ASendlied.

Von Paul Gerhardt.

Nun ruhen alle Wälder,

Vieh, Menschen, Stadt' und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! Ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgesällt.

Wo bist du, Sonne, biteben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind: Fahr hin! Ein ander Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sternlein prangen Arn blauen Himmelssaal: So, so werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zu Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei.

Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Kijchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr!

Gott laß euch ruhig schlafen. Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar!

Gedanken an den ORtjein.

Von Otto Gmelin.

Mehr als irgendein Strom in der ganzen weiten Welt, mag er nach so großartig sein und noch so viele Schönheiten haben, ist uns Deutschen der Rheinstrom. Denn er ist uns ein Symbol und daher ein immer neues Erlebnis, so oft und so viel wir ihn auch sehen. Seine Landschaften sind überall einzia und reizvoll und doch überall anders, und seine Geschichte ist die deutsche Geschichte. .

Nie ist mir dieses deutlicher geworden, als damals, als tch in einem kleinen mexikanischen Städtchen, in einer Fonda, wo Eseltreiber und Farmer und andere braune Männer ihren Pulque tranken, ihre bunten Zara pes-Decken über den Schultern, von einem dieser Männer nach dem Rhein gefragt wurde. Mitten zwischen diesen fremben Menschen mit ihren schwarzen Augen und großen Hüten, in der tropischen Nacht, wo die Palmen in den südlichen St^nhimmel ragten, erstand vor mir bas Bild meiner Heimat, unb ich begann zu erzählen unb wurde lebhaft, o daß die dunklen Männer sich wunderten über den stillen Fremdling, der plötzlich so anders wurde, und ihm aufmerksam lauschten, wie wenn er ihnen Märchen erzählte. ., ..

Es war für mich kein Wunder, daß ich mich veränderte, denn ich sah im Geiste den Rhein vor mir, wie ich ihn in vielen frohen Stunden der Kindheit und der Jugend allein und mit Eltern und Freunden erlebt hatte, und ich wußte, daß dieser Strom unsere Liebe ist und wie lebe wahre Liebe auch unser Schicksal ist. Ich sah ihn wie ein Wahrzeichen für deutsches Mühen um sich selbst und um die Welt, für deutschen Geist und deutsche Art. v m

Ich dachte an den Jahrtausende währenden Kampf der Germanen und der Deutschen um diesen Strom. Ich dachte an die Macht der Romer, die hier ihre Lager hatten und Städte bauten. Ich dachte an bas befestig>e Lager am Taunus bei Homburg, die sog.Saalburg", bie mir heute be­sichtigen können, weil sie ausgegraben und wieberhergestellt rft, unb in deren Befestigungen wir deutlich fühlen, wie schwer der Römer es hatte,

seine Grenzen gegen die Germanen zu schützen. Ich dachte an die.rhel- nischen Städte, die aus römischen Lagern ober römischen Städten hervor­gegangen sind, an Mainz und Koblenz unb Köln, bas seinen Namen vo« Colonia hat, unb an Trier, bas alteAugusta Treverorum, bas eine der großen Weltstädte des späteren Römerreiches war unb Resibenz römi­scher Kaiser unb wo noch heute mitten in ber Stadt bas gewaltigste Römerbauwerk auf beutschem Boden, diePorta nigra steht, Unb bann dachte ich daran, bah die Römer schließlich in bem großen Kampfe gegen bie Germanen unterlegen waren, unb daß bann bas Frankenreich Karls bes Großen nach jahrhundertelangen Kämpfen entstanden war.

Aber von alledem konnte ich den braunen Mannern wenig erzählen- Ich berichtete ihnen lieber vomHeiligen Römischen Reich Deutscher Na­tion", von jenem ersten großen Ausschwung deutscher Herrschaft, die oft am Rhein ihre Stütze hatte und von ihm aus zeitweise die ganze be- lannte Welt beherrschte ober doch führte. Ich erzählte von den rheinischen Wahrzeichen deutscher Frömmigkeit, deutscher Kunst, deutschen Strebens und Lebens, van den Domen zu Köln und Mainz und den Münstern zu , Straßburg und Freiburg unb ganz besonders vom Speyrer Dom, in bem bie salischen Kaiser Heinrich III., Heinrich IV. unb Heinrich V. in ihren (eibenen Krönungsmänteln unb Grabkronen und noch anbere Herr­scher und Herrscherinnen deutscher großer Zeiten ruhen; ich erzählte aber auch von den räuberischen Horden, die diese Gruft ber beutschen Kaiser gesprengt unb bie heiligen Orte geschänbet unb geptünbert und die Kno­chen in Schutt zerstreut haben. Nicht weit davon liegt die alte Stadt Worms, die uns aus dem Nibelungenliede als die Residenz des Burgunder­königs Gunther bekannt ist. Unb bann erzählte ich von jenem paradie­sischen Stück Erde, das sich der Rheingau nennt. An seiner Pforte liegt in der Nähe ber Stelle, wo bie weiten Wasser bes Mains sich in bie noch weiteren des Rheins ergießen, basgolbene Mainz". Cs ist zugleich das Einfallstor bes westlichen Nachbars von jeher gewesen, weshalb auch die Stabt lange Festung war. In den Zeiten ber beutschen Ohnmacht, um bie Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts, wehte lange bie Trikolore ber Französischen Revolution, bie uns Freiheit und Gleichheit zu bringen oor- gab, über den Türmen der reichen Stabt. Aber von Mainz aus hat sich auch burch Gutenbergs Erfinbung der beweglichen Lettern deutscher Er­findergeist die Welt erobert.

