Ausgabe 
1.7.1938
 
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Schein In die Nächte werfen, von den lärmenden Essen und den dampfen­den Schloten, die sich von der schönen Stadt Düsseldorf gegen Essen, Bochum und Dortmund hin in dichtem Gewebe aneinanderreihen.

Sie hatten mir lange zugehört. Als ich aufstand, um ins Bett zu gehen, denn es war spät geworden, sagte einer:A, que rio! und ein andererQue tierra.Was für ein Strom!",Was für ein Land!"

Abenteuer mit fünf Löwen.

Von Herbert F. Schidlowfky.

wachsamen Augen der Geier, die mit ausgebreiteten Riesen­schwingen schon seit dem ersten Morgengrauen hoch im wolkenlosen Rund des Tropenhimmels kreisten, wäre es wohl nur als ein win­ziges Pünktchen erschienen, das sich langsam, eine lange rötliche Staub­schleppe hinter sich herziehend, über das flache Steppenland nordwärts bewegte. Und doch war dieses winzige Etwas in Wirklichkeit ein großer achtzigpferdiger Kraftwagen der Distriktsverwaltung Aruscha, in dem zwei Männer saßen, Thomas Hill und Fred Duncan: zwei Männer mit staubbedeckten Tropenhelmen über den hageren und verschwitzten Ge­lichtern, auf denen der wochenlange strapazenreiche Dienstaufenthalt in der weltverlorensten zentralafrikanischen Wildnis deutlich genug zu lesen stand.

Duncan saß am Steuer des Wagens, während Hill an feiner Seite mit nickendem Kopf in den Polstern lehnte und vernehmlich schnarchte was übrigens (ein gutes Recht war: denn in zwei, drei Stunden würden die beiden einander ablösen dann mußte Hill den Wagen steuern, und Duncan durfte schlafen. So fuhren sie schon seit Tagen über die endlose, sonnendurchglühte Massaisteppe nach Norden, und immer noch waren es reichliche hundert Kilometer bis Aruscha, das ihr Ziel war.

Der Wagen rüttelte und ächzte in allen Federn und Fugen: sie kamen nur im Schneckentempo vorwärts, denn zentralafrikanische Land­straßen sind alles andere als unsere deutschen Reichsautobahnen, und dieser Steppenweg schien wahrhaftig nur aus Staub, Steingeröll und Schlaglöchern zu bestehen. Man mußte ganz höllisch aufpassen, wenn man keinen Federbruch oder Schlimmeres riskieren wollte. Angespannt starrte Duncan aus rotgeränderten Augen geradeaus, während der Schweiß in kleinen Rinnsalen über sein Gesicht floß. Es war trotz der noch frühen Morgenstunde entsetzlich heiß; seit Monaten war kein Tropfen Regen gefallen, alles ringsum lag staubtrocken, verdorrt und wie ausgebrannt. Es war das übliche Bild der Trockenheit, das die Landschaft bot ein trostloses, häßliches Bild, das in Duncans Innern eine Art verzweifelter und ingrimmiger Sehnsucht nach einem schattigen Liegestuhl, einem eisgekühlten Whisky und einer Badewanne voll köstlich kalten klaren Wassers wachrief. Verdammt, und immer noch hundert Kilometer bis Aruscha!

In der Ferne tauchte eine Straußenherde auf es wirkte seltsam, man sah eigentlich nur eine Reihe dunkler Flecke, die am flachen Hori­zont freischwebend auf und ab zu tanzen schienen, da die hitzeflimmernde und völlig trockene Luft alle Einzelheiten auflöste und verwischte. Ein wenig weiter hatten sich im spärlichen Schatten einer Akaziengruppe einige Gnus niedergetan, die nun vor dem langsam heranschaukelnden Gefährt in plumpen schwerfälligen Fluchten Reißaus nahmen. Dann war die Grassteppe zu Ende, der Fahrweg führte in lichten Miombo- wald, der ganz allmählich in dichten dornigen Busch überging.

Plötzlich trat Duncan hart auf die Fußbremse. Das Auto hielt knir­schend und kreischend. So heftig war der Ruck, daß der friedlich schla­fende Hill vornüberkippte und ziemlich heftig mit dem Schädel gegen die Windschutzscheibe prallte.

Was ist los, zum Donnerwetter?'Warum halten wir?" fragte er benommen.

Straßensperre!" erwiderte Duncan lakonisch und wies mit vorsich­tiger Armbewegung nach vorn.

Gähnend richtete sich Hill auf. Doch schon ein einziger kurzer Blick genügte, um sein verschlafenes Gesicht einen anderen Ausdruck an­nehmen zu.lassen.

