,Hn England ist nichts mehr für mich zu tun — ich bleibe hier!"
„Und mich schickst du zurück nach London?"
„3a, Michael, dein Platz ist in England. Es gibt nicht mehr zu viel Manner dort. Arbeite, wie Pitts Vermächtnis es fordert, für ein freies, großes Britannien! Dann werde ich stolz [ein auf dich!"
Er preßt die Frau an sich mit dem Ungestüm seiner sechsundzwanzig Jahre:
„Und wann darf ich dich Wiedersehen?"
Hefter hält beide Hände über der Brust gekreuzt:
„Wie Gott will, Bruce... Denn du weißt, Tausenden werde ich Schutz bieten müssen..
Noch immer ist er nicht willig; mit endlosen Worten, mit Lächeln und Tränen muß sie ihn bitten, heimzukehren — den einzigen Mann, der je erfahren hat, daß Hefter Stanhope auch ein Weib sein kann. Sie hat in den Tagen von Konstantinopel versprochen, seinen Weg nicht zu behindern; auch wenn sie nicht mehr wie damals" an eine große Zukunft von Michael Bruce als Staatsmann glaubt — ihr Wort wird sie halten, und wenn sie damit das letzte Band zerreißt, das sie an England bindet und an ihr eigenes Leben als Frau. Schakale heulen in diese Nächte...
Endlich, mit dem letzten Schiff, das ungehindert Latakieh verließ, fuhr Michael Bruce; ein Gespenst kroch nordwärts über alle Häfen Syriens, mit Entsetzen erwartet und in Totenstille empfangen: die Pest! Kein 'europäisches Schiff durfte mehr landen.
„Wie Allah will! Allah kann töten, Allah kann retten!" Unnötig war menschliche Vorsorge. Und die großen grauen Ratten huschten durch die Straßen, über die Schiffe und Dächer.
Im Oktober starb der erste Mann in Latakieh, der Hafenstadt, die Hefter bewohnte; zwei Wochen darauf verlor der britische Konsul Barker seine beiden Töchter an einem verdächtigen Fieber; am 15. November erkrankte Lady Stanhope und am Abend Meryon, ihr Arzt.
„Es ist die Pest!" sagt sie selbst dem italienischen Arzt, der an Me- ryons Stelle behandelt.
Diener sterben, Regenstürme peitschen das Haus, Walser dringt durch die Ziegel des Daches. Das Lager der Kranken muß von einem Zimmer zum andern an trockene Stellen geflüchtet werden.
Meryon, nur halb wiedergenesen, schleppt sich zur Herrin.
„Retten Sie sich, Doktor", ruft sie in sein verstörtes Gesicht, „es ist die Pest!"
Hefter Stanhope kämpft nicht um Gesundung; ihre Seele schmerzt nach dem großen Opfer, das sie gebraiM gern will sie sich lösen von einem Erdensein, das zuweilen, trotz aller Schau, dunkel und leer vor ihr liegt; lösen von einem Körper, der an wüstem Gift zu entsetzlichen Beulen schwillt. Barker, der britische Konsul, kommt aus Aleppo, empfängt ihre letzten Wünsche. Meryon kniet am Lager der Herrin, Tag und Nacht. Seine Kunst ist zu Ende. Mylady deliriert. Schatten und Tote geistern durch den Raum, daß sich ihm die Haare sträuben.
Aber Hefters Schicksal, so seltsam es schien, war nicht erfüllt. Zur Zeit, da die Nachricht aus dem alten Europa kommt: Napoleon ist bei Leipzig unterlegen, er hat sich zurückgezogen nach Frankreich — flüstert sie Meryon mit wiederkehrenden Kräften zu:
„Doktor, ich muß nicht nach Indien gehen. Im Libanon, irgendwo, will ich bleiben ..."
Meryon weint vor Glück und Schwäche. Mit allem ist er einverstanden. Seine Reiselust ist längst gestillt. —
Hefter Stanhope, die von der Pest genas, war verändert bis in die Einzelheiten ihres Lebens. Sie ritt, noch mühsam im Sattel sich haltend, auf — einer Eselin zum Hafen, im Januar 1814. Der Patriarch Athanasius hat bei Saida ein altes griechisches Kloster angeboten, ein verfallenes, verlassenes Gebäudegewirr, an einem Abhang des Libanon, hoch über dem Meer. Und Hefter, die seit Rhodos Christen gemieden, in mohammedanischen Vierteln unter Moscheen gewohnt, hatte angenommen. Im sanften Nordwind segelte sie südwärts.
