Ausgabe 
1.8.1938
 
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GietzeimZaiiiilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1958 Montags -en j. August Nummer 59

Ausbruch.

Von Rudolf ®. 3$ i n b i n g*.

Dreimal heilig sprang der Krieg aus den Herzen der Völler. Dreimal heilig ergriffen alle die Waffen

Aus einem Meer von Kraft ritz sich Begeisterung wie die Sonne aus heilgem Meere des Ostens: Reiner Seele junges Gestirn überstrahlte die Welt. Aber die Völker entweihten dies alles im Irren der Sinne, alle betört von Haß, vergiftet von Habgier, alle verblendet in Dünkel und alle betäubt von der Lüge.

Ihr aber, unsterbliche Sterne, werdet es nimmer vergessen: daß er kam als ein Mahner an Größe und Freiheit, daß er kam gleich einer heiligen Flamme, daß uralte Sehnsucht in Tiefen sich adlerhaft regte, daß er uns vorwärts riß in die Säle unbekannter Befreiung, daß wir vor Lust am Leben beinahe vergingen, daß wir stille waren in unseren Herzen und fromm und vertrauend, daß wir nicht mehr zu warten brauchten auf Rufer und Seher, ''och auf Antwort dunkeler Ovakel noch auf Befehle. ~)enn wie ein Gott stand er in uns auf, und alles erfüllte sich durch den Gott und muhte sich also erfüllen.

^)ie Schüsse von Serajewo.

Von Werner Beumelburg.

In diesen ersten Augusttagen geht unsere Erinnerung zu- -ück auf jene Kette von verhängnisvollen Ereignissen zwischen Krieg und Frieden des Hochsommers 1914. In Werner Beumel- burgs BuchSperrfeuer um Deutschland" hat der Weltkrieg eine großartige und tiefergreifende Darstellung ge­funden. Mit Genehmigung des Gerhard Stalling Verlages i. 0. veröffentlichen wir aus dem bereits im 260 000. vorliegenden Werk das nachfolgende Kapitel, das die Vorgeschichte des großen Krieges packend erzählt.

Im Herbst 1912 hebt der russische Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, al# Vertreter des Zarenreiches an den großen französischen Manövern tekknehmend, beim Abschiedsdiner sein Glas, gefüllt mit schäumendem Champagner, und ruft unter dem begeisterten Beifall der französischen Offiziere:Ich trinke auf unsere gemeinsamen Siege in der Zukunft! Auf Wiedersehn in Berlin, messieurs!"

Rußland hat seine Vorbereitungen für den Krieg noch keineswegs beendet. Es bedeutet eine stete Sorge der französischen Politik und des französischen Generalstabes, die Verwertung der an Rußland gegebenen Milliardenanleihen im Sinne der Beschleunigung eines russischen Auf­marsches gegen die Mittelmächte zu überwachen. Neue Anleihen stehen bevor. Die Eisenbahnoerhältnisse im polnischen Aufmarschgebiet verlangen dringend Verbesserung.

Im Dezember des gleichen Jahres tagt in London die große Balkan­konferenz der Mächte. Es gilt, den Krieg zu liquidieren, den der Balkan­bund auf Rußlands Geheiß gegen die Türkei vom Zaune gebrochen. Mö­gen Deutschland und Oesterreich sich auch sträuben, die Türkei verschwindet bis auf einen unbedeutenden Zipfel aus Europa. Ein selbständiges Alba­nien entsteht, dem Protest der Balkanstaaten zum Trotz, die auch noch dieses Land unter sich aufteilen möchten.

Unter stärkstem Druck versuchen die Großmächte die lüsternen Sieger zu zähmen. Da bricht zwischen den beiden größten von ihnen, Serbien und Bulgarien, der Hader um die Beute aus. Schon schlagen sie aufeinander ein. Griechenland ergreift Partei für Serbien. Rumänien, bisher abseits stehend, beeilt sich, Bulgarien in den Rücken zu fallen und sich ein gutes Stück seines Landes anzueignen. Bulgarien, das die Hauptlast des türki­schen Feldzuges getragen, erliegt dem Kesseltreiben. Verstümmelt und ge­schwächt geht es aus dem ungleichen Kampf hervor. Serbien ist der Nutz­nießer seines Unglücks.

Die Stunde rückt näher, in der die großserbischen Träume reifen. Ruß­land hat während des Balkankrieges und während der Londoner Konferenz gut sekundiert.

Noch bevor man in London sich heiß und vergeblich bemüht, den Balkan zu ordnen, setzen im September des Jahres 1912 nach eingehenden und jahrelangen Besprechungen die Vertreter der englischen und der franzö­sischen Admiralität ihre Unterschriften unter die englisch-französische Marine-Konvention. Ihre Bestimmung ist die Regelung des Zusammen­

* Die Werke Bindings sind in verschiedenen Ausgaben im Verlag Rütten & Loening in Potsdam erschienen.

wirkens der beiderseitigen Flotten im Falle eines Krieges mit Deutschland. England wird die ganze Nordsee einschließlich der französischen Nordküste unter seine Fittiche nehmen. Frankreich übernimmt das Mittelmeer, denn man weiß noch nicht mit Bestimmtheit, auf welche Seite Italien, das vertraglich immerhin ein Mitglied des mitteleuropäischen Dreibundes ist sich stellen wird.