Unten in der kleinen Talsenke, in die der Weg in sanftem Abfall hmabfuhrte, stand eine Gruppe von fünf Löwen. Anscheinend handelte es sich um eine vollzählige Löwenfamilie, die irgendwo im Gestrüpp geschlafen hatte und nun durch das Rattern des Automotors aufge­scheucht worden war. Ganz vorn, die Flanke breit dem Wagen zuge- wandt, stand ein großer, auffallend hellgefärbter Mähnenlöwe, ihm zur Sette, halbschräg, eine ebenfalls recht stattliche Löwin, während die übrigen drei Tiere halbwüchsige Junge waren. Unbeweglich, wie er­starrt, sicherte die ganze Gesellschaft gegen die Männer hin.

Langsam und vorsichtig, Zoll um Zoll, ließ sich Hill wieder auf Sitz zurücksinken. Er hatte lange genug in Afrika gelebt um ^'cht sofort uitt> klar zu erkennen, daß es eine ziemlich brenzliche Situa- tlon war, in die sie da plötzlich und unvermutet geraten waren. Denn m?. Paarungszeit, in der man besser daran tat, den Löwen nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen, da sie dann unberechenbar und bösartig sind ...

Ob er nicht lieber die Gewehre heroorholen solle, flüsterte er seinem Kameraden zu, der stumm hinter dem Steuer saß und sich nicht zu regen wagte. 1 ' ' a

Nein, das ist jetzt viel zu gefährlich ..." Duncan sprach leise und abgerissen, fast ohne die Lippen zu bewegen:Außerdem ist Schießen hier streng verboten: Schongebiet! Wir wollen abwarten. Vielleicht ver= Ducken sie sich von selbst. Im schlimmsten Fall gebe ich Vollgas und fahre sie über den Haufen. Das ist nämlich nicht verboten "

Er hatte kaum ausgesprochen, als sich der vordere Löwe plötzlich in Awegung setzte und langsam, wie durch den Klang der menschlichen Stimme magnetisch angezogen, auf den Wagen zuzuschreiten begann.

Dle übrigen vier Tiere folgten ohne Zögern in kurzem Abstand. So kam das Rudel still und bedächtig, Schritt für Schritt, bis auf etwa fünf Meter heran. Dann machten sie halt. Sie standen nun so nah, daß die Männer im Auto deutlich den Ausdruck ihrer bernsteingelben, in klarstem Smaragdgrün phosphoreszierenden Lichter erkennen konnten: und wahrhaftig es war nicht allein Neugier in ihrem starren und wachsamen Blick, sondern auch Feindseligkeit, Angriffslust und Drohung!

Eine Mtziute verging. Es war eine endlos scheinende Minute voll erregender und erwartungsbanger Spannung, die den beiden Männern blanke Schweißtropfen über die bleichgewordenen Wangen rollen ließ. Die Löwen rührten sich nicht, Hill und Duncan rührten sich auch nicht. Nichts geschah. Weder Menschen noch Raubtiere gaben einen Laut von sich, nur der Motor des Autos klopfte verhalten im dumpfem, unerschüt­terlichem Takt.

Wieder machte der große Löwe einen Schritt in die Richtung des Wagens, einen kleinen, langsamen und bedächtigen Schritt bann einen zweiten, einen dritten ... Nun stand er dicht vor dem Kühler. Seine Lichter waren fest und unverwandt auf Duncan gerichtet, wie unschlüssig peitschte sein gelber Ouastenschweis gegen die sonderbar hellen, milchkaffeefarbenen Flanken.

So stand er und starrte, sonst nichts.

Plötzlich verlor Duncan die Nerven mit fahrig ruckweiser Hand­bewegung den Gang einschaltend, trat er mit aller Kraft auf den Gas­hebel, daß der starkmotorige Wagen jählings aussprang wie unter dem Stoß einer Riesenfaust ... Verblüfft drückten sich die Löwen seitwärts in die Büsche alles schien gut abzulaufen, das Auto gewann von Sekunde zu Sekunde an Fahrgeschwindigkeit, immer rascher und unauf­haltsamer schaukelte es die Senkung hinab ... Duncan atmete auf, schon glaubte er sich zu seinem Entschluß beglückwünschen zu dürfen, als etwas Unvorhergesehenes geschah.

Ja, plötzlich geschah etwas Unvorhergesehenes und Atemraubendes!

Aufbrüllend fuhr der große Mähnenlöwe herum und preschte hinter dem Wagen her. Wenige mächtige Sätze, bann hatte er ihn eingeholt. Nun duckte er sich und nun schoß er wie ein gelber Blitzstrahl durch die Luft ... Im nächsten Augenblick ließ ein schwerer Stoß den Wagen krachend und ächzend in die Federung schlagen? der Löwe war auf­gesprungen, das Auto hatte einen Insassen mehr!