Nach immer wütete die Pest längs der Ufer; wo sie einmal Fuß gefaßt, war sie schwer zu vertreiben. Bauern mit Vieh und Seidenwürmern flohen in die Berge, Leichen lagen unbeerdigt auf den Feldern, weil die Menschen sich vor Berührung scheuten. In diesem Frühling voll Elend und Schmerzen, voll zaghafter Hoffnung für gebeugte Völker, wurde Mylady unter der herrlichen Sonne Syriens zum neuen Rätsel für Dr. Meryon.
Wohl hielt sie nicht still in Mar Elias, ihrem griechischen Kloster, ritt — auf einer Eselin —, kaum daß die Seuche nachgelassen, in der Gegend umher; aber sie verachtete plötzlich allen Luxus, der ihr bisher Natur gewesen, lebte von Eselsmilch und Ziegenfleisch und behauptete, nie habe sie sich so wohl gefühlt, seit sie Europa verlassen.
Im stillen hoffte Meryon, ihr unbesieglicher Tatendrang fei durch di» Krankheit gebrochen, bald würde sie heimkehren nach England. Wie sehnte er selbst sich dahin! Mar Elias mit feinen verfallenen Gängen war ihm unheimlich, und der berühmte Abt, dessen starrer, einbaljamierter Körper noch immmer auf feinem Thron saß, schien ihm zum mindesten ein un- hygienischer Hausgenosse.
Aber Mylady schwieg, und Meryon wagte nicht von Heimkehr zu sprechen.
Oft waren ihre Augen fern und geheimnisvoll, und wer ihr begegnete, der glaubte, sie sehe ihm ins Herz. Dann wieder konnte sie durch die sinkenden Nächte von einer düsteren Zukunft künden, die über Europa lag, von stürzenden Thronen und brechenden Reichen... So mochten einst die Sibyllen gesprochen haben über den zerstäubenden Wassern des 2lnlo, als die ersten Cbristen den Boden des Ewigen Rom untergruben und die Grenzen des Imperium vom drohenden Tritt junger Völker erbebten, dachte Meryon voll Scheu und Bewunderung.
Doch bekam die Sibylle zu gleicher Zeit recht menschliche Launen. Wenn ihrer Ladyschaft ein Bad gerichtet wurde, zitterten alle Diener. Es war zu heiß — und in der nächsten Minute schon zu kalt! Einzig die englische Zofe wagte zu widersprechen. Darauf aber konnte Mylady erklären, sie sei von dem miserablen Weib beleidigt worden, das nicht mehr
Geist besitz« als eine Laus. Der arabische Sekretär floh, und Meryon fiel für Stunden aus allen Himmeln. Das Muster aller Weiblichkeit und alles Adels gebrauchte Ausdrücke, die ihn erröten liehen. Mylady mar eben noch krank, schwach und außerordentlich nervös. Sie brauchte Schonung, Ruhe — er wollte wachen darüber, daß jede Aufregung ihr ferne blieb.
Inzwischen fuhr ein griechischer Diener nach London. Er hatte Auftrag von Mylady Stanhope, zentnerweise Biskuits, Wein, Kochtöpfe — und einen neuen Arzt nach Mar Elias mitzubringen...
Das Gold des Ostens.
Das neue Jahr 1815 begann. Mernon hatte für feine Herrin Briefe zu schreiben, die ihn nicht länger in Unklarheit ließen: feine Hoffnung auf ein stilles Privatleben in englischem Landhaus war eitel. Nicht nur, daß Lady Hefter all die Monate hindurch ohne sein Wissen mit den arabischen Beduinen, dem König der Wahabiten und einem ganzen Dutzend Scheichs wegen einer neuen Reise — nach Arabien — korrespondiert hatte, in ihrem Kopf war auch ein neuer Plan fix und fertig.
„Die ägyptische Expedition Napoleons ist abgebrochen worden", erklärte sie; „der Stad von Gelehrten, den er zur Erforschung des Ostens mit sich geführt, hat sich zerstreut. Ich werde ein neues Institut gründen. Durch Subskription in England müssen Geographen, Archäologen, Mediziner, Künstler nach dem türkischen Asien gerufen werden ... Ich sammelte bereits experimentelle Erfahrungen über die Wirkung des Bezoarsteines in Fällen von Pest... Nun schreiben Sie, Doktor, schreiben Sie!"
Meryon rieb feine Brillengläser blank und unterdrückt« tiefe Seufzer. Während all der Monate hatte er von Ruhe und Rückkehr nach England geträumt!
Es sollte noch besser kommen.
