Erste Blume.

Von Josef Weinheber.

Erste Blume, aus Dunkel und Erde wie ich für ein Weilchen gehoben ins Licht: Ein Bruder senkt mit ergriffner Gebärde zu dir hernieder sein Menschengesicht.

Bist eine Sehnsucht, bist ein Leben gluck- und schmerzdurchzittert wie ich: Kannst auch du mir die Hand nicht geben, ich beug mich nieder und küsse dich.

Brenles Traum.

Von Eberhard Meckel.

Eigentlich hieß sieSabine", aber niemand nannte sie je so, sondern jeder hatte für sie nur die AbkürzungBienle" ja, und wenn man sie anschaute, sah, wie sie war, ging und sprach, wußte man auch, ihr Name konnte gar nicht anders sein als ebenBienle". Dabei war sie schon ein ausgewachsenes Mädchen, siebzehn Jahre alt, ein richtiges Fräulein, eine junge Dame fast; nein,Fräulein" oderjunge Dame" paßten nicht auf sie, sie war und blieb eben Bienle, zu Hause oder im Geschäft, wo sogar der gefürchtete Direktor, wenn er sie zum Diktat hereinrufen ließ, sagte: Das Bienle soll kommen!"

Zu Hause? Ein rechtes Zuhause hatte sie nicht. Sie stand allein, allein in der großen, im Grunde ihr fremden norddeutschen Stadt, nach­dem ihre Eltern, die in Süddeutschland gewohnt hatten, vor zwei Jahren gestorben waren, und sie, das Bienle, aus der Heimat wegmußte, froh, irgendwo hier in der Fremde unterzukommen, bei einer alten mürrischen, um viele Ecken verwandten Tante, die sich nicht um sie kümmerte, in einer Dachkammer zu wohnen und im übrigen eine Bürostelle anzu­nehmen, die ihr nicht mehr und nicht weniger einbrachte, als was alle Anfängerinnen in ihrem Alter bekommen, und die sie genau so sesthielt, den Tag über einspannte von morgens acht Uhr, eine halbe oder drei­viertel Stunde Mittagspause, bis um fünf. Meist wurde es später, sehr viel später sogar, denn Bienle mußte immer noch warten, bis alle Unter­schriftmappen fertig waren, dann die Briefe noch einpacken und zur Post geben kurz und gut, es war immer ein reichlich ausgefüllter Tag!

Aber vielleicht merkte es Bienle nicht einmäl sehr, vielleicht hatte sie noch gar keine klare Empfindung dafür, in welch einem Dasein und Betrieb sie darinsteckte. Sie war noch so jung, sie nahm alles hin, als ob es sein müßte, sie war noch nicht zum Eigenen erwacht, es schlummerte alles noch in ihr, und es war eigentlich wunderbar, wie alles noch in ihr schlummerte. Sie hatte noch keine Wünsche ans Leben, und wenn sich wirklich einmal solche von fernher zeigten, dann waren sie klein, und mit den Hoffnungen und Enttäuschungen, den Schmerzen und Erfah­rungen, überhaupt mit allen inneren und äußeren Dingen erging es ihr ebenso. Sie war ebenBienle", und ohne alles dies wäre sie es eben nicht gewiesen, siebzehn Jahre alt, wie gesagt, sehr nett anzuschauen, ein reizendes Kind, das die Haare noch ohne Berechnung, es könne wirksam aussehen, zurückwarf, mit noch ein wenig ungeschickten Gliedern, und alle, aber auch alle Menschen hatten sie gern.

Im Geschäft war alles ein Herz und eine Seele, schon um des kameradschaftlichen Zusammenhaltens willen, aber man weiß ja, wie es ist: Kaum ist die Bürozeit zu Ende, läuft alles auseinander, und keiner kümmert sich viel um den andern; das Privatleben beginnt. Und fo kümmerte sich im Grunde auch niemand um das Bienle. Empfand sie es vielleicht doch? Sehnte sie sich nicht vielleicht dunkel nach irgend etwas, nach einem Menschen, nach einem lieben Wort? Ahnte sie etwas von dem leeren Raum um sie, von der Luft, die sie nicht in vollem, freudigem Zug atmete? Wie sollte es weitergehen? Wo würde es enden? Machte sie sich Gedanken darüber? Brauchte sie sich welche zu machen? War sie nicht einfach jung, herrlich jung was will man mehr?