Glücklicherweise hatte Duncan mittlerweile die Geschwindigkeit so weit zu steigern vermocht, daß der Löwe in dem wild schlingernden und rüttelnden Fahrzeug nur mühsam das Gleichgewicht bewahren konnte. Da hing er nun, mit allen Vieren krampfhaft in die Polsterung verkrallt, über dem Kosferstapel im hinteren Wagenteil und fauchte wie der leibhaftige Teufel ...

Duncan gab Gas, und während der Wagen mit seinem neuen Fahr­gast nun immer rascher und stürmischer durch die Löcher und Mulden des Buschweges vorroärtsrafte, duckten sich die beiden Männer atemlos und mit verzerrten Gesichtern tief in ihre Sitze. Beide waren sie von dem gleichen Gedanken beherrscht nur vorwärts, vorwärts um jeden Preis! Es gab für sie keine andere Möglichkeit Duncan mußte ver­suchen, den unheimlichen Passagier in der nächsten Kurve abzuwerfen ... Aber zu ihrem Unglück verlief der Weg fast schnurgerade und war zu beiden Seiten dicht mit dornigem Buschwerk umsäumt, das selbst für die 80 PS des Wagens so undurchdringlich schien wie eine meterdicke Mauer aus Stein.

Die Lage war somit alles andere als hoffnugsvoll jedes Hindernis auf dem Wege, jeder Federbruch, der bei der tollen und halsbrecherischen Fahrt fast unausbleiblich schien, mußte eine Katastrophe bedeuten!

Doch wie so oft in ähnlichen Augenblicken, sollte auch hier ein ein- Stgcr, ein Menschenhirn durchzuckender Gedanke die Rettung bringen! Thomas Hill war es, dem es ganz plötzlich einfiel, daß in einer der Wachstuchtaschen der Wagentüren ein kleinkalibriger Browning stecken mußte, der ihm schon oftmals unterwegs in den Eingeborenendörfern gute Dienst als Schreckfchußpiftole gegen die halbwilden Hunde geleistet hatte. Mit iahem Ruck riß er die Tasche auf gottlob die kleine Pistole war da! Wohl stellte sie unter gewöhnlichen Umständen einem ausge­wachsenen Löwen gegenüber kaum mehr als nur ein Spielzeug dar, doch immerhin es war eine Waffe in der Hand eines Mannes, der sie zu gebrauchen wußte ...

Einen Augenblick später hatte Hill sich herumgeworfen und angelegt. Er brauchte nicht zu zielen er hielt das winzige Schießeisen einfach mit gestrecktem Arm zwischen die blinkenden Zahnreihen des Raub- nerrachens und druckte ab: einmal, zweimal, dreimal .. Beim dritten Male gab es nur ein helles metallisches Klicken, das Magazin war leer.

In die grünlich schillernden Lichter des Löwen trat plötzlich ein seltsam starrer und abwesender Ausdruck es schien, als blickten sie angestrengt in eine weite, unergründliche Ferne. Sein Kops sank schlen­kernd herab, die gespreizten Krallen lösten sich langsam und ruckweise aus den Polstern. Dann fiel er polternd vornüber

Als Duncan ein Weilchen daraus den Wagen zum Stehen gebracht hatte, rührte sich der Löwe nicht mehr. Er war tot, beide 6,35-Milli- meter-Geschosse hatten die Gaumenplatte durchschlagen und das Gehirn erregt. So fest hatte er sich zwischen die Blechkosfer und Gepäckstücke tm- Wagenkasten verkeilt, daß es den beiden Männern unmöglich war, den schweren Körper von der Stelle zu bewegen. So ließen sie ihn denn kurzerhand liegen, wie er lag: das knochige Hinterteil in die Lust gereckt und hoch über dem Wagenrand hervorragend, den milchkaffeefarbenen Ouastenschweif im Fahrwind wie eine Fahne hinterherflatternd Alles weitere verlief ohne Zwischenfall, Stunden später konnten sie wohlbehalten mit ihrer Jagdbeute einen stolzen Einzug in Aruscha halten, roo igr Abenteuer eine volle Woche lang das Tagesgespräch bildete. . Aier Lust hat, kann den sonderbar hellfarbenen kapitalen Löwen in ausgestopftem Zustande in der Vorhalle des Distrikts-Verwaltungs­gebäudes von Aruscha bewundern das heißt natürlich, wenn in­zwischen nicht die Motten das Fell gefressen haben.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: BrühlschTÜniversitätsdruckerei A. Lange, GieH^