In Mar Elias wurde eines Tages Capidschi Batschi angekündigt, jener Mann, der aus Konstantinopel, nur die geheimen Befehle von Konfiskation, Gefangennahme oder Strangulation Überbrachte.
Capidschi Batschi! Was mochte dahinter stecken, wenn er sogar das Haus einer Ungläubigen betrat! In der Umgebung flüsterten die Bauern entsetzt. Mylady würde verhaftet, vielleicht sogar des Landes verwiesen...
Meryon und Myladys arabischer Sekretär kontrollierten ihre Pistolen und verständigten sich, daß der Mann kein leichtes Spiel haben sollte.
„Er wird zum Dinner bleiben", meldete da Mylady obenhin.
„Mylady...?"
„Er bringt Nachricht vom Sultan. Sie wissen doch, Meryon, ich bekam in Saida das alte Manuskript des italienischen Mönches über die vorhandenen Schätze — nun werde ich Ausgrabungen machen lassen, im großen Stil — der Auftakt zur Expedition der Gelehrten."
Ach, da war wieder dieser unglückselige Ausgrabungsplan. Nach ihrer Krankheit hatte Mylady öfter davon gesprochen, Meryon muhte es damals für die Laune eines Rekonvaleszenten halten. Bis sie endlich schwieg — weil sie gesundete, wie Meryon annahm.
„Gewiß", meinte der Doktor, „in einem Land, wo es von je so wenig Banken gab und so viele Räuber, mögen die Leute ihre Schätze öfters vergraben haben. Es erscheint mir wahrscheinlich, daß viele darüber gestorben sind ... Doch — ob sich das lohnen wird?"
Mylady geruhte überhaupt nicht zu antworten.
Im Orient teilte man die Europäer nach drei Klassen: die einen waren Spione, die zweiten politische Flüchtlinge, die dritten kamen, um die Schätze des Landes oder was sie so nannten, auf ihre Schiffe zu laben.
Tin Europäer, der dem Sultan versichern ließ, er werde auf eigene Kosten und eigene Verantwortung graben — und alles Gefundene werde der Pforte gehören: so etwas hatte sich noch nicht ereignet. Capidschi Batschi ließ Mylady am Leben und kam einzig und allein, ihr Vollmachten mitzubringen in einem Ausmaß, wie sie bisher kein Konsul und kein Christ besessen. Allerdings hatte er strengen Geheimbefehl, die „Sitt" nicht aus den Augen zu lassen, damit sie am Ende nicht doch die Schätze für sich behalte. Meryon zweifelte noch immer.
„Was haben Sie nur, Sie Eisberg?" tadelte Hefter.
„Ich frage mich, wie die Ausgaben zu bewältigen sind, Myladn —" „Nichts einfacher. Sie, Doktor, führen die Rechnungen, und ich schicke sie der britischen Regierung."
„Und wenn die Zahlung verweigert wirb?"
„Wenbe ich mich an bie Zeitungen! Glauben Sie nicht, daß ich mehr getan habe, den englischen Namen über Syrien beliebt zu machen, als alle Agenten ber Regierung? Cs ist ein Recht und keine Gunst, bie ich in Anspruch nehme! Sir Arthur Paget, ber englische Gesandte in Wien, ließ sich von Mr. Pitt 70 000 Pfund Sterling für die Livreen feiner Diener in vier Jahren bezahlen . . Ich sehe nicht ein, warum ich es anders machen soll."
Die Pforte zögert« nicht. Jeden Tag konnte begonnen werden. Sie — hatte nur zu gewinnen.
In Mar Elias gingen und kamen die Boten, es war plötzlich Hauptquartier des Ausgrabungsfeldzuges. Meryon muhte nach Damaskus aufbrechen, alles Notige einzukaufen, bei Sturm und Schnee überschritt er den Antilibanon. Der Pascha von Damaskus sandte als Geschenk zwanzig Zelte, eines aus grüner Farbe, geschmückt mit einem Sternenhimmel — für die Königin.
Im Februar 1815 zog Hefter mit hundert Mann südwärts. Sie saß in einer Sänfte von rotem Samt, ihr folgten, vollständig geschirrt, ihre Stute und ihre Eselin. Dann tarnen die Arbeiter, Wasserträger, Fackelhalter ...; Kamele mit Schaufeln, Seilen, Hacken.
Die Gouverneure aller Städte längs ber Küste baten, sie besuchen zu dürfen. Bor Haiffa kam ein großer, hagerer Mann mit flackernden Augen, der sich General nannte und Franzose war, mit einer Bibel in ber Rechten unb einem roten Taschentuch über ber verstümmelten Linken.
(Fortsetzung folgt.)