Und dann erzählte ich, wie die Sonne über dem Rheingau leuchtet, wärmer als in allen anderen deutschen Gauen, wie auf den sanften Hü­geln von Worms bis Mainz und Bingen der köstlichste Wein reift. Aber freilich, da fehlten mir in der fremden spanischen Sprache die Worte, alles das zu sagen, was ich sagen wollte, und ich mußte reden so gut ich konnte und wußte doch, daß es nur ein Radebrechen war und das nicht schil­dern konnte, was ich vor mir schaute. Ich vergaß, daß mich ein Ozean von meiner Heimat trennte, unb ich erzählte nur noch mir selber unb sah unb hörte in mir, was ich liebte. Denn bort, im Rheingau begann ja auch bas, was wir den romantischen Rhein nennen. Ich sah bas alte Stäbtchen Eltville, wo meine Mutter geboren ist und als Kirch zwischen alten Mauern und Rebhügeln mit den Rheinkieseln gespielt hat, und Schloß Johannisberg auf der Höhe, wenn die rote Abendsonne sich in den Fenstern spiegelt. Ich suhr mit dem Rheindampfer zwischen den Schieferbergen mit ihren Rebenterrassen um die vielen Windungen des Stromes, wo er sich in viele Jahrtausende währender Arbeit durch das Gebirge gefressen hat. Ich sah, wie ich sie oft als Junge und Jüngling gesehen hatte, auf den Höhen die Burgen Ehrenfels und Rheinfels und Gutenfels unbKatz unb Maus" unbbie seinblichen Drüber" unb wie sie alle heißen unb sah bie alten Stäbtchen mit ihren Toren unb Türmen, Schieferdächern, Kirchen, Mauerresten an bie schmalen Ufer und in bis steilen Seitentäler gelegt; ich sah in ben Gärten bie Obstbäume blühen, unb srohe Menschen gingen in Sonntagskleidern an ben Uferpromenaben mit den beschnittenen Ähornbäumen. Ich fühlte den süßen Schauer des Loreleifelsens, wo der Strom ganz eng wird und einen düsteren Cha­rakter hat.

Ich saß mit jungen Freunden und Freundinnen auf den Terrassen am Rhein an milden Sommerabenden, in Riidesheim, wo von oben bie Germania bes Nieberwaldbenkmals grüßt ober bei Aßmannshausen ober weiter unten bei Honnef unb Königswinter unb Rolanbseck; bie Gläser klangen, ber Wein duftete auf der Zunge, und die Freunde fangen, unb draußen glitten die Schisse mit ihren vielen Lichtern vorüber, Musik tönte über den Strom, unb bie Lichter spiegelten sich in ben Wellen. Das Siebengebirge sah ich im Geist vor mir, durch bas ich so manches Mal in froher Gesellschaft gewandert war, und ich sah ben Drachenfels, ber sich mit unnachahmlichen Schwung so kühn aus bem Strom hebt, im Som­merhimmel stehen unb bie bebuschten.Jnseln Grafenwert unb Nonnen- n>ert. Unb bann stand ich im dämmernd bunten Schiff bes Domes int großen heiligen Köln", an bem so viele Jahrhunderte wechselnben beut- schen unb christlichen Lebens vorübergerauscht sinb. Und ich wanderte durch die engen Gassen dieser Stabt mit ihren vielen alten Kirchen und Häusern unb ihren stillen Winkeln, wo ganz bicht bei vergangenen Iahr- hunberten bas rasenbe Leben unserer Zeit seinen Gang geht, wo bie Autos unaufhörlich vorübersurren und bie Lichtreklamen abends zu Film­theater unb Vergnügungsstätten rufen.

Unb als ich bies sah, ba konnte ich auch wieder lebhafter unb besser und verständlicher zu meinen braunen, schwarzhaarigen Zuhörern spre­chen, denn ich konnte ihnen sagen, baß ber Rhein auch heute kein altes verstaubtes Museum einstigen beutschen Lebens ist, fonbern heute wie feit uralten Zeiten eine Verkehrsaber und eine ber wichtigsten Verkehrsadern nicht nur des Deutschen Reiches, sondern auch ganz Europas. Er ist eine Straße ber Gegenwart, unb seine großen Stäbte sinb bie Kreuzungspunkte dieser Norb-Sud-Stroße mit Ost-West-Straßen. Die Ruhrkohle fahrt auf dem Rhein nach Sübdeutfchland und ber Schweiz unb bas Holz bes Schwarzwaldes nach bem Ruhrgebiet unb nach Holland Die «chlepper gualmen, unb bie Züge rattern auf beiden Rheinufern. Unterhalb Kölns aber beginnt in ben Ranbgebieten bes Rheins bas gewaltigste 3nbuftrte» gebiet Deutschlands unb eines ber gewaltigsten ber ganzen Erbe. Ich berichtete den Männern von ben Gießereien unb Kokereien, bie ihren