Es war ein junger Angestellter in Bienles Büro, das heißt, ganz so jung war er nicht mehr, und der beschäftigte sich mit dem Mädchen mehr, als sie wußte. Sie wußte überhaupt noch nicht viel, und sie befand sich in dem Zustand, wo ihr ein Mann wie der andere galt. Dieser eine war ihr darum auch nicht mehr als alle übrigen, die sie sah und kannte, und mit denen sie zu tun hatte, obwohl er es gern gehabt hätte. Ja, er, der sie täglich sah, ihr im gleichen Raum, am gleichen Pult fast gegenübersah, er liebte sie wohl schon, wenn er es sich recht gestand, doch es war keine törichte und blinde Liebe, eine Verliebtheit oder voreilige Begehrlichkeit, sondern es war die sehr gerade und klare Sache eines Mannes, der immerhin schon bald dreißig Jahre alt war, still lebte und mit Dingen umging, die ihn gegen den flüchtigen Genuß äußerer Stunden oft schmerzhaften Gewinn gleichgewichtiger Reife einbrachten und gleich­zeitig begriff er, daß man bei Bienle vorsichtig und behutsam sein müsse, um in ihr vielleicht auf lange oder immer etwas zu zerstören. Er erkannte deutlich, daß man sie noch lassen solle, wie sie war, und man von außen nichts an sie herantragen, sondern höchstens leise und zart und mittelbar sie darauf hinlenken dürfe, was wohl für sie gut war, für jedes Mädchen, jede Frau gut und richtig war. Wenn er Bienle sah, und er sah sie natürlich oft, wüns te er ihr nur seine Gedanken zu schicken in der Hoffnung, sie gelangten einmal zu ihr, und bei diesen G-^mken war kein Wunsch, keine Heftigkeit, sondern einfach dies eine Ick bab dich lieb, Bienle, und du fällst es langsam, langsam wissen .

Aber sie merkte dies Eine nicht; wie konnte sie es merken? Bis er chr eines Nachts wohl fühlen wir den Traum der Liebe, aber die Kräfte, die ihn durchströmen und möglich machen, kennen wir in ihren geheimnisvollen und verborgenen Wegen immer noch nicht einen Traum sandte, in dem vieles war, was ihn bewegte und sie auch bewegen sollte: Würde der Traum sie erreichen? Vielleicht war, er, der Mann, auch gar nicht die Ursache davon? Kam er aus Bienle selbst?

Sie schlief. In ihrer Dachkammer lag sie, die Arme unterm Kops verschränkt, die Falten der Decke zeichneten ihre Gestalt rührend ab,

unter den Lidern, durch die Geäder wunderbar blau hindurchschkmrnerle, glitten die Augäpfel hin und her, Schlafjchatten lagen überm Gesicht wer sie so sah! Aber es sah sie ja niemand, nur die Nacht, die nie ganz dunkle, nie ganz stille Nacht der Stadt, stand ums Haus, um Kammer und Lager, um die paar Habseligkeiten in Schrank und Schubladen uud Wandbrett. Und mitten darin also schlies sie, ein junger Mensch, der das ganze Dasein noch vor sich hat, schlief und träumte. Träumte und war plötzlich im Traum merkwürdig angerührt, spürte sich von einem bisher nicht Gekannten gestreift.

Bienle wußte nicht, was das alles war, woher sich das alles her- leitete; sie wachte halb auf, schlummerte wieder halb ein, von tiefer Ruhe erfüllt, und gleichzeitig fühlte sie sich wie von starken Händen gewiegt, und in diesem Wiegen, das das Zimmer und das Haus und die ganze Welt miteinschließt, wiegte sie selbst etwas hin und her, auf ihrem Arm hielt sie es, sie blickte nicht hin, was das fei, sie brauchte gar nicht hin- zusehen, denn es war ihr plötzlich aus ihrem ganzen Wesen heraus nah und deutlich: Es war ein Kind, fast überirdischer Glanz ging davon aus, eine blendende neue Wirklichkeit, die alles Mütterliche mit jäher Gewalt in ihr hervorzaubert, ihr Inneres zu einer beglückenden Erschütterung aufwühlt und unerklärlich verwandelt. Kindliches entfernt und doch wieder zart bestätigt. Frauliches zum erstenmal aus heimlicher weiblicher Ge­staltwerdung sichtbar macht und doch erneut in sehnsüchtige Ferne ent­rückt und verhüllt ...

Wie lange das so währte, dieser zwischen Wachen und Traum, Er­wecken und Bewahren schwankende Zustand dauerte, ob Minuten oder Stunden, das vermochte Bienle, als sie, nicht im Geringsten verwirrt, morgens dann aufstand und später wie üblich, ins Geschäft ging, nach­träglich nicht mehr zusammenzubringen. Aber hinter jedem Schritt, hinter jeder Bewegung schien ihr nun ein tiefer, wenn auch noch nicht faßbarer Sinn und eine besondere Bestimmung zu liegen. Unter der Türe zum Büroraum begegnete sie dem Mann, von dem aus dieses Treffen vielleicht nicht ganz zufällig gedacht war. Sie hob den Kopf, sah ihn an, die Augen begegneten einander, es war wie immer und doch anders, unerbittlich anders. Und von da an nahm auch für Bienle das alte Spiel, der alte Ernst der Liebe den ersten leisen Anfang. Das Leben nahm sie unmerklich in Besitz, wenn es ihr auch vielleicht noch Jahre ließ zum ersten entscheidenden Wort, zum ersten entscheidenden Schritt ...

