durch die Drähte zwischen Berlin, London, Paris, Petersburg, Wien und Rom jagen die Depeschen.Lokalisierung" des Konflikts oder nicht?

England und Deutschland sind gemeinsam darum bemüht. Rußland und England fordern, daß Oesterreich die Laufzeit des Ultimatums um zwei Tage verlängert. Deutschland befürwortet diesen Vorschlag in Wien. Die deutsche Regierung spricht deutliche Worte in Wien und erklärt, Deutschland sei nicht bereit, durch Mißachtung seiner Ratschläge sich in einen unabsehbaren Weltenbrand hineinziehen zu lassen. Berlin fordert, daß Wien sich unmittelbar mit Petersburg auseinandersetze.

Der dringende Appell kommt zu spät. .

Die im Dunkeln wirkenden Mächte, die in Petersburg das Heft in der Hand haben, arbeiten schneller. Des russischen Beistandes sicher^ hat Serbien schon vor der Uebereichung seiner Antwort an Oesterreich die Mobilmachung feiner gesamten Armee angeordnet. Der österreichische Gesandte verlangt seine Pässe und verläßt noch am 25 Juli Belgrad. Als Antwort auf die serbische Mobilmachung befiehlt Kaiser Franz Jo­seph am Abend des 25. Juli die Mobilisierung einiger Armeekorps gegen (Serbien.

Rußland, offiziell immer noch bemüht, mit England und Deutschland zusammen den Konflikt zu lokalifieren, hat insgeheim und tatsächlich diese Rolle längst aufgegeben. Während die diplomatischen Verhandlungen noch im Gange sind, ordnet der Zar in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli schon den Beginn derKriegsvorbereitungsperiode" an, 6ne in Wahrheit schon einen Teil der Mobilmachung selbst bedeutet.

Kaiser Wilhelm, immer noch auf der Nordlandreise, steht im Tele­grammwechsel mit dem Zaren, dessen Worte von Versicherungen der Friedensliebe voll sind, obwohl er schon seinen Namen unter Sehnst- stücke gesetzt hat, die den Krieg saft unvermeidlich machen.

Oesterreich, durch die serbische Mobilmachung und durch das Aus­bleiben einer Vermittlung zum Handeln getrieben, erklärt am 28. Juli Serbien den Krieg. Auch jetzt noch hütet es sich Irgendwelche Handlung zu begehen, die als Feindseligkeit gegenüber Rußland gedeutet werden könnte. Eine allerletzte Möglichkeit zurLokalisierung" besteht immer noch wenn Ruhland will.

Ruhland will n i ch t. Am 29. Juli antwortet es mit der Kriegsbereit- mochung feiner Korps in den Bezirken von Odessa, Kiew, Moskau und Kasan. Dreizehn Korps marschieren gegen Oesterreich auf.

Nun spricht Wien notgedrungen die Gesamtmobilmachung seiner Truppen aus. _ m

Kaiser Wilhelm beschwört den Zaren abermals, die russischen Vor­bereitungen einzustellen. Während der Zar ausweichend antwortet, er­zwingt in Petersburg feine Umgebung von ihm die Mobilisierung aller russischen Streitkräfte. Man will Deutschland einen Zeitvorsprung ab- jagen.

Jetzt ist die Katastrophe fast unabwendbar. Man kann nur noch einen letzten Versuch machen, sie aus den Osten und den Süden zu beschränken. Alles hängt von der Haltung Englands und Frankreichs ab.

Aber die Rollen sind allzulange und allzugründlich vorbereitet. Es gibt kein Einhalten mehr. England erklärt in Paris, daß es die Ab­machungen von 1912 innehalten wird. Das heißt, es wird in einem deutsch-französischen Konslikt auf Frankreichs Seite stehn. Die französische Regierung, aller Sorgen entledigt, sagt dem deutschen Botschaster in Paris klipp und klar, daß Frankreich bei einem Konflikt zwischen Ruß­land, Oesterreich und Deutschland keine Neutralität zusichern könne und dah seine Handlungen nur von seinen eigenen Interessen bestimmt sein würden. Ohne weitere Erklärung wird bie Mobilmachung der gesamten französischen Streitkräfte besohlen. Vorbereitungen dazu sind schon seit Tagen im Gange.

Es ist der 1. August 1914.

Noch einmal läßt Deutschland in London anfragen, ob England sich neutral verhalten wolle, wenn Deutschand garantiere, die Neutralität Belgiens zu achten und Frankreich einschließlich seiner Kolonien beim späteren Friedensschluh unversehrt zu lassen. London sagt lakonisch, es werde sich freie Hand wahren. In Wirklichkeit waren Englands Hände an Frankreich und Rußland gebunden.

Am Tage vorher hat der deutsche Kaiser denZustand drohender Kriegsgefahr" verkündet. Nun, am 1. August, flattert der Mobilmachungs­befehl über das Reich. Gleichzeitig mit ihm ergebt die Kriegserklärung an Rußland. Die übertriebene formale Gewissenhaftigkeit der deutschen Regierung geht soweit, am 3. August auch Frankreich die Kriegserklä­rung zuzustellen.

Die Schüsse, die den Wassengang einleiten, sind indessen schon an allen Grenzen gefallen.