Dies Abkommen, sehr bald durch Vereinbarungen über das Zusammen­wirken der Landheere ergänzt, hat seine besondere Geschichte. Im Februar des Jahres weilte Lord Haldane in Berlin, um mit dem deutschen Kaiser die Möglichkeit einer deutsch-englischen Flottenbau-Verständigung zu be­sprechen. Eine solche war naturgemäß nur durch den Verzicht auf einen Teil des deutschen Bauprogramms zu erreichen. Reichskanzler von Beth- mann Hollweg, von der Zweckmäßigkeit einer politischen Verständigung mit England angesichts der kriegerischen Vorbereitungen rings um die deutschen Grenzen überzeugt, war zum Entgegenkommen/bereit Selbst­verständlich verlangte man von den Briten als Gegenleistung die Zu­sicherung ihrer Neutralität für den Fall, daß Deutschland aus dem Fest­lande angegriffen werde.

Lord Haldane, der persönlich wohl mit Bethmanns Vorschlägen ein­verstanden war, wurde von seiner Regierung zurückgezogen. England lehnte die Verständigung ab und berief sich darauf, daß ein solches Ver­sprechen Englands Freundschaft mit anderen Mächten beeinträchtigen könne.

England will die Verständigung mit Deutschland wohl, wenn Deutsch­land einseitig Opfer dafür bringt und seine Flotte reduziert. Es will sie nicht, wenn es selbst dadurch zu einer klaren Stellungnahme gezwungen wird. Es hat im Gegenteil nichts Eiligeres zu tun, als feinen schon lange bestehenden engen Beziehungen mit Frankreich durch die Marine-Kon­vention und durch militärische Vereinbarungen einen eindeutigen, gegen die Mittelmächte gerichteten Charakter zu geben.

Rasch folgt eine Verständigung mit dem Zarenreich über die alten Differenzen der beiderseitigen Politik im nahen Asien. Sie ist das per­sönliche Werk König Eduards VII.

Das Jahr 1914 zieht herauf, mit ungeheuren und kaum noch erträg­lichen Spannungen geladen.

Rußland schließt mit Frankreich die letzte Milliardenanleihe ab. Sie gilt, wie offen zugegeben wird, für den Bau strategischer Bahnen gegen­über Oesterreich und Deutschland. Ein russischer Kronrat stellt im Februar einAktionsprogramm" aus. Der russische Außenminister Sasanow er­klärt vor diesem Kronrat, vielleicht müsse Rußland sich schon in naher Zeit seiner historischen Aufgabe unterziehen" und die Herrschaft über den Bosporus und die Dardanellen antreten. Es bestehe kein Zweifel, daß dieses Ziel nur durch einen europäischen Krieg erreicht werden könne.

Serbien besitzt schon Rußlands geheime Zusicherung, daß die öster­reichische Provinz Bosnien sein Eigentum werden solle. Man denkt auch in Rußland noch nicht daran, den Krieg gerade in diesem Jahre zu entfesseln. Obwohl die politischen . Vorbereitungen sozusagen abgeschlossen sind, fehlt auf militärischem Gebiet noch manches. Die letzte französische Anleihe ist noch nicht zur Auswirkung gelangt. Vielleicht ist von Frankreich auch noch mehr zu erwarten Rußland tut gut daran, sich noch einige Jahre von den Strapazen des vergangenen Jahrzehnts zu erholen und die unerschöpfliche Macht seiner lebendigen Kräfte ftrafser zu organisieren. Französische Helfer sind überall an der Arbeit.

Frankreich indessen hat das Höchstmaß seiner militärischen Friedens­anstrengungen fast erreicht. Getrieben von dem nimmer ruhenden Schrei nach Revanche, von einer verhetzten und durch den letzten marokkanischen Zwiespalt leidenschaftlich erregten Volksstimmung getragen, hat die Re­gierung sich von der Kammer mühelos die dreijährige Dienstpflicht gewäh­ren lassen. Ihre Auswirkungen werden bald voll in die Erscheinung treten. Man hat, um den Uebergang möglichst kurz zu gestalten, zwei Jahrgänge auf einmal einberufen. Seit mehreren Jahren ist die militärische Organi­sation der Kolonien so gefördert worden, daß im Kriegsfälle alsbald eine halbe Million Marokkaner und Senegalesen zusammengebracht werden kann, um sie gegen di« Mittelmächte zu verwenden.

827 000 europäische Franzosen zählt das Friedensheer von 1914. Das bedeutet eine Prozentzahl von 2,16 auf je hundert Einwohner. In Deutsch­land beträgt die gleiche Zahl 1,12, in Oesterreich nur 0,90. Die französische Mobilmachung sieht die Organisation einer Gesamtzahl von 3 781 000 kampfbereiten Soldaten vor. In Deutschland sind es ihrer 3822 000, ob­wohl das Deutsche Reich saft 30 Millionen Einwohner mehr zählt. Aus den Kopf der franchsifchen Bevölkerung fallen im Friedensetat von 1914 33 Mark für militärische Ausgaben, in Deutschland 20 Mark. Nicht ein­gerechnet sind die Milliardensummen, die an Rußland gegeben wurden.

Deutschland lebte im Frieden seiner Arbeit und seines Wohlstandes, den es, gestützt auf seinen Fleiß, seine Begabung und auf die glückliche