Friedrich Bethge, Dichter des Krieges und unserer Zeit.

Ein Aufriß seines Lebens und seines Werkes.

Von Wilhelm Utermann.

Cs ist bei einer Betrachtung der Dichter unserer Zeit nichts im Grunde so unwichtig, wie die äußeren Daten ihres Lebens. Sie treten hinter ihrem Werk zurück. Was sie sind und was sie sein wollen, sind sie in ihm. Darum sei hier nur dem allgemeinen Brauch folgend vermerkt, daß Friedrich Bethge am 24. Mai 1891 in Berlin als Sohn des Germa­nisten Richard Bethge geboren wurde. Mütterlicherseits entstammt er einem über 250 Jahre in Ostpreußen ansässigen Pfarrergeschlecht. Vor dem Kriege war Bethge als Schriftleiter in einem Berliner Zeitfchriften- $ erlag tätig. Gleich bei Beginn des Krieges meldete er sich als Kriegs­freiwilliger zum Kolberger Grenadier-Regiment Nr. 9. Schon 1916 wurde er Leutnant, 1917 Kompanieführer. In den viereinhalb Kriegsjahren wurde er fünfmal verwundet. Bethge besitzt außer den höchsten Kriegs­auszeichnungen das Goldene Verwundetenabzeichen. Aus dem Krieg zu­rückgekehrt, fand er als Beamter eine Stellung bei der Stadt Berlin. Er schrieb während dieser Zeit auch Theaterbesprechungen. Manche Gedichte aus seiner Feder ließen aufhorchen. (Für feinen ersten BandGedichte" wurde er 1923 mit einem Lyrikpreis ausgezeichnet.) Er arbeitete an der dreiaktiven TragödieP f ar r P ed e r", zu der er durch Strind- bergs ErzählungHöhere Zwecke" angeregt wurde. Dieser drama­tisierten Legende ließ er den NovellenbandPierre und Jeanette" folgen. Als 1930 Bethges KriegsdramaReim s" aufgeführt wurde, war fein Name mit einem Schlage bekannt. Diesem Schauspiel ließ er 1933 die Kleinstadt-KomödieD i e Blutprobe" folgen. Den Ruf eines großen Dichters errang er sich mit dem am 30. Januar 1935 in Frankfurt a. M. uraufgeführten SchauspielM arsch der Vete­ranen". Bethge hat sich früh in die nationalsozialistische Kampfgemein­schaft eingegliedert. Er hat heute den Rang eines SS.-Sturmführers. Seit der deutschen Revolution ist er Chefdramaturg und Stellvertreter des Generalintendanten der Städtischen Bühnen in Frankfurt a. M. Bei Gründung des Reichskultursenats berief ihn Reichsminister Dr. Goeb­bels als Senator in dieses führende Gremium.

Bethges erste Tragödie birgt einen echten tragischen Konflikt. Sein Pfarr Peder" greift ein Stück der Religionsgefchichte auf: es spielt um das Jahr 1070 im Schwäbischen. Der Erstling läßt noch formale Schwächen erkennen, aber den Griff des Dramatikers erkennt man, und die erste aller Fähigkeiten, die Entscheidung in den Willen des einzelnen zu legen und seinen Entschluß schon in die Nähe der tragischen Höhe zu führen. Bethge sagt einmal:Das neue deutsche Drama fußt im Er­lebnis des Krieges", und ein anderes Mal:Das Pathos der Front­generation ist immer noch der grimmige Humor diese männlichste Umgehungsform des alles zerstörenden Pathos".

Die Forderung dieser beiden Sätze hat Bethge rein in seinen Schau­spielenReims" undMarsch der Veteranen" erfüllt. Bethge trägt die Wunden des Krieges und das heilige Vermächtnis der Frontkamerad- schaft. Jahrelang hat er es mit sich getragen und geschwiegen. Dann be­gann er es zu gestalten. Weil er es, dies Kriegserlebnis, fo lange reifen ließ, konnte fein erstes Wort von diesem Heiligtum so stark wirken. Fast zu gleicher Zeit mitReims" entstand Eberhard Wolfgang Möllers Douaumont", von dem Bethge selbst sagt, daß dies Werk Möllers schon tastend die neue Form gefunden habe, die das Kriegsdrama finden mußte. Es ist fast symbolisch, daß in diesen beiden Staatspreisträgern der Krieg Gestalt fand, als Dank und Mahnung, schon in den ersten Werken, die Deutschland aufhorchen ließen.